Ausgabe 
9.6.1925
 
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Glückshos. soviel ich wußte, hieß der Ort; dort war doch vorderhand Trost, Rat und Unterkunft zu hoffen. So seh re sch denn meinen Weg zum erstenMeile wieder in einer entschie­denen Richtung fort, und eingedent der Flasche des trefflichen Likörs, womit mich meine gute Base beim Abschied noch versah, bediente ich mich dieses Stärkungsmittels zu meinem Enkourage- ment ein übers andere Mal mit solchem glücklichen Erfolg, daß ich seit langer Zeit wieder ein Liedlein summte und endlich meinen vielberühmten Bah mächtig und ungebändigt walten tieh.

Allein das wunderbare Schicksal, unter dessen Leitung ich stand, kündigte sich nunmehr auf eine höchst seltsam« Werse an. Es war etwa fünf -Uhr des Abends, als ich getrosten Herzens so fort schlendernd in eine gar betrübte Gegend kam. Da lag ni-r öde Heide weit und breit. Rechts drüben sah ein dusteres Gehölz hervor und links vom Hügel her ein langweiliger aus­gedienter Galgen, so windig und gebrechlich, dah er den mager­sten Schneider nicht mehr prästiert haben würde. Die Pfade wurden zweifelhaft, ich stand und überlegte, marschierte noch ein Stück und traf zu meiner großen Freude jeht auf einen hölzernen Wegweiser. O weh, dem armen Hungerleider war die Schrift hüben und drüben rein abgegangen vor Alter! Er streckte den einen Arin rechts, den andern links hinaus und lieh die Leute dann bas Ihre dabei denken.Du wärst ein Kerl, sprach ich,für den ewigen Juden, dem es wenig verschlägt, ob er in Tripstrill oder Herrnhut zur Kirchweih ankommt." Run sah ich unten einen Schäfer seine Herde langsam die Ebene herauftreiben. Dem rief ich zu:He, guter Freund, wo geht der Weg nach Glückshof?" Kaum ist mir das letzte Wort aus dem Mund, so klatscht es dreimal hinter mir, eben als schlüge jemand recht lräftig zwei hölzerne Hände zusammen. Erschrocken seh' ich mich um o unbegreiflicher, entsetzenvoller Anblick! Er hatte sich gedreht! der Wegweiser gedreht, so wahr ich lebe! Mit einem Arm wies er schief über die Heide, den andern hatte er, damit ich ihn ja recht verstehen sollte, dicht an den Leib gezogen. Des Schäfers Antwort ging indes im Widerhall des Waldes verloren. Ich starrte und staunte den Wegzeiger an und hörte, wie mein Herz gleich einem Hammer schlug. Alter! sprach ich in meinem Sinn, du gefällst mir nur halb; du hältst wohl gute Rflchbarschaft mit dem dreibeinigen Gesellen auf der Höhe, mich sollst du nicht dran kriegen! Damit rannt' ich davon, als wär' er schon hinter mir her. Der Schäfer kam mir entgegen: Was gibt's? Wer ist euch auf den Fersen? Habt ihr etwas verloren?"Nichts! Sagt nur, wo geht's Glückshos zu?" Der Mann mochte glauben, ich hätte gestohlen, er maß mich von Kopf bis zu Fuß; dann beutete er nach der Walbecke hin:Bon dort seht Ihr ins Tal, ein Fußpfad führt nach dem Weiler hinab, da fragt Ähr weiter." Jnmittelst hack' ich mich etwas gefaßt. Der Mann schien mjr eine ehrliche Haut, demungeachtet nahm ich An­stand, ihm mein Abenteuer zu vertrauen, und fragte nur, indem ich meinen Finger in der Richtung hielt, in der das hölzerne Gespenst gewiesen:Was liegt denn dahin?"Da? kämt Ihr schnurgerad aufs graue Schlößlein." Bewahr' mich Gott! dacht ich, dankte dem Schäfer und folgte seiner Weisung nach dem Walde. 3m Gehen macht' ich mir verschiedene Gedanken und schaute wohl noch zehnmal um nach dem verwünschten Pfahl. Er hatte seine Alltagsstellung wieder angenommen und sah wahr­haftig aus, als könnt« er nicht fünfe zählen. Was wollte er doch mit dem grauen Schlößchen? Ich hatte früher mancherlei davon erzählen hören. Es gehörte den Freiherrn von Rochen und war, soviel ich wußte, noch unlängst bewohnt; es stand im Rufe arger Spukereien, doch nicht sowohl das Schlößchen selbst als vielmehr seine nächste Umgebung. Die Sichel fließt unten vorbei, darin schon mancher, durch ein weibliches Gespenst irregeführt, den Tod gefunden haben soll. Run glaubte ich nicht anders, als der Bersucher habe mich in Wegweisersgestalt nach dieser Teufels­gegend locken wollen. Jedoch erhob sich bald ein anderes Stimm- chen in mir: wenn du ihm unrecht tätest? wenn bu gerade jetzt deinen Dukaten entliefst? Was also tun? kehr' ich um? geh' ich weiter? So stritt es hin und her in meiner Seele. Ermüdet und verdrossen setzt' ich mich am Waldsaum oben nieder, wo ich denn immer tiefer in mich selbst versank, ohne zu merken, wie die Dämmerung einbrach, und dah der Schäfer lange heim- getrieben. Rasch und entschlossen stand ich auf. Gut' Rächt, Wegweiser! Ich stieg herab, dem Weiler zu.

