Ausgabe 
11.7.1925
 
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«tn erbärmliches Geschvey, welches man von weitem hören können, angefangen; wo er ferner hingekommen, ist eigentlich nicht bekandt.

Ms der König in Frankreich von der Einnahme der Stadt Hehdelberg Nachricht bekäme, befahl er darauf das Te Deum Qau« damus in der Haupt-Kirche zu Paris singen zulassen, welches auch den 3. Junii geschähe, Worbei eine Müntz gesehen worden, das auf die verbrannte Stadt Hehdelberg geprägt Ware, mit diesen Worten: Rex dixit et factum est: Der König sprach und es gchhah also!"

So der Chronist! Dieser Blick in die alte Zeit lehrt uns auch dte jetzige Franzosenzeit verstehen. Gar viele, die schon in Heidel­berg waren oder noch dort hinkommen, werden Lurch das Lesen Lieser Zeilen ein besseres Verständnis für diesen herrlichen Erden­fleck und sein fast einzig in deutschen Landen dastehend^ Schicksal gewonnen haben. Doch das große Fatz blieb bei dem Brande un­versehrt ein Wunder ist's zu nennen. Biele berühmte Fässer, groß, mächtig, auch kunstvoll geschnitzt mag es wohl noch geben. Aber dem zu Heidelberg kommt keines gleich. War es doch dazu bestimmt, Len köstlichen Segen des edlen Pfälzer Rebenblutes zu beiden. 3m Jahre 1728 bestellte ihm Karl Philipp den trunksesten Perkeo als Wächter. Das jetzige ist das dritte seines Zeichens erbaut im Jahre 1751. Es soll 221 726 Liter in sich aufnehmen Dnnen. And von ihm singt Josef Viktor Scheffel:

Ms edler Dildungsdurst die Welt Erfüllt mit edlem Streben, Rief mich ein Kurfürst und ein Held, Ms Durgsatz hier ins Leben.

Roch steh ich fest, wo alles fiel. Des Pfälzer' Geist ein Funken Grotz im Gedanken, flott im Stil And gänzlich leergetrunken.

Wohl wurde gelegentlich des Heidelberger Amversitätsjubi- läums Anno 1886 letztmals aus ihm Wein gezapft aber solches konnte nur durch Einlegen kleiner Fässer geschehen.

So bleibt es diegeleerte Größe" Alt-Heidelbergs, der ewig jungen alma mater Ruperto-Carola.

Der blinde Geronimo und sein Bruder.

Bon Arthur Schnitzler.

(Fortsetzung.)

Gewiß," sagte Carlo.Bis jetzt sind es zwei Lire und dreißig Centesimi; und hier ist noch österreichisches Geld, viel­leicht eine halbe Lira."

And zwanzig Franken und zwanzig Franken!" rief Gero­nimo.Ich weiß es ja!" Er torkelte in die Stube und fetzte sich schwer auf die Dank.

Was weißt du?" fragte Carlo.

So laß doch die Spähe! Gib es mir in die Hand! Wie lang' hab ich schon kein Goldstück in der Hand gehabt!"

Was willst du denn! Woher soll ich ein Goldstück nehmen? Es sind zwei Lire oder drei."

Der Blinde schlug auf den TischJetzt ist es aber genug, genug! Willst du es etwa vor mir verstecken?"

Carlo blickte den Bruder besorgt und verwundert an. Er setzte sich neben ihn, rückte ganz nahe und faßte wie begütigend seinen Arm:Ich verstecke nichts vor dir. Wie kannst du das glauben? Niemandem ist es eingefallen, mir ein Goldstück zu geben."

Aber er hat mir'8 doch gesagt!"

Wer?" :

Nun, der junge Mensch der hin und her lief."

Wie? Ich versteh' dich nicht!"

So hat er zu mir gesagt: Wie heißt du? und dann: Gib acht, gib acht, laß dich nicht betrügen!"

