Jahrgang (925
Dienstag, den (0. Februar
Nummer 12
Gießener zamilienblätter
Unterhaltungsbeilage zum Eichener Anzeiger
Der Panther.
Rainer Maria Rilke.
Sein Mick ist im Vorübergehn der Stäbe fo müd geworden, daß er nichts mehr hält.
Ihm ist's, als ob es tausend Stäbe gäbe und hinter tausend Stäben keine Welt.
Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte, der sich im allerkleinsten Kreise dreht, ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte, in der betäubt ein großer Wille steht.
Rur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille sich lautlos auf — dann geht ein Bild hinein, geht durch der Glieder angespannte Stille — und hört im Herzen auf zu sein.
Der Fährmann von Niederhausen.
Von Heinrich Bechtolsheimer.
I.
Man schrieb das Jahr 1813, und zu Riederhausen an der Rahe waren die Leute mit dem Keltern der Trauben beschäftigt, da fuhr um die Mittagszeit auf der Straße, die von Kreuznach über Münster am Stein am Rotenfels vorüber sich durch das Rahetal zieht, ein elendes Fuhrwerk ein. Es war ein kleiner Leiterwagen, wie ihn sonst die Kühe ziehen; an den Wagen war ein kleines, abgetriebenes Pferd gespannt. Ein französischer Soldat, den ein schwerer Mantel einhüllte, saß auf dem Querbrett und lenkte das Fuhrwerk. Der Mann sah recht verwildert aus, die Augen lagen ihm tief in den Höhlen, ein schwarzer, ungepflegter Bart umrahmte sein Gesicht, und die Haare, di« lange nicht mehr geschnitten worden waren, hingen auf den Mantelkragen herab. Der Mann sah aus, wie ein Soldat aussieht, der aus einem unglücklich verlaufenen Kriege heimkehrt. Immerhin schien er noch leidlich bei Gesundheit und Kräften zu sein, hinter ihm aber auf einer dünnen Strohschicht lagen zwei Männer, denen man sofort ansah, daß sie von schwerer Krankheit befalle« waren. Es waren gleichfalls Soldaten, aber der Glanz ihrer Uniformen war dahin, die Röcke waren zerrissen und verblichen, Mäntel hatten sie nicht, mit einigen alten Säcken wären sie zugedeckt. ' Dabei lag der Rvvembernebel auf dem Lande, und die Bäume zeigten Spuren von Reif. Der eine der beiden auf dem Wagen liegenden Männer hatte das Haupt mit einem blauen Tuche verhüllt, der andere trug eine weiße Zipfelmütze, wie man sie damals oft bei Fuhrleuten sah.
Die Einwohner von Riederhausen liefen zusammen, als das elende Gefährt am Gasthause zum „Lemberg" anhielt. .Die Männer kamen aus den Kelterhäusern, die Frauen aus 'den Ställen und den Küchen. Breitspurig stand Peter Wenzel, ein vermögender Bauer, auf der Straße und blieh den Rauch seiner kurzen Pfeife in die kalte Winterluft. Reben ihm stand der Fährmann Rikolaus Sachs, der gerade Wasser aus einem seiner beiden Rachen geschöpft hatte und beim Anblick des seltsamen Fuhrwerks herbeigelaufen war.
„O weh, Rikela," sagte Peter Wenzel, „die kommen heute nicht mehr weit. Guck doch, wie den armen Leuten da im Stroh die Zähne klappern, und blitzblau sind sie alle beide. Was ein Elend! älnd nun verstehen die alle drei kein Wort Deutsch."
„Das wäre gefehlt ihr Leute, wenn keiner von uns ein Wort Deutsch verstünde," sagte der Lenker des Fuhrwerks, der abgestiegen war und nun hinkend zu dem Pferdchen trat, um ihm eine alte zerrissene Decke überzuhängen. „Kennt ihr mich denn nicht mehr, ich bin ja der Michel Klee von Duchroth, der früher hier bei dem Friedrich Schneider als Knecht gedient hat."
„Weiß Gott, es ist der Duchrother Michel," sagten mehrere Stimmen.
„Wahrhaftig, der Michel," sprach der Fährmann, „der Sonntags immer bei mir an der Rahe gesessen hat und mir beim älebersehen der Leute geholfen hat. Aber, Michel, wo kommst du her?"
„Woher ich komme." antwortete der Gefragte, „ich bin vor fünf Jahren in die Fremde gegangen, war Kutscher in Mainz und kam dann in das 65. Linienregiment. Drei Jahre war ich in
Spanien, dieses Jahr an Lichtmeß kam ich zurück nach Mainz und dann nach Sachsen, wo ich den Feldzug mitgemacht habe. Ihr Männer, bei Leipzig ist eine furchtbare Schlacht geschlagen worden, und der Kaiser hat sie verloren. Mainz liegt voll von kranken Soldaten, sie haben alle das Rervenfieber, wie hier mein« zwei Kameraden."
