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wenig auf und winselte, er habe das Weib gewiß nicht töten wollen, habe sie nur zum Spatz an sich gedrückt, da habe sie wie eine wilde Katze sich gebärdet und würde ihn mit den Händen erwürgt haben, wenn er sie nicht gewaltsam erledigt hätte.
„Dkl bist ein Mörder und Landfriedensbrecher," sagte der Oberst finster, „und wirst deinen Lohn durch Henkershand sogleich erhalten. Dein Blut soll das Blut, das du meuchlings vergossen hast, auswaschen. Der Pfarrer soll sagen, auf welche Weife ich ihm Genugtuung geben kann: ich bin bereit, sie zu leisten, wenn ich vermag."
Der Pfarrer kam während dieser Worte tote aus eurem Krampfe zu sich; seine Hände, die den Schuldigen an der Brust gepackt hielten, lösten sich auf, er ging wankenden Schrittes zu dem Leichnam seiner Tochter hinüber, kniete neben ihr und brach in Tränen aus. __ . . ,
Mit gerunzelter Stirn blickte der Oberst zu Boden, und gab ein Zeichen, datz der Leutnant, dem die Hände bereits gebunden waren, abgeführt werde. Wie er dann das verwaiste Kind be-- mertte, mit dem sich' ein paar Bäuerinnen beschäftigten, betrachtete er es, dachte ein wenig nach und wandte sich zu dem Pfarrer. Wenn es ihm recht fei, sagte er, so wolle er das kleine Mädchen mitnehmen und zu Hause mit seinen eigenen Kindern aufziehen lassen, datz es einmal eine reiche und vornehme Dame würde. _ „ , , ,, .
Der Pfarrer stand auf, legte die Hand auf den blonden Kinderkopf und sagte, das könne nicht sein. Gott habe ihm das Kind anvertraut, es solle lieber bei ihm ein Bettelkind werden, als ein Fürstenkind anderswo.
Das sei wunderlich geredet, sagte der Oberst unzufriedmt. So möge der Pfarrer denn gestatten, datz er dem Kinde ein Schmuckstück hinterliehe, zum Andenken und auch zur Butze; und er löste dabei eine goldene Kette mit einem Anhänger von der Brust, auf dem ein Bild der Mutter Maria in Schmelz gegossen war. Der Pfarrer war im Begriff, die Gabe unwillig zurückzuweifen, allein als er das Kind mit Lachen danach haschen sah, besann er sich und lieh es schweigend geschehen, datz der Oberst das Gehänge um den kleinen Leib wand.
Da sich gleichzeitig alle Blicke dahin wendeten, wo eben der Mörder zur Hinrichtung geführt wurde, stieg dem Pfarrer das Blut ins Gesicht, und er wandte sich hastig an den Obersten mit der Bitte, den Delinquenten loszulassen, er habe ferne Aach« Gott geopfert und wolle seinen Tod nicht mehr.
Das gehe nicht an, erwiderte der Oberst, er könne einen Bösewicht nicht beim braven Soldaten stehen lassen, das fei ein schlechtes Exempel, und Strafe müsse sein. r
Es sei Ostern und Frieden, sagte der Pfarrer, seit drechig Jähren zum ersten Male Frieden. Leider fei der holdselige Tag mit Blut befleckt worden, das mühten sie sühnen, es geschehe aber nicht mehr durch Blut. Der Schuldige solle zusehen, wie er feine Seele rettete. ,, ,
Mit sichtlichem Widerwillen gab der Oberst endlich nach; er tue es ungern, sagte er, und nur, um dem Pfarrer seinen guten Willen zu beweisen. ~
Der Pfarrer dankte und wies die Dauern an, numnehr den Kirchhof ein wenig zu säubern, damit er den Gottesdienst vollenden und ihnen das Abendmahl reichen könne; den Obersten: lud er ein, mit den ©einigen daran teil zu nehmen. Aach einigem Zögern sagte der Oberst, sie wären meistenteils Katholiken und stehe es ihnen fast nicht zu, einer evangelischen Oft et feier bei» ziiwohnen; man könne es aber zu dieser Zeit und bei Bieter Gelegenheit so genau nicht nehmen, und zum Zeichen des endlich aufgerichteten Friedens willigte er ein.
