Ausgabe 
8.8.1925
 
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Vchdnhetten des StranteS ouskosten, fängt eS an, allmählig ent­deckt zu werden. 3n zwei, drei Jahren müssen auch hier di« Kellner kleinerer Restaurants einen eleganten Frack anlegen und fliehend Deutsch, Englisch und Französisch sprechen. Die Speisekarte wird dann hin und her übersetzt werden können, so daß die Weltbäderpreise des Lokals gerechtfertigt erscheinen. Jeder kleine Hausbesitzer fühlt schon dieZukunft" seines Dorfes herannahen und baut wenn er Geld hat munter drauf los. Leute mit drei, vier leerstehenden Häusern sind hier durchaus keine Seltenheit. Sie warten auf den Dag ihres Glücks, der mit dem internationalen Fremdenzustrom heranbrechen wird.

Doch ist es Gott sei Dank! nodji nicht so weit. Roch steht der Thunfisch und nicht der Fremde im Hauptinteresse des Dorfes. Roch kann man ein Häuschen mit vier bis sieben Zimmern für spottbilliges Geld mieten, wobei das Schönste, der Duft der Gärten und der Ausblick nach dem Meer und den Bergen unbezahlt bleibt. Diese Gärten haben hier, wie überall in Italien, eine beachtenswerte Tradition, die über die Re­naissance hinweg Äs zu den Griechen reicht. Siziliens Ackerbau mutzte sterben. Aus einer arbeitsfrohen Kornkammer wurde eine verzauberte Landschaft, angefüllt mit ahasverischer Oede, ge­fährlichen Zwischenspielen und köstlichen Zufälligkeiten. Doch, der Schutt der Zeiten konnte den Glanz der Gärten nicht erlöschen. Lind so blieben sie das einzige immergrüne Leuchten über dem Abgrund einer verhängnisvollen Geschichte. Die Berge, die die Ducht von Mondello umschsiehen, waren einst berühmt durch ihre Fruchtbarkeit. Auf dem Monte Pellegrino, dem höchsten Berg der Umgebung, der die Bucht von Palermo und die Ducht von Mondello königlich beherrscht, baute einst Hamilkar Darkas seinen Weizen. Die Gegenwart erlebt das Antlitz dieses Berges, zersprungen und öde, oft in magische äintergangsglut gebannt, oft in stählerne Kälte gehüllt, wenn der Scirocco mit unheim­lichen Beschwörungsformeln niederfährt. Auch dieser Berg atmet die entsetzliche sizilianische Geschichte mit und kann nur dann lächeln, wenn seine Kakteen die schwärmerische Blütezeit begehen.

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ihn Mittag gibt es ein heißes uneAnttliches Brüten in den leeren Gassen des Fischerdorfs. Wie ein feuriges Auge, dessen Blicke wehe tun, dreht sich die Sonne im tiefen, silberlächelnden Blau. Wie ein versengender Diamant schreibt sie sich in die südliche Erde ein: die Zitrone wandelt aus ihrem spitzen, ätzenden Grün in illuminierendes Gelb hinüber. Eidechsen liegen auf be- glühten Steinen unbeweglich wie verlorene kostbare Spangen, Kakteen, die wie Gruppen von Ringern ineinandergreifen, schei­nen sich schläfrig an die zerbröckelte Mauer anzulehnen, indes an ihren grauen Schäften, ein großer schwarzer Ring, die Ratter ruht.

Erst in der fünften Stunde kommt wieder Lebendigkeit in die Gassen. Die langgezogenen, mehr gesungen als gesprochenen Anpreisungen der Ausrufer, hängen wie fröhliche Girlanden über dem Stimmengewirr. Kleine und kleinste Kinder wälzen sich wenn sie nicht in den zärtlich hütenden Armen ihrer.Väter spielen, wie liebenswürdige, etwas schmutzige lebendige Kugeln vor den Türen. Waschtröge, Kisten voller Hausrat, Tische und Stühle werden ins Freie gehoben, geschoben, und das uner- schöpsliche Spiel der südlichen Menschen, das vom Jnterludium der unerbittlichen Mittagssonne unterbrochen wurde, kann fort­gesetzt werden

