unter den Armen an; toenn er sich, tote es nicht selten vorkommt, in seiner Todesangst heftig wehrt und den Helfer selbst mit in die Tiefe zu ziehen droht, so scheue man im Avtfall auch nicht vor einem kräftigen Schlag auf den Kopf des Ertrinkende« zurück, um ihn dann in Ruhe retten zu können. Sobald man an Land ist, halte man den Kopf zunächst nach unten, damit möglichst viel Wasser herausflieht; man frottiere die Haut und leite sofort künstliche Atmung ein, hülle ihn in warme Decken und flöhe, sobald er schlucken kann, vorsichtig Kognak und Kaffee ein; natürlich ist auch hier ärztliche Hilfe zu rufen.
Das wären fo die wesentlichsten Gefahren, die der Aufenthalt im Freien während der heißen Jahreszeit mit sich bringen kann; sie haben aber alle glücklicherweise das eine Gute gemein, daß man sie bei einiger Vorsicht fast stets vermeiden kann. Hiervon sollte man denn auch im ureigensten Interesse weitgehend Gebrauch machen.
Der Schuh von der Kanzel.
Von Conrad Ferdinand Meyer.
(Fortsetzung.)
„Der Pate trieb mit Euch fein Spiel," sagte sie, „aber daß er Euch das griechische Abenteuer widerriet, war recht. Ihr wolltet aus Eurer eigenen Natur heraus, und er hat Euch heimgespottet ... Warum auch? Wie Ihr seid, und gerade wie Ihr seid, gefallt Ihr mir am besten. Papas ungeistliche Weidlust hat mir genug schwere Stunden gemacht! Für mich lob' ich mir den Mann, der unfern Dorfleuten mit einem erbaulichen, durchsichtigen Wandel vorleuchtet, unfern Zehntwein schluckweise trinkt, seine Frau lieb hat und zuweilen von einem bescheidenen und gelehrten Freunde besucht wird!... Diese Kavaliere! Ich habe übergenug von ihren Tafeldiskursen, wenn sie den Vater mit Rgß und Wagen überfallen! — Der Pate hat Euch gestern in so manches eingetoeiht, hat er Euch nicht auch den Streich erzählt, den er mit achtzehn Jahren seinem jungen Weibe spielte? Sie gelüstete nach Spanischbrötchen, tote man solche in Vaden bäckt. „Ich hole sie dir warm!" sagte er galant, sattelte und Oerritt. In Vaden legte er die Brötchen in eine Schachtel und eine Zeile dazu, er verreise ins schwedische Lager. Diesen Abschied sandte er durch einen Voten, ihn selbst aber sah sie viele Jahre nicht wieder. Das hättet Ihr nicht getan!" And sie reichte dem stillen Vikar die Hand.
„Aber jetzt muh ich Euch sogleich die Knöpfe befestigen," setzte sie rasch hinzu, „es tut mir in den Augen und in der Seele weh, Euch in diesem Zustande zu sehen! Setzt Euch!" — dabei zeigte sie auf ein Dänklein unter der Laube — „ich hole Zwirn und Nadel."
Pfannenstiel gehorchte und sie entsprang mit dem traubengefüllten Körbchen.
Ann kam es über ihn tote Paradiesesglück. Licht und Grün, die niedliche Laube, das bescheidene Pfarrhaus, die Erlösung von den Dämonen des ZweifeÜ und der Anruhe!
Sie freilich, die ihn davon befreit hatte, war selbst von Anruhe ergriffen. Welchen Streich hatte der General geplant oder schon ausgeführt? Sie machte sich Vortoürfe, ihm freie Hand dazu gegeben zu haben.
In der Küche erfuhr sie, der Herr Pfarrer habe sich mit dem General eingeschossen und bald darauf seien die Kirchen- ältesten langsam und feierlich die Treppe hinaufgeschritten. Ettoas Anerhörtes müsse in der Kirche vor gefallen sein.
Elftes Kapitel.
