Ausgabe 
11.7.1925
 
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Verantwortlich: I. V.: Ehrhard Evers. Druck der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Stemdruckerei. R. Lange, Gießen.

daß bald wieder schlechtere Zeiten Bruder und faßte ihn am Arme. Geronimo.

Geronimo aber ihr solltet kommen."

Earlo trat

die immer um ihn war. .

(Fortsetzung folgt.)

traktiert die doch denken,

rasch zu dem er.

Arbeitern.

Wo steckst du denn, Carlo?" sagte ihm der Wirt schon au der Tür.Warum läßt du deinen Bruder allein?"

Was gibt's denn? "fragte Carlo erschrocken.

Leute. Mir kann's ja egal sein,

arbeitete, an den kleinen Garten mit der Esche an der Mauer, an das niedrige Häuschen, das ihnen gehörte, an die zwei kleinen Töchter des Schusters, an den Weinberg hinter der Kirche, ja an sein eigenes Kindergesicht, wie es ihm aus dem Spiegel entgegengeblickt hatte. Wie oft hatte Carlo das alles gehört. Heute ertrug er es nicht. Es klang anders als sonst: jedes Wort, das Geronimo sprach bekam einen neuen Sinn und schien sich gegen ihn zu richten. Er schlich hinaus und ging wieder auf die Landstraße, die nun ganz im Dunkel lag. Der Regem hatte aufgehört, die Lust war sehr kalt, und der Gedanke erschien Carlo beinahe verlockend, weiterzugehen, immer weiter, tief im die Finsternis hinein, sich am Ende irgendwohin in den Strotzen» graben zu legen, einzuschlafen, nicht mehr zu erwachen. Plötz­lich hörte er das Rollen eines Wagens und erblickte den Licht­schimmer von zwei Laternen, die immer näher kamen. 3n dem Wagen, der vorüberfuhr, sahen zwei Herren. Einer von ihnem. mit einem schmalen, bartlosen Gesichte fuhr erschrocken zusammen, als Carlos Gestalt im Lichte der Laternen aus dem Dunkel her­vortauchte. Carlo, der stehengeblieben war, lüftete den Hut. Der Wagen und die Lichter verschwanden. Carlo stand wieder in tiefer Finsternis. Plötzlich schrak er zusammen. Das erstemal im seinem Leben machte ihm das Dunkel Angst. Es war ihm, als könnte er es keine Minute länger ertragen. 3n einer sonderbaren! Art vermengten sich in feinem dumpfen Sinnen die Schauer, die er für sich selbst empfand, mit einem quälenden Mitleid für den blinden Bruder und jagten ihn nach Hause.

Als er in die Wirtsstube trat, sah er die beiden Reisenden, die vorher an ihm vorbeigefahren waren, bei einer Flasche Rob» wein an einem Tische sitzen und sehr angelegentlich miteinander reden. Sie blickten kaum auf, als er eintrat. 1

An dem anderen Tische sah Geronimo wie früher unter den

Als er wieder in die Wirtsstube trat, lagGeronimo auf der Dank ausgestreckt und schien das Eintreten Carlos mcht zu bemerken. Maria brachte den beiden Essen und Trinken. Sie sprachen während der Mahlzeit kem Wort. Als Marra dre Sgl abräumte, lachte Geronimo plötzlich auf und sagte zu ihr.WaS wirst du dir denn dafür kaufen?"

