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Sie von der Regierung eingesetzte Oandkommisiivn janv gwm», daß an den Besitztiteln des Schweizers nichts auszufetzen war, daS Bundesobergericht entschied jedoch tatsächlich zugunsten der Ansiedler. Es war ein Fall der Verdrehung des menschlichen Gesetzes gegen alle göttliche Gerechtigkeit, wie er tn den Büchern der Justiz wohl einzig dastand.
So verlor Sutter seinen gesamten Landbesitz bis auf die sogenannte Hockfarm, ein wertvolles Gut am Featherfluh, das er feiner Familie, die im Jahre 1852 nach achtzehnjähriger Trennung von ihrem Oberhaupt aus der Schweiz zu ihm herük^r- kam, überschrieben hatte. Allein er tonnte aus Mangel an barem Gelds für den weiteren Ausbau der Farm keine geeigneten Arbeitskräfte anstellen. Schließlich brannte dem vom äinglück verfolgten Pionier im Jahre 1865 auch noch fein Wohnhaus über dem Kopfe ab, und in der Folge der Zeit ging ihm das ganze Landgut, das mit Hypotheken überlastet war, gänzlich verloren. So wurde der Mann, der, wenn es mit rechten Dingen zugegangen wäre, sich sehr bald an die Seite eines Astor hätte stellen können, ein _ armer Wanderer, ohne Heimat, ohne auch nur das bescheidenste Plätzchen, wohin er sein inzwifr^n müde gewordenes Haupt hätte niederlegen können.
älnfähig, in dem Lande, das der Schauplatz seines Elends, seiner tiefsten Demütigungen gewesen war, weiter zu verharren, aber doch mit Tränen in den Augen — denn er hatte den Grund und Boden, den er geschaffen, ja doch so sehr lieb gewonnen — öerlies; der alte Pionier 1868 Kalifornien und schlug mit seiner Familie unter den Herrnhutern in Lititz, Lancaster Eounty, Penfylvanien, seinen Wohnsitz auf. Der gesetzgebende Körper Kaliforniens bewilligte Sutter bei verschiedenen Gelegenheiten nicht unbedeutende Geldsummen, die ihn wenigstens vor äußerster Rot schützten, ihn aber für die erlittenen ungeheueren Verluste keineswegs entschädigten.
Von dem Bundeskongretz zu Washington, den Sutter um ein geringe? Kapital ersuchte, wurde der wackere Pionier einfach übersehen. Diese Undankbarkeit brach dem alten Mann völlig das Herz. Er hatte ja für die Bundesregierung so viel getan, war für sie der Vorkämpfer gewesen in einem zwar fruchtbaren, aber doch so wilden Lande. Er war es gewesen, der die ersten amerikanischen Einwanderer, die über die endlosen Prärien, das wüste Felsengebirge, die schrecklich öde Sierra Revada. zerlumpt wie die Bettler, hungrig wie die Wölfe, zu ihm gekommen waren, bei sich aufgenommen hatte wie ein freigebiger Fürst. Er hißte auf seinem Fort das Sternenbanner und erleichterte einst den Amerikanern ihre Arbeit, indem er ihnen die wilden Indianer zu friedfertigen Rachbarn erzog.
An all das dachte Sutter, als er im Jahre 1880 in Washington erschien, um dort wie ein Bettler, den man mit Achselzucken von Tür zu Tür schickt, zu erflehen, was ihm von Rechts wegen zukam. Als nun der Kongreß sich vertagte, ohne fein Recht auf Entschädigung anzuerkennen, da legte sich der wackere alte Pionier hin und starb in der Bundeshauptstadt.
Vielleicht beschlichen den großen Pfadfinder auf dem Totenbett Gefühle, wie sie Faust vor seinem Ende hatte. Auf dem Gebiet, das er erforscht und für die Menschheit der Wildnis abgerungen, hatte damals das Goldfieber bereits gesündererl Bestrebungen Platz gemacht. Dort lebte jetzt ein fröhliches, tatkräftiges Geschlecht von Landbebauern, denen er die Räume eröffnet hatte, tätig-frei zu wohnen. Mensch und Herde wohnten dort behaglich auf der neuesten Erde.
