Ausgabe 
11.8.1925
 
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Frieden nicht in Frage stellen, niemand mehr das Wort und Lreitschke, den Wehrenpfennig Herbeitelegraphieri hatte, um die Elsässer niederzuschmettern, wird, ohne seine Rede gehalten zu haben, wieder abreisen. So geht es, wenn man in einer Fraktion ist, man mutz sich eben unterweisen. _

Berlin, 23. Febr. 1874.

Gestern abend war also die erste Soire bei Bismarck. Eine glänzende Gesellschaft bewegte sich in den prächtigen Räumen des Auswärtigen Amts. Ich gehörte zu den ersten Ankömmlingen. Bisniarck begrüßte uns mit freundlichem Händedruck und erzählte von dem großen Anglück, das ihm eben begegnet, der königlich- württembergische Orden sei ihm eben entzweigegangen, doch, sei das ein Schaden, der sich leicht wieder Herstellen lasse, so un- angenehm es sei, ihn gerade in solchem Augenblick zu erleiden. Historische Worte sind mir nicht zu Ohren gekommen, Am 9 Ahr füllten sich die Genscher, um 10 Ahr ging man zum Buffett, nahm Lachs, Kaviar usw., trank Bier oder Punsche oder beides, um 11 Ahr verlor man sich wieder. Eine interessante Bekanntschaft habe ich gemacht in der Person des berühmten amerikanischen Ge­sandten Dancrost, der mich sofort aufs freundlichste begrüßte und einlud, ihn zu besuchen. Als ich, ihm meine Freude über seine Sympathien mit Kaiser und Reich zu erkennen gab, sagte er: Auf Ihren Schiiltern ruht jetzt das Wohl der Menschheit. Heute war ich auch bei dem berühmten Historienmaler Menzel, an den mich Herbertz brieflich enipfohlen hatte. Das ist ein sehr interessanter Mensch, und sein Atelier sehr merkwürdig.

Berlin, 5. März 1874.

Der Dienstag, 3. März, war nun ein großer parlamen­tarischer Akt und ich konnte gar nicht zum Worte kommen, was übrigens kein großes Anglück. Die beiden Elsässer Pfaffen, Gerber und Winterer, sprachen ganz ausgezeichnet deutsch, schimpften auf die deutsche Regierung und wurden von Herzog, Bismarck, Puttkammer tüchtig heruntergemacht. Don jeder Frak­tion ließ der Präsident nur einen sprechen, von unserer einen!, der früher in Colmar bei der Regierung gewesen ist, und als Autorität im Fache sprechen muhte, seine Sache auch ganz vor­trefflich machte. Am 11 Ahr hatte die Sitzung begonnen, um 5 Ahr war sie zu Ende. Bei der letzten Lesung, die nächste Woche über deii Antrag stattfindet, ergibt sich vielleicht für unf er einen noch Gelegenheit. Am Abend nahm ich von 7 bis 9 Ahr noch an einer Festvorstellung im Kgl. Opernhaus teil, wozu ich eine unentgeltliche Eintrittskarte erhalten hatte. Es war das ein sogenanntes Zcheatre pare, zu dem nur Eingeladene Zutritt haben und bei dem das Parkät und der erste Rang von lauter Würdenträger mit zahllosen Orden wimmeln. Zu jeder dieser Dorstellungen erhalten auch R. Z. Abgeordnete Kar­ten. Vorgestern war ich einer der Glücklichen. Aufgeführt wurde Lohengrin mit Niemann.

Berlin, 10. März 1874.

Morgen endlich werde ich als Antragsteller eines kleinen Amendements zum Preßgefetz das Wort erhalten. Die Sache ist wichtig, aber für rednerischen Prunk ganz und gar nicht geeignet und das ist für eine Jungfernrede gerade ganz vorttnfflich Gestern war ich zum erstenmal bei Helmholtz in einer wahrhaft glänzenden Gesellschaft, was Namen, Schönheiten und Toiletten angeht. Der Erbprinz von Meiningen, in der -Uniform des Gardeleutnants, begrüßte mich als alten Bekannten von Laurs her, der badische Minister v. Freydorf redete mich gleichfalls als alten Bekannten von Karlsruher Landtagszeiten her an. Sie führen hier das richtige Berliner^Leben, sagte Herr v. Hehl zu mir, als ich ihm von den beiden Abenden erzählte. Er beneidet mich, denn mit all feinem Geld kann er nicht erzielen, was unser- einem von Berufs wegen in den Schoß fällt.

