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mannigfachen Aufgaben wertvoll ist, sondern allein die (leider so seltenen) genuherfüllten Momente des Daseins. — Kierkegaards Aeberzeugung (die deutlich genug durch die glänzenden Schilderungen der ästhetischen Lebensform durchschimmert) ist es nun, dah, wie faszinierend und beneidenswert auch em solches Leben von außen gesehen erscheinen mag, dasselbe doch, von innen betrachtet, wesentlich als „Verzweiflung' charakten- fiert werden muh. .
Aus einer solchen Verzweiflung ist es indessen dein Menschen möglich, sich (durch die Reue) in eine andere Sphäre hinüber zu retten, nämlich in die des Ethischen. Es ist dies eine Welt, die nicht von den flackeriideni Kerzen des Genusses, sondern von der klaren Sonne der Pflicht erhellt wird. Aicht die gröhtmögliche Lust wird hier gesucht, sondern der Stimme des Gewissens zu folgen, ist höchstes Lebensziel. Mit Nietzsches Zarathustra könnte auch Kierkegaards Assessor Wilhelm sagen: „Trachte ich denn nach Glück? — ich trachte nach meinem Werk!" Und doch besteht zwischen den beiden, wiederum ein bedeutender Unterschied. Denn während über Zarathustra ein ganz individuelles Ideal leuchtet („hier geht mein Weg — wo geht der deine?"), sieht Assessor Wilhelm seine Lebensaufgabe darin, das „Allgemeine zu realisieren , d. h. so zu handeln, wie es von dem Echos seiner Zeit und seines Volkes verlangt wird. Zugleich betont aber Kierkegaard nachdrücklich, dah der „Akzent" im Ethischen auf der Absicht, der Gesinnung, nicht auf dem Erfolg des Verhaltens hegt: Was der Mensch will, nicht was er erreicht, entscheidet über seinen sittlichen Wert.
Mag aber nun der Mensch sich mit aller^ Kraft den sittlichen Aufgaben widmen, mag er ein guter Bürger, ein treuer Freund, ein besorgter Gatte und ein liebevoller Vater sein — es sind dies alles doch nur endliche und relative Ziele. Erst wenn er sich zur religiösen Sphäre erhebt, in der er sich zum Göttlichen verhält, leuchtet das Ewige und Absolute in sein Leben hinein. Zwar kann auch der Gthiker auf seine Art religiös, ja sogar christlich und kirchlich sein (ist Assessor Wilhelm doch in gewöhnlichem Sinne „ein guter Christ"), aber er hat dennoch nicht das eigentliche Wesen Gottes, nicht die Eigenart des Absoluten ersaht. Gott ist nämlich nicht zu fassen als das Menschliche in seiner Idealität, gleichsam als ein irdischer Superlativ (wie z. B. ein bedeutender Mensch dem anderen in dieser oder jener Beziehung als Ideal vorschweben kann), sondern er ist das vom Menschen qualitativ Verschiedene, das „prä- dikatlvse Sein", von dem sich, streng genommen, nichts anderes sagen läht, als dah es hoch erhaben ist über alle endliche Realität und alles menschlich Wertvolle. Dies Absolute nun fordert die ganze Kraft des Menschen, ihm soll er ausschliehlich dienen (denn wie kann man ein unendliches Ziel nur zum Teil erstreben?) und allem anderen entsagen. — Es könnte hiernach scheinen, als sollte der Religiöse entweder Selbstmord begehen (was eigentlich das Konsequenteste wäre) oder doch mindestens ins Kloster gehen. Doch, keinen von diesen Wegen darf er nach Kierkegaard ein» schlagen: den ersten nicht, weil er sich nicht selbst das Leben nehmen darf, den zweiten nicht, weil er — zur Aeuherlichkeit führt. Dagegen soll der Religiöse in der Welt bleiben, und alle endlichen Aufgaben erfüllen, ganz wie ein gewöhnlicher Mensch, nicht von einem solchen zu unterscheiden: aber er soll mitten im Leben stehen als einer, der die ganze Richtigkeit aller seiner Ziele, die völlige Wertlosigkeit aller seiner Gaben durchschaut und erkannt hat.