Du mutzt geträumt haben, Geronimo das ist ja Ansinn!" Ansinn? Ich hab' es doch gehört, und ich höre gut. Latz dich nicht betrügen; ich habe ihm ein Goldstück... nein, so sagte er: Ich habe ihm ein Zwanzigfrankstück gegeben."

Der Wirt kam herein.Nun, was ist's mit euch? Habt ihr das Geschäft aufgegeben? Ein Vierspänner ist gerade angefahren."

Komm!" rief Carlo,komm!"

Geronimo blieb sitzen.Warum denn? Warum soll ich kommen? Was hilft's mir denn? Du stehst ja dabei und

Carlo berührte ihn am Arm.Still, komm jetzt hinunter!"

Geronimo schwieg und gehorchte dem Bruder. Aber auf den Stufen sagte er:Wir reden noch, wir reden noch!"

Carlo begriff nicht, was geschehen war. War Geronimo plötzlich verrückt geworden? Denn, wenn er auch leicht in Zorn geriet, in Lieser Weise hatte er noch nie gesprochen.

In den: eben angekommenen Wagen saßen zwei Engländer; Carlo lüftete den Hut vor ihnen, und der Blinde sang. Der eine Engländer war ausgestiegen und warf einige Münzen in Carlos Hut. Carlo sagte:Danke" und dann, wie vor sich hin: Zwanzig Centesimi". Das Gesicht Geronimos blieb unbewegt; er begann ein neues Lied. Der Wagen mit den zwei Gng- Wndern fuhr davon.

Die Brüder gingen schweigend die Stufen hinauf. Geronimo fetzte sich auf die Dank, Carlo blieb beim Ofen stehen. -

Warum sprichst du nicht?" fragte Geronimo.

Nun," erwiderte Carlo,es kann nur so sein, wie ich dir gesagt habe." Seine Stimme zitterte ein wenig.

Was hast du gesagt?" fragte Geronimo.

Es war vielleicht ein Wahnsinniger."

@in Wahnsinniger? Das wäre ja vortrefflich! Wenn einer sagt: Ich habe deinem Druder zwanzig Franken gegeben, so ist er wahnsinnig! Eh, und warum hat er gesagt: Laß dich nicht betrügen eh?"

Vielleicht war er auch nicht wahnsinnig... aber es gibt Menschen, die mit uns armen Leuten Späße machten..."

Eh!" schrie Geronimo,Späße? Ja, das hast du noch sagen müssen darauf habe ich gewartet!" Er trank das Glas Wein aus, das vor ihm stand.

Aber, Geronimo!" rief Carlo, und er fühlte, daß er vor Bestürzung kaum sprechen konnte,warum sollte ich... wie kannst du glauben...?"

Warum zittert deine Stimme... es... warum...?"

Geronimo, ich versichere dir, ich

Eh und ich glaube dir nicht! Jetzt lachst du... ich weiß ja, daß du jetzt lachst!" >

Der Knecht rief von unten:He, blinder Mann, Leut' find da!"

Gantz mechanisch standen die Brüder auf und schritten die Stufen hinab. Zwei Wagen waren zugleich gekommen, einer mit drei Herren, ein anderer mit einem alten Ehepaar. Gero- mmo fang; Carlo stand neben ihm, fassungslos. Was sollte er nur tun? Der Bruder glaubte ihm nicht! Wie war das nur möglich? And er betrachtete Geronimo, der mit zerbrochener Stimme seine Lieder fang, angstvoll von der Seite. Es war ihm, als sähe er über diese Stirne Gedanken fliehen, die er früher dort niemals gewahrt hatte.

Die Wagen waren schon fort, aber Geronimo sang weiter. Carlo wagte nicht, ihn zu unterbreche. Gr wußte nicht, was er sagen sollte, er fürchtete, daß seine Stimme wieder zittern würde. Da tönte Lachen von oben, und Maria rief:Was fingst denn noch immer? Von mir kriegst du ja doch nichts!"

