Gießener Kmilienblatter
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang (925
Samstag, -en D. Oktober
Nummer 8k
Der römische Brunnen.
Von C. F. Weher.
Aufsteigt der Strahl und fallend gießt er voll der Marmorschale Aund die, sich verschleiernd, Lberfließt in einer zweiten Schale Grund: die zweite gibt, sie wird zu reich der dritten wallend ihre Flut, And jede nimmt und gibt zugleich und strömt rrnd ruht.
Conrad Ferdinand Meyer.
Zur hundertsten Wiederkehr seines Geburtstages am 11. Oktober. Von Professor Robert Faesi*).
Der Mensch C. F. Meyer war leiblich und seelisch ein schattenhaftes und wirklichkeitsscheues, weil gefährdetes Geschöpf, aus Schwäche leidend, zur Entsagung verurteilt und nach innen gewandt. Ein Edelentarteter, den seine Minderwertigkeit tief demütigte. Zugleich freilich reich begabt an Geist und Gemüt und einer mächtigen Sehnsucht voll nach den höchsten Dingen. Seine Anzulänglichkeit zu überwinden, wurde der herossche Inhalt seines Lebens. Die dürftige Natur suchte sich eine Ergänzung zu schaffen durch eine künstliche „Kultur", das heißt, durch die bewußte wie unbewußte Kultivierung fehlender Kräfte und Eigenschaften — ein Vorgang, der sich bis in seine Landschrift hinein spiegelt, deren ursprünglicher Typus mehr und mehr von einem gewollten, gezüchteten verdeckt wurde. In der Jugend mißglückt, kam die wundersame Verbindung widerstrebender Elemente spät und wie durch ein Wunder zustande, in einem Maß, daß sein Biograph sagen kann, man sei geneigt gewesen, die Kraft und Entschiedenheit seiner Leiden auf den stattlichen, fast energisch aussehenden Verfasser zu übertragen. Jedoch ganz wirklich, ganz echt ist diese aus Wunsch und Willen geschaffene „zweite Natur" seiner menschlichen Persönlichkeit nicht geworden; die kostbare und edle Verbindung war der Zersetzung geweiht, und dem Atterserschöpften entglitten jene künstlich einverleibten Werte.
Von jeher mochte er- sich darüber klar sein, daß es ihm nie ge- lingen werde, seinen Menschen zum vollendet«, Kunstwerk zu gestalten. Darum warf er sich mit dem vollen Einsatz des Willens auf die Dichtung.
Ich selbst kann nicht vollkommen heißen, Drum will ich's keck dem Stein entreißen.
Nur die Kunst machte ihm das Leben lebbar; so kommt sein Kampf um sie einem Kampf ums Dasein gleich. Lier einzig winkte ihm ganze Genugtuung, und es gelang ihm, als Gegenschöpfung zur Wirklichkeitswelt eine Wahnwelt zu erzeugen, die ihn mit Äollwert und Glücksgefühl belohnte.
Wie aber kann eine solche Kunst beschaffen sein? Zwei Möglich- keiten liegen nahe: Sie ist das Abbild oder das Gegenbild ihres Schöpfers.
Auch ein an der eignen Anzulänglichkeit Leidender wird in der Selbstdarstellung seinen Vorteil finden. Abgesehen davon, daß er aus Selbstkenntnis sich hierin am sichersten fühlen mag, winkt ihm die Erleichterung durch die Beichte und die Lust des Kranken an der Beschäftigung mit sich selbst. Meyer kannte diese so wenig, daß er den Werk eines Tagebuchs nie einzusehe« vermochte; das Psychologisieren war seiner scheu-vornehmer;, Natrrr zuwider, und eine äußerste seelische Schamhaftigkeit machte ihm die rücksichtslose Selbstentblößung im Werke unerträglich. Dennoch muß es eine llefe Lockung, ja Notwendigkeit für ihn gewesen sein, sich gleichsam «nzuschmuggeln, hinter Masken und Verkleidungen allerdings, sich verratend und sich verbergend, fürchtend und hoffend zugleich, daß er erkannt werde.
Doch bei einer Kunst, die als Ersatz des Lebens «rtstanden sst, llegt es nahe, daß sie fein Gegensatz sei, geschaffen aus dem Be- dürfms, sich los zu werden und zu vergessen, an dem, was man mcht rst, sich zu weiden, in der Traumhalle der Einbildung sich ein schwelgerisches und ausschwetfendes Fest zu bereiten.
Eigenwelt und Sehnsuchtswelt sind zu gleichen Teilen di« Substanz von Meyers Dichtung. Nicht so, daß er zwei verschieden« Arten von Kunstwerken geschaffen hätte; in der Lyrik zwar bewegt er sich zwischen zwei Typen von Gedichten, aber jede seiner Novellen wird ans dem doppelten Zufluß gespeist, ja sie empfängt recht eigentlich aus jenem Gegensatz Leben und Bewegung. Die beiden Prinzipien
Weltlichkeit, Tod und 2i
Frage nach seinem „ ....... ________ . .......... Ische gefüllte Land
öffnet, ist dies ein wundervoll ergreifender symbolischer Augen-Blick, aber für die Bühne wäre damit wenig gewonnen. Die Kraftentfaltung des Dramas ist der Meyerschen Schaustellung bedeutungsvoller
Bilder wesensftemd, mag diese auch mit einer unvergleichlichen Meisterschaft gehandhabt sein, wofür als Beispiel aus derselben Pescaranoveüe das abschließende Gleichnis in Erinnerung gerufen werde, das den toten Leiden einen von der Ernt« erschöpften und auf
stoßen aufeinander, aber unter den verschiedensten Erscheinungsformen, Einkleidungen, Masken und Symbolen. Was sich qegen- übersteht als Lebensschwäche und Vitalität, Feinheit und Kraft, Leiden uird Tat, Gewissen und Skrupellosigkeit, Religiosität und "!eben, Sittlichkeit und Sinnlichkeit, Schicksals- ergebenheit und Individualismus, Notwendigkeit und Freiheit, und als Christliches und Leidnisches, Lugenottentum und Katholizismus, Reformation und Renaissance, deutsch-germanisches und italienisch- romanisches Wesen, Norden und Süden, das sind immer neue Brechungen der zwei Strahlen im Prisma seiner Kunst.
