Gießener jamilienblätter
Unterhaltungsbeilage zum Siebener Anzeiger
Jahrgang 1925 Dienstag, den u. August rrummer 6|
Erinnerungen an Wilhelm Oncken.
IZur 20. Wiederkehr fernes Todestages am 11. August. Von Helene Oncken.
In dem Rachlaß meines Vaters fand ich vor nicht allzu- langer Zeit eine Reih« von Briefen an seine Gattin und Mutter, die tagebuchartig geschrieben, in ihrer lebendigen Schilderung ein so treueS Bild feiner Persönlichkeit entrollen, daß ich beim Lesen den Wunsch empfand, sie auch weiteren Kreisen zugänglich zu machen. Um sie in ihrem Zusammenhang verständlich zu machen, muh ich einen kurzen LebenSobritz meines Vaters vorausschicken. Die Onckensche Familie stammt aus Oldenburg, und ist friesischen Ursprungs, wie schon der Rame zeigt, der aus dem friesischen Vornamen Onno und der Derkeinerungssilb« ken entstanden ist. Der Großvater Anton Wilhelm Oncken studierte in Heidelberg Jurisprudenz und Cameralia und lieh sich dann in seiner Vaterstadt Varel als Advokat nieder. Aach seiner Verheiratung siedelte er nach Heidelberg über, wo im Jahr 1838 mein Vater zur Welt kam. Mein Vater studierte nach absolviertem Gymnasium klassische Philologie und Geschichte in Göttingen, Berlin und Heidelberg, wo er unter dem Einfluß seines verehrten Lehrers, Ludwig H ä u s s e r, den Entschluß faßte, die Geschichtswissenschaft zu seinem Lebensberuf zu wählen. Im Jahre 1862 habilitierle er sich in Heidelberg für klassische Philologie und Geschichte. In dieser Zeit trat er auch in das politische Leben der Gegenwart ein und schloß sich dem Bund der „Gothaer" an, die im Widerspruch mit der Mehrheit der Süddeutschen, Deutschlands Einheit unter Führung Preußens zum Ziel ihres Strebens gemacht hatten. Im Jahr 1865 verheiratet« sich mein Vater mit Hermine Lewald, Tochter des Heidelberger Theologen Lewald. 1870 erhielt er einen Ruf nach Gießen als ordentlicher Professor. Im Juni 1873 wurde mein Vater von der Stadt Gießen zum Abgeordneten für den Landtag erwählt, um die älntversität vor der Kammer zu vertreten und im Jahr 1874 im Wahlkreis Alsfeld-Lauterbach als nattvnalliberaler Abgeordneter in den Reichstag gewählt. Bon feiner Tätigkeit im Reichstag in den Jahren 1874 bis 1876 berichten die folgenden Briefe. Im Jahre 1877 hielt er sich in Wien auf, um archivalische Studien zu machen, von dieser Zeit erzählen die letzten hier abgedruckten Briefe.
Im Jahre 1878 begann er sein Hauptwerk, die Allgemeine Geschicke in Einzeldarstellungen herauszugeben. Er selbst schrieb dazu ein Zeitalter Friedrichs des Großen in zwei starken Bänden (1881), das Zeitalter der Revolution, des Kaiserreiches und der Befreiungskriege (zwei Bände). 1884 bis 1886 das Zeitalter des Kaisers Wilhelm I. (zwei Bände 1890 bis 1892). Im Jahre 1894 kam das ganze Werk zum Abschluß. 1897 eiHchienBaters lehtesWerk, die Festschrift zur 100-Jahrfejer Wilhelms !., Unser Heldenkaiser betitelt. Zum Dank dafür wurde er von Wilhelm II. zu einem Galadiner nach Berlin eingeladen, dessen Verlauf er in dem letzten dieser Briefe beschreibt. Von jener Zeit an beschränke er sich vornehmlich auf seine Lehrtätigkeit in Gießen und auf die Ausarbeitung seiner Vorträge, die ihn in den Äniversitätsferien durch ganz Deutschland, gelegentlich auch nach Oesterreich und Italien führten und die so rasch aufeinander folgten, daß er zu brieflichen Ergüssen keine Zeit fand.
Berlin, 6. Febr. 1874.
