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bte Notwendigkeit, ihn fortwährend gegen Erkrankung und Erschöpfung zu sichern. Sobald nur eine einzige dieser Bedingungen für kurze Zeit unerfüllt bleibt, ist eine Katastrophe unabwendbar. Lieber diese Tatsache macht sich die MenschhÄt nur deshalb keine weiteren Gedanken, weil das menschliche Leben durch die Zivilisation allmählich vollständig auf diese Bedingungen abgestimmt wurde. Lim die Wirkung der Zivilisation klar erkennen zu können, braucht man sich nur einen modernen Menschen, von allen Mitteln entblüht, in ein völlig unbewohntes Naturgebiet versetzt zu denken.
Gegenüber dem zivilisatorischen Fortschritt stehen die Naturgewalten, die der Mensch in ihrer Wirkung noch nicht völlig zu beherrschen gelernt hat und nie zu beherrschen lernen wird, die in ihrer elementaren Llnberechenbarkeit eine fortdauernde Bedrohung bilden und nur durch die äonenhafte Beständigkeit des Weltgeschehens gegenüber der winzigen Lebensspanne gemildert werden. Gewitter, Sturm und Niederschläge, vulkanische Eruptionen, Erdbeben, Flutwellen, Dürre, Heuschrecken, Seuchen, Hungersnöte bilden im wesentlichen diejenigen Vorkommnisse, mit welchen wir im Laufe der Existenz des Menschengeschlechts zu rechnen haben. Wenn es auch keinem Zweifel unterliegen kann, dah es durch siderische Einwirkungen wiederholt zu Katastrophen auf unserer Erde gekommen ist, die an Grausamkeit jedes menschliche Ermessen übersteigen, und die sich zweifellos im Laufe der Zeiten wiederholen werden, so hat es für uns doch keine praktische Bedeutung, damit zu rechnen; es muh uns vielmehr genügen, die vorher ausgezählten kleineren Liebel ins Auge zu fassen und uns danach einzurichten.
Beim Durchsehen dieser Ereignisse erkennen wir ohne weiteres, dah es in unserer Macht liegt, ihre Wirkung zu einem großen Teil einzuschränken. Ich will nur daran erinnern, dah beispielsweise der Bau von erschütterungsfesten Häusern in Erdbebengebieten schon eine wesentliche Sicherung gegen diese Gefahren bilden kann, dah der Blitzableiter die Wirkung des Gewitters wesentlich eingeschränkt hat, dah vulkanische Eruptionen an bestimmten Anzeichen vorher erkannt werden können, dah die Gebiete solcher Eruptionen genau bekannt sind, kurz, dah es eine Menge von Momenten gibt, welche es gestatten, die Schwere solcher Naturereignisse wesentlich zu mindern. Aber allen technischen oder siedlungspolitischen Mahnahmen gegenüber mühte in der Solidarität der Menschheit das vornehmste Mittel des Kampfes mit den Naturgewalten gesehen werden.
Die durch menschliche Einwirkung bedingten Katastrophen entziehen sich säst jeder systematischen Untersuchung, denn es ist ja gerade das Wesen des Systematischen, das Willkürliche auszuschalten. Es kann der Mensch in seiner sinnlosen Verblendung den Mitmenschen jeden Schaden zufügen, den ihm die Reichweite seiner geistigen und physischen Kräfte gestattet. Solche Katastrophen können nur durch das stets wachsame Auge der Gesamtheit auf die Handlungen des einzelnen gemildert oder verhindert werden. Ein zweites vorbeugendes Moment liegt in der Erziehung zu einer gesunden Weltanschauung und schlieh- lich in der Schaffung menschenwürdiger sozialer Verhältnisse. Die Eindämmung des Verbrechens oder krankhafter Tri^e führt ebenfalls zu einer Solidarität der Menschheit zur Verhütung schwerwiegender Katastrophen.
