Ausgabe 
10.10.1925
 
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Hellen Waffen all zurückgegeben.

den .So die

Rückschau.

Don C. F. Weher.

Ich freue mich, datz ich auf dieser Welt mich nie den bösen Menschen zugesellt; datz ich das Gute suchte je und je und nie geruht, bis ich es fand und übte, datz ich kein Kind mit meinem Lied betrübte, daß ein Gewissen, unbefleckt und rein, ich stets bewahrt und meines Herzens Schrein ich nur geöffnet schuldlosen Gedanken, wahren Wegen treu blieb ohne Wanken: werden mir dereinst im eto'gen Leben

Gestalt und Geschichte.

Don Mario Krammer.

An blendender, aber überscharfer Profilierung hat die Ge­schichtslehre Oswald Spenglers die Gestalt des abendlän­dischen Menschen der des griechisch-römischen entgegengestellt. Haben wir in der Antike das Streben nach Erfüllung des End­lichen, dem der Wirklichkeitssinn der Weltbetrachtung ebenso wie das Aufgehen der Ethik in den Normen der Gemeinschaft und des geistigen Gehalts in der Forin entspricht, so in der abend­ländischen Kultur das der kosmischen Fügrmg entbehrende, in die M-gründe seiner selbst geschleuderte Ich, dessen titanischer Sinn hinter das Wirkliche gelangen will und alle Forin als Zwang empfindet. Dort überwiegt der plastisch-politische, hier der musikalisch-romantische Mensch. Aber wie das Wesen der antiken Haltung sich bis auf diesen Tag in den Nachkommen der alten Völker bewahrt hat da die Antike in Wahrheit nie gestorben ist so sind selbst wir Nvrdmenschen immer wieder in den fortwirkenden Dann dieser Gesinnung geraten. Es hat immer Mittler und Mischungen zwischen Nord und Süd, Abend- land und Antike gegeben. Wir Deutschen sind ja seit langer als einem Jahrtausend in die geistigen und politischen Traditionen erst des Römer-, dann des Christentums hineingewachsen. Mehr als ein Herrscher von Karl bis Friedrich II. hat sich als Er- neuerer des Romanum Imperium gefühlt. Das Zeitalter des Humanismus umgab unsere Alltagswelt mit dem Pomp latei­nischen Stils, und endlich sind in Winckelmanm, Hölderlin, Goethe, Nietzsche George bei uns Menschen erstanden, die, der nordischen Gestaltslosigkeit müde, die geschloffene Form der Antike auch uns geben wollten. . , ,

Die alte, sonst auseinandergesprengte Verbundenheit nörd­lichen und südlichen Wesen« tritt in dem Völker- uiid Kulturen- gemifch der Schweiz noch jetzt zutage. Hier hat sich rein germanische Art auf antikem Kulturboden in nächster Nachbar­schaft der Fremde gehalten. In den Dichtern und Künstlern dieses Landes ist als Auswirkung dieser Einflüsse em Korper- gefühl, ein Sinn für epische Klarheit und staatliche Ordnung, rin klassischer Stil lebendig, der dem nordische Menschen als zu eng und kalt widerstreitet. Wir b^Wnen dies^ schwee- rischen Haltung bei Durckhardt wie bei Hodler, bei Dockttn wie bei Keller, am reinsten und stärksten hat sie sich in Eonrad Ferdinand Meyer offenbart.

6 Seine Erscheinung ist wie die Goethes für alle tiefere Be­trachtung des Deutschtums von zentraler Bedeutung, El die Polarität unseres Wesens, unsere schläsalshaf!« Mittellage zwischen Nord und Süd an ihm wie an einem Schulfall mit eindeutiger Klaicheit hervortritt. ~ .

