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vchriftleitung: Dr. Friedr. WM. Lange. — Druck und Verla« der Drübl'fchen Llniv.-Buch- und Steindruckerei. R Lanoe. Gießen.
„Darüber wollen wir jetzt nicht sprechen, Herr, ich gebe fort“ „Wo willst du jetzt hin, da die Ernte fertig ist, jetzt sucht «jemand einen Knecht." __ , ... , „
„Es wird schon auf der Welt ein Plätzchen für mich geben.
„Anbinden kann ich dich nicht, Michel, aber du hattest es noch lange gut bei uns gehabt,"
Kurz darauf kam der Knecht die Stiege herunter. 3m Hausflur stand die Frau. . r
„Aber Michel," sprach sie, „so gehe doch wenigstens herein und iß noch etwas, wenn du dir einmal in den Kopf gesetzt hast fortzugehen. Ich habe dir Schinken auf den Lisch gestellt.
Es donnerte von Westen her, und die Gewitterwolken zogen über den Himmel. t
„Bei so einem Wetter kannst du doch mcht fortgchen, fuhr die Frau fort, e
„Ich habe in Spanien Gewitter erlebt, die waren schlimmer atS ^Dcch' du uns so mit einem Mal im Stich lassen würdest, hätte ich nicht gedacht. Michel, du weist doch, daß der Wenzel etwas mit der Gicht zu tun hat. Wer soll da tm Herbst, wenn wir Trauben lesen und die Dickrüben ausmachen, unsere Arbeit tun?“
„Der Taglöhner ist tüchtig, und einen Knecht -findet Ihr leicht."
Michel gab dem Bauer und seiner Frau die Hand, nach der Tochter fragte er nicht, es war ihm zu schmerzlich, mit ihr noch ein Wort zu wechseln. Die Tür der Wohnstube stand offen, es war ganz dunkel geworden, so daß die drei Menschen, die im Hausflur standen, einander kaum sehen konnten. Da flammte plötzlich ein Blitzstrahl auf, taghell wurde alles beleuchtet, und in dem Scheine, der eine Sekunde lang wahrte, sah Michel, daß Christine am Tische faß mib weinend das Haupt auf den Tisch gelegt hatte. Ein furchtbarer Donnerschlag folgte, und während dex Donner Noch rollte und grollte, trat Michel durch das Hoftor hinaus in das Freie.
Aun prasselte auch der Gewitterregen hernieder, Der ganze Himmel war dunkel, Blitz auf Blitz zuckte hernieder, und von den Bergen hallte der Donner wieder, Das Gewitter hing sehr tief über der Landschaft, es schien naheaufwärts zu ziehen und dann am Lemberge hängen zu bleiben. Bon der westlich gelegenen Anhöhe schoß die gelbe, lehmige Flut hernieder. Rie- mand war auf der Straße, in den Häusern hatte man das Licht angezündet, ,
Ganz durchnäßt kam Michel an das Fährmannshaus. Der Fährmann stand in der Tür und schaute nach den Bergen, über die das älnwetter ging.
„Ich habe es mir gedacht, daß du zu mir kommen werdest, sagte der Fährmann. „Jetzt nur herein, ich will das Feuer tm Herd anstecken, daß du dich trocknen kannst."
Aeben dem Herde lagen Stroh und Reisig, bald knisterte die Flamme, während draußen der Donner rollte und der Platzregen niederrauschte. Durch die geöffnete Tür sah man im Scheine des Blitzes den Fluh und die gegenüberliegende Höhe. Es war eine rabenschwarze Rächt, bei jedem Blitzstrahl aber War der grüne Wall» zu sehen und der Rachen, der leise schaukelten: denn das Wasser, das vom Dorfe niederschoß, setzte ihn in Bewegung. Wichel zog seinen Rock aus und hing ihn zum Trocknen neben den Herd.
„Was soll es jetzt mit dir werden?" fragte Rikolaus Sachs.
