Ausgabe 
10.10.1925
 
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Sie Schweiz ist das einzige Land, in dem so toiderstrebende nente wie das Germanen» und das Romanentum trotz

in der Historie auch nicht als Romantik $u werten, er yarre als Sichter den Weg zum Wirklichen der großen Zäunst ge­funden, er strebte als religiöser Mensch zur Glanzheit, vom Sub­jekt zum Objekt, zur Harmonie und Ruhe in Gott. Es ist mehr vielleicht als anderes bezeichnend für das Tiefgehenk^ seines künstlerischen Wandels, daß er, seit seine nordische Seele rn Italien die Gnade der kosmischen Fügung erfahren hatte, den Mut fand, nach langer Weltflucht unter seine Mitbürger guruct» zukehren. Er allein hat von dem kleinen Kreise der wahrhaft südlichen Menschen bei uns den Weg ins heimische Leben ferner

Zeit wiedergefunden.

Conrad Ferdinand Meyers Wendung zum Deutschtum.

Von Dr. E. Walbrach.

Kämpfer war. Bei Meher konnte seiner ganze« Herkunft und Haltung nach dieses zeitgeschichtliche Mitschwingen mcht vor­handen sein. Während Keller als Sohn eines Hmchwetters be- oeistert an dein Umbau der Schweiz im demokratischen und zentralistischen Sinne teilnahm und dies« Umschwung, dem « Äs Poet und Politik« seine Fed« lieh, chn auch als StaoNs- mann emporbrachte, stand d« Abkömmling eines alten Züricher: HerrengefHlcchts alledem ablehnend gegenüber. Was dem einen die Möglichkeit der Wirkung gab, sperrte den alleren vom Leben ab. Weh« weilte in d« D«gangenhert, Kell« in d« Gegenwart des Vat«landes. Don früh auf war lenem der historische Hintergrund des Schweiz« Lebens: Karvlus Magnus und das alte Reich »«traut; was geschichtlich gttvachsen war an Formen des Staates und d« Gesellschaft, stand lenserts menschlich« Willkür als eine objektive Macht. Kerne Notwendig- leit einer Derufswahl zog den weltfernen Aristokratmi in die Wirbel der Zeit, deren zunehmend ökonomischer Charakter ihn, d« in d« Atmosphäre des Dildungslebens zu Hause war, ub«- dies abstotzen muhte. Airgendwo sand « die Wett Ech semem Sinne Hatte in d« Heimat im Ähre 1848 die Mwolution, so in Deuflchland die Reaktion gesiegt. Somit war, waschn WC allem anging, d« Traum ein« deutschen Einheit verrauscht, demdas H«; dieses Schweiz« Ghibellinen imm« zugetan war.

So blieb ihm, dem auf sein Ich Zurückgeworferren, mirMd Eintauchen in das Aebelme« historisch« Bildung, das Mchv« N«en an eine unendliche Rezeptivität, die wed« von , kritisch« Analyse noch von bauend« Gestaltung beqlmtet war Wie Goet^ aus Weimar floh, nachdem die Dynamik d« erste» 2!ahre sich verbraucht hatte, mutzte «»4 Mey« aus sein« Sphäre verpflanz ^en, wo « auf dem Wege war, «n verzweifelnd« Mensch zu Werdern Hier ist ^Punttstln^ Le^ns, wo ihn wie Goethe die Rahe antik-romanischen Wesens ®erCQKan mag auch an George denken, d« sich »anbt« Reigung in der Jugend unter den Einfluß lateinischen Formwillens^^ab. Wie diesem in Patts, so traten dem Zurich« Metz« in der kalvinischen Westschweiz die Au^rkimgen gestalt hast« Gesinnung, daS Prinzip d« »clsrts et ocäre entgegen. das ihn d« nordische» Phantastik entmtz. So vorberestet, emp­fing er etwas spät« die für sein Dichtertum e»tscheid«ir^r« Eindrücke von den Mldnxrken d« Hvchrenaistance,in Jtali«. Ihm wurde jenes Erlebnis zuteil, wie es je^r Empfäi^liche etwa vor einem Fra Bartolommeo hat, wre hi« nämlich d« seestfche Gehast restlos in künstlerische Form etngeganaen ist. Siefm Stil entsprach das latente dichterische Wollen Meyers; es bedurfte so unmittelbar« WirkunMn in d«^imat ^es« KlmstgesiiMimg selbst, um es zu lösen. Weil « «HEch wie Goethe und George im Zeitlichen nicht »«ankert war, entna^n «wie fte diesen Geiste das Gesetz sein« Kimst, ein «ares W» Il<6 zu schauen und dann zu gestalten. Er istes ur^«oen R«i«en,dttsen Gedichte in ihr« bildhaft«. Geschlossenheit denen Georges am nächsten kommen. . . « _

