— 324
rezitierte der Knabe, so berichtet die Schwester weiter, aus diesem Buch „Der Nibelungen Not", „Kaiser Karl und sein« Paladine", „Klein Noland" und Fallens „Schlacht am Morgarten". „Diese großzügige, farbige Berherrlichung von Freiheit und Daterland, von Kaiser und Reich", schreibt sie, „hatte es ihm angetan. Er war unbewußt ein kecker, stolzer Ghibellme und ein treu republikanischer Schweizer zugleich." Auch einer seiner Gymnasiallehrer, der später als hessischer Pfarrer bekannt gewordene Friedrich Hauptes, der offenbar von Einfluß auf die Gedankengänge des Knaben gewesen ist, muß hier erwähnt werden. Haupt mag es auch gewesen sein, von dem Conrad gelegentlich Dinzers Weihelied der Burschenschaft gehört hat, dessen Strophe „Das Band ist zerschnitten — war schwarz, rot und gold" er manchmal „wehmutsvoll vor sich hinsummte." Go darf man wohl behaupten, daß stlkehers bewußte Wendung zum Deutschtum in der Zeit der Huttendichtung nicht zum geringsten Teil aus dem Geist herrührt, aus dem 1815 die Deutsche Burschenschaft geboren ist: auS der Sehnsucht deutscher Männer und Jünglinge nach einem einigen freien Vaterland.
Während feiner langsamen, stillen Reisezeit hatte Meyer sich gemäß feiner Anlage mit vielen Stoffen aus der römischen Geschichte, der Zeit des Hohenstaufenkaisers und der Renaissance beschäftigt — vielleicht weil er dort die Kraftgestalten fand, die ihrn als das Gegenteil seiner eigenen Person erscheine« «rußten. All diese Pläne begannen in dem Maße zurückzutreten, wie Luther und die Reformatoren, auf die ihn zuerst der welsche Geschichtsschreiber Buftiemin hmgelenft hatte, des Dichters Aufmerksamkeit erregten. Entscheidenderen Einfluß scheint aber Rankes „Zeitalter der Reformation" ausgeübt zu habest. Diesem Werk verdankt er es, „daß ihm die Reformatoren und die deutschen Fürsten ihres Jahrhunderts persönlich näher und in klareren Zügen vor ihm standen als das früher ihn unwiderstehlich anziehende, mit romantischem Zauber umwobene deutsche Kaisertum des Mittelalters."
Don großer Bedeutung war ferner Meyers Bekanntschaft mit der deutschen Kolonie am Zürichsee, insbesondere mit Fran;ois Wille— einem Göttinger Korpsbruder Bismarcks —, dem geist- und temperamentvollen Journalisten, der den Dichter mitriß, und dem wir es wohl zu verdanken haben, daß im „Hutten" doch so mancher draufgängerische Zug steckt.
Neben diesen bewußt oder unbewußt wirkenden Eindrücken kommen für die Entstehung des „Hutten" noch weitere Einflüsse in Betracht. Der Dichter stand in der Geschichte der Reformation auf festem heimatlichem Boden; und wie er in der kleinen Schrift über seinen „Erstling" erzählt, ist er ost mit seinem Kahn zur ilfenau hinübergerudert, und hat sich der Einsamkeit und der Erinnerung hingegeben. „So wurde ich auf der Insel heimisch, und geschah es, daß Hutten'), dessen Leben ich genau kannte, nicht als der ideale Freiheitskämpfer, der Hutten, welcher durch die damalige deutsche Lyrik ging, sondern als ein Sterbender in dem sanften Abendschatteil feiner Insel meinem Gefühle nahe trat und meine Liebe gewann."
