Nummer 20
Dienstag, -en 10. März
Jahrgang 1925
Gießener zamilienblalter
Unterhaltungsbeilage zum Gietzener Anzeiger
Der Bäume Wintertraum.
Von Jakob Voßhardts.
Frieren und zittern die Bäume Harrend im Winterrock, Webt ihre Seele Träume Mnten im Wurzelstock.
Spinnt und webt in der lang« Dämmernden Winterzeit Sich aus Farben und Prangen Bräutlich ein Frühlingskleid, Steigt zu des Lenzes Festen Heimlich ein Stamm empor: Wunderbar schiebt aus den Aeften, Traumhaft, ihr Kleid sie hervor.
Legt, was in Nacht sie gewoben, Strahlend und froh an den Tagt Jubelt die Sonne nicht oben, .Unten der Waldfinken Schlag?
KloDtschistzen.
Von August HinrichS"'').
Klotschiesten — ein solches Fest gibt es auf der werten Welt sonst nirgends als hier. , ,
Der Amtmann hat es verboten gehabt, es wurde zu hoch gewettet, und hinterher wurde getrunken, gespielt und geprügelt, ein zwei drei Tage und Nächte, bis alles im Wirtshaus zertrümmert, die Köpfe zerbeult, Arme oder Beine gebrochen und Fässer und Flaschen so leer waren, daß kein Tropfen Ehr aus- sief. Aber was vermag der Amtmann, ja der Graf selbst gegen den einmütigen Willen eines hartnäckigen Volkes?
Man kennt hier kein fröhliches Kirchweihfest — selten nur werden neue Gotteshäuser gebaut, die alten stehen achthundert, neunhundert, fast tausend Jahre — klotzig und trotzig aus Frnd- (Ingen getürmt, nicht hoch, aber wuchtig und schwer. Einzelne bat Willehadus noch selber gegründet, so hecht e8. Aber frag einen Menschen wem sind sie geweiht, diesen- HeiUgeu oder lenem — er sieht dich verwundert an —. keinem, nur Gott, Und kein freundl-cheS Fest schlingt bunte Blumen und Bänder um das verwitterte Gemäuer — es ist den Menschen hier eine ernste Sache um ihren Gott. Streng und gewaltig spricht er zu ihnen im 'Brausen des Meeres, das Tag und Nacht an die Deiche rollt, erhaben und groß geht sein Atem über die Ebene dahm. Man muß sich mühen um ihn, niemand wirft er das Brot umsonst in den Schoß, und er segnet nur die Menschen mit hartgearbeiteten Händen. Aber da er so sichtbar seine Wacht offenbart, so ehrt man ihn willig, und nirgends sind die Gesichter der Menschen so feierlich ernst und strenge beim Gottesdienst als hier in diesen ungefügten Mauern, in denen Fenster wie Schießscharten sind und Türen aus armdicken Bohlen,
Nein, ein Kirchweihfest gibt es hier nicht, Und auch kein lustiges Vogelschießen, wie es bei einem heiteren Menschenschlag -Mich ist. Aber der aufgestaute Strom eines Volkstums, so kraftvoll und zäh wie kein zweites, schwillt an und brodelt, im Zaun gehalten, so lange im Stillen fort, bis irgendein Anlaß die Dämme zerreißt und die überschäumendem Kräfte in wildem Sturz sich ergießen. And dann mag verbieten, wer will .
Der Winter ist diesmal früh gekommen, er bringt wenig Schnee, aber eine scharfe und bittere Kälte, die alle Gräben und
*) Soeben erschien der erste Band aus dem Nachlaß des Schweizer Dichters mit den „Gedichten" Offenbarungen tiefer Gemütsbewegungen, die er sich scheute, der Oeffentlichkeit preiszugeben. Vergeistigtes Denken und Schauen, verklärt von heiterem Humor und liebevoller Güte. (Verlag Grsthlein & Co. in Leipzig s
1453
♦*) Diese glänzende Schilderung jenes uralten niederdeutschen Kampfspieles gibt Hinrichs in seiner neuesten Dichtung „Die Hartjes" (Verlag Quelle & Meyer, Leipzig, Leinen 5 Mk.j. Prachtvoll erdnahe ist dieser niederdeutsche Aoman, von Aber» glauben und dunklen Sagen durchschattet, voll leidenschaftlicher, linnmsroher Menschen,
Tümpel bis auf den Grund gefrieren laßt. Die weiten Maischwiesen sind fest und hart wie ein Brett: die Sonne steht wohl am Himmel, aber sie ist bleich und kält, und der Ostwnid laßt die Halme unter seinem eisigen Atem wie Glas zersplittern.