Geronimo hielt inne, mitten in einer Melodie; es klang, als wäre seine Stimme und die Saiten zugleich abgerissen. Darm ging er wieder die Stufen hinauf, und Carlo folgte ihm. In der Wirtsstube setzte er sich neben ihm Was sollte er tun? Es blieb ihm nichts anderes übrig: er mußte noch einmal

Da stieß

nachher?"

erst

mit

höre, lüge

nicht, ich Ich

tote du lügst!"

nicht, Geronimo, ich lüge nicht!" sagte Carlo er« du ihrs schon gegeben, ja? Oder bekommt sie's schrie Geronimo.

versuchen, den Bruder aufzuklären.

Geronimo," sagte er,ich schwöre dir.... bedenk' doch, Geronimo, wie kannst du glauben, daß ich

schrocken.

Eh! hast

Maria?"

Wer denn, als Maria? Eh, du ößgner, du Dieb! And als wollte er nicht mehr neben ihm am Tische sitzen, stieß er dem Ellbogen dem Bruder in die Seite.

Carlo stand auf. Zuerst starrte er den Druder an, dann verlieh er das Zimmer und ging über die Stiege in den Hof. Er schaute mit weit offenen Augen auf die Straße hinaus, die vor ihm in bräunlichen Nebel versank. Der Regen hatte nach­gelassen. Carlo steckte die Hände in die Hosentaschen und ging ins Freie. Es war ihm, als hätte ihn sein Druder davongejagt. Was war denn nur geschehen?.. Er konnte es noch immer nicht fassen. Was für ein Mensch mochte das gewesen sein? Einen Franken schenkte er her und sagt, es waren zwanzig! Gr mußte doch irgendeinen Grund dazu gehabt haben? And Carlo suchte in seiner Erinnerung, ob er sich nicht irgendwo jemanden zum Feind gemacht, der nun einen anderen hergeschickt hatte, um sich zu rächen... Aber soweit er zurückdenken mochte, nie hatte er jemanden beleidigt, nie irgendeinen ernsten Streit mit jeman­dem vor gehabt. Gr hatte ja seit zwanzig Jahren nichts anderes getan, als Latz er in Höfen oder an Straßenrändern gestanden war mit dem Hut in der Hand... War ihm vielleicht einer wegen eines Frauenzimmers böse?... Aber wie lange hatte er schon mit feiner was zu tun gehabt...die Kellnerin in La Rosa war die letzte gewesen, im vorigen Frühjahr... aber um die war ihm gewiß niemand neidisch... Es war nicht' zu be­greifen! ... Was mochte es da draußen in der Welt, die er nicht kannte, für Menschen geben?... Don überall her kamen sie... was wußte er von ihnen?... Für diesen Fremden hatte es wohl irgendeinen Sinn gehabt, datz er zu Geronimo sagte: Ich habe deinem Druder zwanzig Franken gegeben... Nun ja... Aber was war nun zu tun?... Mit einemmal war es offenbar geworden, datz Geronimo ihm mißtraute!... Das konnte er nicht ertragen! Irgendetwas mußte er dagegen unternehmen... And er eilte zurück.

Geronimo schwieg, seine toten Äugen schienen durch das Fenster in den grauen Nebel hinauszublicken. Carlo redete weiter: Nun, er braucht ja nicht wahnsinnig zu sein, er wird sich geirrt haben... ja, er hat sich geirrt..." Aber er fühlte wohl, daß er selbst nicht glaubte, was er sagte.

Geronimo rüxfte ungeduldig fort. Aber Carlo redete weiter, mit plötzlicher Lebhaftigkeit:Wozu sollte ich denn du weißt doch, ich esse und trinke nicht mehr als du, und wenn ich mir einen neuen Rock kaufe, so weitzt du's doch... wofür brauch' ich denn soviel Geld? Was soll ich denn damit tun?"

Geronimo zwischen den Zähnen hervor:Lüg'