Peter Wenzel war an den Wagen getreten und fragte einen der Kranken: „He, Landsmann, wo tuts Euch weh?"
Der Gefragte gab keine Antwort, versuchte den Kopf aufzurichten, was ihm jedoch nicht gelang.
„Den dürft Ihr fragen, was Ihr wollt." sagte Michel Klee, „er gibt Euch keine Antwort, es ist ein Italiener, aber ein guter Kerl, der mich in Mainz angefleht hat, ihn nicht im Stich zu lassen. Der andere ist aus Dar-le-Duc in Lothringen, er ist mir von Spanien her ein guter Kamerad. Ich wollte mit ihnen nach Saarbrücken, um das Depot unseres Regimentes zu suchen, aber ich sehe, die zwei können nicht weiter. Habt ihr hier kein Spital eingerichtet?"
„In einem so kleinen Ort. wie es Riederhausen ist," entgegnete der Fährmann, „ist doch kein Spital. Da bleibt dir nichts anderes übrig, als wieder nach Kreuznach zurückzufahren, oder zu sehen, ob du in Kirn eine älnterkunft findest."
„In Kreuznach sind alle Spitäler, alle Schulen, auch viele Bürgerhäuser mit Kranken überfüllt. Hätte ich meine Kameraden dort untergebracht, so wäre ich nicht weitergefahren. Die vertragen keine Stunde mehr auf offenem Wagen, wo «S heute so kalt ist und der Rebel sich herunterfenkt."
älnterdessen waren die Frau des Peter Wenzel und seine Tochter Christtne herbeigekommen. Beide waren etwas erhitzt, denn sie hatten am Kessel gestanden, um Dirnenlatwerg zu kochen. Mutter und Tochter waren einander sehr ähnlich. Beide waren große, schlanke Gestalten, die Mutter war weiß von Haaren, während die Tochter starke schwarze Flechten um das Haupt liegen hatte.
„älm Gottes Barmherzigkeit wlllen," sagte die Mutter, „die beiden armen Menschen können nicht weiterfahren. Wir tonnen in unserem Seitenbau das Zimmer ausräumen, in dem die Aepfel liegen und allerhand Geräte aufgehoben werden."
„Ja, Mutter, du hast recht," sagte Christine, die mit tiefem Bedauern auf die beiden .Unglücklichen blickte, „es wär« Sünde, wenn wir die beiden kranken Männer weiterfahren ließen. Wer jetzt krank ist und kein Obdach hat, der lebt morgen früh nicht mehr."
Peter Wenzel war mit dem, das seine Frau und seine Tochter wollten, einverstanden.
„Ra, dann herum mit dem Fuhrwerk, Michel," sagte er, es soll mir niemand nachsagen, daß ich kranke Leute auf der Straße umkommen ließe."
Der Soldat faßte das Pferd am Zaume und lenkte in die Straße ein, die von der großen, durch das Rahetal führendem Landstraße nach dem Innern des Ortes führt. Richt weit von der Treppe, die hinauf nach der Kirch« und nach dem Kirchhof führt, lag die Hofreite deS Peter Wenzel. QICcm sah es schon von der Straße, daß dieser ein reicher Mann war. Das zweistöckige Haus, dessen Fenster zur ebenen Erde ziemlich niedrig lagen, war weiß getüncht. Im Dogen wölbte sich das Hostor, das die Hofreite von der Straße abschlotz. Bor der Haustür stand die Pumpe, die zum Schutz gegen die Kälte mit Stroh umwunden war. Im Viereck um d<m Hof lagen Haus und Scheuer, Ställe und ein Seitenbau, in dessen unterem Stockwerk sich die Kelter befand. Eine steile Stiege führte in den obere« Stock, in dem zwei niedrige Zimmer lagen. Das war die „Außen- Haltswohnung", in der seit einem Jahrhundert und länger alle» male die Alten, die das Gut den Kindern übergeben hatten, ihre letzten Tage verbrachten. Jetzt war diese Wohnung leer; öew die Eltern des Peter Wenzel, die dort gewohnt hatten, war« seit einigen Jahren tot. Die Aepfelfelder der letzten ®rnte lagen auf Stroh, und in den Ecken waren Gerätschaften mancherlei Art untergebracht: Sensen, Bindknebel, Saattoroe und Siebe.
Die Rachbarsleute liefen herbei und halfen das vordere Zimmer ausräumen. Rasch wurden die Qlepfel in Körbe verpackt und in den Keller getragen, dann wurden auf dem Stube»- hoben die Lagerstätten zurechtgemacht. Es wurde reichllch Stroh ausgebreitet, darüber wurden wollene Decken gelegt, und Fr« Wenzel brachte rot und weiß gestreifte Bsttw«züge herbet.