Freilich bleibt es bezeichnend für die immer wieder kunch- ür-xk>ende Kraft des dynamischen Elements, datz wie George gboraina fo auch Mey« nachdem zuerst (1884) Gesichte von ihm erschienen waren durch die Ergriffenhät von « J'* geschichtlich« Ereignis den Anstotz zu seiner epischen Produkts «hielt Gr war b«eits in d« Mitte d« trtcr^ 3^re fetoeS Lebens angelangt, als die Degrilichung ^ Deutschen W ffin tiir Schöpfung vonHuttens letzten Tagen (loci) anregre. Durch dieseErsEmg eines alten Wunschbildes, sein« historMen Seel? war eine neue Atmosphäre S«Msen.md« f te&en liest; es war etwas rn die Zeit gekommen, woran « tt6feeo war« "mdlich alle Borbedingungen ein« .lange ge- hemmten Produktion gegeben. Mit dem3urg 2enatsch (^7 )

R-nhe fein« Prosawerke ein, die mm ohne Stockung K zum 3% 1891 aufeinand« folgen. Für geschichtlich gegebene D«bimdenheit des Deutschtiims nut dem «nMen Form- wstlen ist es charakteristisch, datz dies« Folger der Dvmmren immer ganz deutsch blieb. Es sind die Schopf« und Träger beS Reichsgedankens, die « gestaltet. 3n Hutten hatte er etnrn ö« letzten Berfecht« d« nationale-i Idee gefeiert; in d«Rich­terin" (1885), jenem kultivierten Bilde altgermanifchen Lebens betritt d« große Karl selb« die ^ene unb ber^gr6Bte ju® lebte Friedrich mit dem der Glanz des alten Beiches für imm« «losch ist d« Held eines sein« schönsten Fragmente, dessen Thema d« aus Untreue geborene Zusammenbruch des "ap «- tums ist. Auf religiösem Gebiet lebte « als Zürich« wie Gott­fried Kell« in d« protestantischen Traditton. Auch er pat ein Kapitel aus demgroßen Kriege" bchandelt, in dem die Gestatt Gustav Adolfs in menschlich« Verklärung neben feinem Pagen erscheint imAmulett" lodern die Fackeln d« Bartholomäusnacht imd die Verflochtenheit d« Schweiz in die Welthändel zur Zeit der Glaubenskriege tritt imJürg Jenatsch zutage.

Man kann von Meyer sagen, datz « deutsch Jenem mehr europäischen Sinne des Mittelalters war, das Reich noch die Wett umspannte und das heimische Kulttw^ben den Einflüssen d« Gottk und Scholastik wie des ronttschen R«htS vffenstand. 3hm als Schweiz« «xtren Danto i^Pascalebenso nahe wie Lilty«. Wie die Kimst d« itallenischen Renaissanee ihm

Westschweiz schlagen. . .

