- 116

Ästsrn-

Von Alexander v. G l e ich e n - Ru ß w u r m.

Wie die Sonne selbst, nach uralter Sage, in der Frühe des Oftermorgens drei Freudensprünge tut, weil sie über die Finsternis gesiegt hat int Kampf mit dem Winterriesen, so drängt sich Frühlingssehnsucht und Raturfreude in alle Gebräuche, die dem Fest anhangen und von ihm aus grauer Vorzeit unzertrennlich sind. Lange hat sich in vielen deutschen Gegenden die Sitte erhalten, daß sich in der Auferstehungs nacht zwei vermummte Gestalten gegenübertreten, der Sommer, mit Efeu und Immer­grün umwunden, und der Winter, in Stroh und Moos gewickelt, beide kämpften miteinander, bis der Winter am Boden lag, dann wurde ihm seine Hülle abgerissen, zerstreut und zertreten. Das Volk aber sang und tanzte dazu und tat sieben Sprünge, um den Jubel der Sonne noch zu übrrbieisn.

Könnt Ihr nicht die Siebensprüng', Könnt Ihr sie nicht tanzen?"

So klang' es laut und fröhlich aus dem Munde der halb­wüchsigen Burschen und Mädchen. Am Sonntag aber nach der Frühpredigt mußte der Pfarrer von der Kanzel herab ein lustiges Ostermärlein erzählen, nach dessen Schluß die Leute in der Kirche ihrOstergelächter" aufschlugen. Dies heilige Lachen fchühte sie vor Trübsinn und gab ihnen Heiterkeit fürs ganze Jahr.

Ein herzhaftes Ostergelächter würde auch uns wohltun irr ernsten Zeiten, denn Heiterkeit erhält die Kraft, die not tut, jene Hindernisse zu überwältigen, die sich dem wahren Frieden und der Scnnenfreude entgegenstellen in allen wichtigen Fragen des Lebens. Lachen wir der Feinde, die sich mit dem Stroh ihrer Torheit und dem Moose ihres Hasses behängen! Wie jeder Frühling die Erde von neuem schmückt, läßt Heiterkeit frische Blüten aus unserer Arbeit gedeihen. Ewig shmbolisch bleibt die Sage von Thor und Loki, mit der die nordischen Ahnen den Wechsel der Jahreszeiten bezeichneten, den Wandel von Winter­schmerz in Sommerfreude. Die jüngere Edda erzählt, daß Loki hinterlistigerweise der schlafenden Göttin Sif das Haar abge­schnitten habe. Ihr Gemahl Thor zwang aber den Feind der Götter, von den Schwarzelfen zu erlangen, daß sie im Schoß der Erde neue Haare spinnen. Diese Locken sollten von Gold sein und wachsen wie anderes Haar. Als die Götter das Wunder sahen, lachten sie voll inniger Freude. So muß überall frohes Ostergelächter erklingen, wenn auch das Feld noch kahl steht, denn schon keimt die junge Hoffnung goldener Aehren, wie die goldenen Haare der Göttin Sif. Es grünt das Land, wenn auch der fliehende Feind noch Schneestürme schickt. Es sind nur (nach Goethes Wort):

Ohnmächtige Schauer körnigen Eises In Streifen über die grünende Flur."

Das Fest der Aaturfreudr im ersten Frühling ist von jeher überall begangen worden, wo Menschen unter der Trostlosigkeit des Winters litten und mit dem Lenz die große, allgemeine Morgenröte begrüßten. Wie man einst die aufgehende Sonne durch Entblößung des Hauptes ehrte, ging man im festlichen Zuge der leuchtenden JungfrauOstara" entgegen, die das Gold Sonne zurückbringen sollte. Man weihte ihr die ersten Blumen, sobald Thor mit dem gewaltigen Hammer seine Osterfahrt antrat, den Reifriesen entgegen, und machte ihr zu Ehren ein Gebäck, das die Form des Svnnenraöes trug. Von diesen alt- germanischen Kuchen stammt die Fasrenbrehel ab. Felix Dahn schildert ein Fest der guten Göttin und legt feine, ich möchte sagen zartgrüne Stimmung in den Beginn des Gedichtes:

Cs kam der Hirt vom Anger und sprach: der Lenz ist da! Ich sah sie in den Wolken, die Göttin Ostara ;

Ich sah das Reh, das falbe, der Göttin rasch Gespann, Ich hörte wie die Schwalbe den Botenruf begann." Das Leben mit der Aatur und die Einheit, die einst der Mensch mit ihr bildete, sind trotz künstlicher Wiedererweckungen vorüber, kein Türmer begrüßt mehr zur Osterzeit mit frohem Lied die erste Schwalbe, um für diese Tat im Ratskeller belohnt zu werden, kein Gebildeter mehr wird ein Kränzlein aus Ger- traudenkraut flechten und ins Osterfeuer werfen, aber die Sehn­sucht nach Vogelsang und grüner Wiese, nach Frühlingsluft und goldenem Sonnenstrahl treibt uns wieder mit viel stärkerer Macht und innigerem Behagen hinaus ins Freie, als die jüngst vergangenen Generationen, die sich wie Wagner, der Famulus des saustleicht an Wald und Feldern satt" sahen und die Zivilisation der engen Stube begehrten, in der sie ihre engen Gedanken besser verwahrt wußten.

. , Was ficht es uns und unsere Sonnrnfreude an. daß es noch viele solcher Famulusnaturen gibt, denen die herrlichsten Ge- danken des Auferstehungsliedes verschlossen sind! Wie die Kirchen- glocken weithin frohe Mär des Hells verkündend über das fruhlingsschwangere Land schallen, so geht um diese Zeit ein iruftiger Hauch des Werdens Von allen grünen Dingen der Natur aus und erinnert an den ewig geheimnisvolle:; Bund, der zwischen Entstehen und Vergehen herrscht. Das Symbol der festlichen Zeit vt seit alters das Ei. Es bedeutet das Leben uird die Schöpfung,

bchriftleitung: Dr. Friedr. Wilh. Lange.

