Gießener Kmilienblatter
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang |925 Dienstag, -en 12. Mai Hummer 58
Begegnung.
Von Wilhelm von Scholz.
Langsam hab' ich mich dir zugewandt und umkreise dich wie Mond die Erde. Auf dir ruht mein Auge wie auf Land — gib mir deine Hand, daß ich weih, ob ich dich lieben werde.
Doll Begehren tauch' ich auf aus Ruh', fasse deine Hand — fasse deine Hand und fühle in mir fremde regungslose Kühle.
Lasse deine Hand — bleischwer fällt sie deinem Körper zu.
Goldener.
Ein K i n d e r m ä r ch e n *).
Es sind wohl zweitausend Jahre, oder noch länger, da hat in einem dichten Wald ein armer Hirte gelebt, der hatte sich ein bretternes Haus mitten im Walde erbaut, darin wohnte er mit seinem Weibe und seinen sechs Kindern; die waren alle Knaben. An dem Hause war ein Ziehbrunnen und ein Gärtlein, und wann der Vater das Vieh hütete, so gingen die Kinder hinaus und brachten ihm zu Mittag oder zu Abend einen kühlen Trunk aus dem Bronnen oder ein Gericht aus dem Gärtlein.
Dem jüngsten der Knaben riefen die Eltern nur: Goldener; denn seine Haare waren wie Gold, und obgleich der jüngste, so war er doch der stärkste von allen und der größte.
So oft die Kinder hinausgingen, so ging Goldener mit einem Baumzweige voran, anders wollte keines gehen, denn jedes fürchtete sich, zuerst auf ein Abenteuer zu stoßen, ging aber Goldener voran, so folgten sie freudig eins hinter dem andern nach, durch'das dunkelste Dickicht, und wenn auch schon der Mond über dem Gebirge stand. Eines Abends ergötzten sich die Knaben aus dem Rückweg vom Vater mit Spielen im Walde, und hatte sich Goldener vor allen so sehr im Spiele ereifert, daß er so hell aussah, wie das Abendrot. „Laßt uns zurückgehn!", sprach der Aelteste, „es scheint dunkel zu werden." „Seht da, der Mond!" sprach der Zweite. Da kam es licht zwischen den dunkelen Tannen hervor, und eine Frauengestalt wie der Mond setzte sich auf einen der moosigen Steine, spann mit einer kristallenen Spindel einen lichten Faden in die Rächt hinaus, nickte mit dem Haupte gegen Goldener und sang:
„Der weihe Fink', die goldne Ros', Die Königskron' im Meeresschoh."
Sie hätte wohl noch weiter gesungen, da brach ihr der Faden und sie erlosch wie ein Licht. Run war es ganz Rächt, die Kinder faßte ein Grausen, sie sprangen mit kläglichem Geschrei bas eine dahin, das andere dorthin, über Felsen und Klüfte, und verlor eines das andere.
Wohl viele Tage und Rächte irrte Goldener in dem dicken Wald umher, fand auch weder einen seiner Brüder, noch die Hütte seines Vaters, noch sonst die Spur eines Menschen; denn es war der Wald gar dicht verwachsen, ein Berg über den andern gestellt und eine Klus? unter die andere.
Die Draünbeeren, welche überall herumrankten, stillten seinen Hunger und löschten seinen Durst, sonst wär' er gar jämmerlich gestorben. Endlich am dritten Tage, andere sagen gar erst am sechsten, wurde der Wald hell und immer heller. und da kam er zuletzt hinaus und auf eine schöne grüne Wiese.
Da war eS ihm so leicht um das^Herz, und er atmete mit vollen Zügen die freie Luft ein.
Auf derselben Wiese waren Garne ausgelegt, denn da wohnte ein Vogelsteller, der fing die Vögel, die aus dem Walde flogen, und trug sie in die Stadt zu Kaufe.
„Solch ein Bursche ist mir grade vonnöten," dachte der Vogelsteller, als er Goldenem erblickte, der auf der grünen Wiese nah an den Garnen stand und in den weiten blauen Himmel hineinsah, und sich nicht satt sehen konnte.
Der Vogelsteller wollte sich einen Spaß machen, er zog seine Garne und husch! war Goldener gefangen und lag unter dem Garne gar erstaunt, denn er wußte nicht, wie das geschehen war. „So fängt man die Vögel, die aus dem Walde kommen, — sprach
*) Aus „Die Meister", Deutsche Meister-Bund E. V., München. Märzheft Rr. 3. 1925, i _ >।
der Vogelsteller, laut und lachend, — deine roten Federn sind mir eben recht. Du bist wohl ein verschlagener Fuchs, bleibe bei mir, ich lehre dich auch die Vögel sangen!"
