Gietzener Zamilienblatter
Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger
Jahrgang K925 Samstag, den st. Juli Nummer 55
Nacht am Fenster.
Von Anton Schnack.
Du horchst hinunter. Keiner geht vorbei.
Ist es schon eins? Äst es schon zwei? 1
Die Ähren wurden stumm. Das Gangwerk sprang. Der Wind fährt schlurfend durch den hohlen Gang. Aus allen Fenstern dunkelt nichts als Rächt Wand auf, Wand ab. Kein Licht ist mehr entfacht. Da schlafen sie... Da ruhen sie... Wann, Weib And Kind. Getrennt. Vereinsamt. Leib an Leib. In einem Prunkgemach In einem engen Raum. Wit bösem Alp. Wit einem roten Traum.
Da schlafen sie mit schwerem Atemzug Selbst als die Ahr zwölf laute Schläge schlug. Da schlafen sie. And keiner spähend hört, Ob sich nicht plötzlich ein Dämon empört. Ob sie nicht plötzlich ein verworrner Geist Hinunter in lautlosen Abgrund reiht.
Da schlafen sie. And über ihnen fällt Ein Stern in eine andere Sternenwelt. Da schlafen sie wie Masken. Wie Gespenster. Es schauert mi<ch Ich schließ« fest mein Fenster... Das Licht im Leuchter wird zum fahlen Schein: In allen Häusern schlummert Totenbein...
Gebt eine Fahne.
Von Bruno Taut.
Es muh auch heute wie beim alten Stadtbilds fein, daß das Höchste, die Krone, sich im religiösen Bauwerk verkörpert. Das Gotteshaus bleibt wohl für alle Zetten der Bau, zu dem wir immer hinstreben, der unser tiefstes Gefühl den Menschen und der Welt gegenüber tragen kann.
Warum ist denn aber nicht in den letzten Zeiten, etwa seit der Blütezeit des Jesuitismus, irgendwo ein großer Dom gebaut oder wenigstens ernsthaft geplant worden? Schinkels romantischer Zug führte ihn zu einem großen Dompvojekt auf dem Templower Berge bei Berlin, aus dem Gefühl, endlich einmal etwas zu schaffen, was Sehnen und Hoffen der Menschen in Gemeinschaft zusammenführt. Doch die Anregung fand keinen Vachhall.
In der Idee der neuen Stadt fehlt die Kirche. Es werden zwar in den Plänen auch Kirchen vorgesehen, doch werden sie so verteilt, daß sie keine überragende Bedeutung finden können. Auch die Gottesidee zerfließt wie die neue Stadt selbst. Es soll nicht behauptet werden, daß das religiöse Leben an Innigkeit nachgelassen habe. Aber es zerfließt mehr und mehr In kleine Kanäle: das gemeinsame Gebet, die lithurgische Handlung hat an zusammen haltender Kraft verloren. Es ist, wie werm eine seltsame Schamhaftigkeit im frohen Bekennen des religiösen Glaubens eingetreten wäre, wie wenn es sich nur auf das stille Kämmerlein des einzelnen zurückgezogen hätte. And die Kirche folgt diesem Vorgang. Sie dezentralisiert, zersplittert sich und sieht das Seelenbirtentum in der Missionstätigkeit. Fromme Vereine mit Bethausern, die in den Stadtteilen verstreut find, ebenso verstreute kleine Kirchen — sie zeigen, wie auch die Kirche konsequent sich der allgemeinen Erscheinung des Zerfließens anschlieht. Selbst der repräsentationsstolze Klerus der katholischen Kirche folgt ihr. Die großen alten Dome bleiben voll Leben, wie es die Tradition gebietet. Sonst aber verläuft die Seelenpflege in denselben Formen, und kein neuer Dom entsteht.
Die religiöse Konfession hat anscheinend nicht mehr die alte Kraft. Es treten keine Bekenner, keine Kämpfer für sie auf, und was einstmals große Bewegungen beseelte, das scheint heute, der Dogmen entkleidet, zum einzelnen zurückgezogen und tn einer völligen Wandlung begriffen zu sein.
Aber ein Glaube ist sicher noch da. Es ist nicht denkbar, daß Millionen von Menschen, ganz dem Materialismus verfallen, dahinleben, ohne zu wissen, wofür sie da find. Es muß etwas in jedes Menschen Brust leben, das ihn über das Zeitliche hinaushebt und das ihn die Gemeinschaft mit seiner Mitwelt, seiner Ration, allen Menschen und der ganzen Welt fühlen läßt. Wo liegt das? Zerfließt das auch so oder ist etwas, etwas Neues in alle Menschen hineingeflossen und wartet auf seine Auferstehung, auf seine strahlende Derllärung und Kristallisierung in herrlichen Bauwerken? Ohne Religion gibt es keine wahre Kultur, keine Kunst. And sollen wir, in Teilströmungen zerrissen, dahinvegetieren, ohne uns die wahre Schönheit des Lebens zu schaffen? ... .
