Ausgabe 
10.3.1925
 
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Sem ersten Satz hinüberhüpfen unb kam» weiter trüllen. Es kommt alles darauf an, nicht zu weit und zu kurz, eben genau sechsundachtzig Schritt zu flüchten.

Sie gehn beide zurück und verständigen ihre Werfer. Sie gehn vor, besehen das Feld und finden dasselbe: sechsundachtzig Schritt müssen sie werfen, nicht mehr und nicht minder. Aber das ist kein Wurf für Neulinge: nur alte, erprobte Kämpen werfen so sicher. .

Shabbe Wulf, Gohs Gegner, tritt noch einmal selbst die Dahn ab, langsam, ernst und bedächtig. Goy prägt sich die Brät« des Sielgrabens fest ein.

Dann endlich tönt der Trompetenstoß, und nie waren die Menschen so atemlos still wie jetzt. Dieser Wurf kann den ganzen Tag schon entscheiden.

Shabbe Wulf ist feiner Sache gewiß und tritt zuerst auf die Bretter. Sein rotgewürfeltes Hemd bauscht sich um seinen mächtigen Oberkörper, die lederne Hose wird nur durch einen Riemen um den Leib gehalten, und wie er sich jetzt bückt, die kurzen Deine gekrümmt und auswärts gebogen, die langen rot- behaarten Arme fast bis auf den Boden herabhängend tote er da steht und leicht in den Knien, zu schaukeln beginnt, da spürt man erst, welch eine verhaltene Kraft in ihm steckt.

Setzt wiegt er den Kloot vor und zurück, noch einmal vor und zurück, und jetzt beginnt er zu laufen, immer glückt, fünf, sechs kurze plumpe, schaukelnde Schritte jetzt reckt er sich hoch, und mit einem einzigen Kreisen des Armes schießt er den Kloot übsrs Feld. Gr sieht ihn als schwarzen Punkt in der Lust und verfolgt seinen Weg immer noch in derselben Stellung, auf einem Bein, das andere im Krampf nach der Seite gestreckt, als müßte er den Flug damit lenken. Da da ein taufen®« fimmiger Schrei, jäh abgerissen; steil prallt der Kloot zurück, eigt hoch in die Luft und fällt schwer nieder, mitten in den Graben hinein!

Einen einzigen Schritt warf Shabbe zu weit.

Atemlos still ist es rings. Ein schweres Seufzen geht durch die Menge, dann richten sich alle Augen auf Goh.

Der tritt auf die Matte.

Wie ein schwarzer Wald umringt ihn die Menge und säumt die weite ebene Dahn, an deren Ende das farbige Fähnchen winkt. Anmittelbar dahinter läuft der tückische Strich des Sielgrabens quer vorüber.

Zum erstenmal steht Goy hier oben vor seinen Volksgenossen, er fühlt das Pochen ihres Blutes in dem seinen, alle Herzen zittern um ihn er sieht Almke ganz blaß mit großen Augen nach ihm herstarren, und neben ihr reckt Hille sich auf den Zchenspitzen vor in allen Augen fiebert bange Erwartung,

Da krallen sich seine Finger fest um den Kloot.

Prüfend bewegt er den Arm; die bauschigen Aermel hindern, er reißt das Hemd auf und spürt nichts von der schneidenden Kälte.

Mit nacktem Oberkörper reckt er sich auf. Beide Hände hoch über den Kopf gehoben steht er da, gerade und schlank gewachsen, seine schmalen Nasenflügel beben, und seine Brust wölbt sich beim Einsaugen der kalten Lust. Setzt sinkt der linke Arm nach vor und zeigt auf das Ziel, der rechte mit dem Kloot schwingt zurück, und jetzt verändert sich jäh sein Gesicht. Die Lippen find fest zufammengepretzt, die Nafe ist nur noch ein schmaler Rücken, die Augen sind hart und klar. Er bückt sich nicht nieder, er krümmt nicht den Rücken, er wiegt nicht den Körper, nur ein wenig neigt er sich vor jetzt fliegt er über die Matte, plötzlich, von einem wirbelnden Schwung vor­wärts gerissen, schnellt sein Körper hoch in die Luft, man sieht nur das kreisende Rad seines Arms ein Pfeifender Laut, und dann der sausende Kloot!