„Am liebsten ginge ich wieder in den Krieg. Als ich noch Soldat war, wurde ich geehrt und geachtet, hier, wo ich geboren bin, bleibe ich immer ein Bettelmann."
„Sei kein Rarr, Michel, willst du dir Arme und Deine kaputschiehen lassen? Ich meine, du hast Krieg genug gehabt, Ich will dir war sagen, ich bringe dich auf dem Montforter Hof zu Hennerich-Iakvbs Christoph, der hat keinen Knecht und keinen Laglöhner und ist mit bet Erntearbeit noch weit zurück. Dort kannst du auch gelegentlich einen Hasen schießen."
Als der Fährmann von der Jagd hörte, horchte Wichel auf. Das war nach seinem Gefallen, mit der Flinte durch Feld und Wald zu streifen und dem Wilde nachzustellen.
„Wir warten," fuhr der Fährmann fort, „bis der Regen aufhört, dann gehe ich mit dir zum Christoph. Dort auf der Höhe sieht dich fein Äensch von Riederhausen."
Drei Stunden brachten die beiden Männer im Fährmanns- hause zu. Der Regen hatte aufgehört, da sagte der Fährmann: „Jetzt wollen wir gehen. Wir fahren über die Rahe und gehen über den Lemberg. Es ist nicht nötig, daß uns jemand sieht, wenn wir so spät nach dem Montferter Hof gehen."
Das Gewitter schien weiter oberhalb sehr viel Regen gebracht zu haben, denn der Fluß, der zuvor einen sehr niedrigen Wasserstand gehabt hatte, war stark angeschwollen. Am jenseitigen: .Ufer angelangt, kettete Rikolaus Sachs den Aachen an, und beide stiegen in dem engen Taleinschnitt aufwärts. Rach dem Gewitter war in den Bergen eine wunderbare Frische. Der Bach, der aus dem Trombachtal kommt, rauschte talabwärts der Rahe zu. Auf schmalen Waldwegen gingen die beiden aufwärts, zuletzt führt der Weg sehr steil auf die Höhe. Als sie auf dem Lemberg
angekommen waren, hörten sie, wie der Nachtwächter von Oberhausen auf seinem Horn zwölf Uhr blies. Es fiel Mik^l auf, daß der Fährmann öfters seine Augen auf den Waldboden! richtete und wiederholt mit der Hand den Boden abtaftete. Als sie vom Berge abstiegen, tat er das wieder und sagte: „Ra, da haben wir ja einen ordentlichen Kerl gefangen . Er duckte sich nieder, zog an den Hinterläufen einen noch zappelnden Hafen hervor und verletzte ihm mit seinem Knotenstocke einen Hieb hinter die Ohren. Der Hase war in einer Drahtschlinge gefallen.
„Rikela, bist du der Wilddieb, der die Hasen auf dem Lemberg fängt," fragte Michel. .,
„Wenn du sie lieber schießen willst, so kann dir Hennerich- Iakobs Christoph ja eine Jagdflinte geben, war die Antwort.
Aach einer Wanderung von einer weiteren Stunde standen die beiden vor dem Hause des Genannten. Dreimal klopfte der Fährmann an den.geschlossenen Fensterladen. Gleich darauf wurde das Fenster geöffnet, der Laden zuruckgeschoben, der Christoph
„Hier ^bringe ich einen, dem es in Niederhausen ^chk mchr gefällt“ sagte Rikolaus Sachs, „er will dir bei deiner Feldarbeit helfen und geht gern auf die Jagd." H
„Ach, der Michel, der Knecht beim Peter Wenzel war, et» widerte Christoph«und öffnete die Haustür. „Können wir ihn brauchen^ ^efa? hauchen können. Er versteht alle Arbeit und fehlt mit keinem Schüsse. In der nächsten Rächt komme ich wieder, da wollen wir das Rähere besprechen. Jetzt aber muß ich heim, denn um vier Uhr können schon Leute kommen, die übergesetzt sein wollen." , m.4hw>;ni“
„So gehe doch herein und trinke einmal Branntwein!