Ein dichter Rebel hatte sich wie einie weiße See durchs Tal ergossen, er reichte bis zu mir herauf, und ich stieg immer mehr in ihn hinein. Zum Glück war die Rächt nicht sehr finster, die Sterne taten ihre Schuldigkeit. Aber ach, ich glaubte bereits in der Tiefe zu wandeln, während ich nur auf einem fahrbaren Absatz des Berges rings um denselben herum und ganz un- merklich wieder aufwärts lief. In kurzem spazierte meines Baiers Sohn also wieder ganz hübsch auf der öden, verhenkerten Heide herum, ungefähr da, wo ihm vor drei Stunden zum ersten­mal das Trumm") verloren ging.

Sie fragen, meine Wertesten, wie mir bei dieser Ent­deckung zumute gewesen? Je nun, ich dachte, jeht sähest du besser daheim bei deiner braven Meisterin, wenn sie den Abend­segen liest, meinethalben auch beim Storchenwirt, und Fritz

*) Trumm (oberdeutsch mhd. drum), eigentlich: Endstück eines Gegenstandes.

der Färber gäbe die Geschichte preis, wie er Anno 70 im Kniebis verirrte. Allein, wo nun hinaus? Eine bekannte gute Regel ist: wenn einer spürt, es sei ihm angetan, tut er am klügsten, er steckt den Berstand in den Sack und läuft, wie seine Füße mögen. So tat ich auch und fing das frische Kernlied an zu singen:Seid lustig und fröhlich, ihr Handwerksgesellen!" Es ging jetzt unaufhörlich eben fort. Auf einmal aber schien es hell und immer heller um mich her zu werden, ich sah mich um, da ging der volle Mond sehr herrlich hinter goldneu Buchenwipfeln auf. Don Furcht empfand ich eigentlich nichts mehr, nur Selbigem wollt' ich nicht gern zum zweitenmal begegnen. So oft er mir einfiel, tat ich einen herzhaften Zug aus der Flasche und Hub alsbald mit Heller Stimme wieder an:

Hamburg, eine große Stadt, Die sehr viele Werber hat. Mich hat nicht gereut, Vielmehr erfreut, j

Lübeck zu sehn; H "

Lübeck eine alte Stadt, Welche viel Wahrzeichen hat.