Wofür denn?" ,9

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L T sSfeTÄ T4? «Ä Ute stch M ihnen. Auch der Knecht kam herber und erkundigte fick nach seinen Eltern, die unten in Bormro wollten., 114 Jetzt kam wieder ein Wagen mit Reisenden^ Gerommo und Carlo ainaen hinunter, Gerommo sang, Carlo hielt den Hut hm, mS die Reisenden gaben ihr Almosen. Geronimo schien letzt ganz Whig Er fragte manchmal:Wieviel?" rmd nickte zu den Ant- Sortcn Carlos leicht mit dem Kopfe. Indes versuchte Carlo leibst seine Gedanken zu fassen. Aber er hatte immer nur das Sumpfe Gefühl, dah etwas Schreckliches geschehen und dah er ^^Ms^die^ k^der wieder die Stufen hinaufschritten, hörten sie &ie Fuhrleute oben wirr durcheinander reden und lachem Der jüngste rief dem Geronimo entgegen:Sing uns doch auch S wo? wir zahlen schon! - Richt wahr?" wandte er sich an Maria^E' eben mit einer Flasche rotem WÄn kam, sagte: i^anat heut nichts mit ihm an, er ist schlechter Laune.

S Statt jeder Antwort stellte sich Geronimomsttmrn» Zmm« hin und fing an zu singen. Als er geendet, klatschten die Fuhr IeUte Komm Carlo!" rief einer,wir wollen dir unser Geld auck' in den Hut werfen wie die Leute unten! Änd er nahm eine kleine Münze und hielt die Hand hoch, als wollte er sie in den Hut fallen lassen, den ihm Carlo entgegmistreckte. Da griff der Blinde nach dem Arm des Fuhrmannes und sagte. Lieber mir, lieber mir! Es könnte daneben fallen daneben!

Wieso daneben?" ,

Eh, nun! Zwischen die Beine Marias!

Alle lachten, der Wirt und Maria auch, nur Carlo stand regungslos da. Aie hatte Geronimo solche Späße gemacht!.,..

Setz' dich zu uns!" riefen die Fuhrleute.Du bist ern lustiger Kerl!" And sie rückten zusammen, um Gerommo Platz zu machen. Immer lauter und wirrer war das Durcheinander- reden Geronimo redete mit, lauter und lustiger als sonst, und hörte'nicht auf zu trinken. Als Maria eben wieder hereinkam, wollte er sie an sich ziehen: da sagte der eine von den Fuhr­leuten lachend:Meinst du vielleicht, sie ist schon? Sie ist ja em altes häßliches Weib!"

Wer der Blinde zog Mama auf seinen Schoß.Ihr seid alte Dummköpfe," sagte er.Glaubt ihr, ich brauche meine Augen, um zu sehen? Ich weiß auch wo Carlo jetzt ist eh! dort am Ofen steht er, hat die Hände in den Hosentaschen.und lacht.

Alle schauten auf Carlo, der mit offenem Munde am Ofen lehnte und nun wirklich das Gesicht zu einein Grinsen verzog, als dürfte er seinen Bruder nicht Lügen strafen.

Der Knecht kam herein: wenn die Fuhrleute noch vor Dunkelheit in Bormio sein wollten, mußten sie sich beeilen. Sie standen auf und verabschiedeten sich lärmend. Die beiden Brüder waren wieder allein in der Wirtsstube. Es war die Stunde, um die sie sonst manchmal zu schlafen pflegten. Das ganze Wirtshaus versank in Ruhe wie immer um diese Zeit der ersten Rachmittagsstunden. Geronimo, den Kopf auf dem Tisch, schien zu schlafen. Earlo ging anfangs hin und her, dann setzte er sich auf die Bank. Er war sehr müde. Es schien ihm, als wäre er in einem schweren Traum befangen. Er mußte an allerlei denken, an gestern, vorgestern und alle Tage, die früher waren, und be­sonders an warme Sommertage und an weiße Landstraßen, über die er mit seinem Bruder zu wandern pflegte, und alles war so weit und unbegreiflich, als wenn es nie wieder so sein könnte.

