Ausgabe 
8.12.1925
 
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Gießener jamilienblätter

Unterhaltungsbeilage zum Eichener Anzeiger

Jahrgang (925 Dienstag, öen 8. Dezember Nummer 98

Winlerlag.

Boa Woarad FerdinandMehsr

Aeber schneebedeckter Erde blaut der Himmel, haucht der Föhn ewig jung ist nur die Sonn«!

Sie allein ist ewig schön!

Heute steigt sie spät am Himmel, und am Himmel finkt sie bald wie das Glück und wie die Lieb« hinter dem entlaubten Wald.

Wenn ihx nicht werdet wie die Kinder..

Bon Reinhold Braun.

Run ist wieder die holde, unruhedolle Zeit gekommen, im$> wer sich noch ein Herz für die tiefen Dinge bewahrt hat, dem greift sie trotz allem doch wieder geheimnisvoll und innergewaltig ans Tiefste.

And wem solches geschieht, der kann sich freuen,' denn sein DesteS könnte ihm noch nicht totgeschlackt werden von der Härt« der Zeit.

Sein Kern ist noch flüssig, bewegungsfähig, schenkt ihm noch die Bewußtheit beseligender Lebendigkeit und des Im­pulses empor in ein Reines, Holdes, LiebeS und Lichtes!

Darum,freu dich sehr, o meine Seele!" 3a, es ist eine »gnadenbringende", holdselige Zeit, so süß und seltsam un­ruhevoll ... Selig unruhig sein, wie wir's als Kinder waren in der vorweihnachtlichen Zeit! Rur ein Stücklein, ein Streif­lein Licht, aus dieser Freude der holden Anruhe, deren Tiefstes doch wieder die Ruhe ist:Weihnacht kommt ganz bestimmt und bringt mir etwas! Das Christkind ist auf dem Wege!"

Ach, diese Ruhe und köstliche Gewißheit des KindeS, diese rmcerste Anumstößlichkeii! Diese Gläubigkeit! Dieses Amspieltsein vom Glanz der Lichter, die doch erst kommen sollen!

Ach, wer doch das könnte, nur ein einziges Mal!" so recht wie ein Kind! Die rauhe, harte Zeit arbeitet schmerzvoll an uns allen, reißt uns hier und da ein Stück aus dem 3mtecn; wenigstens sucht sie Tag für Tag uns solche Gewalt anzutun.

And viele find müde geworden, daß sie Me harte Zeit in solcher Weise an sich arbeiten lassen; sie sitzen in einer großen inneren Welkheit und wehren den argen Einflüssen kaum mehr.

And kommen dabei immer weiter von dem Ziel!" Run ist mitten in dieser argenäußeren Zeit" ein Stück der wirklicheninneren" Zeit wieder mit der alten, heiligen Mächtigkeit und süßen Anerschöpslichkeit erschienen.

Run wollen wir doch auch diese Zeit an uns einnml wieder arbeiten lassen, wollen uns ihr willig hingeben, wollen auS ihr kindhaft. unruhig und doch ruhig werden, wollen uns neue Gewißheit trinken, neue Hoffnung und Lichtgläubigleit aus all denholdseligen" Dingen, die uns wieder umtönen, umglänzen und unserer Seele gut fein »offen!

Das ist kein leeres Schwärmen und darf's auch nicht' fern! Sondern, wer sich so ergreifen läßt von dem goldenen Strome, der tief im Verborgenen rinnt, sich wahrhaft anrühren läßt von dieser köstlich inneren Zeit, den segnet sie, indem sie ihm Trank des echten, tiefen Lebens reicht und ihn hinführt zu sich selbst und den Weihnachtsschätzen seines Inwendigen; indem sie ihn ruhig und ruhiger werden läßt zu seiner Seele.

Die Anruhe der Welt von heute hat sich uns tief ins Mark gefressen: wir sind krank an der Ruhelosigkeit, den tausend Wirbelungen des Alltags geworden. O, daß wir doch erkennten zu dieser unserer Zeit, was zu unserem Frieden dienet!

Daß diese Adventszeit doch ganz diese unser« Zeit werde, in uns hi nein wirkend und webend aus ihren alten Wunderbarlichkeiten Licht und Frieden, Freude und reineS Sehnen; ein Stücklein heiter-fromme Gläubigkeit! Daß sie uns doch lehrte, in ein paar stillen Stunden einmal ganz den Alltag hinter sich zu lassen, sich abzuwenden von dem heißen Flimmern dessen, was die Menschen heuteLeben" nennen, sich einmal umfangen lassen von der Stille, die die reifen Menschen, lieben, sich mit einem Ruck losreißen von der Täglichkeit und 'sich hinwenden zu den Dingen, die der goldene Strom dieser wunder­baren Wochen uns zuträgt. Es will soviel auf uns zukommen. Wir müssen nur einmal wieder wissen, wirtlich stille zu stehen, einmal wieder dahin fassen, wo das Herz ist. Schaut doch den Kindern zu! Wie spielt da ««ins am Rande ter brausenden Straße! Es ist in seiner Welt, in seiner eigenen Stille

und seinem Traum! Sind wir denn wirklich allesamt Sklaven der Verhältnisse und äußerlichen Dinge geworden, daß wir das nicht mehr können? Haben wir denn alles verloren! Deutsches Herz, wo bist du in dieser Adventszeit? Zeige deinen Mut und dein« Freude zu dir selber, zu dem Kinderwinkel in dir! Finde dich wieder! Adventszeit kann Genesungszeit sein!