Sie schreien nicht auf; als wären sie fest gebannt, so starren sie alle nach oben und verfolgen die Bahn. Aber jetzt was ist das? Nein, er trifft nicht, er trifft nicht! Gerd Tormälen reckt erschrocken die Fahne zu hoch, viel zu hoch saust die Kugel heran.Hierher- hierher!" schreit er verzweifelt und vergißt ganz, beiseite zu springen.

Er fühlt es, sie wird ihm den Kopf zerschmettern. Er steht wie versteinert er hört sie pfeifen, über sich hin in den Graben hinein--- nein nicht in den Graben, hoch darüber

hinweg, über Dahnweiser und Graben hinweg auf das andere» Alfet!

Da! Da schlägt sie nieder, jenseits, und macht einen Satz Wie ein Vogel, der spielend die Erde berührt und im Fluge davonschießt.

Setzt brüllen sie auf, jetzt müssen sie brüllen, tosen, lachen, schreien, irgendwie rasen in Jubel und Lust.Fleu herut, Fleu herut!" And die Erde dröhnt vom Gestampf und Ge­trampel der Füße. Immer noch trüllt die Kugel da vorn, weit, weit auf der ebenen Fläche dahin. Als Gerd Tormälen sie endftch erreicht und die Fahne erhebt, stürzen sich die Menschen» wie ein schwarzer Bienenschwarm über ihn her.

Fast hundert Schritt Vorsprung' brachte der eine Wurf!

Eine andere Menge stürzt sich auf Goy. Er will sich wehren, da fliegt er schon hoch in die Luft, wird von hundert kräftigen Fäusten aufgefangen und wieder hinaufgeschleudert dreimal Wirst man ihn hoch, dann wird er gerieben, beklopft, in eine»

Anzahl Decken gewickelt und sieht zehn Tassen dampfenden Tees zugleich vor seinem Gesicht. Er ist froh, unendlich froh, und läht afles willig mit sich gescheh«.

Da steht Ontje Brink vor ihm, den alten Filzhelm, der ihm zu groß ist, so tief über die Ohren gezogen, daß er den! Kopf in den Nacken werfen muh, um darunter hinwegsehen zu können, den Hals dick mit Tüchern umwickelt, die Stiefelholzschuhe, aus dmen oben das Stroh sieht, bis an den Leib hochgezogen. Er lacht und tanzt wie ein Kind:Junge, Goh ich habe zwei Taler gewettet einen bekommst int ab!"

»

Die Sonne ftcht schon im Westen, als Goh zum letztenmal wirft. Er ist wie ein Löwe, der Blut geleckt hat; hart und grausam flackert es in seinen Augen, es ist etwas Wildes in ihm, eine tolle übermütig« Lust. And mit so wütender Kraft schleudert er diesmal den Kloot, daß ihm das Blut aus der Nase stürzt.

Da packt der alte Dubbe Tiarks seinen Arm:Junge du wirfst tote der Teufel genau wie dein Vater. Der hatte auch schon dies Wilde in seinem Blut und ging daran zugrunde. Es wäre schade um dich sieh zu, daß du immer glatte Dahn vor dir hast."