Gestern um 2 Uhr hat die Eröffnung des Reichstags stattgefunden, den Vormittag brachte ich im Abgeordnetenhause zu, wo ich den vielgenannten Peter Reichensperger eine lange Pauke gegen zwei neue Kirchengesehe halten hörte. Fast nach jedem Satze wurde er durch das Halloh der Linken unterbrochen, was ihn ganz rabiat machte und als er sagte, die Herren Minister haben jetzt nur noch eine Pflicht, die — abzudanken — brach ein schallendes Gelächter aus. Der Abgeordnete Richter (Sangerhausen) antwortete ihm sehr geschickt und wirkungsvoll. Wie beneidete ich ihn, daß ich an seiner Stelle gewesen wäre! Jetzt schon sehe ich, wie außerordentlich schwer es sein wird, in einer an Talenten so reichen, an Zeit so armen Versammlung zu irgendeiner erheblichen Wirksamkeit zu gelangenden Führer, deren Lebensberuf das parlamentarische Wirken ist. Wie sich das gestalten wird, ist für mich noch vollständig dunkel. Rur das weiß ich zu schämen hätte ich mich neben Keinem, wenn einmal mein Stichwort temmen sollte. Im weißen Saal hatte sich eine glänzende Versammlung eingesunden, alles in weißer Halsbinde, mit Stern und Bändel, viel Uniformen. Auf der Galerie dichtes Gewimmel. Erst gegen 3 Uhr trat Fürst Bismarck mit dem Bundesrat, eine bunte Musterkarte von Uniformen — in den Saal und verlas, zur Linken des Thrones stehend, die Eröffnungsrede. Bismarck las
itockend, tief Atem holend, wie wenn er Asthma hätte, sah übrigens stramm und gesund aus. Offenbar war er zerstreut. Als er fertig gelesen und die Hörer bravo riefen, hätte er sagen müssen- Im Rainen Sr. Maj. erkläre ich den Reichstag für eröffnet Statt dessen gab er dem bayerischen Minister Fäustle einen Wink, der brachte das Hoch auf den Kaiser aus, dann ging er nach tiefen Verbeugungen hinaus, um gleich darauf wiederzukommen, und zur.allgemeinen Seit erteil zu sagen: Im allerhöchsten Auftrag erkläre ich den Reichstag für eröffnet. Aus diesem kleinen Verstoß haben die Pessimisten sofort ein böses Omen abgeleitet. Um 3 Uhr haben dann im Reichstag der Ramensausruf, die Kon- statterung der Beschlußfähigkeit und die Verlosung der Mit- gtteder in die Abteilungen stattgefunden. Ich bin in der 2 Abteilung mit dem Kultusminister Falk, mit Graf Moltte, aber auch mit Sonnemann, Hasselmann zusammen und bin neugierig was wir in dieser gemischten Gesellschaft heute nachmittag fertigbringen werden Am Montag ist der erste Kamps um die Präsidentenwahl, zu der die Elsaß-Lothringer abgewertet werden, und dann wird der Tanz beginnen.
Berlin, 10. Febr. 1874.
Gestern Morgen war ich zum zweitenmal im Abgeordnetenhaus, da hörte ich Malinkrodt, den Minister Falk und Dr. Weh. renpfennig. Alle drei sprachen, jeder von seinem Standpunkt aus vortrefflich der letztere hinreißend, so daß minutenlanger Beifall erscholl, und am Ende die ganze Partei auf ihn zusttirzle, um ihn zu beglückwünschen. Es war sie im Großen, wie bei mir int Kleinen, als ich in Darmstadt meine Universitätspauke vom Stapel gelassen. Mit Lasker habe ich auch. Bekanntschaft gemacht Als er meinen Rainen hörte, drückte er mir mit den freundlichsten Worten die Hand. Er ist wirklich ein Parlamentarier ersten Ranges, dieser kleine Mann mit dem typischen Judengesicht und der durchaus jüdischen Aussprache. In unserer Fraktion wimmelt es von interessanten Menschen, und jeden AugenblickBort man einen weltberühmten Rainen. Uebermorgen abend nferbe ich in der Oper Wachtel hören und freue mich sehr darauf. Lieber die Prachtbauten Wiens war ich vorigen Herbst voll Staunens. In Berlin ist man denn doch wie ich jetzt sehe, nicht zurückgeblieben. Eine Ringstraße gibt es hier allerdings nicht, und die Paläste von reichen Privatbauten sind erst im Entstehen. In öffentlichen Bauten aber ist schon Großartiges geleistet und das neue Rathaus ist ein wahres Phänomen von gediegenem Glanze und imposanten Verhältnissen.
Berlin, 17. Febr. 1874.
Gestern hatten wir eine historische Sitzung. Der greife Moltte hielt inmitten einer Andacht, wie sie sonst nur in ebner Kirchs herrscht, eine klassische Rede über di« deutsche Armeeorganifation, die ihr in den Blättern lesen werdet. Alle Augenblick wurde er von lautem Beifall des ganzer? Hauses unterbrochen. Die Elsässer haben erfahren, daß es in diesem Reichstage Dinge gibt, vor denen der Zank der Parteien schweigt. Selbst der Sozialdemokrat Hasenclever konnte sich diesem gewalttgen Eindruck nicht entziehen und sprach mit einer Mäßigung, die allgemeines Erstaunen hervorrief.
Berlin, 18. Febr. 1874.
Gestern abend hättest Du hier sein müssen. Ich war auf dem Subskripttvnsball im Kgl. Opernhause, das seinem ganzen Umfang nach — Bühne, Logen, Parkett, in einen feenhaft prächtigen Dalisaal umgewandelt war. Eine unabsehbar« Menschenmenge bewegte sich da in dem Lichterglanz auf und nieder. Wahrhaft feierlich war der Moment, als der Kaiser — den man kaum zu erwarten wagte — cm die vorderste Brüstung feiner Loge trat und nun mit unbeschreiblichem Jubel begrüS wurde. Heute ist allo der Protest der Ellässer vom Stapel gelaufen. Der Abg. Teullch las im reinsten Deutsch, das ich je gehört habe, einen Jvurnalartitel vor, der irgendeinem französischen Republikanerblatte hätte entlehnt sein können, und das Machwerk, das von Verunglimpfungen Deullchlands strotzt«, nannte er Begründung seines Antrags auf ein Plebiszit über die Annektion. Als Deutsch im reinsten Deutsch versicherte. Deutsch sei seine Muttersprache nicht, lachte ihm der ganze Reichstag ins Gesicht. Ebenso wars bei seinen historischen Behauptungen, und als er sagte: Deutschland habe das Recht des Siegers mißbraucht, das Recht einer gebildeten Ration überschritten, entstand ein solcher Sturm im Hause, daß der Präsident ihn in aller Form zur Ordnung rufen mußte. Alle Fraktionen waren einig in der Ansicht, daß man die Elsässer sprechen lasten und dann di« Diskussion schließen soll«. Es erhält nach Bischof Rös, der bloß in ein paar Worten beteuerte, di« Elsässer wollten den Frankfurter