Was ist es im Grunde, was die beiden Laiwslwite mw Zeitgenossen Keller und Meyer voneinander scheidet? Auch ^i Keller ist, mehr als mancher vielleicht wähnt, lenes klassische Element zu finden. Der Grundwille seines Kunstteriums geht auf die Herausarbeitung einer reinen, unverzerrten utu un- etngeenqten, einer klassischen MenschliWeit im Goethescheii Sie trägt aber bei ihm die kräftige Farbe eingeborenen Volks- tumS, rmd so entsteht die reizvoll« Mischung einer zugleich bodmv> ständigen und stilisierten Epik. In Keller war das plastische, gestalthafte Empfinden mit einem dy na mischen v^bunoen. weil er ein Kind seiner Zeit und seines Volke«, ein Dichter und

C. F. Meyers historische Stellung ergibt sich aus dieser Be- ^^Z^nnerst ein edler deeadent, ein Einsamer und Gebrochener, ist er mit Wert und Anwert aller Problematik belastet, die für den Menschen des 19. Jahrhunderts typisch ist. Darum erkennt sich der Zeitgenosse in ihm und bekennt sich zu ihm wie zuNietzsche und Dostojewski, Tolstoi und Ibsen, Thomas Mann, Rilke und &°^""verwandt er ihnen ist, verheimlicht aber seine Form, durch die er, teils scheinbar, teils wirklich in eine entgegengesetzte Zone, in den Süden und die Vergangenheit gehört. Allerdings macht ihn auch dies in gewissem Sinne modern als Vertreter einer wenig ursprünglichen, artistischen und kulturseligen ^Einstellung, die, den zeitgenössischen Jivilisattonsmächten mit Recht abhold, sich in den Kulturen der Vergangenheit anstedelt. t ,

Doch lebt in Meyer auch schon der Wunsch und Wille, über die bloße Sentimentalität, Romantik, Historizismus und Artistentum einer fragwürdigen Spätzeitkunst hinauszukommen, was ihn zu einem Vorläufer heutiger Strebungen, etwa deren eines Stefan George macht. Zwar noch ein Klasfizist, verfolgt er mit Chrstwcht gebietendem Ernst umd vollem Einsatz aller Kräfte das Ideal der ^Mit^de/Lyrik reiht er sich als ein Lauptführer in den Sym­bolismus ein, und eher noch könnte man ihn als den Symboliker der Novelle denn als ihren Klassiker bezeichnen.

Durch seine ästhetischen Ideale und seine Fonnbekennt «sich zur romanischen Welt, doch gehört er gerade durch sein Süderlebnis und seine Italienromantik jenem alten, echten Typus des Deutschen an, der über sein Deutschtum hinauswachsen und sich aus werteren Sphären ergänzen will. Meyer tat es in der Art ferner 3ettgenoffen Nietzsche, Burckhardt, Semper, Marees, Böcklin, Feuerbach

Er tat es zugleich in der Art des Schweizers, und erst als solcher wird er ganz verständlich. Die deutsche Schweiz hat als Vorposten des Deutschtums im Südwesten von je die kulturell wichtige Funktion ausgeübt, offen zu stehen, Wege zu bahnen, Brlicken zu schlagen

Sie hat die romanische Kultur über den Rhein vermittelt und sich selbst dabei europäisch gefärbt. Diese alte Tradition hat aus ihrem eigenen Boden das geistige Leben mächtig entwickelt und bestimmt wovon I. Burckhardt, dem Meyer sich zu großem Dank verpflichtet wußte, unter seinen Zeitgenossen ein neues erlauchtes Beispiel war; aber erst in Meyer selbst hat der humanistisch-europäische Geist aus Schweizer Boden verklärte, dichterische Gestatt gewonnen. Mit seiner Art des Erzählens ist er aber innerhalb der deutschen Dichtung ein edler Fremdling und unter seinen Zeitgenossen ein Anikum ge­blieben. Gleichzeitig wurde der anderen, nicht minder ehrwürdigen und kräftigen Tradition der deutschen Schweiz: sich der eigenen alemannischen Stammesart bewußt zu werden und zu erfreuen, eine höchst dichterische Erfüllung in Gottfried Keller. So gab die deutsche Schweiz der deutschen Dichtung in der gleichen historischen Stunde ihre beiden reifsten und edelsten Gaben: die poetische Kristallisation ihres europäischen Humanismus und die ihrer deutschen Sonderart. Der Beschenkte darf die Frage offenlassen, welches Angebinde das köstlichere sei.

seiner Garbe schlafenden Schnitter nennt ober das Gemälde, das ihn im Schachspiel mit Vittoria festhält.

