Ausgabe 
10.11.1925
 
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Gießener Zamilienblätter

Unterhaltungsbeilage zum Lietzener Anzeiger

Jahrganges Dienstag, den lO. November Nummer 90

Regenstunde.

Von Anton Schnack.

Daß ich müde wand nnd ganz Vertratet, Ach, der Regen rauscht so schwer vom Dach, Diese Stunde nimmt kein Ende, dauert.

Schwarzes Dunkel kommt in das Gemach.

Ich bedenke nichts, ich kann nur träume» Lind im Träumen ganz versunken sein, Oder in den wurmzerfvess'nen Truhen räumen, Rach vergilbtem Tand und altem Elfenbein.

Immer hör' ich, wie der Garten rauscht .Unterm Regen und verschlaf'nen Wind, Keiner sitzt bei mir, der mit mir lauscht, Keine Mutter, kein verstörtes Kind.

Ging die Türe? Wer soll sie betreten!

Ging das Tor? Von wessen Hand berührt?! Unter feinem grauen Stein find Kröten Und die Spinnen, scheu und aufgestürt.

Schlürft ein Schritt im dunklen Riessugange, Keiner fände sich jedoch zurecht:

Denn die Mibe Dunkelheit ist lange. Und die Stufen find vermorscht und schiech.

Weht ein Atem? Ach. es ist nur Wind, Der mit kaltem Zuge durch die Türe pfeift. Wie es nächtigt! Wie es trostlos rinnt Und mit Schwemmt grausam nach mir greift...

Dis Flugbahnen der Wildgänse am 8. Oktober 1925.

Don Prof. Dr. R. S o m m e r, Geh. Medizinalrat in Gießen.

' Die Frage, in welcher Weise die Zugvögel, trotz riesiger Entfernungen, ihr Ziel erreichen, ist eine der schwierigsten in der Tierpsychologie. Manchmal wird allerdings angenommen, daß es sich dabei gar nicht um ein p s h ch o l o g i s ch e s Problem handele, daß die Tiere vielmehr durch eine Art magnetischer Kraft in der Richtung der Endstelle hingezogen werden. Es sprechen jedoch viele Ueberlegungen und Beobachtungen hiergegen. Daher muß un­befangen erforscht werden, 1. welche Ursachen und Emp­find u n g e n den Trieb zum Fortfliegen in bestimmtenJahres-- zeiten auslösen, 2. welche Momente dabei die Richtung be­stimmen, 3. ob außer Empfindungen und Antrieben auch Erinnerungen und Vorstellungen bei dem Finden des richtigen Weges beteiligt sind.

Für die Behandlung dieser Fragen bietet die Gegend von Gießen eine ausgezeichnete Beobachtungsstelle, weil über sie offenbar int Frühjahr und Herbst eine Flugbahn der Wildgänse Hinwsggeht. Bei den Beobachtungen muß man einerseits Wild- gqnse, andererseits Kraniche unterscheiden, wobei ich auf Brehms Tierleben, Kleine Ausgabe, III. Band, Neudruck S. 94 und 95 (Grau- und Saatgänse) und S. 228 (Kraniche) verweise. Als Laute der Wildgänse sind von Brehm angegebenGahkah- kakgak", fernerGihkgack", fernerTattattattattat", als Ausdruck der FreudeTang", als Ausdruck des Schreckens das lang- gezogeneKähkahkakkahkak, kakakakähkäk". Als Laute der Kraniche sind Seite 230Gru", woher der lateinische Name Grus kommt, sowieKurr" oderKürr" genannt. Aus den Lauten lassen sich nach den mitgeteilten Beobachtungen auch, wenn die Tiere gar nicht gesehen worden sind, Wildgänse und Kraniche leicht unter­scheiden. Die Wildgänse, nach Brehm Seite 94, gleich Graugans, Stamm», März- oder Heckgans, wird in unserer Gegend, wie ich aus den Einsendungen ersehe, bis ins Saarqebiet Schnee­gans genannt, während dieser Name zoologisch, nach Brehm, auf eine nordamerikanische und nordostasiatische Art eingeschränkt ist (Brehm Seite 96, Chen hyperboreus).

Da der deutsche Name Schneegans vermutlich damit zusam- menhängt, daß das Erscheinen der Tiere im Herbst das baldige Auftreten von Schnee andeutet, kann kaum ein Irrtum entstehen, wenn man den Namen, entsprechend der Volkssprache, auch auf die Wildgänse, die durch Deuischland ziehen, anwendet.

