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bluten. Darm heißt es für uns: Friß Vogel, oder stirb! Jeder mutz den Veutel ziehen, wenn er nicht mit dem Bajonett gekitzelt werden will. Das haben wir schon durchgemacht."
Als die Stunde der „Besprechung" kam, glänzte die begeisterte Bürgerschaft durch Abwesenheit, und das Gesicht des Herrn Admirals war blaurot. Aber vor Wut.
„Diesen Kanaillen werde ich das anstreichen!" schrie er. Gr ließ seine Tapferen also ein bißchen plündern, „requirieren", und solchermaßen die Burger zu erhöhter vaterländischer Gesinnung erziehen. And seine schwarzen Matrosen besorgten das mit Hingabe und Gründlichkeit. Aber darum blieb die Kasse des Admirals doch leer, denn Pedro, Chico, Antonio und Miguel hatten ihre Patacoes rechtzeitig und gut versteckt. Die Stimmung des Admccals spielte also bereits ins Aschgraue. Sie wurde aber noch grimmiger, als er an Bord zurückkam und beim Appell ein Dutzend Leute einfach fehlte. Andere Mannschaften, die dem bösen Beispiel liebend gern gefolgt wären, hatten die Offiziere nur mit vorgehaltenem Revolver zurückhalten können. „Wir müssen der üblen Gesellschaft Arbeit geben, damit sie nicht auf dumme Gedanken kommt. Das Requirieren war Ansinn!" erklärte Moreira.
Dabei sah er nach dem ladenden Engländer hinüber, der Pack um Pack trockener Häute an Bord hievte. Die Ketten an den Gangbäumen rasselten und die Winden surrten.
Der Kapitän der „City of Dundee" ging gemächlich auf der Brücke hin und her und rauchte seine Pfeife mit gutem „Golden Flag", den er besonders liebte. Er hatte seinen ersten Morgen- brandy im Leibe und war mit sich darüber vollkommen einig, daß dieses Sao Jose do Matabicho ein elendes Loch sei, aber seinem Ramen Ehre mache. Denn zum Glück gab es da einen guten schottischen Whisky in einem englischen Store, und er hatte sich gut damit versorgt. Also rief der Kapitän der „City of Dundee" seinem Steward zu, den zweiten Morgenschnaps zu servieren, aber diesmal einen Whisky. And als der Whisky die Straße seines Vorgängers hinabgeglitten war, war der brave Kapitän sich darüber klar, daß darum dieses gottverlassene Rest da am Strande nicht kurzweiliger geworden sei. Wenn sich nur einmal etwas ereignen möchte! Zwar die Einfahrt der „Gloria" war em Ereignis, aber was ging das ihn an? Man setzte in diesem Hundelvch noch Muscheln an wie eine alte Kufs im Hafen!
Als er hörte, daß die Matrosen von der „Gloria" ausgerückt waren, lachte er. Man konnte es den schwarzen Schelmen nicht verdenken, wenn sie ihrer Flagge kurzen Abschied gaben. Denn Kapitän Moreira wußte vom englischen Bizekonsul bereits, daß der große Brand in Rio gelöscht sei und daß nun Die Regierungsschiffe Jagd machten auf die Reste der Rebellen- ffotte.
„Dam nit! Was wollen die Kerle bei mir?“ fragte er erstaunt, als ein Boot von der „Gloria" abstietz und auf die „City of Dundee" zuhielt. Auf den Duchten des Bootes sahen Matrosen, ein Offizier in Uniform am Stern, hinter ihm die Flagge der Revolution.
„Ich werde dem Mann ein Glas Portwein anbieten: vielleicht erzählt er mir ein bißchen von seiner Piratevei. Das gibt Anter- Faltung." überlegte Morris und rief dem Steward zu, er möge eine Flasche Old Port und zwei Gläser auftragen.
Aber der Schiffsleutnant wollte etwas anderes als eine Flasche Old Port. Er trat sehr bestimmt auf und forderte mit dürren Worten Kohlen aus den Bunkern des Engländers. Denn an Land seien keine zu haben.