Und so genoß jetzt Sutter, der Pionier, der großherzige alte Faust, am Rande der Ewigkeit den „Höchsten Augenblick", denn auch die Spur von feinen Erdentagen tonnte ja nicht in Aeonen untergehen.
Der Schatz.
Don Eduard Mörike.
(Fortsetzung.)
Jetzt war auch meines Bleibens hier nicht länger. Ich hatte weder Rast noch Ruhe mehr, obgleich ich nicht wußte wohin. Ich fragte nach der Zeche, man war sogleich bereit, und wahrlich unverschämter wurde sie nie einem Grafen gemacht: ich hätte heulen mögen wie ein Weib, als ich berechnete, daß mir nur wenige Gulden übrigblieben.
Aber mein Mut sollte noch tiefer finken. Denn auf der Straße, als ich schon ein gutes Weilchen fortgewandert war, fiel mir auf einmal ein, daß ich von nun an nirgends mehr im Lande sicher fei. Wird sich der Detter wohl mit meinem Brief beruhigen? Muß er nicht das Aergste befürchten? Wenn er nun fahnden läßt auf dich? wenn man dich greiftl Mir wurde es schwarz vor den Augen. Ich machte mir die bittersten Dorwürfe, verfluchte abermals das Schatzkästlein, denn dies war schull>, daß ich die Sache nicht sogleich vor Amt angab, wie jeder andere, der nicht ein ganzer Esel war, getan hätte: jetzt freilich war die Katz den Daum hinauf, >md alles war zu spät. Roch volle zwei Tage trlcß ich mich, bald da, bald dort verweilend und mich dabei immer aufs neue wieder an meinem Ofterengel aufrichtend, im gleichen Revier umher. Zuletzt tarn mir in Sinn, daß nicht gar weit von hier, über der Grenze, ein paar toeitläuftige Verwandte meiner Mutter, vermögliche Pelz» händler wohnten, die meinem Vater diel zu danken hatten.
ehtfam durch das Gebirge schweifenden Absntouvern und Heimstättensuchenden weithin bekannt wurde.
Sutter aber galt sehr bald als ein schwerreicher Mann und war auf dem besten Wege, den Grund zu einem Vermögen zu legen, wie es denen der Astor und Danderbilt hätte gleich- tommen können, wenn sich nicht die Derhältnisse in einer Weise geändert hätten, die dem kühnen Pionier verhängnisvoll werben mußten.
Am 2. Februar 1848 ergriffen die Bereinigten Staaten nach ihrem Krieg mit Mexiko endgültigen Besitz von Kalifornien, und auch Über Sutters Fort, dessen Besitzer alles Menschenmögliche für die neuen Herren geleistet hatte, wehte das Sternenbanner.
An demselben 2. Februar 1848 ereignete sich aber noch das Folgende: James W. Marshall, ein von Sutter angestellter Handwerker, der bei dem Dau einer Sägemühle beschäftigt war, verließ seine Arbeit und erschien in ganz eigentümlichem Auszug in Fort Sutter vor seinem Arbeitgeber. Sein Pferd war mit Schaum bedeckt: der Mann selbst machte, kotbespritzt und nach Atem ringend, einen fast beängstigenden Eindruck auf Sutter. Er bat feinen Herrn, sich unverzüglich mit ihm in ein Zimmer einzuschließen, in dem man sie nicht belauschen könnte. In einem solchen angelangt, zog Marshall einen harmlos aussehenden Tabaksbeutel aus der Tasche und schüttete daraus etwa eine -Unze gelblicher Körner auf den Tisch, die, wie er behauptete, reines Gold seien. Sutter fragte ihn, wo er den Fund getan habe. Marshal berichtete, daß er die kostbaren Körner in dem Mühlbach entdeckt habe; die Arbeiter — Weiße und Indianer — hätten dort eine ganze Anzahl derselben gesammelt, und es müßte an Ort und Stelle sich gewiß ehre sehr große Menge befinden.
