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Pandykbraun regellos aneinandergefügt waren. Aber auch weite liefgrüne Platten schoben sich dazwischen, und wir wußten, daß diese Flächen ein Sttick von der Wiege des Dionysos waren, lieber uns schossen Hunderte von Schwalben hin und her und bildeten eine schwebende Krone über den erloschenen Dau.
Die Ruinen des Herakles-Tempels aus dem 6. Jahrhundert vor Christi zeugen von ungewöhnlichen Ausmaßen (73 Meter lang, 27 Meter breit). Dagegen liegt Las größte aller griechischen Kulihäuser, der Zeustempel, völlig in Trümmern. Rur eine Mlasgestalt, die mit noch anderen bas Gebälk trug, ruht schwerfällig auf dem Rücken wie ein zu Boden gedrückter Ringer. Der Tempel besaß die ungeheure Länge von 110,80 Meter und war 55,70 Meter breit. Er sollte der höchste kulturelle Ausdruck der Stadt werden. Doch kurz vor der Beendigung des Baues, im Jahre 406 vor Christi, warfen die Karthager ihr Retz über die Stadt, und so ist er nie zum Abschluß gekommen. Später stürzte der riesige Bau unter einem furchtbaren Erdbeben zusammen, denn, daß sich Menschen mit der Zerstörung und Abtragung von dreieinhalb Meter starken Säulen im Durchmesser befaßt haben sollen, ist wohl kaum anzunehmen.
Am Rachmittag kehrten wir nach Girgenti zurück, das sich am Hange burghaft emporstaffelt. Mit uns zog eine weiße Prozession Ziegen mit schönen gedrehten Hörnern. Mit welcher Geduld und Würde die Tiere dahinzogen! Kein Auto, das in irrsinnigen Tempo vorbeiraste, konnte ihnen von ihrer Haltung etwas nehmen. Da ahnte ich, warum Homer sooft seine Lieblingsgestakten mit tierischen Eigenschaften bebilderte.
Der Schuh von der Kanzel.
Don Conrad Ferdinand Meyer.
(Fortsetzung.)
Doch kaum war er entschlummert, so trat das schöne Schemen durch die Türe, ohne sie zu öffnen, und nahm tückisch Gestalt und Antlitz der Rahel Wertmüller an, ihren maidlichen Wuchs, ihre feinen geistigen Züge. Aber ihre Augen schmachteten wie der Orientalin, und sie legte den Finger an den Mund.
Run kam eine böse, schlimme Stunde für den armen Kandidaten. Er wollte fliehen und wurde von einer dämonischen Gewalt zu den Füßen des Mädchens hingeworfen. Er stammelte unsinnige Bitten und machte sich verzweifelte Vorwürfe. Er umfaßte ihre Knie und verurteilte sich selbst als den ruchlosesten aller Sünder. Rahel, erst erstaunt, dann strengblickend und unwillig, stieß ihn zurück und empört von sich weg. Jetzt stand der General neben ihm und reichte ihm das Pistol. „Die Figur", dozierte er, „wird bezwungen von der männlichen Elementar- fcaft.“ Dem Kandidaten wurde wie von eisernen, teuflischen Krallen der Arm gebogen, und er setzte sich die tödliche Waffe an die rechte Schläfe. „Fliehe mit mir!" stöhnte er. Sie wandle sich ab. Gr drückte los, und erwachte, nicht in seinem Blute, aber in kaltem Schweiße gebadet. Dreimal trieb ihn der quälende Halbtraum in diesem Kreisläufe von Begierde, Frevel und Reue herum, bis er endlich das Fenster aufschloh und im reinen Hauche der heiligen Frühe in einen tiefen beruhigenden Schlaf versank.
Er erwachte nicht, bis Hassan ntü warmem Wasser ins Zimmer trat und auf seinen Befehl die Jalousien öffnete. Ein himmlischer, innig blauer Tag, und das nun halb verwehte, mm vollhallende Geläute aller Seeglvcken drang in die Traum- kammer.
