Ausgabe 
10.11.1925
 
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Frau Stemma brütete mit finsteren Blicken. Samt sprach sie: Foltere mich nicht! Auch wenn ich wollte, dürfte ich nicht. Dieser wegen!" und sie deutete auf ihr Gebiet.Würde (aut und offenbar, das; hier während langer Jahre Sünde Sünde gerichtet hat, irre würden tausend Gewissen und unterginge der Glaube an die Gerechtigkeit! Palma! Du muht schweigen!"

So will ich schweigen!"

Du bist meine tapfere Palma!" und die Richterin schloß ihr den Mund mit einem Kusse.2lber Kind, Kind, wie wird dir?" Palmas Augen waren brechend und das Herz klopfte ihr kaum unter der tastenden Hand der Mutter. Diese bettete die halbentseelte und eilte verzweifelnd in die Burg zurück.

Sie kam wieher mit einer Schale Wein und einem Stücklein Brot. Sie kniete sich nieder, brach und tunkte den Bissen und bot ihn der Entkräfteten. Diese wandte sich ab.

Da bat un6 flehte die Richterin:Rimm, Kind, deiner Mutter zuliebe!" Jetzt wollte Palma gehorchen und öffnete den entfärbten Mund, doch er versagte den Dienst.

Stemma sah eine Sterbende. Da starb auch sie. Ihr Herz stand stille. Ein Lodeskramps verzog ihr das Antlitz. Eine Weile kniete sie starr und steinern. Dann verklärte sich das Antlitz der Richterin und ein Schauer der Reinheit badet« sie vom Haupt zur Sohle.

Palina, "sagte sie zärtlich und dieser warme Klang hob die Lider des Kindes,Palma, was meinst du? Ich lade den Kaiser ein nach Malmort. Wir treten vor ihn Hand in Hand, wir bekennen und er richtet." Da freuten sich die Augen PalmaS und ihre Pulse schlugen.

Rimm den Bissen", sagte die Richterin, und speiste und tränkte ihr Kind.

Sie führte die Reubrlebte in den Hof zurück. In der Mitte desselben stand Rudio, noch leuchend vom Ritte.Heil und Ruhm dir, Herrin!" frohlockte er.Ich melde den Kaiser! Der Höchste sucht dich heim! Er naht! Er zieht mächtig heran und mit ihm ganz RDien!"

Dafür sei er gepriesen!" antwortete die Richterin. »Komm, Kind, wir wollen uns schmücken!"

Da Kaiser Karl mit aller» Volke de» Durgweg erstiegen hatte, hieß er Gesinde und Gefolge vor der» Tove zurückbleiben und betrat allein den Hof von Malmort. Stemma und Palma standen irr weihen Gewändern. Die Richterin schritt dem Herrscher entgegen und bog das Knie. Palma hinter ihr tat desgleichen. Karl hob die Richterin von der Erde und sagte:Mr bist die Frau von Malmort. Ich habe deine Botschaft empfangen und bin da, Ordnung zu schaffen, wie du gefordert hast. Hier ist Freiheit in Frevel und Kraft in Willkür entartet. Ich will diesem Gebirge einen Grafen setzen. Weiht du mir den Mann?"

Ich weih ihn", antwortete die Richterin.Es ist Wulfrin, Sohn Wulfs, dein Höfling, ein treuer und tapferer Mann, zwar noch leichtgläubig und unerfahren, doch die Jahve reifen."

Ich führe ihn mit mir," sprach der Kaiser,aber als einen, der sich selbst antlagt und dein Gericht begehrt, sich so grohen Frevels anklagt, daß ich nicht daran glauben mag. Frau, heute ist mir unter diesem leuchtenden Berghimmel ein Zeichen begegnet. Vor deiner Burg hat mein Roh an einer Toten gescheut, die mitten im Wege lag. Ich lieh sie aufheben. Es ist deine Eigene. Sie harrt vor der Schwelle."

Er dämpfte seine Stimme:Frau, was verbirgt Malmort? Wärest du eine andere, als die du scheinest, und stündest du über einem begrabenen Frevel, so wäre deine Wage falsch und dein Gericht eine Ungerechtigkeit. Lange Jahre hast du hier rühmlich gewaltet. Gib dich in meine Hände. Mein ist die Gnade. Oder getraust int dich, Wulfrin zu richten?"

Herr," antwortete sie,ich werde ihn und mich richten unter deinen Augen nach der Gerechtigkeit."

Karl betrachtete sie erstaunt. Sie leuchtete, von Wahrheit. So walte deines Amtes", sagte er.

Dann ging er auf das kniende Mädchen zu.Palma novellal" sagte er und hob sie zu sich empor. Sie blickte ihn an mit fehlenden und vertrauenden Augen und sein Herz wurde gerührt.

Rudio," gebot die Richterin,bringe Faustinen her!" Der Kastellmr gehorchte und trug die Bürd« herbei, die er an den Grabstein lehnte,jetzt tue auf das Tor und öffne weit! Alles Volk tret« ein und sehe und höre!"

Da wälzte sich der Strom durch die Pforte und füllte den Raum. Die Höflinge scharten sich um den Kaiser, Alcuin und Graciosus unter ihnen, während die Menge Kopf an Kopf stand und selbst Tor und Mauer erklomm, ein dichter und schweigen­der Kreis, in dessen Mitte die Gestalt des Kaisers ragte, in langem blauem Mantel, mit strahlenden Augen. Reben ihm Stemma und ihr Kind. Vor den Dreie» stand Wulfrin und

sprach, den Blick fest und ungeteilt auf Stemma geheftet:Jetzt richte mich!"