Die Gestalten sind Vertreter und Träger jener feindlichen Sphären der Eigenwelt und Sehnsuchtswelt, und die Auseinander- sehung zwischen diesen beiden ist das eine große Thema des EpikerS, zu dem die einzelnen Novellen nur Variationen sind.
Die Lösung wechselt gemäß dem jeweiligen Zustand des Dichters. Je stärker seine vitale und damit künstlerische Potenz wurde, um so mehr überwog seine ästhetische Einstellung; in allen seinen Laupt- gestalten wächst unter der gleißenden Oberfläche eine Innenwelt des Gewissens, Leidens, Kreuzes und Todes. Aeberall neigt sich der Sieg den Kräften von Meyers Eigenwelt zu, wenn nicht gar die Wett der Sehnsucht als eine des Scheins zusammenstürzt.
In C. F. Meyers Leben fehlte ein philosophisches Bildungs- erlebnis, in seiner Bibliothek überhaupt jede philosophische Schrift. Was ihn beschäftigte, hat er in der Kunst ausgetragen, aber sicher wett mehr als die Briefe andeuten, hat er unter der Duplizität von Sehnsuchts- und Eigenwelt und unter dem Widerspruch feier Neigungen und Wertungen tief gelltten.
Sofern er es überhaupt versucht hat, sie in Aebereinstimmung zu bringen und seine Zwienatur zu einen, ist er völlig gescheitert- Nie hat Meyer ernstlich versucht, durch die Bezwingmtg und organische Vereinigmtg der polaren Kräfte einen vorbildlichen und har- mvnischen Menschen zu gestatten, und vom „dritten Reich" ist zwar sehnsüchtig, aber nur gedämpft und raunend als von einer unbestimmten, goldenen Ferne die Rede.
Auch C. F. Meyer selbst war auf das Nebeneinander jener beiden Komplexe von Kräften angewiesen. Nur in ihrer Polarität vermochte er zu leben, denn jene Schattenexistenz seiner Iugend- und Alterskrise, in der er auf seine Eigennatur beschränkt war, kann nicht wahrhaft „Leben" heißen, sondern nur seine schöpferische Epoche. Wenn aber Goethes Wort gilt: „Was fruchtbar ist, allein ist wahr", so ist der Zwiespalt in Meyers Wesen zu bejahen. Auch um schaffen zu können, tat ihm beides not. Seine ethisch-
Selbst die Empfindung, seine Novellen seien eine Mischung von Epik und Drama, erweist sich bei scharfem Zusehen als Täuschung, hervorgerufen durch ihren starken optischen Eindruck. Aber die Szenen, Bilder und Gebärden sind nicht wie im Bühnenwerk dynamischer, sondern wie in der Plastik statuarischer Natur. Wenn der sich todgeweiht wissende Pescara auf die Ziel inS Kamin greift und di« mit Staub und
religiöse Seelenhaftigkeit mußte sich aus den ästhetisch-vitalen Kräften einen Leib schaffen, um sich überhaupt manifestieren und auswirken zu können. Seine zur Kunst gewordene Sehnsuchtswelt aber empfängt, auch wo sie sich am blühendsten entfaltet, ihr Tiefstes und Edelstes, ihre eigentliche Beseeltheit von jener.
Es war eine durch die hohen Formquaiitäten und die Anlehnung an klassische Traditionen verursachte Täuschung, Meyer für einen einheitlichen, harmonisch-klassischen Dichter zu halten. Nicht Größe, Kraft, Geschlossenheit sind seine Werte. Noch weniger die elementare Wucht und gewaltige Dynamik seines Ideals Michelangelo; eher erinnert er an die sanfte, edle und maßvolle Ruhe eines Raffael; denn kein inneres Aebermaß war zu bändigen, keine Lochspannung zu entladen.
Vollends sind es die Qualitäten seines anderen Vorbildes Shakespeare, dessen Anmittelbarkeit, äußerste Lebendigkett und Lebensfülle ungefähr das Gegenteil seiner eigenen Werte, aber gerade darum — aus Sehnsucht — erstrebt. Sein „dramatischer Dämon" ließ C. F. Meyer lebenslänglich keine Ruhe, aber so häufig er sich daran machte, seine liebsten und teilweise tatsächlich dramatischen Motive für die Bühne zu gestalten, so sicher verwandelten sie sich unter seinen Länden wie durch eilte tückische Verzauberung in eine Novelle, und die vorhandenen dramatischen Erstfassungen und Fragmente sind fo unzulänglich, daß man die unfreiwillige