„Die Schritte der Religion sind groß, aber langsam. Sie braucht Jahrtausende zu einem Schritt. Der zum Fortschritt aufgehobene Fuß schwebt schon sich senkend in der Lust: wann wird sie ihn niedersetzen?" (Gustav Theodor Fechner in „Tages- anficht".)'
Es gibt ein Wort, dem arm und reich folgt, das überall nachllingt und das gleichsam ein Christentum in neuer Form verheißt: der soziale Gedanke. Das Gefühl, irgendwie an dem Wohl der Menschheit mithelfen zu müssen, irgendwie für sich und damit auch für andere sein Seelenheil zu erringen und sich eins, solidarisch mit allen Menschen zu fühlen — es lebt, wenigstens schlummert es in allen. Der Sozialismus im unpolitischen, überpolitischen Sinne, fern von jeder Herrschastsform als die einfache schlichte Beziehung der Menschen zueinander, schreitet über die Kluft der sich befehdenden Stände und Rationen hinweg und verbindet den Menschen mit dem Menschen. — Wenn etwas heute die Stadt bekrönen kann, so ist es zunächst der Ausdruck dieses Gedankens.
Dies wird der Architekt gestalten müssen, will er sich nicht selbst überflüssig machen und will er wissen, wofür er lebt. Was hat es schließlich auf sich, dieses oder jenes Häuschen oder Gebäude hübsch zu machen, wenn wir nicht das große Element kennen, das alle kleinen Wässerchen speist? Aus dem Fehlen dieses Wissens entstand ganz mit Recht die geringschätzige Anschauung über Architettur, die eingangs geschildert wurde. Die Architekten find daran mit schuld. Wenn sie nicht um ihr letztes Ziel wissen, wenn sie nicht in Hoffen und 'Sehnen wenigstens das Höchste ahnen, dann hat ihre Existenz keinen Wert. Dann verliert sich ihre Begabung im gewerblichen Kampf und verzettelt sich in ästhetelnden Kleindingen und Aeberschätzung des Kleinkrams. Sie müssen sich in Verhimmelung des Alten, in Ellektizismus oder begrifflichen Spekulationen, wie Heimatkunst, Zweck, Material, Proportion,' Raum, Fläche, Linie ufw. erschöpfen und sind schließlich ganz und gar außerstande, etwas Schönes zu machen, da sie sich von dem letzten unerschöpflich sprudelnden Quell des Schönen ganz getrennt haben. Auch alles Studimn der alten Baustile hilft dann nichts: denn sie bleiben so nur an den Einzelformen flehen, weil ihre Augen blind sind für das Licht, das alle die herrlichen Einzeldinge durchstrahlt. Der Architest mutz sich aus seinen hohen, Priesterhast herrlichen, göttlichen Beruf besinnen und den Schah zu heben suchen, der in der Tiefe des Menschengemüts ruht. 3n voller Selbstentäutzerung vertiefe er sich in die Seele des Volksganzen und finde sich und seinen hohen Beruf, indem er, als Ziel wenigstens, einen Materie gewordenen Ausdruck für das gibt, was in jedem Menschen schlummert. Ein glückbringendes, baugewordenes Ideal soll wieder erstehen und alle zum Bewußtsein führen, daß sie Glieder einer großen Architektur sind, wie es einst war.
Dann blüht endlich wieder die Farbe auf, die farbige Architektur, die heute nur von wenigen ersehnt wird. Die Skala der reinen ungebrochenen Farben ergießt sich wieder über unsere Häuser und erlöst sie von ihrem toten Grau-in-Grau.
Aus „Die Stadtkrone".
Dom Heidelberger Fasse und der Zerstörung des Heidelberger Schlosses.
Rach einer alten Chronik.
Von Franz Gros.
(Rachdruck verboten.) (Schluß-
Hören wir, was unser Chronist über die Behandlung Heidelbergs nach dessen Einnahme und die Zerstörung des Schlosses durch die Franzosen zu melden weih:
Dann den 16. Februar 1689 Morgens frühe sprengten die Frantzosen das Schloß und den dicken Thurn, welchen Churfürst Ludwig der Sanftmütige mit großen Ankosten und mit noch größerer Kunst hatte bauen lassen. . . . Diesem muhte bald die cmf steinernen Seulen verdeckte Reckar-Brücke folgen . . . die schöne Cantzleh und das kostbare Rathhauh . . . und als das Rathhauß in völligem Brand Ware, stund der Brigadier Melac auf dem Marck gegen demselben über und sähe es mit der größten Freude und Lachen an.... Andere von den Officiern, sonderlich dem General de Tesse und Herrn Ronville, pressete das Schreyen und Jammern der armen Heidelberger die Thränen aus den Augen. .. And als der Bürgermeister vor dem General de Tesse auf die Knie niederfiele, und um Erhaltung der Stadt und des Schlosses anflehte,, gab selbiger mit einem tief gehöhlten Seufzer