Am Nikolaustag läuft ein Dutzend Männer auf Schlittschuhen. mit ihren Padstvcken bewaffnet, über die Aue ins Friesische hinein nach dem nächsten Kirchdorf. Dort hängt vor dem Kruge unter dem großen Wirtshausschild eine faustdicke Kugel über der Straße — die reizt sie, wie das rote Tuch den Stier. Sie schlagen lärmend ihre Stöcke aneinander, reißen die Kugel herunter auch treten in den Krug.
„Hallo" schreit Gerd Tormälen, bet Führer, „wo ist mein alter Freund Dubbe Tiarks?"
„Hier hockt er," tönt eine rauhe Stimme vom Feuer her, und eine mächtige Gestalt reckt sich Hoch, „hab' lange genug auf euch gewartet, ich dachte schon, ihr würdet es doch wohl nicht
9 „Hast du immer noch dein großes Maul?" lacht Gerd, „sieh her, hier ist eure Kugel, wir nehmen den Wettkampf an und setzen drei Tonnen Bier — Amt gegen Amt — ist's euch recht?'
„Topp, es gilt," sagt Dubbe Tiarks und schlägt in die dar- gebotene Hand. Dann trommelt er auf den Tisch und brüllt: Kröger, den Grogkessel her! Und wenn du heute einen einzigen Tropfen Wasser hineintust, dann schlage ich dir alle Knochen im Leibe zusammen — in acht Tagen ist Klootschießen,
Am anderen Tage ist es in allen Dörfern bekannt, und jetzt mag geschehen in der weiten Welt, was will — man hat keinen Sinn mehr für andere Dinge, Gerd Tormälen, der Obmann, bekommt die Seinen kaum noch zu Gesicht, so viel hat er zu tun und zu ordnen. Vier Werfer find' ausgewählt — die besten aus dem ganzen Amt. und Jung und Alt kennt ihre Namen. Da ist zuerst Dode Frers, einen Kopf länger als alle anderen, auf hundert Schritt wirft er den Kloot noch ins Scheimentor, dann Bernd Bruns, bedächtig und breit, der sicherste Werfer, kein Kloot ist ihm jemals mißglückt, dann der kleine, sehnige Lütje Lüers, ein Spuckt, dem niemand die walNgen Würfe zutraut, und endlich noch Goy — der Hartjebnr.
*
Endlich ist der große Tag da.
Aus dem ganzen Lande sind die Menschen zusammengekommen, von weit und breit her: lange Wagenreihen stehen im Dorf, und immer noch strömt es heran. Draußen auf den kahlen Marschwiesen tummelt sich eine dichte Menge, Männer, Frauen und Kinder; da ist niemand zu alt oder zu jung, wer feine Beine noch rühren kann, will heute dabei sein. Schneidend pfeift der Wind'über das flache Land; trotz der bitten Schafspelze, der wollenen Decken und den mit Stroh aus gepolsterten Holzschuhen klappern manchem die Hähne, aber niemand weicht vom Fleck.
In dem weiten Ring, den die Menschenmasse in unerschütterlicher Ruhe umschließt, arbeiten Gerd Tormälen und Dubbe Tiarks, die beiden Bahnweiser, mit ihren Helfern. Gerd, von Talke mit dicken Schafspelzen umwickelt, trägt eine Pelzkappe, die ebenso schwarz ist wie sein wüster Bart; und da Mund und Nase vollständig darin verschwinden, weiß niemand, ob er eigentlich vor- oder rückwärts geht. Dubbe Tiarks hat so viel Kittel aus selbstgestrickter Wolle übereinander gezogen, daß seine Arme immer noch schräg zur Seite stehen, wenn er sie hängen läßt. Seine Beine sind mit Pelzen umschnürt, er gleicht einem Grönlandfahrer und geht unbeholfen und schwerfällig wie ein Eisbär über das Feld.
Es ist ein wichtiges Amt. das die beiden haben. Aber tuet sie sieht, wie fie die Bahn jetzt prüfen und die richtige Stelle zum Abwurf suchen, immer die flatternde Fahne fest in der Faust, kühn und stolz und ihrer Würde bewußt, der wird sie bewundern als die Könige ihres Volkes.
Die ersten Abwurfstellen liegen für beide Gegner nebeneinander. Von hier aus müssen die vier Werfer jedes Amtes, immer In derselben Reihenfolge, den Kloot übers Feld. bringen, der nächste dort abwerfend, wo die Kugel des ersten liegengeblieben ist. r
Mm den Werfern einen sicheren Anlauf zu geben, find starke Bretter auf die Erde gelegt, und darüber wird die fünfzehn Ellen lange, eigens für diesen Zweck geflochtene Binsenmatte geroOt Der kluge Gerd Tormälen hebt das eine Ende der Laufbahn durch ein paar unterg?'egte Klötze, damit der Schwung sich beim


