Gietzener MmMenblStter
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang (925 Samstag, Sen ((. April Nummer 29
Ofterglaube.
Von Kurt Joachim Baum.
Plötzlich fielen Wölken vom Himmel.
Phosphoreszierende Kugeln zerklirrten im Chaos.
Heber Berge stolpernd, brüllten Orkane. Welten versanken, — die Sonne erlosch.
Menschen im Tale stürzten entsetzt in ächzende Hütten, Höllen- brände in faulenden Knochen.
Schaumüberworfen stierte das Vieh.
And der Statur welkte die Blüte ins Grab.
Einer nur stand.
Mutig die Stirn den Gewalten entbietend, sah er hinauf an der dampfenden Erde, hinein in den ringenden Aether, suchte und fand. And er begann zu wandern.
Schatten umgeiftert,
durch die verschlungenen Pfade der Stacht, irrlichiernden Sümpfen entbrechend, über Vulkane, blutend von Lava, Felsen von Erz, die zu Sand zerfielen, vorbei an schillernden Regenbögen ■- 1
und glotzenden Götzen, behangen mit Beulen der Pest, auf rostigen Dornen schwankend hin über Klüfte, mit frierenden Wunden über kristallene Gletscher, —
siegte der Glaube sich hin in den Frühling, wölbte er, groß, sich empor, den Gipfel der Menschheit erwandernd.
Höher und höher stieg er hinan, mehr schon getragen kam nun der Gipfel zu ihm,
And die Gesichte verloren das Grauen, Rebel erblühten zu knospenden Sternen und die kristallenen Gletscher zu tanzenden Monden, Rosen entsprossen den dornigen Ranken, und Smaragde den Regenbögen, die glotzenden Schädel der Götzen zerplatzten, und Blitze erstarrten zu goldenen Stufen bis in den Gipfel. —
Dort aber stand er und lauschte. Sah die entzauberte Welt, sah den unendlichen Frühling, sah offenbart die erlöste Statur, hörte ein Jubeln von Geigen und Flöten und von Fanfaren und Zimbeln und Pauken, Chöre der Seligen schwangen sich auf, nah und näher schwoll es hinan, Glocken mischten sich zum Gesang und immer höher stieg der Dom der Töne, — und dann ergoß ein Ozean von Hymnen sich zum Licht, ein Fluten und ein Brausen brach hervor der Sphärenorgel, die ins Weltall ragt. —
Da riß es ihn empor und seine Arme ausbreitend stand er da: ein Kreuz am Gipfel.
And sang die Botschaft in die Welt:
Auferstanden ist CHRIST, der Erlöser!
gu Nazareth.
Von Selma Lagerlöf
Als Jesus erst fünf Jahre alt war, saß er einmal auf der Schwelle vor seines Vaters Werkstatt und war damit beschäftigt, Tonkuckucke anzufertigen, die er aus einem Klumpen geschmeidigen Tons knetete ,den er von dem gegenüber wohnenden Töpfer erhalten hatte.
Er war so glücklich wie niemals zuvor, denn alle Kinder dieses Stadtviertels hatten Jesus erzählt, daß der Töpfer ein sehr unfreundlicher Mann wäre, der sich weder durch flehende Blicke, noch durch süße Worte etwas abschmeicheln ließe, und er hatte niemals gewagt, ihm eine Ditte vorzutragen. Aber siehe da, er wußte kaum, wie es zugegangen war! Er hatte nur auf feiner Treppe gestanden und voll Sehnsucht dem Rachbar zu- geschaut, wie er an seinen Formen arbeitete, da war dieser auch schon ans seiner Werkstatt getreten und hatte ihm so viel Ton geschenkt, daß man davon einen großen Weinkrug hatte an- fertigen können.
Auf der Treppe vor dem nächsten Hause saß Judas, der häßlich und rothaarig war, sein Gesicht zeigte blaue Flecke und die Kleider waren voller Risse, die hatte er sich bei seinen ständigen Kämpfen und Balgereien mit den Straßenjungen geholt.
Für den Augenblick verhielt er sich jedoch ruhig, er ärgerte niemanden und balgte sich mit keinem herum, sondern beschäftigte sich, ganz wie Jesus, mit einem Stück Ton.
Allerdings hatte er sich den nicht selber verschaffen können: Er wagte kaum, sich dem Töpfer auch nur zu zeigen, denn dieser beklagte sich stets darüber, daß Judas Steine nach feinen zerbrechlichen Waren zu werfen pflege, und er hatte ihn sicher mit Stvckprügeln weggejagt: Jesus aber hatte seinen Vorrat mit ihm geteilt.