Goldener war gleich dabei, ihm- bäuchte unter den Vögeln ein gar lustig Leben, zumal er ganz die Hoffnung aufgegeben hatte, die Hütte seines Vaters wiederzufinden.
„Laß erproben, was du gelernt hast," sprach der Vogelsteller nach einigen Tagen zu ihm. Goldener zog die Garne und bei dem ersten Zuge fing er einen schneeweißen Finken.
„Packe dich mit diesem weißen Finken!" — schrie der Vogelsteller, — „du hast es mit dem Dösen zu tun!“ und so stieß er ihn gar unsanft von der Wiese, indem er den weißen Finken, den ihm Goldener gereicht hatt, unter vielen Derwünschungen unter den Füßen zertrat.
Goldener konnte die Worte des Vogelstellers nicht begreifen, er ging getrost wieder in. den Wald zurück und nahm sich noch einmal- vor, die Hütte seines Vaters zu suchen.
Er lief Tag und Rächt über Felsensteine und alte gefallene Baumstämme, fiel auch gar oft über die schwarzen Wurzeln, die aus dem Boden überall hervorragten.
Am dritten Tage aber wurde der Wald immer heller und heller, und da kam er endlich hinaus und in einen schönen lichten Garten, der war voll der lieblichsten Blumen, und weil Goldener so was noch nie gesehen, blieb er voll Verwunderung stehn. Der Gärtner im Garten bemerkt ihn nicht so bald, denn Goldener stand unter den Sonnenblumen und seine Haare glänzten im Sonnenschein nicht anders als so eine Blume.
„Ha!" — sprach der Gärtner, — „solch einen Burschen hab' ich gerade vonnöten!" und schloß das Tor des Gartens. Goldener lieh es sich gefallen, denn ihm bäuchte unter den Blumen ein gar buntes Leben, zumal er ganz die Hoffnung aufgegeben hatte, die Hütte seines Vaters wiederzufinden.
„Fort in den.Wald! — sprach der Gärtner eines Morgens zu Goldener, — hol mir einen wilden Rosenstock, damit ich zahme Rosen darauf pflanze!" Goldener ging und kam mit einem Stock der schönsten goldfarbenen Rosen zurück, die waren auch nicht anders, als hätte sie der geschickteste Goldschmied für die Tafel eines Königs geschmiedet.
„Packe dich mit diesen goldenen Rosen!" — schrie der Gärtner — „du hast es mit dem Bösen zu tun!" und so stieß er ihn gar unsanft aus dem Garten, indem er die goldenen Rosen unter vielen Verwünschungen in die Erde trat.
Goldener konnte die Worte des Gärtners nicht begreifen, erging getrost wieder in den Wald zurück und nahm sich nochmals vor, die Hütte seines Vaters zu suchen.
Er lief Tag und Rächt von Daum zu Baum, von Fels zu Fels. Am dritten Tage endlich wurde der Wald immer heller und heller, und da kam Goldener hinaus und an das blaue Meer, das lag in einer unermeßlichen Weite vor ihm. Die Sonne spiegelte sich eben in der kristallhellen Fläche, da war es wie fließendes Gold, darauf schwammen schöngeschmückte Schiffe mit langen fliegenden Wimpeln. Eine zierliche Fischerbarke stand' am Ufer, in die trat Goldener und sah mit Erstaunen in die 1 Helle hinaus.
„Ein solcher Bursch' ist uns gerade vonnoten, sprachen die Fischer, und husch! stießen sie vom Lande. Goldener lieh es sich gefallen, denn ihm dauchte bei den Wellen ein goldenes Leben, zumal er ganz die Hoffnung aufgegeben hatte, seines Vaters Hütte wiederzufinden..
Die Fischer warfen ihre Retze aus und fingen nichts. „Lah sehen, ob du glücklicher bist!" sprach ein alter Fischer mit : silbernen Haaren zu Goldener. Mit ungeschickten. Händen senkte Goldener das'Retz in die Tiefe, zog und fischte eine Krone von hellem Golde.
’ Triumph!" — rief der alte Fischer, und fiel Goldenern zu Füßen, - „ich begrüße dich als unfern König! Vor hundert Jghren versenkte der alte König, welcher keinen Erben hatte, sterbend seine Krone im Meer, und so lange bis irgendeinen Glücklichen das Schicksal bestimmt hätte, die Krone wieder aus der Tiefe zu ziehen, sollte der Thron ohne Rachfolger in grauer ; gehüllt bleiben." K. • ro„T
„Heil unserem König!" riefen die Schiffer, und setzten, Gol- . denern die Krone auf. Die Kunde von Goldener und der ,wieder- gesündenen Königskrone erscholl bald, von Schiff zu Schiff, und . über das Meer weit in das Land hinein. Da war die.goldene : Fläche bald mit bunten Nachen bedeckt und nut Schiffen, kne


