Ausgabe 
8.12.1925
 
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An-

dasfelbe wie ihre Dora: Pansch

Schriftleitung: Dr. Trieör. Wilh. Lange. Druck und Verlag der Brühi'schen Amv.-Buch- und Steindruckerei, X Lange- ©toben.

meinem Neffen, nehmen Sie sich noch gar zu gern den Indianer im

meint mit feinem Humor schmecke nur selbst bereitet.

Dor dem Sausewind, übrigens in acht: er spielt Frack. Aebrigens, wie Sie

sagen, dass man einander gut sei. Der Erfolg entscheide. Ich erlaube Ihnen, mich dann um Verzeihung zu bitten, falls ich recht behalten sollte. Sehen Sie, dort über den Dirken aus unserer Wetterecke steigt es wieder grau auf. Sorgen Sie für heiteren Himmel. Anckehxsn, Kutscher, nach Hause!"

l Fortsetzung folgt.)

... meinen. Sie sind gewarnt. Als ich

jung war, brauchte man keine Locke eines Dritten, um sich zu

Aber Dora, wie unbescheiden! Das kann ich ja tun." An« ruhig war Wilhelmine aufgesprungen, als Binzer schon hinter

die Munterkeit, frLbft Feuerbach greift nach der Müde und ist entzückt, al» er «rach einigem Lasten mit sehenden Auge« bie Gräfin Mssen darf, die allerdings behauptet, es gelte nicht» ihr sei eine Wurzel im Wege gewesen. Nun aber schleicht Wi^ Setmine hinter Jean Paul und wirst ihm das Tuch um. Sie muß sich recht auf die Fußspitzen heben, muß die Schlinge auS« weiten, um den breiten Kopf zu bemeistern. Erwartungsvoll sehen olle auf ihn, noch zögert er, um seine Lippen zuckt e» wie gutmütiger Spott. Jetzt bricht er los. Wie beim Tanz beweist er auch hier eine Gewandtheit, die man dem stacken Körper kaum zugetraut hätte. Kreischend müssen die Damen hinter Däume flüchten. Gr tappt nach rechts, er greift nach link», « kreiselt um sich selbst herum, läuft mit kurzen Schritten und steht wieder horchend still. Da eine kurze Bolte, eia warmer Hauch hat ihn gestreift, er fühlt ein Schleifenband in seiner Hand, er packt einen rundlichen Arm und reißt die Binde ab. Vergebens hat Binzer es hindern wollen, widerstandslos gibt Alla sich gefangen. Ihre Locken umflattern die geröteten Wangen, wie vom Schwindel gefaßt, lehüt sie einen Moment das Haupt in seinen Arm. Ihr fragender, furchtsamer Blick mit jener un­bewußten, reizenden Neugier von siebzehn Jahren ist erwartungS» voll auf Jean Paul gerichtet, als wolle er sagen: Schelm, weißt du nicht, was du zu tun hast? Die roten, weichen Lippen stick halb geöffnet. Verwirrt sieht er auf sie nieder, aber er sieht auch Dinzers stnsteren Blick, Höck Wilhelminens mokantes Lachen; schon stürmen die anderen heran. Da bückt er sich und zieht rasch ihre kleine, zitternde-Hand an seine Lippen. Sie zuckt zusammen und tritt erblassend zurück.

Falsch, gesetzwidrig!" protestiert Dora, mit dem Taschentuch winkend,dos gilt nichts. Gin Pfand, ein Pfand! Rita, was soll's fein? Eine Dichterlocke fürs Medaillon, nicht? Himinlischer Gedanke!

Eine Locke, eine Locke!" schallt es übermütig von allen Seiten, neidische Blicke treffen Rita schon, die mechanisch mit dem Kopfe nickt.

Verlegen lachend stimmt Jean Paul zu, falls eine noch entbehrlich fein sollte und entschuldigt seinen Gesetzesbruch feine Karoline habe ihm plötzlich über die Schulter geguckt. Erhitzt zieht er sich auf die Treppe zurück und überläßt den Jüngst«« das Spiel, bis die Herzogin aufbricht. Wie sie in den Wagen steigt, wendet fte sich wie zufällig nach dem Dichter um:

Ein Platz ist frei. Werde ich die Ehre habend

Gin wenig geschmeichelt verbeugt sich Jean Paul. Der Schlag wird zugeworfen, die Pferde ziehen an.