Berlin, 20. März 1874.

Wieder habe ich vergebens einen Brief erwartet. Hast du vielleicht der Sitzungsbericht abgewartet, um mir über meine noch nicht gehaltene Rede ein Kompliment zu machen? Das geht hier entsetzlich langsam. Mein Antrag bezieht sch auf § 34 des Pretzgesehes und gestern sind wir bloß zu § 19 gekommen. Viel­leicht komme ich morgen an die Reihe. Der Antrag hat viel Aussicht, es wäre ein glänzender Anfang, wenn ich damit durch­dränge. Es handelt sich um ein sehr dringendes Interesse der Wissenschaft, um die Beibehaltung der Freiexemplare an Biblio- thelen, durch deren Sammlung ein äußerst wertvolles Material der deutschen Geschichtsforschung erhalten bleiben soll. Die Ver­leger wollen davon frei sein, ich aber schlage vor, daß Verleger irro Verfasser gemeinsam diese Freiexemplare in ihrem eigenen Interesse liefern, Prachtexemplare mit Abbildungen aber davon frei fein sollen. Es wird eine sehr bewegte Debatte geben und ich bin weidlich dazu gerüstet. Gestern war ich zum drittenmal von Herrn und Frau Hehl zu Tisch geladen mit mehreren Ab­geordneten zusammen. Es wurde köstliche Liebfrauenmilch von Hehls eigenem Grundstück getrunken.

Berlin, 24. März 1874.

Gestern also habe ich wirklich meine Jungfernrede gehalten und zwar mit lebhaftem Beifall, wie die Protokolle bezeugen und in der Hauptsache mit vollständigem Erfolg; mein Amendement hatte keinen anderen Zweck, als die Abweisung des Brockhaus- schen Antrags sicherzustellen. Mein Amendement ist gefallen, aber auch der Antrag Drockhaus, gegen den meine ganze Rede

gerichtet war, mit einer enormen Mehrheit abgelehnt und damit ein schwerer Schlag von der deutschen Wissenschaft abgewendet worden. Ich hatte das Glück, zuerst zu Worte zu kommen, sprach mit der ganzen Sicherheit, mit der ich vor meinen Zuhörern zu sprechen gewohnt bin, wurde gleiche zu Anfang mit Bravo, nach­her wiederholt durchsehr richtig" unterbrochen, und hatte am Schluß allgemeinesBravo". Nach: mir sprach, noch Brockhaus sehr langweilig und ohne jeden Witz, dann Schulte mit großem Nach­druck für unsere gemeinsame Sache, darauf wurde die Diskussion geschlossen, obgleich noch. Buh, Treitschke, Wehrenpfennig u. a gemeldet waren. Du siehst, ich kann mit diesem Anfang zufrieden sein. Der Stoff war zu keiner großen Staatsaktion geeignet, aber da er in den Einzelkammern bisher so erbärmlich behandelt worden war, war es nötig, ihn endlich einmal unter großen Ge­sichtspunkten zu betrachten und das wird nicht wieder verloren Sc6<rn" Berlin, 13. Dez. 1874.