Gedulde dich!" sagte sie.Erst rede ich von Dieser," und sie wies auf di« entseelt« Faustine, die mit gebrochenen Augen und hangenden Armen an der Gruft sah.

Räter," sprach sie und es wurde di« tiefste Stille,ihr kennet Jene dort! Sie hat unter euch gewandelt als eine Recht­schaffene, wofür ihr sie hieltet. Run ist ihr Mund verschlossen, sonst riese sie: Ihr irret euch in mir! Ich bin eine Sündeistn. Ich, di« das Kind eines anderen im Schoße barg, habe den Mann gemordet."

Frau," schrie Wulfrin ungeduldig,was bedeutet di«Wagd! Mich laß reden, meinen Frevel richte, damit ein Ende werde!"

Run denn! Aber zuerst, Wulfrin nicht währ, weiM diese hier'' sie zeigte auf Palmanicht da» Kind deines Vaters, nicht deine Schwester, sondern eine andere und Fremde wäre, dein Frevel zerfiele in sich selbst?"

Frau, Frau!" stammelte er,

Kaiser und Räter," rief Stemma mit gewaltiger Stimm«, ich habe getan wie Faustine. Auch ich war das Weib eines Toten! Auch ich habe den Gatten ermordet! Die Herrin ist wie die Eigene. Hört! Richt ein Tropfen Blutes ist diesen Zweien gemeinsam!" Sie streckte den Arm scheidend zwischen Wulfrin und Palma.Hört! hört! Kein Tropfen gleichen Blutes fließt in diesem Mann und in diesem Weibe! Zweifelt ihr? Ich stelle euch einen Zeugen. Palma novella, das Kind Dtemmas und Peregrins des Klerikers, das das Geheimnis meiner Tat be­lauscht. Sie glaubt daran und stirbt darauf, daß ich wahr rede. Gib Zeugnis, Palma!"

Aller Augen richteten sich auf das Mädchen, das mit ge­senktem Haupte dastand. Palma betont« die Lippen.

Lauter!" befahl die Richterin.

Jetzt sprach Palma hörbar den Bers der Messe:Concepft in iuiquitatibus me mater mea ..."

Da glaubte das Volk und entsetzte sich und stürzte aut die Knie und murmelte:Miserere mei! Wulfrin streckte die Arme und rief gen Himmel:Ich danke dir, daß ich nicht gefrevelt habe!" Karl aber trat zu Palma und hüllte sie in seinen Mantel.

Run richt« du, Kaiser!" sprach Stemma.

Richte dich selbst!" antwortet« Karl.

Richt ich "sagte sie, wendete sich zu dem Botte und rief: Gottesurteil! Wollt ihr Gottesurteil?" ,

Es redete, es rief, es dröhnteGottesurteil!"

Da sprach die Richterin feierlich:Erstorbenes Gift, erstor­bene Tat! Lebendige Tat, lebendiges Gift!" und hatte dm Kristall aus dem Dusen gehoben und geleert.

Ein« Weil« stand sie, dann tat sie einen Schritt und euren zweiten wankenden gegen Wulfrin.Sei stark!" seufzte lste und brach zusammen. Audio neigte sich über di« Tote, hob sie auf feine Arme und trug sie zu Faustinen. Dort saß st« am Grabe, di« Hörige, aber neigte sich und legte das Antlitz in den Schoß der Hewün.

Jetzt enthüllte der Kaiser das Mädchen, das einen jammer­voll«» Blick nach der Mutter warf, faltete die Hände und gebot: Oremus pro magna peccatrice! Alles Volk betete.

Dann sagte er mit milder Stimm«:Was wird aus diesem Kinde? Ich ziehe nicht, bis ich es weiß. Wie rätst du, Alcuin!"

Sie tue di« Gelübde!" riet der Abt.

Ehe sie gelebt hat," schrie Wulfrin angstvoll.

Dann weiß ich ein anderes. Graciosus" der Abt hielt ihn an der HandDieser hier, ein frommer Jüngling, hat ein Wohlgefallen an der Aermsten"

Herr Abt," unterbrach ihn der aufgeregte Gnade irreich, das geht über Menschenkraft. Mir graut vor dem Kinde der Mörderin. Alle guten Geister lobe» Gott den Herrn!"

Wulftin sprang in die Mitte.Kaiser und ihr alle," rief er,mein ist Palma novella!"

Da redete Karl:Sohn Wulfs, du freiest das Kind feiner Mörderin? äleberwindest du di« Dämonen?"

Ich ersticke sie in meinen Armen! Hilf, Kaiser, daß ich sie überwälttge!"

Karl hieß das Mädchen knien und legte ihr di« Hände auf das Haupt.Waise! Ich bin dir an Vaters Statt! Begrabe, die deine Mutter war! Dieser folge mir ins Feld! Gott ent­scheide! Kehrt er zurück und stößt er ins Horn, so freue dich, Palma novella, füll« den Becher und vollende den Spruch! Dann entzündet Rudio di« Drautfackel und schleudert sie in das Gebälks von Malmort."

SchrMsitung: Dr. Friedr. Wilh. Lange. Druck und Verlag der Brühl'schen Aniv.-Buch- und Steindruckerei, A. Lange, Gießen.