Es war inzwischen Abend geworden, und der weiche Himmel bog sich über das dämmernde Hügelland, wie ein Strauch voll weißer Aosen über ein Grab. Der Tisch wurde wieder hergerichtet, und für den verschütteten Wein wurde Wasser gebracht. Dergleichen Abendmahl habe er noch nie gesehen, fuhr es dem Obersten heraus, der den Vorbereitungen staunend zusah; es sckeine mehr für Vieh als für Christenmenschen zu passen.
Als Christus auferstanden war," sagte der Pfarrer, wahrend" er das Brot sorgsam von der Erde reinigte, „hatte er ein fremdes Antlitz, und seine Jünger erkannten ihn nicht.
Der Oberst verstand nicht, schwieg aber, und als alle versammelt waren, nahm er seinen Federnhut ab, richtete einen befehlenden Blick auf seine Soldaten und kniete nieder, worauf alle seinem Beispiel folgten. Das Stückchen Brot, das der Pfarrer ihm, als dem ersten, reichte, würgte er folgsam, wenn auch nicht ohne Widerwillen, herunter. r ,
Als die stille Zeremonie beendet war, brach die Aacht bereut Wie wenn Chorknaben die Aauchgefätze schwingen und duftendes Gewölk die Pfeiler des Domes verhüllt, wogte es wett um die Verschwimmcnden Trümmer der zerstörten Kirche, um die Grav- kreuze und die knieenden Menschen. „Siehe, es ist alles neu geworden," sagte der Pfarrer, nachdem er den Segen ^jrocbcn hatte. Alle blieben noch eine Weile mit gesenktem Kopfe dann standen sie von der feuchten Erde auf, und die Soldaten blickten wartend auf den Obersten. „Aufsitzen! kommandierto der, „weiter!" worauf sie nach ihren Pferden eilten und rn schnellem Trabe aus dem Dorfe ritten. Der Pfarrer lud sein totes Kind auf den Arm und verließ an der Spitz« feiner Gemeinde festest Schrittes den Totenacker.
das Dorf zusprengen. Sie hätten Doch ihre Hauser gut verschlossen? wandte sich der Pfarrer an die Bauern. Diese bejahten, fetzten aber besorgt hinzu, Soldaten pflegen überall eine ~ur zu finden, wenn sie etwas suchten. Der Frieden sei ja verkündigt, sagte der Pfarrer beschwichtigend; blickte aber doch scharf nach den Reitern, unentschlossen, ob er den Gottesdienst weiterfuhren sollte. Unterdessen hatten die Soldaten vergeblich an euugen Türen gerüttelt, und kamen, als sie die Versammlung gewahr wurden, auf den Gottesacker.
Ihr Anführer, ein junger Mensch, sprang vom Pferde, näherte sich dem Pfarrer und sagte, er sei beauftragt, >n diesem Orte eine Kontribution von 10-00 Talern zu erheben; der Pfarrer sollte das Geld zusammenbringen und inzwischen solle em Essen hergerichtet und ihren Pferden Futter gegeben werden.
Das könne nicht an dem sein, entgegnete der Pfarrer; es sei ja Frieden, die Plackerei habe ein Ende. Brot und Hafer für die Pferde würden sie aus christlichem Mitleid und gegen B^ zahlung hergeben, zu mehrerem wären sie nicht verpflichtet und vorher wolle er den Gottesdienst zu Ende bringen.
Für wen der Pfarrer sie hielte, erwiderte der Leutnant gereizt. Sie wären 'keine Herde Schafe, sondern Soldaten. Sie pflegten nicht zuzuhören, sondern predigten selbst, und wer ihr erstes Wort nicht verstünde, dem hieben sie das zweite mit Dem Schwert in den Kopf.
Da er mit dieser Drohung feinen Eindruck auf den Pfarrer machte, wurde er zornig,, packte plötzlich die Tochter des Pfarrers am Arm und erklärte, sie als Geisel behalten zu wollen bis das Geld herbeigeschafft wäre. Die junge Frau wollte sich unwillkürlich zur Mehr setzen, aber da sie das kleine Kind auf dem Arme trug, das leicht hätte verletzt werden können, warf sie einen Hilfe flehenden Blick auf ihren Vater. Im ersten Augenblick zuckte die Hand des Pfarrers nach dem Messer, Da8 er im Gürtel trug; angesichts der vielen Bewaffneten jedoch beharrschte er sich und bat den Anführer, eingedenk zu sein, datz sie alle Brüder waren, und ihm seine Tochter mit ihrem Kinde heraus- zugeben; er sei bereit, zu versuchen, ob er das Geld oder einen Teil davon in dem nächsten Dorfe zusammenbetteln könne.