Wenn der Abend über das Smaragd der Wellen in die gold- verklärte Bucht mit einem Schwarm warmer Winde einläuft, kehren die unzähligen Fischerboote, die tagsüber mit ihren weißen Segeln die lyrischen Akzente auf der unendlichen Meer­fläche bilden, nacheinander in den Hafen ein. Die hohen, pracht­voll bemalten sizilianischen Karren kommen aus Palermo zurück, wohin sie in großen Kisten Früchte, in dieser Jahreszeit vor aslen Dingen Zitronen, gebracht haben. Diese Bemalung der ländlichen Karren ist für uns Rordländer so ungefähr der erste Wegweiser in die Psyche des Volks. Die Bemalung zeigt uns rechts und links in den größeren freien Holzflächen Darstellungen geschichtlicher Szenen, die mit der kindlichen Grazie der Früh- renaisfance-Maler gesehen und gestaltet sind. Das darunter her- vvrtretenbe Gebälk weist bemalte Schnitzereien auf: Palmen­tragende Engel und andere figürliche Darstellungen. Die Be­malung der sizilianischen Karren darf wohl als ter stärkste und unbeschnittenste Ausdruck künstlerischen Gestaltens gelten, den dieses Volk seit Jahrhunderten in sich hochgezüchtet und keusch bewahrt hat. Von geduldigen Maultieren, di« mit rotem Quasten­werk gefällig aufgetakelt sind, werden diese kleinen Wunderwerke der Volkskunst Über Stock und Stein gezogen und ihrem alltäg- ftchen Zweck unterstellt.

Läuft die Rächt mit liessamtnem gestirnten Segel ein, lastet der Monte Pellegrino schwer und schwarz in ter -Landschaft wie der Sarkophag der Kulturen, die hier ihr Ende fanden. Von den Bergen herab weben Grillen das unendliche Retz ihres einzigen Tons. Die Rosen und Relken in unseren Räumen scheinen ihre Düfte immer stärker hervorzudrängen. Meine Frau reiht zierliche durchlöcherte Muschelteile zu einer seltfarngegliederten Kette für meinen Jungen aneinander. Und drunten zwischen den ersten schlafverhangenen Adern zerflattern die letzten Klange eines sizilianischen Sanges. . . . _

IV. '

Olympischer Morgen.

Der morgendliche Meereswind fuhr mit kühlen Händen über die verbrannte, faltenreiche Sttrn der Landschaft, als wir nach den Dempelruinen von Girgentt, des alten Akragas, hinabgingen, das sich als die schönste Stadt ter Sterblichen in Pindars Strophen spiegelt. Gärten und Felder trugen schon die Ockertöne sommerlicher Dürre unter dem versengenden Anhauche ter Strah­len. Rur die vielen Mandel- und Olivenbäume besternten freund­lich bis zum Meere hin das Land, oft von trichterförmigen Sen­kungen erloschner oder noch tätiger Schlammvulkane unterbrochen.

Es war ein wahrhaft olympischer Morgen! Am Wege scho­ben sich blühende Oleanderbüsche voll kichernder Reugier über das Gemäuer. Granatapfelblüten blitzten ihr scharfes Zinnoberrot aus dem grünen Kontrast ihrer Blätter. Geranien wiegten sich am Straßenrain, grau bestaubt wie der Acker sündigen Fleisches. Rur ihre Blüten brannten sehnsuchtsdunkel heraus, rot wie vom Blute vermählter Frauen. Da kam ein rauschhaft heiteres Vor­gefühl über uns, nicht der überkommenen Ehrfurcht von Gewesen- heiten oder den blassen Griffeln fpürfamer Gelehrter entstiegene immergrünes Lebensgefühl wars, das aus den tausend Armen ter Rebstöcke nach uns langte wie Dionysos, der Auferflehente, der christlichste griechische Gott.