An der nächsten Waldecke gibt Dorothea mit dem Sonnen­schirm einen Wink, sie biegen ab und sie eckläck dem verwunderten 3eon Paul, daß sie ihn entführe. Sie werde nicht so geistreich wie ihre Helmy, nicht ausgelassen wie Dora sein, aber einmal wolle auch sie ihn allein für sich. Er muß den Platz mit ihr tauschen, da die Sonne ihn belästigt. And nun beginnt sie mit liebenswürdigem Vorwurf ihn zu warnen. Er bringe mehr An­ordnung in ihren kleinen Staat, als Napoleon mit seinen Schlach­ten und der Kongreß mit allen Reformen. Seine gute Absicht kenne sie, er sei eben zu gut. Jean Paul ist erstaunt, wie tief fte in die kleinen Intrigen eingeweiht ist. Für den Baron ist sie auch nicht, er ist zu wenig Mann; ab«: Binzer sei für Rita wie geschaffen, nur dürfe kein Anberufener sich darein mengen. Aeberlassen Sie die beiden sich selbst. Jetzt läßt Rita von Ihnen nicht, Binzer nicht von ihr, und meine Helmy Sie sehen, ich weiß auch das hängt sich an den Doktor. Da» ist ja das reine Jahrmarktskarussell mit Pferden, Schwänen und Delphinen. Sie wollen sich Rita entfremden, das ist sehr hübsch von Ihnen. Aber Sie weigern den Kuß und versprechen die Locke. Da werde einer daraus Sug. So leicht wie in Romanen geht es im Leben nicht, liebster Freund. Ihre Jdoi-nen, Andas und Lianen sind ja ganz unterhaltend. Aber Rita ist eine andere Blume, etwa ein Heliotrop, der viel Sonne, echte Glut, nicht aber Treibhaushitze haben will."

Jean Paul aber bleibt zuversichtlich, er handle nach Pflicht und Schuldigkeit, auch die Locke solle sie haben, setzt er schlau lächelnd hinzu, und den Kuh Binzer, der ihr die Locke bringen werde. Graf Medern habe recht, der Pansch gerate wider Gr« toarten. Nirn erfährt Dorothea auch noch diesen Namen und

nämlich ein (feiget. mit goldenen Flügeln, Her« Präsident: die rosige Morgendämmerungsstunde. Herr Präsidtmt, ich verstehe darunter die Zeit- des Tagesanbruchs.

And weiter las er mit kurzen Pause« und immer stiller wurde es um ihn. Man nickte sich nur verstohlen zu oder trocknete eine Träne, hier und da fanden sich zwei Hände zusammen in leisem Druck. And er las von all dem Hohen, das Menschenbrust bewegt, von fern Mittel zu verzeihen, von der Höhe wahrer Religion, von der Macht des Gesanges und des Herzens Aus­sprache in Träne und Wort. Ritas Augen waren unverwandt auf ihn gerichtet, das Nähzeug in den Schoß gesunken, die Hände darüber gefaltet. Sie horchte auf:Je zarter und wärmer man liebt, desto mehr entdeckt man an sich statt der Reize nur Mängel. Liebe gleicht hier der Sonne. Bei Tag- und Kerzenlicht findet ihr die Luft im Zimmer rein von freinden Körpern. Aber ein einziger Sonnen strich zeigt, wieviel Stäubchen in ihr schweben."

Mit steigendem Mißbehagen hatte Binzer Rita beobachtet, das bisher unbewußte Gefühl der Eifersucht verstärkte sich in ihm. War's glaublich sollte er wie gegen Windmühlenflügel gegen körperlose Worte zu fechten haben, die ihm dem Eintritt in ein kleines Herz verwehrten? Was hatte Jean Paul auch gerade von Liebe und all dem Schönen drum und dran zu lesen!

Gott sei Dank, der umhergereichten Erfrischungen wegen schien jetzt eine größere Pause einzutreten. Dora flüsterte über ihre Stuhllehne hinweg Rita etwas zu. Schweigend strich diese ihr Haar aus der Stirn und ging ins Haus, dicht an Jean Paul vorüber. An diese» heranzutreten wagte nur die Herzogin, um ein wenig in seine Zettel hineinzusehen.

