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Und durch die gefrorene Scheide deines Fensters siehst du den Mond glitzern. Und es ist, als leuchte er hinter einem grünen, flimmernden Himmel aus Eis.
Tute, alte Mutter, ach dein Ofen aus grünen Kachel» ist toarin und gnadenvolldunkle verbrannte Reiter springen auf ihn» einher und große Schiffe mit Segel und Takelage schwimmen ins stürmische Meer hinaus.
Jetzt ist es die Zeit davor zu sitzen mit den dicken un!d> bunten Bilderbüchern auf den Knien und in Märchen und Phantastereien zu versinken.
Auf der Ofenplatle singen und Braten die Aepfel. Schon springt und klafft die braune Haut und der honigfarbene Saft fließt dick aus allen Wunden und zischt auf dem glühenden Eisen.
Der Geruch ist voller Süße und Betörung.
And wer unten die Türe zum Hauk? öffnet und schnev- verstäubt und erstarrt ans dein Wint«-ai<eick- hereintritt, fühlt diesen guten, heimatlichen Geruch und Lächelt beglückt.
Kommt, ihr kleinen Vögel, kommt, ihr federleichten Kvew- iuren: und sie sitzen da aus den Gesimsen, wo die AäigL auS ihren Tüten gestreut hat Hans und Mohn, Wicken und Krumen aus Brot. Eine zierliche, wippende Kohlineise klopft mit raschen tXißßungrigen Schnabclhieben das gefrorene Mark aus den Rinderknochen, an denen die Fasern wie zerfranster Bast hängen.
es kommen immer mehr, von Tag zu Dag. Die wilde, ttefe Schnee-Einsamkeit hat sie aus den knarrenden Frostwäldern und den klirrenden Dornenhecken zu uns getrieben, wo es warnt und windgeschützt ist.
^hre Flügeln sind müde und zittern: ihre kleinen «dem spitzen Krallensüße hangen am Gesims, als wäre es die Rettusw aus einer unerbittlichen Todesnähe.
Ach, wir würden ihnen gerne die Fenster öffnen, damit sie tr .gieren Stuben die kalten und schneevollen Wsniernächte bleibm: aber fte fürchten den Menschen mehr als den Tod aus Hunger und Frost. And so sterben viele. And keiner hört rhre Heine, schmerzliche Todesklage.
Mariele, Joseph und Kilian schlafen nicht mehr.
Ihre Träume sind die Weihnachtsbäume, voll Himmelsaold und blitzenden Kerzen. Ihre Träume sind Schokolade, Puppen wilde Tiere und rollende Wagen.
Es ist die Zeit, wo die verhufchelten und guten Gesichter glühen, und wo die kleinen Herzen Zauberei intb Verwirrung: befallen hat.
In den weißen, glitzernden Schneenächten kommt ein silberner ©ngcl an die Fenster und lächelt in unseren Schlaf. And am Morgm ist vom Fensterkreuz der gerollte, zärtlich gebundene Wunschzettel mit unseren Sehnsuchtsdingen verschwunden.
Bald ist die heilige Rächt da . .
Der bestrafte Zwerg.
Don Wilhelm Schmidtbonn.
,,__Es ist an der Zeit, wieder einmal an jene ammxttge Kon
stantinopeler Geschichte zu erinnern. Sultan Mahmud II., gestorben 1839, sonst in allem ein Reuerer, nahm in einem Falle eine langst verschwundene Fürstengewohnheit wieder aus: er & Siperg. Dieser Zwerg war von jener äußersten
Häßlichkeit, die mcht mehr schaudern macht, sondern lachen. In dieses Lachen mag sich zum Teil das Entsetzen über einen £010611 2In5h<f retten, um nicht tödlich zu wirken, zum andern Teil aber mag es auch der ungeheuerlich selbstsüchtige» Freude auf steigen, nicht selbst von einem solchen Anglück der Statur getroffen zu fein.