Den hervorragendsten Einfluß aber haben zweifellos die weltgeschichtlichen Ereignisse der Einigung Italiens und Deutschlands ausgeübt. Die italienischen Ginigungsbestrebungen verfolgte Meyer mit lebhafter Anteilnahme, besonders seit er mit ihrem Vorkämpfer, dem Baron Ricafoli. näher bekannt geworden war, an dem er — wie später an Bismarck — sah, was eine Persönlichkeit im Völkerleben bedeutet. Als nun der Krieg kam und mit ihm die Verwirklichung des Glaubens an ein einiges Deutschland — da begann, während der Kanonendonner in der Winterstille bis zur ilfenau hin leise hörbar war, der „Hutten" in dem Dichter zu leben. „Der große Krieg", heißt eS in Meyers Autobiographie, „der bei uns in der Schweiz die Gemüter zwiespältig aufgeregt, entschied auch einen Krieg in meiner Seele. Don einem umnerklich gereiften Stammesgesühl jetzt mächtig ergriffen, tat ich bei diesem weltgeschichtlichen Anlässe daS fran- Gießsm und Heidelberg Theologie und Jura, wurde gleich seinem Bruder Karl, dem Vorkämpfer der burschenschaftlichen Bewegung in Gießen und Jena, wegen demagogischer Umtriebe in .Untersuchung gezogen und saß 1819—21 in der Berliner Stadtvogtei, wo später auch Fritz Reuter gefangen war. Aach seiner Freilassung wandte er sich in die Schweiz und wurde Lehrer an der Kantonschule in Aarau. Später lebte er erst in Zürich, dann im Thurgau und starb 1855 in Bern.
*) Haupt wurde 1805 in König i. Ödenw. geboren, studierte in Gießen, wo er das Band der Burschenschaft trug, Theologie, und war bis 1835 als Lehrer und Pfarrer in Schlitz tätig. Dann weilte er zehn Jahre als Lehrer in der Schweiz, zuletzt in Zurich. Aach seiner Rückkehr trat er wieder ins Pfarramt ein und machte sich durch unermüdliches Kämpfen, wofür ihm die Mssische Kirche viel zu danken hat, einen Namen, ©eit dem Ausscheiden aus dem Amt lebte er in Gießen, wurde zum Ehrendoktor der theol. Fakultät ernannt, und starb 1891.
8) Daß der geschichtliche Hutten nicht der ideale Freiheits- und Reformationsheld war, wie Meyer ihn wohl auS D. F. Strauß' Biographie kannte, haben die neueren ihtter- suchungen Professor Kalkvsfs zur Genüge erwiesen. Dgl. auch: Gießener Familienblätter 1925 Ar. 59.
zösische Wesen ab, unl> innerlich genötigt, dieser Sinnesänderung Ausdruck zu geben, dichtete ich .Huttens letzte Tage'." Die Besinnung darauf, daß Rasse und Religion, Sprache und Sitten ihn nc»H den germanischen Landern wiesen, das also war letzten Endes der Grund für diese 'Wendung, die er selber der scharfen Biegung des Rheines bei Basel nach Norden vergleicht.
„In jenem Winter 1870 auf 71" erzählt er in der erwähnten Schrift, „eiftstanden die kurzen Stimmungsbilder meiner Dichtung Schlag auf Schlag. Jeder Tag brachte ein neues, und jede Woche las ich sie in Mariafeld" — in dem Kreis um Wille — vor. Daneben stob mancher andere Funke aus dem Amboß. ,Der deutsche Schmied' wurde gedruckt und gefangen. Ich seh«, er ist nun zum Volkslieds geworden und hat meinen Namen verloren, wie es auch recht ist. Es war eine glückliche Zeit." And weiter: „Ich getraute mir, Huttens verwegenes Leben in den Rahmen seiner letzten Tage zusammenzuziehen, diese füllend mit Karen Erinnerungen und Ereignissen, geisterhaft imd symbolisch, wie sie sich um einen Sterbeichen begeben, mit einer ganzen Skala von Stimmungen: Hoffnung und Schwermut, Liebe nnd Ironie, heiliger Zorn und DodeSgewißheit, — kein Zug dieser. tapferen Gestalt sollte fehlen, jeder Gegensatz dieser leiÄM- schastlichen Seele hervortreten. So belebte sich mir die ilfenau.“ Dahard und Herzog Ulrich, Ignatius Loyola und Paracelsus, Erasmus, Luther und Zwingli treten auf oder werden genannt, „Mit diesen Gestalten des 16. Jahrhunderts schreiten auf der Insel die Geister der Gegenwart." So ist der „Hutten" ein Zeit- und Charakterbild deutscher Herkunft geworden, daS auf dem großartigen Hintergrund der Schweizer Landschaft eine ganze poetisierte Reformationsgeschichte zeichnet. Ans dem idealen Helden-Hutten, den 1776 Herders Ruf „Tritt auf, Mann und Jüngling, der wert ist. Huttens Gebeine zu erwecken!" der Vergessenheit entriffen hatte, wurde unter Meyers Feder ein reicher innerlicher Mensch, eine kerndeutsche Gestalt.