Dora, wo ist Rita geblieben?" rief Wilhelmine unbefangen hinüber.

Ich habe meinen Fingerhut in der Laube gelassen. Rita holl ihn."

Kind, du hast ihn am Finger, ich sehe ihn von hier."

Dora lachte ungezwungen:Wie man zerstreut sein tarntI Liebster Doktor, Sie sind wohl so freundlich und holen Rita. Bitte, hier durch den Saal, gleich hinter dem Hause."

Sean Pauls Rücken verschwand. Blitzschnell faßte dieser DoraS besorgten Mick auf. Gr durchschaute ihre Absicht und hielt Wil­helmine mit vorgestrecktem Arm auf:Einen Augenblick, Prinzeß. Meine Herren und Damen", rief er in das Geplauder hinein. Sie gestatten, ich komme zum Schluß, sonst ermüden wir die jungen Köpfe. Hier etwas über die unendliche Sehnsucht. Hören Sie, Prinzeß: Sn jedem Menschen wohnt eine heiße unendliche Sehnsucht nach einem höchsten Glück, die er durch Erdenfreuden kühlen will, wie die indischen Weiber Schlangen zur Kühlung in den Busen legen. Aber unsere Schlangen stechen das Herz wund und es stirbt ungekühlt, itienn nicht wahre Liebe die lechzende Brust erfrischt. Liebe ist der Endzweck der Welt- geschichie, das Amen des Universum."

Wilhelmine biß sich auf die Lippen, das galt ihr. Aber fest schaute sie Jean Paul an und unterbrach die bedeutungsvoll« Stille mit der spöttischen Bemerkung:

Sehr schon, nur leider nicht so wahr als schöit. Sie vergessen den Hatz, der mitunter auch eine Rolle zu spielen pflegt. Ist'- nicht so, Durchlaucht-Mama?'

O, dieser Jean Paul! Nurr mußte sie bleiben, von der Her­zogin zurückgehalten, und die beiden kamen nicht.

Jean Paul schien sehr zufrieden. Geschäftsmäßig steckte er die Zettel ein, versprach sie im Damsntaschenbuch drucken zu lassen »>td verbeugte sich rechts und llnks, von Danksagungen über­schüttet. Fröhlich rieb er sich die Hände und schlug vor:

Nun aber der Jugend ihr Recht! Was meinen Sie, eine Blindekuh auf dem Aasen. And da immer alte Männer der Jugend Gesetze gaben, so gebe ich allen Personen meines Ge­schlechts das heilsame Gesetz, jede Eingsfangene gleich zu strafen, das heißt zu küssen. Wer dawider handelt, gibt ein Pfand. Her mit der Themisbinde!"

Lärmender Protest der Damen erfolgte: da aber auch Doro­thea nichts einwandte, so fügten sie sich, versicherten aber, daß niemand sie fragen sollte. Die Studenten waren es wohl zu- frie&en, zumal da nun Dora lachend Jean Pauls Beteiligung forderte. Gin Gesetzgeber müsse nach feinen Gesetzen leben, sonst seien sie schlecht. Vergebens sträubte sich der Dichter. Jetzt mischte . sich auch die Chafsepot ein, sie sand den Vorschlag ganz comme il kaut. Aehnliches hätte sie bei den Bourbonen erlebt und sei von Karl von Artois geküßt worden. Endlich erklärte Jean Paul, wenn auch die anderen Alten mittäten, hätte er nichts dagegen. Angenommen!" jauchzte Dora und die frohe Schar stob aus­einander. Die alten Herren trippelten mit, mit aufgehobener Schleppe wand sich die Gräfin zierlich durch die Reihen. Da» Spiel war tn vollem Gange, als auch Binzer mit Rita sich un» bemerkt in die Gesellschaft mischte und Wilhelminens leisen Tadel zerstreut mit der Bemerkung erwiderte, der Fingerhut fei nicht zu finden.

Fröhliches Gelächter störte ihn auf. Der Student, der eben an der Reihe war, hatte sich nicht Zeit genommen, den gefangenen Gegenstand zu besehen, sondern herzhaft zugegriffen und Mar» heineke einen schallenden Kutz verabfolgt. Immer toller wird