Ich habe gestern in Bismarcks Soiree einen sehr inhaltreichen Abend verlebt. Als ich eintrat, begrüßte er mich, aufs Freund­lichste mit einem Händedruck, was mir noch nie begegnet ist. Nachher, als etr am Bufett stand, faßte ich mir ein Herz, um endlich eine Frage an ihn zu. richten, die mtt fchon lange, auf, dem Herzen tag. Sie bezog sich auf die Geschichte der Kriegs­erklärung vom Juli 1870 und meine Studien darüber. Er be­stätigte mir die Richtigkeit meiner Auffassung und fugte merkwürdigen Worte hinzu:Am 12. Juli, nachts 12 Ahr, war der Friede gesichert und um 1 Ahr wurde der Krieg er­klärt. Den Arnschwang hat die Kaiserin Eugenie hervorgebracht unter dem Einfluß ihres Beichtvaters." So hätte ich, denn end­lich den größten Wann des Jahrhunderts, wenn auch fluchtig doch nicht in gewöhnlich gleichgültiger Weise «esproch en. Leider ist das die letzte Soiree. Nach dem Gespräch, wurde ich von allen Seiten gefragt, was hatte denn Bismarck so, eifrig mit Ihnen zu verhandeln? Kurz darauf - erschrick nicht! fiel im zimmer des Fürsten ein Schuh und alles dachte an^ em neues Attentat. Die Sache hing so zusammen: Aus dem A^ertstisch des Fürsten liegt 1. der Revolver, mit dem ihn einst der junge Blind, 2. die Pistole, mit der ihn Kulkmannangefchosfen. Der erstere ist stets geladen, der Abg., Anruh^Bomst, k^r das nicht wuhte, ^drückte los und hätte beinahe &en 2lbg. Jordan (Deidesheim) erschossen, der mit sEM riesigen Kor^r allerdings eine breite Schuhfläche bietet. Wichher stand Bismarck mit Jordan zusammen und gratulierte ihm zu dem vereitelten Alten tat. Wie sie so beieinander standen, die greifen Huhnen, Tagtet der Abg. Meyer (Thorn) zu mir:Sehen Sie, Bismarck ist groß, aber Jordan ist größer. Heute morgen war ich m der KK Hochschule für Musik in der Generalprobe zu HandelsHerakles , 6er morgen abend aufgeführt werden wird. Joachim dirigiert« meisterhaft, feine Frau sang hinreißend.

Berlin, 22. San. 1875.

In Freund Hebels höchst elegantem Galaanzug habe üh gestern das prächtige Hoffest in Den Raumen, des Kaiserlichen Schlosses mitgemacht. Hättest Du doch dabei fern können! Punkt 7i^ Ahr fuhr W mit Freund Ernst am Schlosse von Das Portal blendend hell erleuchtet, blitzte von Waffen und^Anisormen. Oben im Treppenhaus stand vor dem sogenannten Schweizersaal eine Abteilung himmellanger Kerle in der echten Umfiorm ioe« Gardegrenadiere Friedrich Wilhelm l. Für die ReiMtags abge­ordneten war ein besonderer Saal, die zweiteVorkaimner reserviert. Hier ging zunächst Ihs Stunden lang die schone Damenwelt in riesigen Schleppen, zuletzt die Prinzessinnen deren vier bis fünf Ellen lange Schleppen von rot-wmh umformierten Pagen nachgetragen wurden, Bei diefem Anblick sagte em Kollege zu mir: Da muß man an die Geschichte von dein Ehemann denken, der zu seinem Nachbar sagte: Sehen Sie dort ans der Tur dis Schleppe hervorragen? Nun kann meine Frau nicht mehr wett entfernt fein. Anter den Gästen, die an uns vorubeAogen war auch der 94jährige Feldmarschall Wrangel, der unsterbliche Gieis, der ganz munter, wenn auch etwas langsam daherschrttt. Als alles von geladenen Gästen versammelt war, marschierte das Korps der Pagen: 24 halbwüchsige Junglinge, heran, lauter Söhne Ms den vornehmsten Familien, wie man mir sagte, durch­schnittlich die dümmeren Söhne der jüngeren Bruder der preutzi- schen Aristokratte, künfttge Kammerherren, Hofmarschalle, Zere­monienmeister usw. Zwei Stunden hatten wir gestanden, als der Oberhofmarschall durch ein Klopfen mit seinem Stab das Herannahen der Majestäten verkündigte. Herein traten Kaiser und Kaiserin, vom Präsidenten v. Forckenbeck begrüßt, dem sie beide die Hand schüttelten, wie einem alten Bekannten, dev Kaiser frisch, lebendig, munter in seinen Bewegungen, überaus freundlich in Mienen und Gesprächen. Wir wurden ihm nach der Reihe mit Ncnnen, Stand, Heimat vorgestellt, ebenso dar Kaiserin, die an die Heimat der Abgeordneten, insbesondere wenn fie Rheinländer und Pfälzer waren, ihre kurzen Bemerkungen knüpfte. Soweit ich hören konnte, war ihre Rede ungefähr überall die gleiche: Sie sind von da und da? O, da ist es fcgion und nun hieß es entweder, wie habe ich mich gefreut, als ich zuletzt dort war! oder, wie bedauere ich, daß ich. fo lang^iitcht dort sein konnte. Ich gehörte zu den letzten, die an die Reih« kamen: entweder war ihr der Stoff ausgegangen, oder sie wußte von Gießen nichts, als daß eS eine Eisenbahnstation sei, genug,