Der „Hutten" Conrad Ferdinand Meyers hat — wie seine Schwester von der ersten Ausgabe sagt — „mehr, als er es später vor feinem historischen Gewissen verantworten konnte, des Dichters eigene Seele offenbart." ilnd er selbst schreibt: „Aufs tiefste ergtiff mich der ungeheure Kontrast zwischen der in den Weltlauf eingreifenden Tatenfülle seiner Kampfjahre und der traumartigen Stifte seiner letzten Zufluchtstätte." Hutten blickte entsagend rückwärts auf die Vergangenheit, Meyer sah trotz seiner 45 Jahre fein Leben noch als unerfüllte Sehnsucht vor sich liegen. Beide hatten erlebt, daß sie der Strom des Lebens auf einen Sandbank abgesetzt hatte. Aber — was für die Dichtung vom deutschen Volk, das gilt für den Dichter von sich selber:
„Was langsam wächst, das wird gedoppelt stark.
Geduld! waS langsam reift, das altert spat!"
Der an den Meisterwerken der Geschichte geschulte und mit seinem Geschichtsverständnis begabte Dichter wußte, daß eS weniger auf die reinen geschichtlichen Tatsachen ankommt, als vielmehr auf die hinter ihnen stehenden geistigen Kräfte. Und gerade diese eigentlich die Welt bewegenden Ideen sind eS, die Meyer — auch in seinen anderen Werken, aber besonders im „Hutten" — meisterhaft herauSgearbeitet hat; fanden doch in seinem Helden und seiner Zeit gleiche Konflikte wie in der Gegenwart statt. „Wieder erfüllten sich große Geschicke in Deutschland", schreibt der Dichter, auf dessen den deutschen Ernheits- bestrebungen parallele Entwicklung wir hier mit seiner Schwester zu Recht Hinweisen dürfen, „und der ohne Grab und Denkmal unter diesem Rasen Ruhende hätte seine Lust daran gehabt; denn auch er hatte von der Einheit und Dkacht deS Reiches geträumt"
Daß der neutrale Schweizer den Kampf um Sein oder Nichtsein des Deutschen Reiches zu Huttens und seiner eigenen Zeit so lebendig erleben, daß er den „Hutten", dieses geschichtliche und doch höchst persönliche Werk, dichten konnte, während der Boden des neuen Deutschland selbst keine annähernd gleichwertige Frucht hervorbrachte, — das zeigt uns. wie deutsch er im Innersten war und empfand, ilnd 6'efe Einstellung ist ihm seit dem „Hutten" geblieben. Mit lebhafter Aufmerksamkeit verfolgte er die Entwicklung der Dinge im neuen Deutschen Reich, an dessen Kanzler er „mit ungeteilter Dewund-rung" hing. Im Februar 1887, als bereits die meisten in der Heimat oder auf romanischem Boden fußenden Dichtungen gedruckt waren und er mit der Renaissance Novelle „Pescara", seinem vorletzten Werk, beschäftigt war, berichtete er seiner Freundin L. von Franyois: „Neben zwei bis drei ganz ausgedehnten Novellen hören Salier, Ottonen und Hohenstaufen nicht auf, am Horizonte zu blitzen. Wird wohl Spiel bleiben, aber Bismarck, d»r jetzt mit diesen allen Dingen sein ernsthaftes Spiel treidt, versetzt in sie zurück." Und noch 1891 arbeitete er an dem — Fragment gebliebenen — „Friedrich II“, wozu ihm die Entlassung Bismarcks erneut angeregt haben mag.
„Die Franzosen," schreibt seine Schwester, „haben nie etwas anderes als eine urdeutsche Natur in meinem Bruder erkennen woften." ilnd wenn wir zur 100. W'ederkehr des Geburtstages Conrad Ferdinand Meyers am 11 .Oktober seiner gedenken, so geschieht es als eines ..deutschen" Dichters, der wohl von Geburt „Ausländer" für uns ist, seinem Charakter, Wesen und Denken nach aber durchaus uns zugehört.
Schriftleitung: Dr. Stiehr. Wilh. Lange. — Druck und Verlag der Brühl'schen Aniv.-Buch« und Steindruckerei, A. Lange, Gieße«.