Nachdem der Gottesdienst zu Mhthikon ohne toeitere Störung sein Ende genommen hatte, toaren die Vettern nebeneinander in die nahe Pfarre zurückgeschritten, der Seelsorger zur Rechten des Generals, ohne sich um den Ausdruck der öffentlichen Meinung zu kümmern, welcher in den Mienen der ihnen Vegegnenden unverkennbar zu lesen war.
Dort öffnete der geistliche Wertmüller sein Studierzimmer, lieh den weltlichen tote einen straffälligen, armen Sünder nachkommen und verschloß sorgfältig die Türe. Dann trat er dicht an den Freveltater heran. „Vetter General," sagte er, „du hast an mir gehandelt als ein Schelm und ein Bube!" und er machte Miene, ihn am Kragen zu packen.
„Hand weg!" entgegnete dieser. „Soll ich mich mit dir raufen, toie weiland mit dem Vetter Zeugherr von Stadelhofen in der Ratslaube zu Zürich als wir uns die Perücken zausten, daß es nur so stobt Bedenke dein Amt, deine Würde!"
„Mein Amt, meine Würde!" wiederholte der Pfarrer langsam und schmerzlich. Eine Träne netzte feine graue Wimper. Mit diesen vier schlichten Worten war dasselbe ausgedrückt, was uns in jener großartigen Tirade erschüttert, mit welcher Othello von seiner Vergangenheit und seinem Amte Abschied nimmt.
Der General schluckte. Die Träne des alten Mannes war ihm entschieden zuviel.
„La, la," tröstete er, „du hast eine prächtige Kaltblütigkeit gezeigt. Auf meine Ehre, ein echter Wertmüller! Es ist ein Kkd- herr an dir verloren gegangen.“
Aber die Schmeichelei verging nicht. Auch der Moment der Wehmut war vorübergegangen.
Schriftleitung: Dr. Friede. Wilh. Lange. — Druck und Verlag de
„Womit habe ich dich beledigt?" zürnte der Entrüstete. „Habe ich je in meiner Kirche auf dich gestichelt oder angespielt? Habe ich dich nicht in deinem Heidentum« völlig werden lassen und dich gedeckt, wie ich konnte? — And zum Danke dafür hast du mir hinterlistig das Pistol vertauscht, du Gauker und Taschenspieler! — Warum beschimpfst du meine grauen Haare, Kind der Bosheit? Weil eS dir in deiner eigenen Haut nicht wohl ist!" ...
„La, la," sagtS der General.
Es pochte. Die Kirchenältesten von Mhthikon traten in die Stube, dem Krachhalder den Vortritt lassend, und stellte« sich in einem Halbkreise den Wertmüllern feierlich fast feindselig gegenüber. Der General las in den langen gefurchten Gesichtern, daß er mit seinem lästerlichen Scherze das dörfliche Gefühl schwer beleidigt hatte.
In der Tat, der Krachhalder, auf den sie alle hinhörten, war in den Tiefen feiner Seele empört. Wenn er sich auch den abenteuerlichen Vorfall nicht ganz erklären konnte, setzte er ihn doch unbedenklich auf die Rechnung des Generals, welcher, die Schwäche seines geistlichen Vetters sich zunutze machend, ein landkundiges Aergernis habe anstiften wollen. Dem Krachhalder lag die Ehre seiner Gemeinde am Herzen, und er hatte das Mythikonepllrchlein mit seinem schlanken Helme und seinen hellen acht Fenstern aufrichitig lieb. — Süß war ihm nach dem Schweiße der Woche der Kirchgang im reinlichen Sonntagsrocke und den Schnallenschuhen, süß und nachdenklich Taufe und Bestattung, die den Gottesdienst und das menschliche Leben begrenzen und entrahmen, süß das Angeredet werden als sterblicher Adam und unsterbliche Seele, süß daß Kämpfen mit dem Schlummer, daS Aebermanntwerden, das Wiedererwachen;
Man mußte ihn sehen, den ehrbaren Greis mit dem scharf- gezeichneten Kopfe, wenn er bei einer Armensteuer, nach der Aufforderung des Herrn Pfarrers zu schöner brüderlicher Wohltat, das Wasser in den Augen, aus seinem Geldbeutel ein rotes Hellerchen hervorgrub. —
Kurz, der Krachhalder war ein kirchlicher Wann und das Herz blutete, oder richtiger gesagt, die Galle kochte ihm, die Stätte seiner sonntäglichen Gefühle verunglimpft und lächerlich gemacht zu sehen.