Schon ließen uns Baumgruppen kleine Lücken offen, durch die von Zeit zu Zeit die schweigende Säulenfeierlichkeit teti Tempel blickte. Schon sah man mächtige Stücke von Architraven und Säulen in Mauern an der Straße liegender Häuser ein­gebaut. Diese zweckmäßige Unbekümmertheit der volkstümlichen Baumeister erfreute mich Selbst die spleenigsten Engländer, die hier die Orte schon nach allen Richtungen durchfurcht haben, brachten es nicht fertig, den SizilianernEhrfurcht" vor den! zerbröckelten, zusammengestüpzten Alterttimern beizubringen. Wie wirklich nahe stehen doch: diese Menschen hier den anttken Völ­kern, denen die praktische Forderung, die sinnvolle Form alles, die zerbröckelte Form, deren Wiederaufrichtung eine Forderung verstiegener Rvmanttk ist, nichts bedeutete. Rie hätte ein Hieron, ein Empedekles einer bloßen Kuriosität, wie der Durchstocherung der Erde nach abgebrochenen Rasen von Plastiken und der­gleichen, geldliche oder ideeliche Llnterstützung zugesagt, zumal einer solchen Tat die ethisch-schöpferischen Belange fehlen. Freut euch, ihr - Engländer, freuen wir uns alle an den Bauwerken der Anttke, die die Ratur noch nicht in ihren Schoß zurück­gefordert hat! Aber lassen wir das Verfallene verfallen sein. Wir haben unsere Gelder zur dringenden Lösung lebendige« Fragen nötig! Alle Kultur fängt bei der Sorge um nuferen Rächsten an. iXn& wo ist der Staat, ter Mensch, der das Recht hat, sich davon zu entbinden?!

Gerade weil sich in mir diese Frage ausrichtete und mich mit meinen Pflichten als Gegenwartsmensch und Künstler eng verknüpfte, steigerten sich die Stunden für mich, die ich in den! Ruinen der Tempel verbrachte, zu einer seltenen Llnmittelbarkett und wahrhaftig olympischer Weihe. Als wir gegen Mittag jum Concordia-Tempel kamen, der wie alle Tempel hier, auf ei nee sanften Anhöhe liegt und majestätisch und mitte zugleich die Umgebung beherrscht, ging der Wind, uralte Worte murmelnd, wie ein imsichtbarer Priester durch, die braunroten Säulenreihen. Dieser Tempel, der aus dem fünften vorchristlichen Jahrhundert stammt, verdankt fein gutes Grhaltensein der christlichen Kirche, die, wars Anbekümmertheit, geschmacklose Intoleranz oder pfäffi­sche Schlauheit. Bögen in die Cellawand einbrechen lieh, und den ganzen Bau zu einem Kultgebäude für ihre Zwecke zurechtstutzte. Später hat man die Zutaten aus ter christlichen Zeit wieder entfernt, so daß der Eindruck von einer gewaltsamen Dause dem griechischen Tempel wieder genommen worden ist. Im Lause ter eingehenden Betrachtung hörte ich immer wieder, das Monocord- Jnstrument der griechischen Musik auch in ter Architektur dieses dorischen Bauwerks klingen. Das große Hand-in-Hand der Künste und, was noch wertvoller ist, das große Hand-in-Hand von Kunst und Volk tauchte vor mir auf. Gemessen und gebändigt stiegen die Säulen empor, Sehnsucht in klare Rundung gepreßt, jede einzelne kraftvoll genug, ein Promethitenlos frei auf sich zu laden. Doch die Horizontrale des abschließenden Architravs durchschnitt sie alle unerbittlich, ein schicksalhafter Eingriff der Götter, die dem Menschen die Begrenzung schufen, sich selbst ater in schicksalloser Heiterkeit dem Spielball ter Anbegrenztheit zu- warfen. Lediglich das stumpfe Dreieck, das ter Fries ausfüllte, ward wie zu einer Insel der Versöhnung, ter Freundschaft zwi­schen Göttern und Menschen. Die Herbigkeit des Architravs erschütterte mich. And aus dieser Erschütterung trat für mich ein selbstverständliches Begreifen der Antike.

Der Tempel der Juno Lacinia besitzt von seinen 34 ur­sprünglichen Säulen nur noch, 25 leidlich erhaltene. Die flim­mernde Schwinge des Himmels lacht unbekümmert durch all« Zwischenräume. Der Architrav ist noch teilweise erhalten. Ater einige Säulen werten nicht von ihm durchschnitten, stehen te- freit vom Druck ter Begrenzung, das geistige Elmsfeuer ihrer einstigen Schöpfer verspätet zum Himmel sendend. Auch dieser Bau ist dorischen Sttls und ward noch früher errichtet als ter Concordia-Tempel. Die Fernsicht von ihm herab bezwingt und hielt uns fast eine volle Stunde fest. Das durchglühte Land lag in einzelnem Platten auf geteilt, die vom Reapler Gelb bis Mn