Alle fertig gekneteten Tonkuckucke stellten die beiden Kinder im Kreise vor sich auf. Sie sahen so aus, wie Tonkuckucke zu allen Zeiten ausgesehen haben: An Stelle der Füße hatten sie einen großen runden Klumpen, um darauf zu steh'n, sie hatten kurze Schwänze, keinen Hals und kaum erkennbare Flügel.
Aber jedenfalls zeigte sich sofort ein Anterschied in der Arbeit der kleinen Gefährten.
Die Vögel des Judas waren so schief, daß sie immer wieder ' umkippten, und wie eifrig er auch mit seinen kleinen, harten Fingern daran herumknetete, vermochte er es nicht, ihre Körper niedlich und Wohlgestalt zu machen. Zuweilen blickte er verstohlen nach Jesus hin, um zu sehen, wie er es fertig brachte, feine» Vögel so gleichmäßig und glatt zu formen tote die Eichenblätter in den Wäldern auf dem Berge Tabor.
Je mehr Vögel Jesus anfertigte, desto glücklicher wurde er. Einer erschien ihm immer schöner als der andere, und er betrachtete sie alle voll Stolz und Liebe. Sie sollten seine Spielgenossen werden, seine kleinen Geschwister, sie sollten in feinem Bettchen schlafen, ihm Gesellschaft leisten, ihm in Abwesenheit seiner Mutter ihre Lieder Vorsingen.
Riemals hatte er sich so reich geglaubt, nie würde er sich mehr einsam und verlassen fühlen können.
Der hochgewachsene Wasserträger schritt gebeugt unter seinem schweren Wasserschlauch vorüber, und gleich hinter ihm her kam der Gemüsehändler, .der schaukelnd auf dem Rücken seines Esels faß, mitten zwischen den großen, teeren Weidenkörben. Der Wasserträger legte seine Hand auf Jesus' hellockiges Köpfchen und fragte ihn nach feinen Vögeln. Jesus aber erzählte ihm, daß sie Siamen hätten, und fingen könnten. Alle feine kleinen Vögel seien aus fremden Ländern zu ihm hergeflogen, und sie berichtetet ihm allerlei, wovon nur sie und er etwas wüßten. And Jesus redete so, daß der Wasserträger und der Gemüsehändler eine ganze Weile ihrer Arbeit gar nicht gedachten, um ihm zu lauschen.
Als sie aber weiterziehen wollten, wies Jesus auf Judas:
„Seht, wie schöne Vögel Judas macht!"
Da hielt der Gemüsehändler gutmütig seinen Esel an und fragte Judas, ob auch seine Vögel Rainen hätten und singen könnten.
Judas aber wußte nichts darüber zu sagen. Er schwieg beharrlich und hob den Blick nicht von feiner Arbeit, und der Gemüsehändler zertrat ärgerlich einen seiner Vögel und ritt weiter.
And so verging der Rachmittag. Die Sonne sank tief hinab, und ihr Schein drang durch das niedrige Stadttor, das sich, mit einem römischen Adler geschmückt, am Ende der Gasse erhob.
Dieser Sonnenschein, der mit dem sinkenden Tage kam, war ganz rosenrot: und als sei er mit Blut vermischt, verlieh er seine Farbe allem, was ihm in den Weg tarn, während er die schmale Gasse durchzitterte. Er malte sowohl des Töpfers Krug als auch die Holzbvhle, die unter des Zimmermanns Säge knirschte, und das weiße Schleiertuch, das Marias Antlitz umrahmte.
Jedoch am allerschönsten schimmerte der Sonnenschein in den kleinen Wasserpfühen, die sich zwischen den großen ungleichen Steinfliesen des Straßenpflasters angesanmrelt hatten. And ganz plötzlich steckte Jesus seine kleine Hand in die ihm zunächst liegende Wasserlache.
Es kam ihm eben in den Sinn, daß er seine grauen Vögelchen mit dem funkelnden Sonnenschein anmalen möchte, der dem Wasser, den Häusernlauern, ja, allem ringsumher so schöne Farben verliehen hatte.
Da machte sich der Sonnenschein ein wahres Vergnügen daraus, sich wie Farbe aus einem Malertiegel herausholen zu lassen, und als Jesus die kleinen Tonvögelchön damit bestrich, blieb er ruhig darauf liegen und hüllte sie von Kopf bis Fuß in diamantenähnlichen Glanz.