Dieser Zwerg, der berühmte Achmed Aga, war nach Berichten jener Zeit nicht höher-, als daß er ausgestreckt eben auf mnen Tisch sehen konnte. Auf Beinen, dünn und unheimlich wie Splnnenbeine, wuchs fast unvermittelt der Kopf aus mir durch einen kindlich schwachen Brustkasten getrennt Die Arme hingen bis über die Knie hinunter, die Hände waren wie die Füße besonders winzig, aber auch von einer ausfallenden Wohlbildung. In dem Gesicht war der weit übergroße, blutrote Mund das was am meisten das Bild des Zwerges schreckhaft machte: dieser Mund war an den Seiten von tiefen Dchmerzfalten niedergezogen, in der Mitte aber, in einem lächerlichen Gegensatz dazu, von Lebenstollheit und unersättlicher Spottlust hochgeworfen. Aeber dem Mund aber strahlten, in greifenhast knochigen Höhlen emgebettet, Augen von einem fo zarten Feuer und einer so fchwermütigen Größe, daß man, wenn auch vom Grauen über die ganje Gestalt zu einem unheimlichen Lachen gereizt, den Blick dieser Augen dennoch nie vergaß.
Der Zwerg faß an der Mittagstafel neben dem Sultan. Gr war der erste, der morgens zum Sultan eintreten durfte, der letzte, der ihn abends verließ. Mit ihm ging der Sultan durch die geschnittenen Alleen seiner Gärten und die ebenso steif dastehenden Reihen feiner Würdenträger. Wie zwei Schuljungen pflegten sich die beiden lustig zu machen über jedes Gesicht, das würdevoll seine Dummheit oder schlau seine Verworfenheit verbergen wollte. Der Zwerg sprach laut seine Bemerkungen aus. Er gab allen, die zum erstenmal aus der Provinz ge
kommen waren, um dem Sultan ihre Verbeugung zu machen einen Spottnamen, so treffend, daß nicht nur der Sultan, sondern auch alle, die in der Nähe standen, laut auslachs» mußten, unter ber Maske nachsichtigen Verstehens Blicke voll Haß auf den Zwerg schossen. Aber in diesen Namen und Bemerkungen war mehr als Spott, war immer ein Urteil, dem der Sultan unbedingt vertrauen konnte. Er war noch, nie jehlgegangen, wenn er nach der Vorliebe oder Abneigung des Zwerges einen Beamten versetzt ober befördert, ein Unternehmen begonnen ober unterlassen hatte. Ja, man sagte, daß selbst der erfolgreiche Krieg gegen Die Janitscharen mcht ohne den Rat des Zwerges ins Werk gesetzt und durchgesiihrt wurde.
An milden Sommerabenden vermochte sich der Sultan oft gar nicht zu trennen von dem Zwerg. Sie ließen sich im vergoldeten Boot über die leise atmenden „Süßen Wasser" rudern, und der Zwerg fang zu den Instrumenten der mitfahrenden Musikanten weich und klangvoll wie mit der Stimme einer Nachtigall. Darüber kam der Sultan oft erst spät in seinen Serail, und er dehnte den Augenblick, wo er sich von Achmed Aga verabschieden mußte, um zur geputzten und wartenden Schar seiner Tänzerinnen zu gehen, immer sehr hinaus. Dis es sich allmählich von selbst ergab, daß der Zwerg bis an das Tor, bann bis in den Vorhof, dann die Marmortreppe hinauf, endlich bis in die Säle des Frauenschlosfes selbst den Sultan begleitete. Wohin außer des Sultans und der Wächter Schritt nie jemals der Schritt eines Mannes drang, durfte ungestört und bald von frohgelaunten Gelächter und den silbernen Zurufen ber schönen Odalisken bewillkoimnt, die gespenstische Gestalt des Zwerges hin- und herwandeln und über die Marmorwände ihren Schatten Wersen. In der ersten Zeit faß Achmed Aga noch neben dem Sultan, um den Tänzerinnen zuzusehen. Aber die Vogelhaft zwitschernde Ve> kraul'chkeit zwischen ihm und den Frauen ergab es Bai ,6 ßercuSb m b r j n:m Gemach gerufen wu.be so baj feine Wege in dein Lustschloß bald ganz selostänöig wurden, ja, daß nach kurzer Zeit et blieb, wenn ber Kaiser ging, oder kam, ehe der Kaiser sich einfand, ober endlich gar ganze Tage, wenn der Kaiser auf der Jagd war, im Serail sich aufhielt, ohne daß der Sultan oder einer der Wächter ober irgendein anderer Mensch die größten Feinde des Zwerges nicht ausgenommen, auf einen argwöhnischen Gedanken gekommen waten; so wenig war das winzige und mißgestaltete Gebild, das da umherschlich und sorgfältig die Füße setzte, um auf den glatten Böden nicht auszugleiten, einem Manne ähnlich und so sehr schien es durch die grauenvolle Häßlichkeit davor bewahrt, andern als schaudernden ober spottdreisten Blicken aus Frauenaugen zu begegnest.