Run schritt ich über Stoppelfeld. Gottlob, das war doch eine Menfchenspur. Aber, Goldschmied, wenn es nun allgemach hinunter und ans Wasser ging und dir die bleiche Edelfrau ein kühles Bad anwiese?

Dresden in Sachsen, Wo schöne Mädchen wachsen; Ich denk' jetzund Alle Stund An Nürnberg und Franks patsch! lag ich auf der Aase. Der Schmerz trieb mir die Tränen in die Augen, mir schwebte ein Fluch auf der Zunge; aber nein

Augsburg ist ein kunstreicher Ort, And zuletzt nach Elsaß fort. Alsobald mit Gewalt Geh' ich nach Straßburg. Es ist eine schwere PeiN' Von Jungferen insgemein, Wenn man alsdann Richt Herzen kann And wieder soll mareschieren fort.

Allmittelst aber nahe an den Rand der Ebene gekommen, bemerkte ich auf gleicher Höhe mit derselben, links hin, wo sie in einem spitzen Vorsprung auslief, nur dreißig Schritt von mir, ein altes, guterhaltenes Gebäude, mehr schmal als breit, mit etlichen Türmchen und hochgestaffeltem Giebel. Ich konnte nicht mehr zweifeln, wo ich sei. Ganz sachte schlich ich näher. Es schimmerte Licht aus einem verschlossenen Laden des unteren Stocks; hier mußte der Hausschneider wohnen. Ein Hund machte Lärm, und sogleich öffnete ein Weib das Fenster.

Wer ist da?" "

Ein Handwerksgesell, ein verirrter."

Welche Profession?"

Ich wagte, eingedenk meiner gefährdeten Person, nicht die Wahrheit zu sagen.Ein Schneider!" sagt' ich kleinlaut. Sie schien sich zu bedeNken, entfernte sich vom Fenster, und ich bemerkte, daß man drin sehr lebhaft deliberierte; es wis­perten mehrere Stimmen zusammen, wobei ich öfter das fatale Schneider" nur gar zu deutlich unterscheiden konnte.

Jetzt ging die Pforte auf. Der Hausvogt stand bereits im Gang; die Frau hielt auf der Stubenschwelle und hinter ihr ein sehr hübsches Mädchen, welches jedoch auffallend schnell wieder verschwand. Die Eheleute sahen einander an und baten mich, ins Zimmer zu spazieren.

Hier war nun alles gar sauber und reinlich bestellt. Gin Korb mit dürren Bohnen und reisen Haselnüssen, zum Aus­machen bereit, wurde beiseite geschoben, man nahm mir mein Gepäcke ab und hieß mich sitzen. Es war zehn Ahr vorüber. Die Alte deckte mir den Tisch, derweil der Mann, gesprächs­weise, die nächstgelegenen Fragen, nach meiner Heimat und dergleichen, ohne Zudringlichkeit und in so biederem Tone an mich tat, daß ich mein einmal angenommenes Inkognito, wobei natürlich eine Lüge aus der anderen folgte, nur mit inner­lichem Widerstreben, deshalb auch etwas einsilbig und unsicher behauptete. Das Mädchen lief einige Male geschäftig von der Küche durchs Zimmer, ohne mich kecklich anzusehen. Man brachte endlich eine warme Suppe und einen guten Rahmkuchen. Ich und trank mit Appetit, worauf mein Wirt sich bald erbot, mir meine Schlafstätte zu zeigen. Die Frau ging mit dem Licht voran, er selbst trug meinen Ranzen die Treppe hinauf nach einem hohen geweißten Eckzimmer, worin es neben einem frischen Decke nicht an den nötigsten Bequemlichkeiten fehlte. Ich sagte dankbar gute Rächt, setzte mein Licht auf den Tisch und öffnete unter kuriosen Gedanken ein Fenster.

(Fortsetzung folgt.)

Schriftleitung: Dr. Friede. Wilh. Lange. Druck und Verlag der Brühl'schen Äniv.-Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Vieh«.