„Das weih ich längst, Sir. Ich habe meine Kohlen für schweres Geld gekauft und übergenommen. Der Händler ist blank. Sie müssen also die nächste Fracht abwarten," erklärte Morris gereizt.
„Rein, dann müssen Ihre Kohlen eben umgeladen werden," kam es zurück.
„Herr!" brauste Morris auf und ließ die Pfeife fallen, „sind Sie des Heufels? Ich danke meinem Schöpfer, daß ich Kohlen bis London habe. Oder meinen Sie, ich warte in diesem gottverlassenen Loch, bis neue Kohlen aus Cardiff kommen? Rein, Zeit ist Geld! Wenn Sie mit mir ein Glas Portwein trinken wollen — gut! Wenn Sie Kohlen haben wollen — ich gebe nicht für einen Schilling ob!“
„Dann werden wir mit Gewalt nehmen müssen, was wir gebrauchen, Sir."
„Das wollen wir sehen! Das probieren Sie mal! Ich bin britischer Untertan. Ottern Schiff fährt unter britischer Flagge! Wissen Sie, was das heiht? Es würde Ihnen und Ihrem Kommandanten verdammt eklig aufstvhen, wenn Sie britisches Eigentum hinterschlucken wollten! He, Tom! Lauf mal fix zum Konsul! Er muß sofort an Bord kommen! Aber sofort!"
Der Leutnant entfernte sich gemessen, während ein Ottatrose an Land setzte, und überbrachte Moreira die Antwort des Engländers. Der englische Konsul erschien an Bord der „Gloria" und machte nachdrücklich darauf aufmerksam, dah eine gewaltsame Aneignung von Kohlen der „Eity of Dundee" eine Verletzung des Union Jack bedeute. Innerlich wünschte dabei der Konsul einen großen Kasten herbei, der „diesen dreckigen Rs- bellenkahn" zu Bruch schösse. Aber ehe em englischer Kreuzer
von Montevideo herbeitelegraphiert war. dampfte die „Gloria" natürlich auf hoher See.
Sv blieb es also bei dem feierlichen Protest des Konsuls und dem mörderlichen Fluchen des Kapitäns Ottorris. Denn für den Augenblick hatte trotz Old England und seiner Flotte die „Gloria? die Gewalt in Sao Jose do Matabicho. Aber soviel Gewalt hatte Kommandant Moreira nicht, daß er die Flucht eines neuen Trupps Matrosen in der folgenden Rächt verhindern! konnte. Sie hatten heimlich zwei Dovte klargemacht und ruderten flußabwärts aus dem Hafen, zunächst bis zu den Tarqueadas, wo die Aasgeier auf den Pfählen und Dächqrn die Ankömmlinge verwundert betrachteten und die kahlen Hälse nach ihnen fast verdrehten. Hier „requirierten“ die Flüchtlinge zunächst einen Ochsen und schlachteten ihn, ohne sich an den Protest seines Besitzers zu kehren. Er möge sich an den Kommandanten Moreira wenden, der werde das Oechslein ohne Zweifel gut und bar bezahlen! Dabei grinsten sie frech und steckten einen Chu- rascv an den Spieß.
Kommandant Moreira hatte ohne Zweifel einen Boten mit der Rechnung für den Ochsen koppheister über Bord gehen lassen, denn er kochte vor Wut.
„Man sollte dieses verdammte Rest in einen großen Klumpen schießen!" wetterte er, als ihm die neue Desertion von Matrosen gemeldet wurde. „Erst kratzt der Lotse aus, dann die schwarze Affenbande! Schließlich kann ich selbst noch Heizer und Rudergast spielen!“
Aber alles Wettern und Fluchen half nichts. Er hatte zwar mit Gewalt dem Engländer Kohlen und in der Stadt Proviant genommen, und was sonst noch in den Räumen der „Gloria" gefehlt hatte, war von der Mannschaft zusammengeräubert worden. Äur Munition war nicht zu haben.