So ist amh Conrad Ferdinand Meyer m d« Jugend zweimal am Senf« See gewesen, wo er Italienisch trieb, sich mit Freude und Sif« mit französischem klastischem und zeitgenössischem Schrifttum befaßte und es auf sich wirken lieh. Sann weilte « 1857 drei Monate in Paris; das fein« Ratur so fremde Leben zog ihn an und stieß ihn ab. Ungleich groß« war neben den Eindrücken der vielen Reisen tn der Heimat der Gewinn des Besuches von Italien, der ihm die Re­naissance, Michelangelos und Tizians Kunst nahe brachte. Von den französischen Gelehrten und Schriftstellern haben neben Thierry vor allem Pascal, Fönälon und Vinet auf ihn gewirkt, « dachte sogar eine Zeitlang daran, Dozent für französische Literatur in Lausanne zu w«den. So durfte « sagen, die fran­zösische Sprache sei ihm von jungauf vertraut gewo^m.Und bewußt vd« unbewußt teilte sich auch sein« Dichtettprache jene Klarheit und Präzision mit, die die französische Sprache den Einfluß des französischen Geistes auf Meyers Wesen und Eharakt« betrifft, so ist « geringer gewesen als man annehmen könnte. Wohl schrieb « selb« darüber im vember 1882 an Luise von FrancoisBergessen Sie nicht datz ich zchn" eigentlich waren eS fünfundzwanzigJahre meines Lebens französisch gewesen bin, aber als « emftnaai diesen französischen Einflüssen gefragt wurde, sagte «:Weniger französische als überhaupt romanische Strömungen waren es, die mich beeinflußten"; und zwar wirkten sie mehr auf dm Sicht« al« auf den Menschen, d« dem Romanentom wohl ästhetisch bejahend, aber ethisch verneinend gegenuberstand.

Weh« sagt über seinenHutten", der den Ausdruck seiner Wendung zum Deutschtum darsteltt, er seiaus brrn Elementen geboren: au« ein« jahrzehntelang Senahtt«, rndi viduellen Lebensstimmung; dem Eindrücke d« heimatlichen, mir seelenverwandten Landschaft und d« G^alt groß«^Zttt- «eignifle. Alle drei gewannen von selb« Gestalt m meinem J Der hinge Conrad war begeistert von den Riesengestalten deutsch« Geschichte und Sichtung: von K<«l dem Großen mrd R^a^von Otto dem Gwß« und ^edrrch Da^^ofl^M^ Drud«," «zählt seine Schwest« Betsy,hatte Mwerbog« schentt bekommen mit l«"Sen Reihen att« deutsch« Kaistr im K^nungsornat und im Waflenkleide. ^E^rfteichdw ntÄ und Kronen mit Zinnoberrot und Goldgelb aus eiE neuen Farbenschachtel illuminieren helfen. Und das Lesebi^. ^s « in diesen Jahv-n in der Schule benutzte, derDildmlaal de Usch« Sichtung" hatte ein geboren« Gießen«, ber

Abvfl Ludwig Fallen») in Aarau 1828 zusammengestellt. Gern

ix «ölten ist 1794 in Gießen gebeten, machte als Hess, freiwillig« 3Sg« den Fel^ug von 1814 mit, studi«te m

die Augen geöffnet hatte, so sind es vielfach Figuren und Motive dieser Periode. die er uns plastisch vorführt, von Saute in d« Hochzeit des Mönchesan üb« Poggio (Plautus im Aonnen- lloster") bis zumPescara" und zurAngela Borgia". Ab« sein Blick reicht« noch weit«. Griff « imHeiligen" zurück auf Gestalten d« anglonormannischen Feudalzeit, so zeichnet sein Stift in denLeiden eines Knaben" die Sphäre des alternden Roi soleil zu D«sailles.

Aus dies« D«bindung eines aus iter Renaissance gewon­nenen Formwillens mit historischen Gestalten «gibt sich die Eigenart des Meyerschen Werkes. Zur reinen Herausgefdattung allgemein menschlich« Verhältnisse, wie sie Goethe gelungen sind, ist « nicht vorgedrungen. Darin war « Kind seines Jahr­hunderts, Nordmensch, daß « im Geschichtlichen lebte. Ab« dieses Geschichtliche fügt sich gut seinem formalen Willen: es gibt Distanz und Noblesse, es bewirkt die F«ne vom Verwirren- den des Alltags, es gestattet die «wünschte Reduktton auf ein­fache und große Linien. In dies« Verbindung ist Meyers Leben " Historie auch nicht als Romantik zu werten. Er hatte

Elemente wie das Germanen- und das Romanentum lrog manch« besonders im Weltkrieg wied«aufgetaucht« Schwie­rigkeiten friedlich nebeneinand« zu leben vermögen. Das ist hauptsächlich den Deutsch-Schweizern zu danken, in deren deut­schem Wesen es liegt, daß sie mehr geneigt sind, fremde, d. h. romanische Kultur aufzunehmen, und die damit eine Brücke zur