„General Kirche gegangen," sagte der Mohr. „Geistlicher Herr frühstücken?" —
Achtes Kapitel.
Und der Mohr log nicht.
Rudolf Wertnrüller wandelte in dem Augenblicke, da sich sein Gast dem Schlummer entriß, schon unweit der Kirche von Mythikon unter den sonntäglichen Scharen, welche alle dahinführenden Wege und Fußsteige bevöllerten.
Der sonst so rasche Schritt des Generals war heute ein gemessener und seine Haltung durchaus würdig und untadelig. Gr war in schwarzen Sammet gekleidet und trug in der behandschuhten Rechten ein mit schweren vergoldeten Spangen geschlossenes Gesangbuchs
Seltsam! Wertmüller, der feit langem jede Kirche gemieden hatte, stand bei den Mythikonern in dem schlimmen Rufe und der schwefelgelben Beleuchtung eines verhärteten Freigeistes, es war ihnen eine ausgemachte, nicht anzufechtende Tatsache, daß ihn über kurz oder lang der Teufel holen werde — und dennoch waren sie herzlich erfreut, ie gerührt, ihn aus ihrem Kirchwege «inhsrfchreiten zu sehen. Sie erblickten in seinem Erscheinen durchaus nicht einen Akt der Buße, denn sie liebten es nicht und hielten es für schmählich — hierin den griechischen Dramatikern ähnlich — wenn eine erwachsene Person ihren Charakter wechselte; sie trauten es dem Generale zu, daß er konsequent bleibe und resolut ins Verderben fahre. Die Mythikoner faßten vielmehr den Kirchgang des alten Kriegsmannes als eine Höflichkeit auf, als eine Ehre, die er der Gemeinde erweise, als einen öffentlichen Abschiedsbesuch vor seinem Abgänge ins Feldlager.
Das Grüßen nahm kein Ende und jeder Gruß ward von Dem heute ausnahmsweise Leutseligen mit einem Ricken oder einem kurzen freundlichen Worte erwidert. Rur ein altes Weib, das böseste in der Gemeinde, stieß ihre blödsinnige Tochter zurück Dre den General angaffte, und raunte ihr vernehmlich zu: „Berbrrg düch hinter mir, sonst nimmt er dich und macht dich zur Türkin!"
Weniger erfreut über den Anblick des ungewohnten Kirchgängers war der Pfarrer Wilpert Wertmüller, als er, mit Jziantel und Kragen angetan, aus dem Tore seines Hofraumes „5; jn dessen Mitte hinter einem altergrauen Brunnen zwei mächtige Pappeln sich leis im Winde wiegten. Seine lieber» raschung war eine vollständige; denn Rahel hatte geschwiegen.
Der Pfarrer, ein Sechziger von noch rüstigem Aussehen und nicht gerade geistreichen, aber männlichen Gesichtszügen, mochte den General als einen versuchten Weidmann in Wald und Feld wohl leiden;' daß er aber seine Erbauung gerade in der Kirche von Mythikon suchte — das hätte er ihm gerne erlassen.
Je unwillkommener, desto höflicher war der General. Er zog den Hut, dann nahm er den Pfarrer an der Hand und führt« ihn in den Flur feines Hauses zurück. Gerade in diesem Augenblicke setzte die schöne, morgenfrische Rahel ihren Fuß auf die unterste Stufe der Treppe, sonntäglich angetan und ebenfalls em Keines in schwarzen Sammet gebundenes Gesangbuch in der Hand.
»Kind, du bist reizend! eine Nymphe!" begrüßte sie Wert- muller. „Lasse dich väterlich auf die Stirn küssen!"
Sie weigerte sich nicht, und der Keine, aber fest und wohl gebaute General richtete sich auf den Fußspitzen empor, um die feine weiße Stirn des hochgewachsenen Mädchens zu erreichen, eine eher komische als zärtliche Gruppe.
