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Ablauf«, verstörtem aber er bemerkt zu feinem Verdruß, daß Dubbe Marks denselben Kniff angewandt hat. ..
Sin Trompetenstoß schmettert übers Feld. Dre beiden Bahnweiser treten die Wurflange ab, genau nach jedem einzelnen Werfer bemessen. Sechsundneunzig Schritt nimmt Gerd Tormalen für Dode Frers, der heute den ersten Wurf haben soll; dann! macht er Halt und sucht eine Stelle, die eben genug ist, um den Schwung der aufprallenden Kugel nicht zu hemmen und sie richtig weiterzuleiten. Dort pflanzt er sich mit seiner^ Fahne hin — genau hier soll die, Kugel aufschlagen. Dubbe Marks wählt für seinen Werfer denselben Platz.
Letzt ein neuer Trompetenstoß. . .
Dode Frers ist auf die Matte getreten. Er wirft seine Lacke ab, dann fliegen Schuhe und Mütze beiseite. Auf feinen grauen Wollstrümpfen läuft er prüfend die Matte hinunter, und letzt zieht er den Kloot aus der Lasche, die kleine bleidurchgossens Kugel aus Eschenholz, und wiegt fie in der Hand.'
Dann reckt er seine lange Gestalt. Nur in Hemd und Hose, mit aufgestreiften Aermeln und offener Brust, steht er da und spürt nicht deii schneidenden Frost. Letzt — sie halten den Atem an — jetzt beginnt sein Arm zu kreisen, jetzt em langsamer Schritt — noch einmal — noch einmal — letzt schneller, blitzschnell — ein reihender Lauf, ein Sprung und ein Wirbeln des Armes, ein Schrei aus der Menge — dann ein Auffeufzen und fröhliches Lachen. Ein Probelauf nur, und die Kugel blieb fest in der Hand. Da geht Dode zurück.
Letzt ist er warm, und er wiegt sich in federnden Knien. And nun preßt er die Lippen zusammen, er steht nach dem Liek, nach dem flatternden Fähnchen da drüben. Die Fahne neigt sich ihm zu, und seine scharfen Augen klammern sich daran fest — nicht nur seine Augen, alle seine Sinne, seine Nerven, rede Faser seines Körpers sprüht einen Funken hinüber und rmht das Ziel zu sich her. And jetzt reckt er sich hoch, das Gesicht verzerrt wie in grimmiger Wut, und jetzt, jetzt — tote atemlos still — man hört jeden Schritt seiner Füße mit dumpsem Schlag auf der Matte, man hört seinen keuchenden Atem und das Knirscheir der Sehnen, man hört diesen letzten gewaltigen Auck mit dem Pfeifen des sausenden Armes: Da! Aus tausend Kehlen ein Schrei, und hoch durch die Luft Meßt die Kugel dahin wie ein Bogel in Blau. _ ..,.
Drüben sieht Gerd Lormälen sie nahen; aber er weicht mch^ vom Fleck, er reckt ihr die Fahne entgegen, er reißt sie mit den Augen heran — hierher, hierher, so — jäh springt er zur Sette, und die Kugel pfeift neben ihm nieder, schlagt auf die glatte gefrorene Erde, gerade auf den günstigsten Fleck, springt ab und saust weiter, in mächtigen Sätzen die Gruppen überfliegend, dann hüpfend und kollernd — sie „trüllt", und endlich auslaufend in ruhiger Bahn. , , nr ,
Aber sie lief nicht allein - kaum hat sie beim ersten Aufschlag die Erde berührt, so fährt ein Sturm in die Menge und reißt sie der Kugel nach. Mit wildem Geschrei anfeuernd: „Lüch up — Fleu herutl", hetzend und jagend stürzt alles, was kaufen kann, toll hinterdrein. And kaum hebt Gerd Lormälen die Fahne dort, wo die Kugel liegen blieb, in die Höhe so ist er umringt von brüllenden Menschen; .hundert Arme recken sich hoch, hundert Fäuste wollen den Fahnenschaft mit umklammmr, und wer ihn nicht erreicht, der schlägt mit dem Stock über Die Köpfe hinweg an das Holz und tost und schreit, was er kann. La, das war ein Wurf! .«.«,«» - , -
Dode Frers wird gepflegt wie ein Kind. Man har ihm die Holzschuhe mit glimmenden Kohlen gewärmt, man hüllt ihn m Decken und Pelze und streift ihm die doppelten Handschuhe über, und dann schlürft er dampfenden Tee. Man klopft ihm die Schultern, den Rücken und umarmt und drückt ihn von allen Settern bis er sich beim Trinken verschluckt un& wütend mit dem Fuß UM sich stößt. , . — , „ -
Aber rasch hat er Luft, als abermals em Trompetenstoß dröhnt und der erste Ostfriese die Matte betritt.