„Will keinen Branntwein," sagte der Fährmann und wandte ^hriswph*machte seinem Gaste in einem Zimmer be$ oberen Stockes ein Brett zurecht und ging weg. Michel legte aber lange konnte er keinen Schlaf finden Die Ereignisse des Tages k^r plötzliche Abschied von Aiederhausen, die nächtliche Wanderung, die Reden des Christoph und des Fährmanns hatten sein Gemüt in Erregung gebracht. Er horte in der Rächt dw Bäume vor dem Hause rauschen, gar kein Ende nahm dieies Rauschen, immer wieder fuhr der Wind durch die Jwe ge und bewegte sie. Und der durch bett Regen angefchwoUene Bach, der von der Hohe kommt und am Montforter Hof vorubei, ließt, rauschte auch. Vereinzelt Ließen Tiere ^m Felde und vom Walde her ihre Stimme hören. Zwischen Wachen und -träumen tag her Jüngling. Zuletzt noch, ehe er einschlief, sah er die Wohnstube des Peter Wenzel erhellt vom Blitzstrahl und sah Christine weinend am Tische sitzen.
5.
Auf die Gewitternacht folgte ein herrlicher ©ominerrnorgert. Als Michel sich von seinem Lager erhob und hinaus in das Freie trat stand 'die Sonne schon hoch am Himmel und leuchtete in ben zur Rahe herabfallenden Taleinschnitt hinein. Der Wind §atteS sich völlig gelegt, und der Regen hatte eine herrliche Frische gebracht. Vom Walde und von den Wiesen her kam e.quicken^ ^ch^sta^die alte Mutter des Christoph und brach Reiser entzwei, um damit das im Herde knisternde Feuer zu unterhalten Michel sagte ihr guten Morgen, aber die Frmi drehte sich nicht um. Als sie nach der Tur zu ging, versuchte er. mit ihr ein Gespräch anzuknüpfen, aber sie sah ihn verständnislos an. Da merfte Michel, daß die Frau taub war.
Er schlenderte vor dem Hause auf und ab und sah sich pte Umgebung an. Man hat das Haus mit Rücksicht auf seine ein- fame Lage möglichst gesichert. Es hat zwei Stockwerke, im oberen Stockwerk sehen acht Fenster herunter in das Tal, im unteren nur vier: denn der Torbogen führt unter dem oberen Stockwerke in den Hof. Dieser war wie ein Festungshof von allen Seiten mit Gebäuden umgeben. Die Gebäude waren in Zeiten errietet worden, in denen schlechtes Gesindel das Land unsicher machte und besonders gern die einsam gelegenen Hofe aufsuchtL Die Fenster des unteren Stockwerkes waren vergittert. So konnte ein Mensch, der nicht willkommen war, kaum eindringen. $ro8 dieser Sicherheitsmaßnahmen hatte der Hof im Anfang deS 19 Jahrhunderts oft Ueberfälle von Räubern auszustehen, Schinderhannes hatte ihm mehr als einmal Besuche abgestattet. Der Hof, der zur Gemeinde Duchroth gehört, liegt weit ab von menschlichen Ansiedlungen. Außer der Mutter und dem Sohne war dort keine lebende Seele zu finden, beide machten alle Arbeit selber, was möglich war, da das Gut klein war.
Michel war über den Steg gegangen, der über den am Hose vorüberführenden Dach führt, und versuchte, weiter hinauf nach der Ruine zu gelangen, ober er fand bald, daß sie von allen Seiten mit starkem Gestrüpp und Dornen umgeben war, und daß es nicht möglich war, in das alte Mauerwerk einäubringen. Als er noch vor dem Gestrüppe stand, hörte er vom Hofe her einen durchdringenden Pfiff. Es war Christoph, der ihn aus diese Weise herbeirief. Mit einem langhaarigen Jagdhunde ging er vor dem Hause auf und ab. (Fortsetzung folgt)