„Bittest du mich nach der Predigt zu Tische, Alter?" fragte Wertmüller.
„Selbstverständlich!" versetzte der gastfreundliche Pfarrer. „Rahel bleibt zu Hause und besorgt die Küche."
Das willige Mädchen fügte mit einem leichten Knickse hinzu: „Wir bedanken uns, Pate!" und eilte in das obere Stockwerk zurück.
„Ich bringe dir etwas mit, Alter," lächelte der Generäl.
„Gewehr?" fuhr der Pfarrer heraus, und seine Äugen leuchteten.
Wertmüller nickte bejahend und zog unter dem breiten Schoße seines Sammetrockes ein Pistol hervor. Die vornehme Fasson und der damaszierte Lauf des kleinen Meisterstückes der damaligen Düchsekischmiedekunst stachen dem Pfarrer gewalKg in die Augen. Sein« ganze LMenschast erwachte. Wertmüller trat mit ihm aus dem dämmerigen Flur durch die Hintertüre der Pfarre in den Garten, um ihn die kostbare Keine Waffe im vollen Tageslichte bewundern zu lassen.
Die ganze Langseite des Hauses war mit einer ziemlich niedrigen Weinlaube bekleidet; an dem einen End« dieses grünen Bogenganges hatte der Pfarrer vor Jahren eine steinerne Mauer mit einer kleinen Scheibe aufführen lassen, um sich an dem entgegengesetzten Eingänge Posta fassend, während seiner freien Stunden im Schießen zu üben.
„Aus der Levante?" fragte er, sich des Pistols bemächtigend.
„Venezianische Nachahmung. Sieh hier die verschlungen« Chiffre GG, — bedeutet Gregorio Gozzoli," rühmte Wertmüller.
„Ich erinnere mich diesen Schatz von Pistölchen in Deinen Waffenkammer auf der Au gesehen zu haben, — aber war es nicht ein Pärchen?"
„Du träumst..."
„Ich kann mich geirrt haben. Spielt das Keine Ding leichte
„Leider ist der Drücker etwas verhärtet, aber du darfst das fremde Meisterstücklein feinem hiesigen Büchsenmacher an- vertrauen, er würde dir es verderben."
„Etwas hart? tut nichts!" sagte der Pfarrer. Er nahm trotz Mantel und Kragen am einen Ende der Laube Stellung. Auf dem linken Fuße ruhend, den rechten vorgesetzt, zog er den Hahn und krümmte den Arm.
Eben verstummten die Glocken auf dem nahen Kirchturme, und das Auszittern ihrer letzten Schläge verklang in dem Gesumme der Wespen, die sich geräuschvoll um die noch nicht geschnittenen Goldtrauben Der Laube tummelten.
Der Pfarrer hörte nichts — er drückte und drückte mit dem Aufgebot aller Kraft.
„Pfui, Alter, was schneidest du für Grimassen?" spottete Wertmüller, „Gib Herl" Gr entriß ihm die Waffe und legte siebten eisernen Finger an den Drücker. Der Hahn schlug schmetternd nieder. „Du verlierst deine Muskelkraft, Vetter! Dich entnervt die gllederlösende Senectus! Ich will dir selbst Den Mechanismus etwas geschmeidiger machen — du weißt, daß ich ein ruhmreicher Schlaffer und ganz leidlicher Büchsenschmied bin!" Der General ließ die schmucke kleine Waffe in die Tiefe seiner Tasche zurückgleiten.
„Rein, nein, nein!“ rief der Pfarrer leidenschaftlich „Du hast es mir einmal geschenkt! Ich kaffe es nicht mehr aus den Händen!..."
Zögernd hob Der General das Pistol wieder hervor — nicht mehr Dtefelbe. Er hatte es, der alte Taschenspieler, mit dem auch