Ohne Zweifel aber hatten die Telegramme aus Sav Josö dv Matabicho bereits die Regierung und den englischen Gesandten in Rio erreicht. Englische Stationskreuzer und Regierungsschiffe würden sich aus die Jagd nach der „Gloria" machen und diese ohne Barmherzigkeit zur Strecke bringen. Also hieß es, sich schleunigst aus dem Staube machen! Kohlen hatten sie ja und konnten eine Weile Dampf halten.
Ein Lotse war nicht aufzutreiben. Die hatten sich alle rechtzeitig gedrückt. Denn sie hatten von den Matrosen rechtzeitig vernommen, welches Schicksal die deutschen Lotsen in Rio do Bugre gehabt hatten. S,o mußte die „Gloria" sich auf eigene Gefahr aus Sao Jose do Matabicho hinauslotsen. Als sie ab- bampfte, knatterten die Raketen wieder, aber nur aus Freude, daß die „Piraten ausrifsen wie Schafleder". Die Bürger atmeten auf, und der Redakteur der „Liderdade" tauchte die Feder- in Gift und Galle und schrieb einen Rachruf für den „Obersvitzbuben zur See Alfredo Moreira", in dem gepfefferte Ausdrücke zu finden waren, auch die hoffnungsreiche Erwartung, den Piraten Ottoreira baldigst als Zierde einer guten Rahennock im Winde baumeln zu sehen. Der Abschied duftete durchaus nicht nach dem Weihrauch des Begrüßungsartikels für den einlaufenben „Befreier und Helden".
Ottoreira hätte am liebsten der „bösen Bande" ein paar Granaten zum Abschied in die Bude gefunkt, aber —! Riemand wußte besser als er, wie es in diesem Punkte um das Wollen und Vollbringen ausfah. Es fehlten eben die Zünder.
Ottoreira war also wohl oder übel gezwungen, den Großmütigen zu spielen, und dampfte, ohne noch Schaden oder Leid zu tun, aus Sao Jose do Matabicho.
Eine Woche lang war nichts zu hören von Ottoreira und seinem Schiff.
„Wahrscheinlich versackt und ersoffen,“ hieß es allgemein und liebevoll.
„Ottoreira hat sich und sein Schiff heldenhaft in die Lust gesprengt!" versicherten die Devolutionsleute.
Aber sie überschätzten den Heldenmut Moreiras. In aller ©title dampfte er in einen Hafen des Nachbarstaates, und da man dort nicht viel Kleingeld übrig hatte, um Schiffe auf ausländischen Werften zu bestellen, sintemalen die Revolution die Kassen einmal wieder leergefegt hatte, so machte man mit dem Kommandanten des „herreniosen" Schiffs ein für beide Teile vorteilhaftes Geschäft. Ottoreira verhökerte seine „Gloria" in aller Verschwiegenheit und unter der Hand für eine Summe, die für ihn immerhin ansehnlich erschien. Die Revoluzzerei hatte für ihn also etwas abgeworfeir. Er hielt seinen „Ottit- streiiern" zum Olbfchied noch eine glühende Rede und dankte ihnen, daß fte ausgehalten hätten bis zur letzten Granate, ja, bis zum letzten Zünder der letzten Granate! Dann reichte er jedem die Hand und wollte sich empfehlen.
Aber seine Getreuen ließen ihn nicht von Bord, bevor sie ihren geziemenden Olnteil an der Kaufsumme erhalten hatten. Dafür danfte Ottoreira ihnen dann weniger begeistert, sondern er zog Zivil an, schlüpfte an Land und verschwand.
Mhrs hatte sich wieder glücklich in Rio do Bugre eingefun- den und sitzt an seinem Stammtisch, und wenn Hein Baukhage seine Seeräubergeschichten erzählt, so schließt er: „Ja, ja, meine Herren, die Flibustier find noch nicht ausgestorben, und Käpp'n LührS wäre beinahe auch einer geworden!"
Schriktlettung: Dr. Friedt. Wikh. ßanae. — Druck und Verlag bet BrMfcken AnivXBucü- und Steindruckerei. R. Lange, Metzen.