Dennoch fand sich nach einiger Zeit eine Gelegenheit, bei der der Sultan Mahmud, wenn auch ein wenig vom Weine intnfeit, ober vielleicht gerade dadurch scharfsichtiger gemacht, benterten: mußte, daß der Zwerg die schönen Huris durchaus nicht so gleichgültig ließ, wie es nach allen äußeren A in ständen anzunehmen war. Der Sultan gab Befehl, den Zwerg heimlich ztl bewachen, und siehe da: schon am zweiten Tag darauf war aller Anlaß gegeben, den Zwerg und eine der Odalisken zu verhaften. Nach dem hergebrachten Gesetz konnte die Strafe nur sein, die Sünderin in einem verschlossenen Faß den Abhang hinunter ins Meer zu rollen, den Sünder am Tote des Serails, durch das man ihn fo arglos hatte ein- imb ans gehen lassen, aufzuhängen.
Die Kunde von dem, was geschehen war, sprang schnell durch ganz Konstantinopel. Nirgendwo, nicht einmal bei den Lastträgern, offenbarte sich das geringste Mitleid. So heilig waren durch jahrhundertelange Gewohnheit die Anschauungen der Rechtgläubigen in diesen Dingen, daß im Gegenteil die äußerste Entrüstung allgemein war und schon eine vieltausendköpfige Menge am Tor sich aufstellte, um das Faß das Afer hinabtollen und den mißgestalteten Kinderleib Achmed Agas am Tor hochgezogen zu sehen.
Aber Mahmud II. war in allen Dingen ein Herrschet, ber nichts wie seine Vorgänger, sondern alles auf seine eigene Art machte. Er sand auch hier eine Strafe, die den Ztverg schwer, die abenteuerlustige Odaliske schwerer treffen mußte und dennoch beiden die Liebe des Sustans zeigte. Er verbannte den Zwerg von seinem Hofe, gab ihm ein Haus in einem schönen Garten vor der Stadt und verheiratete ihn mit ber, die ihm so gefällig gewesen und der er verlockend genug erschienen wat. Zuin Anwillen der gasige» Stadt feierte der Sultan die Hochzeit in seinem Schlosse selbst, in Gegenwart aller Würdenträger. Mit Gold und Edelgestein war die Tasel geschmückt, als ob es sich um Prinz und Prinzessin handelte. Die hohe Gestalt der Odaliske sah unter den weißen Schleiern noch edler aus, an ihrem Arm ging wie ein Kind der Zwerg. Kanonenschüsse hallten, als die beiden in die Sänfte gehoben wurden, die sie zu ihrem Haus in dem schönen Garten brachte, wo nun der Zwerg fern von allem Glanz, der ihn bisher umgeben, leben mußte, aber im Besitz einer der anmutigsten Frauen des Sultans, und wo dies« Frau den süßbittern Reiz einiger flüchsi ier Tage nun ein Leben lang auskosten mußte, dennoch vielleicht getröstet durch die Erfahrung, daß ja der Zwerg der Schlimmste nicht war, und die Hoffnung, daß zu anderen,. Abenteuern wohl noch Zeit und Gelegenheit komsnen werde. Darum sah man auch keine Träne in den braunen Augen den Odaliske, die wie Rehaugen drrvK