„Du böser, ketzerischer Lutherpfaff," sagte der junge Mann, „obwohl du verdienstest, datz ich dich am nächsten Baume aufhängte, will ich gnädig sein und dir die Dirne herausgckem wenn du mir das Geld schaffst; aber nicht eher." Hierauf entschloß sich der Pfarrer, das Unwahrscheinliche zu wagen, empfahl Den Bauern seine Tochter und machte sich auf den Weg.
Als er nach mehreren Stunden zurückkam, war der Kirchhof voll Geschrei und Getümmel. Eine Frau kam dem erschreckten Pfarrer entgegengelaufen und berichtete, der Leutnant habe seine Tochter erstochen, sie liege in ihrem Blute und bald wurden sie alle miteinander 'des Todes sein. In einem Satze war der Pfarrer zwischen den Kämpfenden, schrie nach seinem Kinde und warf sich, da sie unwillkürlich Raum gaben, auf den noch atmenden, über einen Grabhügel hingestreckten Körper. Aach einer Minute jedoch sprang er wieder auf und rief mit starker Stimme: „Herrgott bist du wahrhaftig Gott der Herr, so rache deinen -Knecht an diesem Mörder!" Dann stürzte er sich, das Messer aus dem Gürtel reißend, mitten in den Hausen. Dem Dauern war es zumute, als sei ein Engel vom Himmel gefahren, um ihnen beizustehen; sie drängten mit verdoppeltem Nachdrucks auf Den Leutnant ein, Der von Dem Anprall Das Gleichgewicyt verlor und umfiel. Während Männer und Frauen sich gegen die Soldaten stemmten, kniete Der Pfarrer auf Der Brust des Mörders. „Du Abtrünniger von Gott!" rief er, „Du Judas! Du Judas! Der Herr, Den du verraten hast, hat sich in meine Hande gegeben, Jetzt werde ich dir das bübische Herz aus dem Leibe reitzm und es auf den Mist Wersen, daß die Schweine es mit ihrem Rüssel umwühlen und es fressen. Wimmere du jetzt um Gn^>e! Mir ist es nicht genug, dich wimmern zu hören, ich will dich röcheln und nach Luft schnappen hören. Ja, Gott Der Herr wird mir geriugtun und mich in Ewigkeit Dein Jammergeschrei aus Der Hölle hören lassen. Mein Kind wird seinen Engelsleib auf Laubenflügeln schwingen, während dein verfluchtes Fleisch sich unter feurigen Martern krümmt, ohne je zu vergehen."
Solche Worte schrie der Pfarrer, über den sich windenden Mann gebeugt, halb besinnungslos vor Wut, heraus, als er plötzlich in jäh entstehende Stille hinein eine laute Stimme hörte und, sich umwendend, einen reich gekleideten Offizier sah, Der mit hochgezogenen Brauen, den blanken Degen in Der Hand, neben ihm stand. Es war der Oberst, zu dessen Regiment der Leutnant gehörte, und dessen unerwartetes Erscheinen den Aufruhr mit einem Male stillte.
Er wolle die Sache untersuchen, sagte er, da von allen Seiten auf ihn eingeredet wurde; der Pfarrer möge den Leutnant einstweilen loslassen, sei er schuldig, wolle er, der Oberst, ihn nach Gebühr bestrafen.
Der Pfarrer schüttelte den Kopf. Den Wolf, der sein liebes Kind erwürgt habe, wolle er selbst toten; in seine Hand habe ihn Gott gegeben.
Unterdessen hatte sich Der Knäuel der Streitenden völlig gelöst, so datz der Oberst des erstarrten Körpers der getöteten! Frau ansichtig wurde. Der Täter, der fein Gesicht sich verfinstern sah, richtete sich unter des Pfarrers nachlassenden Fäusten ein