Aber schon wird Dubbe beiseite gedrängt; ein solcher Taumel hat die Menschen gepackt, daß sie jetzt, da die Trompeten den Sieg verkünden, sich nicht mehr beherrschen. Einen ganzen Tag standen sie draußen im schneidenden Frost, ihr Haar ist bereift, ihr Bart ist mit Eiskrusten durchsetzt, trotz Pelzen und Decken sind Hände und Füße erstarrt aber Rum und Genever feuern sie an, sie stürzen sich auf die wackeren Werfer und schleppe^ sie aus ihren Schultern in die Runde. Goy ist der Jüngste, der Letzte, bet: Beste der Held und der Retter jeder drückt ihm die Hand, und wer nicht hinreichen kann, weil alle zugleich ihn bedrängen, der brüllt ihm zum Heil den alten Klovtschietzer- ruf:Lüch up, Fleu herut!"

Sm Krug sind Diele und Dönzen voll trinkender und johlender Bauern, so daß niemand hindurchkommen kann. Aeber Köpfe und Tische hinweg zieht man Goy auf seinen Platz, und jetzt will jeder mit ihm anstoßencknd tränken. Der riesig« Schmied, der Rotbart, packt ihn und hebt ihn samt seinem Stuhl bis zur Decke, dann setzt er ihn nieder, daß es kracht, schmettert seins Faust auf den Tisch und brüllt:Verdammt, Goy, du bist mein Freund, und wer dir was will, dem schlag ich den Schädel zu Drei!" Er streift sich das wollene Hemd von dem mächtigen! Arm und fleht drohend umher, aber niemand ist da, der ihm widerspricht. Da faßt er den großen Krug und trinkt ihn in einem einzigen Zuge leer mit dem Raufen mutz er noch warten.

Goh sieht mit lachenden Augen über die Diele. Der Kröger hat ein Wagenrad mit Lichtern unter die Decke gehängt, und ihr flackernder Schein leuchtet auf lauter frohen Gesichtern. Alle, alle trinken ihm zu; auch Arp schwenkt ihm den Krug entgegen, schon halb betrunken, und lacht:Tausend Taler hab ich heute um dich verloren aber was tut's? Ein Satanskerl bist du doch trink aus!"

And Goy lacht und trinkt.

Ist er ickcht ein glücklicher Mensch?

Der Fährmann von Niederhausen.

Von Heinrich Bechtolsheirner.

(Fortsetzung.)

Aeber den Höhen auf der linken Naheseite hatten sich schwere Wollen zusammengezogen, sie verfinsterten die untergehende Sonne, so daß es im Tale dunkel wurde. Michel Klee hatte den Wagen, den Hannes Wild lenkte, abfahren sehen und hatte gehört, wie eine Frau, die auf der Straße stand, gesagt hatte:Setzt ist der Hannes Hochzeiter, es war auch Zeit für ihn, sonst wäre er ein Erbonkel geworden." Andere Leute, denen der Knecht auf seinem Heimweg begegnete, riefen ihm zu: Warum bist du heute nicht daheim geblieben, der Obermoscheler hätte dir einen Gulden Trinkgeld gegeben, weil er jetzt die Christine kriegt."

Michel wußte nicht recht, tote er nach Hause kam, Schmerz und Scham erfüllten ihn, Schmerz, weil ihm seine schöne Hoff­nung entsunken war, Scham, weil er sich seiner Armut und geringen Stellung so recht bewußt wurde. Es stand ihm fest, daß er keinen Augenblick mehr im Hause bleiben könne. Gr hatte gehofft, daß ihm nach dem Angetüm des Krieges ruhige, glückliche Tage beschert sein würden, und sah sich abermals in ein armes, friedloses Leben hinausgestoßen.

Sm Hofe traf er Peter Wenzel, der gerade di« Kellertür zuschlotz.

Herr," sagte der Knecht, indem er nähertrat, ^.ich danke Euch für alles, was Ihr an mir getan habt. Ihr habt mich, als ich aus dem Kriege kam, ausgenommen wie einen Sohn, jetzt aber will ich gehen."

Was ist mit dir, Michel? Du warst mit lieb und werk, aber du wirst doch verstehen, daß du kein Tochtermann für uns bist. Sei kein Narr»! Du findest auch noch ein Mädchen, das besser zu dir paßt als unsere Christine."