Dies ist jedenfalls der (im Grunde inkonsequente) Standpunkt des jüngeren Kierkegaard. Später wirkt sich dagegen seine Ansicht in ihren Konsequenzen mehr und mehr aus, so dah er zuletzt dahin geführt wird, eine lebensfeindliche Askese zu predigen und das ganze Kulturleben der Menschheit als sündhaft zu verurteilen. Charakteristische Aeuherungen von ihm in der letzten Periode seines Denkens sind z. D. folgende: dah Gott der „Todfeind des Menschen" und das ganze menschliche Dasein mit einer „Strafanstalt" zu vergleichen sei.
Muh man somit das wahrhaft religiöse Leben als praktisches Verhalten seinem Wesen nach als Leiden bezeichnen — wie es nicht anders möglich ist, wo ja doch zwischen Gott und Mensch ein Abgrund klafft — so gilt dasselbe, wenn man es unter einem theoretischen Gesichtspunkt betrachtet. Denn das Dasein Gottes läht sich nie und nimmer beweisen, sondern ist und bleibt „objektiv ungewiß", allezeit dem Zweifel ausgesetzt, und kann folglich nur ein Gegenstand des Glaubens sein. 3n der christlichen Sphäre nun steigert sich der Glaube zu einem „absolut paradoxen" Verhalten, denn im Christentum handelt es sich nicht länger um ein Verhältnis zum Ewigen schlechthin, sondern um ein solches zu „Gott in der Zeit", was offenbar ein Widerspruch in sich schliesst. „Dies ist das Absurde, dah der Ewige in der Zeit entstanden, dah Gott geboren, gewachsen ist risw, bah er ein einzelner Mensch geworden und dann gestorben ist..." Besonders deutlich hat Kierkegaard in den „Philosophischen Bissen" die hierhergehörigen Gedankengänge dargelegt und gezeigt, dah. wenn das Christentum etwas ander-es als humane Religiösität fein soll, es unweigerlich voraussetzt, dah Christus auf einer prinzipiell anderen Stufe als alle übrigen Menschen steht und folglich auch des Menschen Verhältnis zu ihm ein ganz verschiedenes von dem zu allen anderem wird. Am besten
und klarsten können wir den Unterschied, den Kierkegaard zwischen aller humanen Religiösität und dem Christentum findet, so ausdrücken, dah wir sagen: Während in der ersteren das Prinzip der Autonomie grundlegend ist, verkörpert sich im Christentum das Prinzip der Heteronomie. — Ferner schlieht der Glaube an Christus auch insofern ein Paradox in sich, als das Christentum uns doch nur als ein „historisches Datum" gegeben ist, demgegenüber es gilt, dah wir nie absolute, sondern nur annähernde („ approximierende") Gewißheit, d. i. eine größere oder geringere Wahrscheinlichkeit erreichen können. Mit Zustimmung führt denn auch Kierkegaard Lessings berühmten Satz an, dah „zufällige Geschichtswahrheiten nie der Beweis für notwendige Vernunftswahrheiten werden können". Rur durch einen „Sprung", durch eine (objektiv) grundlose Willensentscheidung des einzelnen ist es deshalb (wie auch schon Lessing gesagt hat) möglich, von dem Boden der humanen Religiösität in die christliche Sphäre hinüberzugelangen.