Für diese Tiere muß der 8. Oktober ein kritischer Tag erster Ordnung gewesen fein, da sie nach dem Urteil vieler Beobachter feit Menschengedenken nicht an einem Tag in so großen Scharen ausgetreten sind. Daher habe ich versucht, die Besonderheiten

dieser Naturerscheinung durch eine Ämfrage auszuklären, die zuerst imGießener Anzeiger" am 19. Oktober, sodann in einer größeren Zahl von Zeitungen zwischen Weser und Mittelrhein (Bremen, Kassel, Melsungen, Hersfeld, Marburg a. d. L., Koblenz. Mainz, Darmstadt) gedruckt worden ist. Die Wirkung dieser Notiz war und ist eine ganz erstaunliche, da ich aus dem ganzen Gebiet von der Weser, besonders aus der Kasseler Gegend, bis nach dem südlichen Rheinhessen hinunter eine große Zahl (bisher ca. 150) sehr wertvoller Nachrichten erhalten habe. Es geht daraus hervor, daß an dem genannten Tage durch das erwähnte Gebiet eine riesige Menge von Wildgänsen, oft in mehrfachen Ge­schwadern, im allgemeinen in der Richtung von Ost-Nordost nach West-Südwest, manchmal auch in rein ostwestlicher Richtung, ge­flogen ist. Es handelt sich also nicht um einen von Nord- Nordost nach Süd-Südwest ziehenden Schwarm, sondern um eine ganze Armee in einzelnen Kolonnen, die mit dem rechten Wügel die Gegend von Kassel, mit dem linken den Odenwald und das südliche Rheinhessen überflogen hat. Möglicherweise ist die nörd­liche und südliche Ausdehnung noch größer, indem vielleicht die vorher bezeichnete Breite nur auf dem bisherigen Mangel an Nachrichten über die Gebiete nördlich und südlich der genannten Grenzen beruht. Dies ist unterdessen durch Nachrichten aus dem Diemeltal und Pyrmont sowie aus dem südlichen Harz bestätigt worden. Allerdings habe ich auch einige Nachrichten aus der Gegend von Bremen, aber die Zahl der Züge und der Tiere in diesem Gebiet scheint zu der genannten Zeit auffallend gering gegenüber dem Massenflug im Gebiet zwischen der Fulda und dem Mittelrhein. Dadurch gewinnt eine genauere Untersuchung der Flugbahn itnb der Einzelheiten bei den großen Schwärmen, die am 8. Oktober Gießen überflogen haben, eine mehr allge­meine Bedeutung.

Schon vor meiner Anfrage in der Zeitung war bekannt, daß die großen Züge am 8. Oktober gegen Abend aus dem Busecker- tal gekommen sind. Ich erfuhr alsbald, daß sie über Rödgen nach Gießen zu geflogen waren, jedoch war der genaue Weg unbe­kannt. Hier setzten zwei sich ergänzende Beobachtungen ein. Die erste stammt von Herrn Regierungsbaurat M. in G. und zeichnet sich durch genaue Angaben über Flugrichtung und Formation der Keile mit einer beigegebenen Skizze aus. Danach sind die Schwärme aus der Richtung zwischen dem Flughafen und dem Rödgener Weg gekommen, haben östlich vom Trieb die Linie der Rödgener und der Grünberger Straße gekreuzt, wobei sie, vom Standpunkt des Beobachters auf dem Trieb, einen stumpfen Winkel nach rechts gemacht haben und sind dann quer über die Sicher Straße und nahe der Heil- und Pflegeanstalt über den Ausläufer des Schiffenberger Waldes geflogen. Hiermit deckt sich die Beobachtung von Frau R. in G., deren Standpunkt in dem Winkel zwischen Rödgener und Grünberger Straße war. Was die Formation betrifft, so waren, vom Trieb aus gesehen, zu dieser Zeit, ca. i/26 Ähr, bei Beginn der Beobachtung, sechs Keile vorhanden, die nach der erwähnten Mitteilung ihre Spitzen nacheinander auswechselten und dann in westlicher Richtung schwenkten. Es hat also zu dieser Zeit bei den Tieren ein sehr leb­hafter Wechsel der Formation stattgefunden, der die verschiedenen Angaben über die Zahl der Züge erklärt.

Hier fügt sich nun eine ganze Reihe von Beobachtungen aus dem östlichen Teil der Stadt, besonders aus dem Schiffenberger Tal, an. Danach sind die Schwärme vom sog. Nizza, d. h. dem Waldrand, zu dem der Schreiberweg hinführt, gekommen und haben die Schiffenberger Fahrstraße in der Richtung der Bän- üingerschen Fabrik überflogen. Hiermit stimmen die Beobach­tungen von Herrn W., Kr., H., E.. sowie Frau L. und Sch. aus G. völlig überein. Die genauesten Angaben machte Herr Studienassessor H. t G., der, auf ber Schiffenberger Straße zwischen dem Ausgang von Gießen und der Sandgrube, der Kveuzungsftelle der Vögel, mit der Schiffenberger Straße am nächsten stand. Er gibt als Zahl der Züge 5 über dem Stadtwald am Nizza an. Auch bei diesem Teil des Fluges tritt der For­mationswechsel noch stark hervor. Z. B. sagt Herr H.:Dabei wechselt die Zahl der Züge wiederholt, da Bereinigungen und Abtrennungen stattfinden. 3m allgemeinen treten drei starke Keile hervor." Es folgt nun eine Reihe von Beobachtungen aus dem Gebiet des Leihgesterner Weges uird der Schönen Aussicht bis 3um Aulwrg von Herrn B, 3., Z., sowie von Frau Sch. Ms Zahl der Formationen wird von Frau Sch., deren Standpunkt am Aulweg, Ecke Leihgesterner Weg war, bestimmt vier an­gegeben. Doch sind südlich von Gießen nur noch drei Keile ge­sehen worden. Es hat also zwischen dem Flugplatz und dem