Das große Gebiet der technischen Mängel hat mit dem Eindringen der Technik in alle Lebensverhältnisse und in alle Welt- zonen die ständige Gefahr von hierauf begründeten Llnglücks- fällen auf ein sehr hohes Mah gesteigert. Katastrophen treten dann vorwiegend auf, wenn technische Neuerungen eine Einführung in den praktischen Betrieb finden. Diese Erkenntnis läßt durch erhöhte Wachsamkeit in den ersten Betriebszeiten Katastrophen vorbeugen. Lim ein Beispiel zu nennen: Es häuften sich mit der Einführung des elektrischen Strahenbahndienstes die Fälle des Lleberfahrens von Personen in einer erschreckenden Weise. Später, nachdem sich Publikum und Fahrer aufeinander eingestellt hatten, gehörten solche Fälle zu den Seltenheiten. Dampfkesselexplosionen waren mit der Einführung der Dampfmaschine eine häufige Erscheinung. Heutzutage ist Lurch di« Aufsicht der Nevisivnsvereine die Dampfkesselexplosion zu einem Ausnahmefall geworden. Alle technischen Vorrichtungen unterliegen erfahrungsgemäß einer fortschreitenden Verbesserung. Dieser LlmstanL beweist, daß nicht alle Erkenntnisse bei der Einführung einer solchen technischen Neuerung zur Verfügung gestanden haben. Hierin liegt der zweite große Gesichtspunkt für die Llrsache von Katastrophen, und Abhilfe kann nur erfolgen durch fortwährende fachkundige Beobachtung der Wirkung und Veränderung an der neuen Vorrichtung. Störungen, Zerstörungen, Brüche, Havarien an Maschinenteilen, Fabrikationseinrichtungen, Schiffen und Transportmitteln aller Art, an Flugzeugen, Drücken, Gebäuden usw. bllden die wertvollste Quelle zum Studium der Vermeidung von Katastrophen, und es ist eine eigentümliche Tatsache, daß Wohl solche Llnfällie, ob harmlos oder verhängnisvoll ausgegangen, zwar gelegentlich oder aus Herstellungsrücksichten den Anlaß zu Verbesserungen geben, daß aber dieses Studium noch nicht zu einer systematischen Grundlage des technischen Fortschrittes ausgestaltet ist. Der beste Beweis für diese Behauptung ist Las fast vollständige Fehlen einer systematischen Literatur Wer diese Fragen. Auch auf dem Gebiete der Behebung von Katastrophen mit technischen Ursachen, wie beispielsweise Sie Verhütung von Schlagwetter- katastrvphen, von Cisenbahnunglücksfällen, von Schifisuntergängen
usw. ist der Erfahrungsaustausch zwischen den Nationen von großem Vorteil für die Menschheit, und es erweist sich also auch hier die Solidarität der Völker als das sicherste Mittel zur Erhaltung des menschlichen Lebens. Sobald sich die Menschheit darüber klar geworden ist, daß die Technik heute ein organischer Bestandteil der menschlichen Lebenshaltung geworden ist, und daß beim Versagen der technischen Einrichtungen, wie beispielsweise in Rußland, zum Teil leider auch beim Ausgang des Krieges in Deutschland, Tausende und Abertausende von Volksgenossen dem sicheren Verderb ausgeliefert sind, werden sich die Katastrophen in erheblichem Maße durch Zusammenwirken aller nach Zahl, Llmfang und Folgen einschränken lassen.
Das kalte Herz.
Don Wilhelm Hauff.
(Fortsetzung.)
Aber er mochte sein Gedächtnis anstrengen, wie er wollle, weiter konnte er sich keines Verses mehr entsinnen. Er dachte oft, ob er nicht diesen oder jenen alten Mann fragen sollte, wie das Sprüchlein heiße; aber immer hielt ihn eine gewisse Scheu, seine Gedanken zu verraten, ab; auch schloß er, es müsse die Sage vom Glasmännlein nicht sehr bekannt sein, und den Spruch müßten nur wenige wissen; denn es gab nicht viele reich« Leute im Wald, und — warum hatten denn nicht sein Vater und die andern armen Leute ihr Glück versucht? Er brachte endlich einmal seine Mutter auf das Männlein zu sprechen, und diese erzählte ihm, was er schon wußte, kannte auch nur noch die erste Zeile von dem Spruch und sagte ihm endlich, nur Leuten, die an einem Sonntag zwischen elf und zwei Llhr geboren seien, zeige sich das Geistchen. Er selbst würde wohl dazu passen, wenn er nur das Sprüchlein wüßte; denn er fei Sonntag mittags zwölf Llhr geboren.