Am späten Rachmittage kam die Post aus Tirol und bald darauf in kleinen Zwischenpausen Wagen, die den gleichen Weg nach dem Süden nahmen. Roch, viermal mußten die Brüder in den Hof hinab. Als sie das letztemal heraufgingen, war die Dämmerung hereingebrochen, und das Oellärnpchen, das von der Holzdecke herunterhing, fauchte. Arbeiter kamen, die in einem nahen Stxinbruche beschäftigt waren und ein paar hundert Schritte unterhalb des Wirtshauses ihre Holzhütten aufgeschlagen hatten. Geronimo setzte sich zu ihnen: Carlo blieb allein an seinem Tische. Es war ihm, als dauerte seine Einsamkeit schon sehr lange. Er hörte, wie Geronimo drüben laut, beinahe schreiend, von feiner Kinderzeit erzählte: dah er sich noch ganz gut an allerlei erinnerte, was er mit seinen Augen gesehen, Personen und Dinge: an den Vater, wie er auf dem Felde

Komm!" sagte

Was willst du?" schrie

Komm zu Bett," sagte Carlo.

Laß mich, laß mich! I ch verdiene das Geld, ich kann mit meinem Gelds tun, was ich will eh! alles kannst du ja doch nicht einstecken! Ihr meint wohl, er gibt mir alles! O nein! Ich bin ja ein blinder Mann! Aber es gibt Leute es gibt gute Qeute, bie feigen mit* Ich lyctbe beinern CÖtubet züxmzig Franken gegeben!"

Die Arbeiter lachten auf.

Es ist genug," sagte Carlo,komm!' And er zog, den Bruder mit sich schleppte ihn beinah' die Treppe hinauf bis in den kahlen Bodenraum, wo sie ihr Lager hatten. Auf dem ganzen Wege schrie Geronimo:3a, nun ist es an den Tag ge» kommen, ja, nun weiß ich's! Ah, wartet nur. Wo ist sie? Wo ist Maria? Oder legst du's ihr in die Sparkassa? Eh, ich singe für dich, ich spiele Gitarre, von mir lebst du -und du bist ein Dieb!" Er fiel auf den Strohfack hin.

Vom Gang her schimmerte ein schwaches Licht herein: drüben stand die Tür zu dem einzigen Fremdenzimmer des Wirtshauses offen, und Maria richtete die Betten für die Aachtruhe her. Carlo stand vor seinem Bruder und sah ihn daliegen mit Dem gedunsenen Gesicht, mit den bläulichen Lippen, das few»te Haar an der Stirne klebend, um viele Jahre älter aussehend, als er war. And langsam begann er zu verstehen. Richt von heute konnte das Mißtrauen des Blinden sein, längst muhte eS in ihm geschlummert haben, und nur der Anlah, vielleicht der Mut hatte ihm gefehlt, es auszusprechen. And alles, ivas Carlo für ihn getan, war vergeblich gewesen: vergeblich Dte Reue, vergeblich das Opfer seines ganzen Lebens. Was sollte er nun tun? Sollte er noch weiterhin Tag für Tag, wer weiß wie lange noch, ihn durch die ewige Rächt führen, tgn betreuen, für ihn betteln und keinen anderen Lohn dafür haben als Mißtrauen und Schimpf? Wenn ihn der Bruder für einen Dieb hielt, so konnte ihn ja jeder Fremde dasselbe oder Besseres leisten als er. Wahrhaftig, ihn allein lassen, sich für immer vmr ihm trennen, das wäre das Klügste. Dann muhte Geronimo woyl fein Anrecht einsehen, denn dann erst würde er erfahren, was es heißt, betrogen und bestohlen werden, einsam und elemo fein. And er selbst, was sollte er beginnen? Run, er war ja noch nicht alt; wenn er für sich allein war, konnte er Ywck mancherlei anfangen. Als Knecht zum mindesten fand er oberau sein Unterkommen. Aber während diese Gedanken durch seinen Kopf zogen, blieben seine Augen immer auf den Bruder. ge­heftet. And er sah ihn plötzlich vor sich allein am Rande eine» sonnbeglänzien Straße auf einem Stein sitzen, mit den wer offenen, weihen Augen zum Himmel starrend, der khn nick» blenden konnte, und mit den Händen. in die Rächt greifen»,