I nach indischer Aeberlieferiing die Welt im Morgenrot. In einem und, silberstrahlenden, vielfach gefärbten Ei lag der Gott Brahma ein volles Weltalter, dann spaltete er die Schale und schuf aus der goldenen Hälfte die sieben Himmel, aus der silbernen .? u^uen Zonen der Erve. Zur Erinnerung an dieses Schöpfungs- marchen beschenkte , man sich am Frühlingsfest. mit gefärbten, vergoldeten oder künstlich bemalten Eiern, lieber Persien und Rußland drang diese Sitte in den Westen vor, wenn sie auch '"^!Hen germanischen Stämmen im Alturtum gebräuch- tich war. Damals weihte man die rotgefärbte» Eier dem Thor, die gelben der Göttin Ostara. Gelehrte wollen darin einen Zusammen- hang ml. den .Urvätern der indogermanischen Rasse erkennen.

< , schließlich behaupteten die Leute und hier knüpft -^r-.O^Earchen mit seinem frohen Gelächter an, baß ein richtiges Osterei diese Wunder gewiß ausführen könne, doch es

^5^in richtiges, vom Osterhasen gelegtes Ei sein. Auch srichlmgsgeschichte, die noch immer den Kindern erzatüt wird obwohl sie bei der modernen Jugend keinen rechten Glauben mehr findet, senkt ihre Wurzeln tief in uralte Götter- und SagenwÄt. Wo neues Leben keimt und gedeiht, wo sich im re . n^e Winterhärten Wurzeln regen, herrscht

Fruchtbarkeit. Da ist es näheliegend, das fruchtbarste Tier unseres Hmrmctstriches mit den anderen Sagen in Verbindung zu bringen und zum Symbol des Wachsens und Werdens zu erheben. Rach der Sage zogen durch Deutschlands Gauen Minnen und Elben, die unsere Fluren segneten. Frau Hrodsa oderMutter Rose" war es, die in Niedersachsen über die Felder ging, zwei Hasen trugen ihr des Nachts Fackeln voraus, und zwei andere hielten ihre Schleppe in den Läufen. Auch Berchta und Frau Holda waren von silbergrauen Haseir gefolgt. Die germanische Mytho- logie beschäftigt sich überhaupt vielfach mit dem Hasen, manche Riarchen versetzen ihn zu t>en Zwergen ins Elbenreich. Daher nannte manHasenbrot" ein Gebäck, das die Reisenden nach Hau.e mitbrachten von weither, aus dem unbekannten Land der Elben und äNeheimnisse. Der Hase steht als Symbol der 'Frucht­barkeit mit der Geburt bei. .manchen Stämmen in Verbindung. Sie Harzbewohner erzählen, daß die ungeborenen Kinder aus dein Hasenteich kommen, und in Schwaben holt man sie aus dein Hafennest. Deshalb versteckt man auch die Ostereier die bunten Sinnbilder des frohen Lebens in künstliche Nester und seht womöglich einen Hasen aus Zuckerwerk darauf, der dien ganzen Reichtum gelegt haben soll. Ein tiefer Gedanke liegt in dem kindlichen Spiel.

Osterklänge ziehen durch die geistliche wie durch die welt­liche Poesie. 2lbgrsehen von den Mysterien, in denen die Gläu­bigen des Mittelalters die Leidensgeschichte und Auferstehung des Heilandes darstellen, haben die Dichter aller Zeiten L«nz- gefühl und Osterfreude besungen. Seit Wolfram von Eschenbach Parzivals Erlösung von seinen Zweifeln mit der zauberhaften Karfreitagsstimmung in Wald und Hag begann, tönt das Lied der Hoffnung, Umkehr und Genesung frohlockend aus allen Jahr­hunderten. Bald klingen Erinnerungen hinein an den Dchwerttanz. den die nackten germanischen Jünglinge in der Frühlingsnacht zum Preise Ostaras übten oder an die Osterfeuer, durch die behend die männliche Jugend sprang, bald überwiegen die christlichen Cleinente, die den höchsten Ausdruck in SoetheSFaust" ge­funden haben und sich zu tgewaltigem Akkord in den Worten erheben:

O tönet fort, ihr süßen Himmelslieder!

Die Träne quillt, die Erde hat mich wieder/'

Oftern.

Von Karl Röttger. Müssen Wohl im jungen Garten Erste Tulpen blutrot stehn.

Müssen auch die weißen, zarten, Kleinen Maßliebblüten aus dem Rasen sehn. Müssen alle jungen, feinen Mädchen, weißgekleidet, schlank, Durch das junge Sonnenscheinen, Auf den frischen Gartenwegen Schweben, wie Gesang und Klang.

Müssen Wohl des Windes Hände Auf sie alle Träume legen, Die so schön zu träumen sind. (Nieiuand weiß, woher sie kamen, Sie sind jung, wie Licht und Wind.) Glockenklänge schwinden, schreiten In das Frühlingsland es weiten Sich die Tiefen, Fernen, Breiten. Wenn die Glocken schweigen, zieht Eine Lerche noch in blauen Himmel ihr ganz stilles Lied.

Bis auch bas entschwebt, entschwunden -ost und nur im flüsterleisen Wehn erstehn die stillen Stunden Lächelnd-schöne Ofterstunden.

Druck und Verlag der Brübl'fchen Univ.-Buch- und Steindruckerei, R. Laune. Gießen.