Durchaus nicht freudig bewegt, sondern von trüben Ahnungen «Mit, die sich leider nur zu sehr erfüllen sollten, begab sich Sutter mit Marshall nach der Mühle und sand dessen Angaben in vollem Maße der Wahrheit entsprechend. Während der abenteuerliche Marshall wahrscheinlich von verhältnismäßig leicht zu erwerbenden Reichtümern träumte, war der Gedankengang des bedächtigen Schweizers bereits auf der Fährte, die ihn um alles das bringen mußte, was er durch jahrelange mühe- und gefahrvolle Arbeit erworben hatte. Leider behielt er recht. Seine Arbeiter versprachen ihm allerdings, die Kenntnis der wichtigen Entdeckung sechs Wochen lang für sich zu behalten, d. h. solange, bis die Mühle fertig, die Ernte vollzogen und in die Scheunen gebracht war.
Allein das Geheimnis blieb nicht lange verborgen; durch eine Flasche Schnaps gelangte es an die Oefsentlichkeit. Einer der Fuhrmänner Sutters hatte einige Goldkörner aufgehoben Und brachte sie in den Laden eines Mormonen, um dort eine Flasche Whisky zu kaufen. Der erstaunte Händler fragte öen Fuhrmann, wo er das Gold gefunden habe, und erfuhr schließlich von dem betrunken gemachten tteulosen Diener die volle Wahrheit. Die Geschichte von dem Goldfunde verbreitete sich mm trotz der spärlichen Besiedlung des Landes wie ein Lauffeuer durch Kalifornien, sie durchkreuzte den ganzen großen Erdteil und schließlich die ganze zivilisierte Welt. Die Folgen stellten sich sofort ein und wurden für unseren tapferen schweizerischen Pionier verhängnisvoll. Alle seine Arbeiter verließen ihn — weiße, braune, rote — um Gold zu waschen. Die Mühlen standen still und untätig da; auf den Feldern starb das reife Getreide dahin.
Bald darauf strömten von allen Seiten zahllose Abenteurer in das Sacramentotal. Sie errichteten auf dem Lande Sutters ihre Zelte, ohne den Eigentümer auch nur um Erlaubnis zu fragen. Sie zertraten seine bebauten Felder und ließen sich dauernd darauf nieder, unter der Behauptung, daß es sich hier um eine unbesetzte Domäne der Vereinigten Staaten Handelle, auf welche sie ein ebenso gutes Recht hätten wie irgendein anderer. Sie trieben seine Pferde und Waulliere fort und verkauften sie in anderen Teilen des Landes; sie schlachteten fein Dieh, feine Schafe und Schweine, und verhandelten das Fleisch
Eine Bande von fünf Abenteurern eignete sich eine ungeheure Viehherde, die sie bei Gelegenheit einer Ueberschwemmung tn der Rahe des Sacramentoslusses, umgeben von Wasser, vorfand, einfach an, verkaufte das wertvolle Fleisch für 60 000 Dollar un& machte sich aus dem Staube.
Rm 1. Januar 1852 hatten die f »genannten Ansiedler unter dein Vergeben, gesetzlich geschützte Heimstättensucher zu fein, von allem irgendwie brauchbaren Lande Sutters Besitz ergriffen, «tile seine Pferde, Maultiere, Kühe und Ochsen, Schafe und Schweine gestohlen, mit Ausnahme einiger wenigst, die von ihm selbst gebraucht oder verkauft worden waren.
Gegen diese unglaubliche Räuberei bestand kein schützendes Gesetz, und als ein solches eingeführt wurde, kamen die Advokaten und verdrehen das Recht zugunsten der Diebe, obwohl jeder- mann die gerechten Ansprüche des Schweizers kannte und sehr Wohl wußte, daß er nach mehr als zehnjähriger fernerer und gefahrvoller Arbeit aus einer Wüste ein Paradies geschaffen hatte.
Sutters Anstrengungen, die er zur Rettung seines ehemals so großen Besitztums unternahm, gleichen der Tragikomödie des spanischen Ritters Don Quichote und dessen Kampf gegen die Windmühlenflügel. Durch diese Bemühungen wurde der wackere Pionier m en&tofe Prozesse verwickelt, die ihm nichts einbrachten und schließlich seinen völligen Zusammenbruch herbeiführten.