„Was führt Euch hierher?" redete der General ihn an und fixierte ihn mit blitzenden Augen so scharf, daß der Krachhalder, der trotz seines guten Gewissens das nicht wohl ertragen konnte, mit seinen Augensternen nach rechts und links auswich,
„Macht aus einer Mücke keinen Elefanten!" fuhr Wert- müUer, ohne die Antwort abzuwarten, fort. „Nehmt den Schuh als einen verspäteten aus der Lese, ober; in Teufels Namen, für was Ihr wollt!"
„Die Lese war mittelmäßig," erwiderte der Kirchenälteste mit verhaltenem Grimme, „und der Schuß ist ein recht böser Handel, Ihr Herren Wertmüller! Ich besitze eine Chronik von Stadt und Land; darinnen steht verzeichnet, daß vor Jahren einem jungen geistlichen Herrn, der feiner Braut über den heiligen Kelch hin mit verliebten Augen zuwinkte...“ der Krachhalder machte an seinem Halse das Zeichen eines Schnittes.
„Blödsinn!" fuhr der General ungeduldig dazwischen.
„Ich habe zu Hause auch eine Ketzergeschichte," sprach der Krachhalder hartnäckig fort, „darinnen alle Trennungen und Sekten von Anfang der Welt an beschrieben und abgebildet sind. Aber fein Adamit ober Wiedertäufer hat es je unternommen, bei währender Predigt einen Schuß abzugeben. Das, Herr Pfarrer, ist eine neue Religion."
Dieser seufzte. Das Beispiellose seiner Tat stand ihm deutlich genug vor Augen.
„Man wird den Schutz in Zürich mrtersuchen," drohte jetzt der unbarmherzige Dauer, „die Synagoge", er wollte sagen Synode, „wird darüber sitzen. Es tut mir leid für Euch, Herr Pfarrer; aber ich hoffe, sie fällt einen scharfen Spruch Auch so wird uns der Spott nicht erspart werden, und das ist das Schlimmste, denn der Spott hat ein zähes Leben an unferm See. Wenn ich nur dran denke, wird es mir, beim Eid, schwarz vor den Augen. Das ganze rechte Ufer da drüben lacht uns aus. Keinen Schoppen können wir mehr trinken in Meilen ober Kühnach ohne daß sie uns verhöhnen in allen Tonarten und Liederweisen. Der Schuß von Mythikon stirbt nicht am See, so wenig als in Altors der Dellenschuh. Er haftet und lebt bei Kind und Kindeskind. Ich berufe mich auf Euch, Herr General," fuhr er fort, und die alten Augen leuchteten boshaft, „Ihr wißt, was das heißen will! Wie lange ist es her, baß Ihr von Rapperswhl abzogt? Damals wurdet Ihr von den Katholischen besungen, und, glaubt Ihr's? das lebt noch Ihr seid ein ver- rühmter, abfigürter Mann, aber was hilft das? Erst vorgestern noch fuhr ein volles Pilgerschiff von Richterswhl her um die Au mit großem Lärm und Gesang. Ich stand in meinem Weinberge und denke: die Narren! — Gegen Euer Haus hin werben sie still. „Dgs macht der Respekt," sag' ich zu mir selbst. Ja, da halt' ich es getroffen. Kaum sind sie recht unter Euer« Fenstern, fo bricht das Spottliedlein los. Ihr wißt das, wo fte den Wertmüller heimschicken zur Müllerin! Gut, daß Ihr Oerritten wart! Meineidig geärgert hab' ich mich in meinen Reben..." (Schutz folgt.)
Brühl'sche« Aniv.-Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.


