Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Gietzener Zamilienblatter
Jahrgang 1925
Dienstag, den 9. Juni
Nummer 46
Zischend ertrank die Sonne ...
Von Heinz Ewald Paul.
Zischend ertrank die Sonne
in einem Meer von Blut, — und die blassen Scherben des zerbrochenen Tages fallen klirrend in die milden Gassen.
Wie ein schwarzer Riesenfalter steigt die Nacht aus ihren Finsternissen und malt die Häuser grau, auf die sich trag die Abendnebel spießen.
Sinnlos, wie aus weiten Fernen, fällt noch ein irrer Vogelruf aufs Straßenpflaster; * dann flackern auf die trüben Gaslaternen
und durch die Gassen schleicht das Laster. Doch über allem Leid und allen Sünden wirb strahlend sich der junge Morgen ründen!
Moskauer TheaLerkunst.
Don Dr. Konrad Elert.
Am heutigen Dienstag (9. Sunt) wird im Gießener Stadttheater das Deutsch-russische Kabarett von P. Sushnh, „Der blaue Vogel", das in sämtlichen Großstädten Deutschlands mit großem Erfolg ' gastiert hat, ein einmaliges Ga st spiel geben. Das neue deutsche Theater hat viele Anregungen von der russischen Kunst empfangen, wir lassen deshalb einen Kenner des russischen Theaters zu diesem Thema Stellung nehmen und glauben gleichzeitig damit eine Anregung und Erleichterung zum Verständnis dieser aus rein Theatralisches aufgebauten Kleinkunstbühne größten Formates geben zu können.
Der Westeuropäer glaubt im allgemeinen, sämtliche Fortschritte der „Kultur", im guten wie im bösen Sinne, für sich gepachtet zu haben. Der Weg nach Osten, so glaubt er, führe ihn immer weiter von diesen Errungenschaften fort, älm so überraschter ist man, wenn man in Moskau eine Kunst vorherrschend findet, die noch heute manchem Extremen als die Kunst der Zukunft gilt: Den Konstruktivismus. Diese Richtung, bei uns durch die Rovembergruppe bekannt, ihre geometrische Ineinanderfchach- telung zerlegter Bestandteile einer Dildkomposition, hat aber in ihrem gleichzeitig spielerischen und durch den Intellekt diktierten Grundlagen mehr Russisches, mehr dem russischen Charakter Entsprechendes, als es auf den ersten Blick scheint. Ob sie je dem Dauern, dem einfachen Arbeiter wirklich verständlich sein wird, ist natürlich schwer zu sagen. Aber für den heute in Moskau herrschenden Geist ist sie die adäquateste Kunst. Man findet sie in der Staatspropaganda, man findet sie in den Straßen, in den Kunstausstellungen, man findet sie in den Theatern.
Am wenigsten ist vorläufig noch in den beiden großen Staatstheatern von ihr zu spüren. Im Ballett schon mehr, — wir haben ja in Berlin Proben davon gesehen —; die Schulung ist nach wie vor vorzüglich, ist nach wie vor mehr reine Dallettschulung als die bei uns beliebte rhythmisch-gymnastische Pantomime: nur scheinen vorläufig auch hier die großen Per- sönlichkeiten zu fehlen, die dem russischen Ballett seinen europäischen Namen gemacht haben. Aehnlich ist es in der Oper, die auf gutem Durchschnittsniveau ist, der aber die Sänger über dem Maßstab fehlen, wenigstens der Nachwuchs. Auf einsamer Höhe steht, aus der alten Zeit, eine Sängerin wie die Nesch- danvwa, deren wirklich nicht mehr jugendliches Aeußere man nach den ersten Tönen bis zum letzten Fallen des Vorhangs völlig vergißt: denn selbst bei angestrengtestem Nachdenken besinnt man sich höchstens auf eine Sängerin, die ihr gleichkommt, aber auf keine, die sie Übertrifft. Was der Oper allerdings fehlt, das ist ein Regisseur, der sie einmal gründlich erneuert: denn hier mutet manches gerade vorsintflutlich an. Etwas melancholisch stimmt ja sowieso die prunkvolle Ausstattung dieser Riesen- theater aus der russischen Zarenzeit, die mit der häufig spärlichen und so gar nicht festlichen Besetzung des Zuschauerraumes Uch so gar nicht zu einem Bilde zusammenschließen will. Denn die Preise der Theaterplätze sind im Verhältnis teuerer als bei uns: sie bewegen sich zwischen etwa einer und fünfzehn bis und solche Ausgaben spielen bei dem Einkommen der Meisten im kommunistischen Idealstaat eine recht erhebliche -Rolle. , ,