Man kennt ihn, es ist Libbe Lülfs, ein Kerl wie ein Baum, ebenso groß wie Dode Arers, und man weiß, er wirft gut. Er hat eine andere Art — er bückt sich ganz tief, wie zum Sprung, die Faust mit der Kugel nach unten gestreckt, dann beginnt es zu kochen in ihm, sein Gesicht verzerrt sich; die Halsmuskeln treten tote Stränge hervor, und plötzlich macht er einen rasenden Sprung vorwärts und schleudert den Arm in so tollem Wirbel herum, daß fein ganzer Körper mit einem wilden Schrei aufwärts gerissen wird. Mit furchtbarer Wucht saust der Kloot durch die Luft. ,
Drei Schritte kürzer wirft Libbe als Dode Frers, aber so flach, daß der Kloot beim Aufschlag kaum gehemmt wird und nun. um so besser zu trüllen vermag. Wild stürmt die Menge ihm nach — jetzt schlägt Jer auf hartes Eis und überschlägt eine Grüppe — jetzt wirft ein Erdklumpen ihn hoch in die Luft — jetzt hat ihn ein Schneeloch gehemmt — dann endlich ist feine Kraft erschöpft, und er läuft sich tot, wenige Schritte neben dem andern, fast ebenso weit.
Wieder tosender Lubel, Gebrüll und Geschrei und inmitten dem wimmelnden Schwarms das Klappern der Stöcke am hoch- gehobenen Fahnenschaft, denn auch die Ostfriesen haben ihre Freunde mit hier, ustd ein guter Wurf Mrd immer von Freund
und Feind gleich stürmisch begrüßt. Auch Libbe wird umringt und gepflegt, genau so wie Dode Frers.
Die nächsten Werfer müssen dort beginnen, wo die Kugeln liegengeblieben sind, und während nun die Bretter und Matten von der ersten Abwurfstelle herangetragen und neu aufgebaut werden, wogt und schwirrt es wie ein Bienenschwarm übers Feld. Leidenschaftlich werden die Würfe besprochen, die Werfer gelobt und getadelt; Tee und Genever erhitzen die Gemüter noch mehr, und der Lärm der „Käkler", die alles besser wissen und jedem gute Ratschläge geben, schwillt immer mehr an. Mancher, der zu Hause keine zehn Worte am Tage spricht, hat sich kn eine« halben Stunde schon heiser geschrien.
Die grauhaarigen Alten besprechen frühere Feste — die Ramen der großen Werfer haften im Gedächtnis des Volkes länger, als die Namen der Grafen und Fürsten.
And schon beginnt man zu wetten, die kleinen Leute um einen Taler oder zwei, andere um eine Kuh oder ein Pferd, und nicht wenige, die es sich leisten können, um tausend Taler oder mehr. Was schert sie heute der Zorn des Pastors und das strenge Verbot einer besorgten Obrigkeit?
Wird Goh es mit ihm aufnehmen können? Der andere ist sicher zehn Lahre älter, und Goh ist neben ihm schlank und beinahe zart. Gewiß, Goh wirft gut — gestern flüchtete er sogar weiter als Dode Frers — aber es kommt nicht nur auf den einen Wurf an, denn der Kamps wird bis zum Nachmittag dauern. Wird er durchhalten können bis zum Letzten? Er ist- noch zu jung — viel zu jung. ..
Gerd Lormälen hatte schwere Sorge, aber er tragt sie mcht allein. Alle Käkler sind mit ihm einig, Goh ist zu jung. And sie runzeln die Stirn, wenn sie feinen Gegmer betrachten. Nur Ontje Drink strahlt und ist seiner Sache gewiß.