Dezember.

Bon Anton Schnack.

Es ist der Monat der hirtlichen heiligen Stille.

Er hat immer verschlossene Türen, hinter denen etwas Ge­heimnisvolles ist, etwas Huschendes und der leise Laut von filberhaften Geräuschen.

Hinter einem Vorhang flackert eine halbe Rächt eine wäch­serne Kerze. Wenn die Kinder durch die Dämmerung im späten Abend von einem Gang zum Dorfkränrer heimtrviien mit rot­gefrorenen Rasenspitzen und geballten Fäustchen, erlischt es plötzlich

Wenn sie zu Bett in ihrer kleinen, warmen Kammer liegen, scheint es wieder.

3n einem jeden Haufe gibt es eine solche Türe, die ve» schlossen ist; drückt leise auf die Klinke, sie öffnet sich nicht. Eine unsichtbare, geheimnisvolle Hand hat sie verriegelt.

Aeberall ist ein süßer, lieblicher und betörender Duft. Ein Hauch von Relken und Zimt durchzieht die Zimmer.

Schaust du durch das Schlüsselloch des Zimmers, an dem die Kinder mit glühenden Blicken und leisen Schritten vorbei­schleichen, so glitzert etwas Silberhaftes darinnen, ein zarteS, flimmerndes Weiß und dir scheint es, als wären es schwirrende Gngelsflügel.

Auch ist es manchmal, als ob eine silberne Glocke aus weiter Ferme llingen würde. Dann ist wieder Stille. Rur der Perpenr dikel der alten Schwarzwälder Ahr geht hin und wieder.

Dein Herz berührt das Geheimnis, das überall zu atmen scheint. Willst du es suchen, du wirst es nirgends finden. Rur manchmal glaubst du. es vorüberfchweben zu sehen.

Aber da ist es der Mond, der über di« Winterhügel ge­rade mit einem 3rr!ichtfchein aufgeht.

Schnee fällt über Nacht auf die Erde.

Am Abend war die Straße noch votier Geräusche; ein Pferdefuhrwerk kam unter Hüh und Hott noch vorbei. Ante« den Psechehufen, wenn sie auf Sterns traten stoben die Kan; die Räder knarrten knisternd und ächzend auf dem gefrorenen Boden. Der Landbriefträger stockte mit schwerem genagelten Schritt durch den Garten, wenn er die Briefe aus der Ferne ,md die Zeitungen aus der Stadt brachte.

Am Morgen ist das Licht, das durch di« Scheiben strahlt, von herrlichem Weiß. Seinen Glanz können kaum die Augen ertragen.

MeS geht wie auf Samt. And die Wälder liegen atemlos vatb erstarrt.

Leise und ferne klingelt ein Schlitten.

Am Fenstersims liegt neuer, makelloser Schnee. Deine rost« atmende Morgenhand erschauert vor dem kristallenen Eisgefühl, wenn du daS Fenster öffnest und den weißen Staub berührst.

Auf dem fchneeüberfchütteten Zaune sitzt stumm und regungs­los ein Rabe, der weither au8 der Ti-sfe der verlorenen unjb großen Wälder geflogen ist. And ich denke daran, daß mein; Großvater in dieser Einsamkeit lebt, wo der Schnee viel tiefer ;md gewaltiger ist und die Kälte vief beißender.

Aber die Rehe ,md Hirsche kommen aus dsm Dickicht an seine Raufe.

And zuweilen sieht er auch einen Fuchs über die Waldsläche stäupen.

Immer noch fitzt der schwermütige und verschlagene Wald­vogel und seine Schwärze glänzt wie ftrnkelndes Metall gegen daS blühende Weiß.

Die Schritte der Schreitenden verlieren ihre Schwere. Di« Klänge und Laute werden gedämpft.

Anbekannte große Vögel durchrudern geisterhaft die graue Luft.

Rahs und erstarrt ist der Wald. Mitten in der Rächt hinein kracht eS dunkel. Einen Baum hat die riesenhaft« Last gebrochen. Furchtbar und erschütternd ist dieser Doimer. Es ist der Todes­schrei deS Waldes.

Dann aber ist tvieder das Schweigen.