Dies sind in schematischer Kürze die Hauptgedanken Kierkegaards von den drei (oder vier) „Gxistenzsphären" (oder „Lebensstadien"). Was indessen in einer solchen referierenden Wiedergabe nicht zu seinem Rechte kommt, ist die eigentümliche Art und Weise, in der er dieselben dargestellt hat. And doch ist zum großen Teil ihre Bedeutung eben an diese von ihm log. „indirekte Methode" ihrer Mitteilung geknüpft. Deshalb sei noch zum Schlüsse mit ein paar Worten auf dieselbe hin- gewiesen. Wir sagten am Anfang, dah Kierkegaard feinen Lesern nicht eine neue Lehre geben, nicht (wie er das nennt) „dozieren" wollte, sondern sie zum selbständigen Stellungnehmen gegenüber dem Leben bewegen. Dies meinte er nun am ehesten dadurch zu erreichen, dah er die verschiedenen möglichen Existenz- weisen den Menschen gleichsam objektiv zur Wahl hinstellte und als Verfafser so weit möglich in den Hintergrund trat, ja am liebsten ganz verschwand. Zu diesem Zwecke verwendete er in der Regel eine Reihe von Verfasser-Pseudonymen, hinter denen wiederum oft fingierte „Herausgeber" standen, kurz ein recht künstlich anmutendes chinesisches Schachtelsystem. And ferner lieh er auch nicht die Pseudonyme ihre Ansichten lehrhaft vortragen, sondern gestaltete sie zu individuellen Charakteren, die in ihrem Leben die verschiedenen Existenzweisen verkörperten und konsequent durchführten. Demgemäh hielt Kierkegaard auch immer daran fest, dah er als Verfasser nicht darüber entscheiden wollte, welche von den dargestellten Sphären die höchste war. Seine persönliche Ansicht sollte ganz zurücktreten. Oh er als Privatmensch überhaupt eine Meinung habe, und dann welche, sei völlig gleichgültig. Rur die möglichen Lebensarten wollte er darstellen und überlieh es dann seinem Leser, selbst unten ihnen seine Wahl zu treffen. Selbst dem Christentum gegenübev wollte er es so halten. Seine Sache — so Betont er des öfteren — fei es nicht zu entscheiden, ob das Christentum recht habe oder nicht, sondern nur zu zeigen, worin das Wesen desselben eigentlich bestehe. Was Kierkegaard geben wollte, waren eben nicht dogmatische Lehren, sondern eine „vergleichende Lebensphilosophie", der gegenüber sich die Menschen zu einer selbständigen Entscheidung unter eigener Verantwortung gezwungen fühlen sollten.
Die Flibustier.
Eine Erzählung von der Küste Brasiliens.
Von Dr. Alfred Funke.
(Schluß.)
Am anderen Morgen lieh Moreira die Besatzung an treten und hielt eine fürchterliche Ansprache, in der es von Krumm- schließen und Standgericht hagelte. Arlaub an Land gab es nicht, und auf jeden Ausreiher sollte sofort geschossen werden. Dann begab er sich mit seinem Adjutanten an Land zum Intendanten, der ihn mit sehr gemischten Gefühlen, erwartete. Der Stadtvater wuhte ja genau, was nun kommen mußte.
Zunächst belegte der Kommandant die öffentlichen Kaffen mit Beschlag. Aber er kam damit um eine Rafenlänge zu spät, denn die Gelder des Zolls und der Stadt waren von den Kassierern in Sicherheit gebracht, und nur klägliche hundertdreiund- zwanzig Milreis waren die Ausbeute.
„Diese Schurken haben das Geld natürlich ohne mein und des Herrn Guarda-mor Wissen beiseite gebracht. Ohne Zweifel werden sie auch von dein nächsten Telegraphenamt aus der Regierung Mitteilung vom Einlaufen der „Gloria" gemacht haben, Herr Admiral. Ich bedaure das aufs tiefste."
Der Intendant hoffte durch diese Vermutung aber den Besuch der „Gloria" im Hafen von Sao Jose do' Matabicho abzukürzen. Den Erfolg hatte er zunächst, dah der Admiral ein sehr langes Gesicht machte. Die Ausficht auf ein Wiedersehen mit den Kameraden von der Regierungspartei hatte für ihn nichts Verlockendes.
Moreira versuchte es nun mit anderen Mittelchen. Er forderte die Bürger der Stadt auf, zu einer „Besprechung der Gage" auf dem Rathaus zu erscheine:,. Aber Pedro. Chico. Antonio und Miguel erklärten: „Das kennen wir. Während dieser Besprechung erscheint dann ein Dutzend Blaujacken mit geladenem Gewehr, die Zeichnungsliste wird aufgelegt, und jeder muh
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