Die Erkenntnis, daß eine moderne Aufmachung der Oper eigentlich eine Selbstverständlichkeit in einer großen Stadt ist. hat sicher mit dazu beigetragen, daß der rührige Mitarbeiter Stanislawskis am Moskauer Künstlertheater, Numirowitsch Däntschenko, sich mit seinem Ensemble an einer Oper versucht hat. Stanislawsky selbst ist ja allmähllch zum Klassiker geworden, die von ihm inszenierten Aufführungen wie das „Nachtasyl" oder der „Kirfchgarten" stehen auch heute noch als Kunstleistungen von zeitlosem Wert da. Aber Nemirowitsch versucht schon seit geraumer Zeit eine Synthese zwischen den jüngsten Bestrebrmgen in der Theaterkunst und der Art Stanislawskys zu finden. Er war zunächst auf den Ausiveg gekommen, ' Dekorationen und Kostüme nicht mehr in naturalistischem Stil zu halten, sondern sie freier und lockerer, farbiger lebhafter zu geben. Einer der letzten Versuche in dieser Richtung ist seine Inszenierung von Aristo- pHanes' „Lhsistrata", die sogar auch die Drehbühne bei offenem Vorhang in Erscheinung treten läßt. Aber die eigentliche Spielleitung paßt sich diesem Rahmen nicht recht an; denn das Wesen
der neueren Dühnenkunst ist Bewegung, und das Schönste und Stärkste Stanislawskhscher Kunst liegt in dem geraden Gegenteil, in der Ruhe einer Stimmung. Wundervoll sind natürlich Einzelheiten, wie das langsame Anschwellen oder Abklingen eines Chors; aber das Gesamtbild wird immer wieder durch den gleichen Zwiespalt beeinträchtigt. Auch in der vielbesprochenen neuen Inszenierung der „©armen“ ist es kaum gelungen, eine Einheit zu schaffen. Es ist nicht die alte „Carmen", die wir alle kennen, sondern man hat zu Bizets Musik einen völlig neuen Text geschaffen, der sich mehr an Merimes Novelle hält; die Figur der Micaela zum Beispiel fehlt ganz, dafür ist die Mutter Joses eingetreten. — Aber das Wesen der Neubearbeitung liegt darin, daß dem Chor die Hauptrolle zugewiesen ist, und hier freilich ist eine Leistung geschaffen, an der man ungetrübte Freude haben kann, die vorbildlich und meisterhaft ist. Auf jeden Fall zeigt die Aufführung, daß auf diese Weise vielleicht manche Oper wieder für die Bühne zu erobern ist, und man bedauert im Grunde, daß Nemirowitsch seinen Rettungsversuch gerade an einem Objekt unternommen hat, das es eigentlich gar nicht nötig gehabt hätte.
Eine der Sensationen im Moskauer Theaterleben ist zur Zeit die große Revue „D. E.", die Meyerhold in seinem Theater spielt. Es ist eine ganz und gar parteipolitisch kommunistisch eingestellte Revue, die aus verschiedenen, auch bei uns bekannten utopischen Romanen zusammengestellt ist, und die den Untergang Europas zum Gegenstand hat; ein amerikanischer Trust vernichtet ganz Europa, scheitert aber schließlich (selbstverständlich) an der Wachsamkeit der Sowjetleute. Man muh es dem Regisseur Meyerhold lassen, daß es ihm gelungen ist. das Publikum in Atem zu halten. Die Spannung reißt keinen Augenblick ab. Jazzmusik, mit primitivsten Mitteln gestellte Bühnenbilder, Verwandlungen bei offener Bühne — ein Dorhang tritt nicht in Erscheinung —, Souffleur ohne Kasten, Scheinwerfer im Zuschauerraum: Alle diese Mittel und Mittelchen sind skrupellos ausgenutzt, um die Schaulust des Publikums zu befriedigen. Daneben freilich toirft Meyerhold durch das zeitweise atemraubende Tempo der einzelnen Szenen, und für den unbefangenen Zuschauer bleibt die eine Frage: Weshalb versucht niemand bei uns, einmal von dieser Seite her eine Revue in Szene zu sehen, die dem Tempo unserer Zeit mehr entspricht als die nachgerade langweilige Serie von Prunkbildern, an die man sich klammert?
Das letzte Ereignis — oder das erste größere in dieser Saison, das eines pikanten Beigeschmacks nicht entbehrt — ist die Eröffnung eines neuen Theaters, des „Neuen Dramatischen Theaters", dessen Direktor und Regisseur Eggert unter der besonderen Aegide des Kommissars für Volksaufklärung. Lunatscharski, spielt. Ein Stück des Kommissars „Die Brandstifter" ist die Eröffnungsvorstellung. Es wirkt wie aus der Schule der Sardou und Dumas, ein Berschwörerstück alten Stils, mit allen Theatereffekten und -requisiten, die vor achtzig Jahren üblich waren. Für die männliche Hauptrolle hat man Nikolai Zeretelli von Tairoffs Kammertheater geholt, für die weibliche — die Gattin Lunatscharskis. Frau Lunatscharski, eine auffallend schöne Frau, scheint leider den Ehrgeiz zu haben, nicht nur schön auszusehen, sondern auch durch ihre Kunst wirken zu wollen; es ist wirklich sehr schade, daß sie sich nicht mit dem ersteren begnügen will. Eggerts Regie gab in einer Revolutionsszene eine sehr eindrucksvolle Probe ihres Könnens, brachte aus Zeretelli einige diesem mehr eleganten al» starken Schauspieler sonst