Nicht einmal einen Vollbluterzähler (so wenig wie einen reinen Lyriker) möchte man ihn nennen: es fehlt das bewegt und ununter­brochen Sttömende, das zur großen Epik gehört. Weniger die Handlung und ihr Zusammenhang bleibt haften, als einzelne optische Situattonen, und als eine Folge von Bildern sind ferne Novellen in der Tat aneinander gereiht. Nicht daß es am architektonischen Aufbau fehlte, er vollzieht sich übersichtlich, harmonisch-klar, ge­schloffen und sich steigernd, aber gerade allzusehr in Aeberttagung architettonischer Prinzipien und als Kompositton im wörtlichsten Sinn: als Gefüge von Bausteinen, Balken, Bogen, reinlich geformter selbständiger und starrer Glieder.

Am schwächsten vielleicht ist es mit der Überzeugenden Lebendig- (eit der Gestalten bestellt, die Meyer an Shakespeare bewundert; bei den anspiuchsvollen Gebärden seiner leidenschaftlichen Kraft- Menschen stellt sich bisweilen eine peinliche Erinnerung an die leer- lausende Tbeattalik unzulänglicher Schauspieler ein. Viel lebendiger als der lebenstrotzende Ienatsch ist der krankheitgeschwächte Rohan gelungen, und gerade die aus der innersten Eigenwelt gezeugten Gestalten, wie Peseara oder der Heilige, Üben eine geheimnisvolle Suggestion aus, obwohl die Form gerade sie mehr verhüllt als enthüllt. ,, , ,. ,

Seltsam, Meyers Schwäche ist identtsch mtt feiner Starke! Wo er gegen die Gesetze der klassischen Aesthetik verstößt, da ttimn- phiert gerade die ihm eigentümliche Schönheit. Ein unsagbar schwer- mutiger und hoheitsvoller Reiz vornehmer Zurückhalttmg und keusch mütiger und hoheitsvoller Reiz vornehmer Zurückhaltung und keuscher Verschleierung, ein nachdenklicher und bannender Zauber des Geheimnisses, der feierlichen und vielverschweigenden Stille ist der Triumph seiner Kunst.

Seine Herrlichkeiten und Fragwürdigkeiten gehen darauf zurück, daß für ihn in seltenem Maße gilt: Kunst ist bildende Sehnsucht. Sofern Sehnsucht gestalten kann hier ist es geschehen.

Wohin die Sehnsucht drängt, nicht wahr? dort ist man nicht, das ist man nicht", heißt es in Th. Manns Florenz» . Aber irgendwie muß mandas" doch sein, muß man als Keim und Ansatz die Möglichkeit des Ersehnten in sich bergen. Der Blindgeborene leidet: aber nur der Erblindete, der das Licht kannte, sehnt sich wahr­haft nach ihm. Wer, wie Meyer, Gedichte des Aeberschwangs, der Kraft und Fülle schreiben konnte, der muß mindestens in Stunden, als seltene Gnade, so empfunden haben. Man ist, dadurch verführt, so weit gegangen, den Menschen Meyermit seiner Sehnsucht zu verwechseln", und es ist vor allem der Irrtum von Walther Lindens tüchtigem Buch, zu behaupten, in dem äußerlich scheuen, verschlosse­nen, tatlosen und unbewegten Menschen habe innen eine verborgene Leidenschaft geglüht; der Dichter fei einem Lavastrom vergleichbar unter dessen kühler, starrer Rinde die Glut der Tieft bixtufe. Der feinere Instinkt Adolf Freys, Otto Stöß s und F. F. Bwnm- garten« betont dagegen die Leidenschaftslosigkeit des Menschen

^Welches aber derwahre Meyer" sei,derjenige der Tat, der Leidenschaft, der Sinnlichkett, der Persönlichkeit, wie Linden meint, oder derjenige des Duldens, der Schwäche, des Gewissens, der Schicksalsergebenheit, kurz, der der Sehnsuchtswelt oder der Eigen- mett dies zu entscheiden ist eine müßige Frage, denn keiner kann ohne den anderen gedacht werden, und nur der Zusammenwirkung beider ist sein Werk entsprungen.