Als dies der Kohlenmunkpeter. hörte, war er vor Freude und vor Begierde, dies Abenteuer zu unternehmen, beinahe außer sich Es schien ihm hinlänglich, einen Teil des Sprüchleins zu wissen und am Sonntag geboren zu sein, und Glasmännlein mußte sich ihm zeigen. Als er daher eines Tages seine Kohlen verkauft hatte, zündete er keinen neuen Meiler an, sondern zog seines Vaters Staatswams und neue rote Strümpfe an, setzte den Sonntagshut auf, faßte seinen fünf Fuß hohen Schwarzdornstock in die Hand und nahm von der Mutter Abschied: „2ch muß aufs Amt in die Stadt; denn wir werden bald spielen müssen, wer Soldat wird, und da will ich dem Amtmann nur noch einmal einschärfen, daß Ihr Witwe seid, und ich Euer einziger Sohn." Die Mutter lobte seinen Entschluß; er aber machte sich auf nach dem Tannenbühl. Der Tannenbühl liegt auf dec höchsten Höhe des Schwarzwaldes, und auf zwei Stunden im Llmkreis stand damals kein Dorf, ja nicht einmal eine Hütte; denn die abergläubischen Leute meinten, es sei dort unsicher. Man schlug auch, so hoch und prachtvoll dort die Tannen standen, ungern Holz in jenem Revier; denn oft waren den Holzhauern, wenn sie dort arbeiteten, die Äexte vom Stiel gesprungen und in den Fuß gefahren, oder die Bäume waren schnell umgestürzt und hatten die Männer mit umgerissen und beschädigt oder gar getötet; auch hätte man die schönsten Bäume von dorther nur zu Brennholz brauchen können, denn die Floßherren nahmen nie einen Stamm aus dem Lannenbühl unter ein Floß auf, well die Sage ging, daß Mann und Holz verunglückte, wenn ein Lannenbühler mit im Wasser sei. Daher kam es, daß im Lannenbühl die Bäume so dicht und so hoch standen, daß es am Hellen Tage beinahe Nacht war, und Peter Munk wurde es ganz schaurig dort zumut; denn er hörte keine Stimme, keinen Tritt als den feinigen, leine Axt; selbst die Vögel schienen diese dichte Tannennacht zu vermeiden.
Kohlenmunkpeter hatte jetzt den höchsten Punkt des Tannen- bühls erreicht und stand vor einer Tanne von ungeheurem Llmfang, um die ein holländischer Schiffsherr an Ort und Stelle viele hundert Gulden gegeben hätte. „Hier," dachte er, wird wohl der Schatzhauser wohnen," zog seinen großen Sonntagshut, machte vor dem Daum eine tiefe Verbeugung, räusperte sich und sprach mit zitternder Stimme: „Wünsche glückseligen Abend, Herr Glasmann." Aber es erfolgte keine Antwort, und alles umher war so still wie zuvor. „Vielleicht muß ich doch das Derslein! sprechen," dachte er weiter und murmelte:
„Schahhauser im grünen Tannenwald, Dist schon viel hundert Jahre alt;
Dir gehört all Land, wo Dannen stehn —“
Indem er diese Worte sprach sah er zu seinem großen Schrecken eine ganz kleine, sonderbare Gestalt hinter der dicken Tanne hervorschauen; es war ihm, als habe er das Glasmännlein gesehen, wie man es beschrieben, das schwarze Wämschen, hie roten Strümpfchen, das Hütchen, alles war so, selbst das blasse, aber feine und kluge Gesichtchen, wovon man erzählte, glcnrbte er gesehen zu haben. Aber ach so schnell es hervorgeschaut hatte, das Glasmännlein, so schnell war es auch wieder vei^chwundenl „Herr Glasmann," rief nach einigem Zögern Peter Munk, „seid so gütig und haltet mich nicht fürn Narren — Herr GlaSmann, wenn Ihr meint, ich habe Euch nicht gesehen, so täuschet Ihr Euch sehr, ich sah Euch Wohl hinter dem Daum hervorgucken." — Immer keine Antwort, nur zuweilen glaubte er ein leises, heiseres Kichern hinter dem Daum zu vernehmen.