Die nächsten beiden Würfe sind ein wenig kürzer, sonst verlaufen sie genau wie die ersten. Der stämmige Bernd Bruns flüchtet seine Kugel sicher neunzig Schrttt weit auf einen kleinen Erdrücken, von dem sie prachtvoll trüllt; der zweite Ostsriese wählt denselben Punkt und bringt seinen Kloot noch ein paar Schritte weiter.
Wieder werden Bretter und Matten vorgetragen und neu aufgebaut. Noch liegen beide Gegner fast nebeneinander.
Letzt wirft der kleine Lütje Lüers. Mancher von den Gegnern lächelt, als Lütje aus seinen dicken Pelzen herauskriecht und einen nach dem andern abwirst — es bleibt fast nichts von ihm übrig, so schmächtig ist er. Aber wie er auf der Matte seine Knie spielen läßt und die Hemdärmel hochstreist, da ahnt man doch, daß feine Muskeln fest fein müssen wie Eisen. Er ist immer fröhlich und lacht, aber sobald er den Kloot in die Hand nimmt, ist er ein anderer. Seine Zähne kittrschen aufeinander, er tänzelt wie ein Fohlen ein paar Schritte hin und her, und dann, während fein Arm zu kreisen beginnt, schnellt er vor, als bestände fein ganzer Körper aus federndem Stahl und schießt wie ein Pfeil in die Höhe. Als sein Kloot durch die Lust saust, brüllen alle noch lauter als bei den anderen — das traute ihm keiner zu! And ganz besonders liebevoll hüllt man ihn wieder in feine Pelze.
Der dritte Ostsriese ist zwei Kopf größer als er, ein Recke, breitschultrig und stark, fest und gerade gewachsen. Alles an ihm ist ruhiger Ernst.. Er wiegt den Kloot in seiner gewaltigen Hand, faßt sein Ziel ins Auge, nimmt einen kurzen kräftigen Anlauf und wirft so unbekümmert und sicher, als sei es ein Kinderspiel hier und nicht der Kampf um die Ehre eines ganzen Volkes. And wieder liegen die Kugeln nahe nebeneinander.
Letzt kommt auf jeder Seite ein Neuer, ein Anbekannter, und alle wissen, bei diesen beiden liegt heute die Entscheidung. Was werden sie leisten?
Ganz besonders sorgfältig legt Gerd Lormälen die Bretter und sieht unruhig nach den Ostfriesen hinüber, die Goy prüfend bettachten und dann überlegen lächelnd ihren Werfer umringen. „Sechsundneunzig Schritt," sagt der gerade zu seinem Dahnweiser, und Gerd Lormälen gibt es einen Sttch. „Wieviel für dich, Goh?" fragt er. „Hundert," sagt Goh. Aber Gerd schüttelt den Kopf. „Ich nehm für dich neunzig Schritt, nicht mehr. Sieh scharf auf die Fahne und halte den Kloot nicht zu lange fest, sonst kommt er zu steil. Flach, Goy, flach ist die Hauptsache. Hast du den Kloot?"
„3 a."
„Wo?" t
„Hier in der Tasche — sieh her." „Laß stecken, und reä deine Hand schon herum, damit er wann genug wird. Du hast einen verdammt starken Gegner, Lunge."
„Er aber auch," lacht Goy.
Gerd Lormälen schreitet den Wurf ab — einen Schn« genau so lang wie den andern, feierlich und ernst. Neben ihm geht Dubbe Marks, laut zählend: achtundsechzig, neunundsechzrg, siebzig — da stutzen fie beide, zwanzig Schritt vor ihnen läuft der Sielgraben quer übers Feld. Sie zählen bettoffen weiter — achtundachtzig Schritt sind's bis an sein vorderes Ufer, und zwölf bis fünfzehn Schritt ist er wohl breit. Schlägt die Kugel hinein, so prallt sie beim Aufspringen gegen die Aserwand und bleibt liegen, es bleibt nichts übrig, afe Wrzer zu Wersen. Wenn sie ein oder zwei Schritt vor dem Graben aufschlägt, muh sie mit


