Ausgabe 
8.8.1925
 
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Gießener Hamilienblätter

Unterhaltungsbeilage zum Siebener Anzeiger

Jahrgang (925 Samstag, den 8. August Nummer 65

Flug.

Bon HanS Franck.

Wer faßt, was eure Erdenschwere flügelt?

Trägt Himmelheimweh treuer euch empor?

Gntschwert euch, daß sich ganz aus euch verlor, Was unsere Sehnsucht Schwingen immer zügelt!

Daß Erde ihre Macht an uns erweist.

Uns nichts sodann verbleibt, als fallen, fallen 1 i

Und sterbend fest wie nie zuvor verkrallen *

In jenen Schoß, der jährlang uns gespeist. x 1

Wo ist in euch das Mehr? Und wo das Minder?

WaS, Vögel, macht aus euch da Uebecwinder, . i

Wo Kämpfer wir mit jedem Atemzug?

Wie heut hab ich um Antwort nie gerungen. Da wieder mir zum erstenmal der Flug

Der Bekassine als Gesang erklungen.

Durch die brennende Heide.

Wer die Heide kennt und von dem Gesetz des Schweigens weiß, das in Hochsommertagen über ihr liegt und dem denkenden Menschen seine Macht zeigt, dem waren die letzten Stunden mehr als nur ein unglückliches Naturereignis, daS Millionen­werte vernichtet hat. Die Heide brennt an allen Ecken und Kanten die Brennhexe, jene mythische Gestalt, mit deren Erscheinung Hermann Löns feinZweites Gesicht" beginnt, rast jetzt entfesselt durchs Heideland und sucht ihr Opfer. Das Meer züngelnder Flammen, das Richard Wagner auf der Bühne ent­facht hier wird es Wirklichkeit und zieht den Beschauer in den Bannkreis des deutschen Mythos von der Götterdämmerung. Wie ein Rachezug über unbekannte Ursachen erzürnter Götter zieht das Flammenmeer über die sonst so traumhaft stille Landschaft. Die Heide, die sich cmschickte, ihr leuchtendstes Gewand anzu­ziehen, erglühte vorzeitig in schwelenden oder lodernden Flammen, die an Leuchtkraft zwar die Blüte übertrafen, sie aber auch für Jahre hinaus vernichteten. Fern von städtischer Kultur empfindet man in dieser grenzenlosen Oede die Schwäche der menschlichen Macht vor den elementaren Kräften der Ratur.

Unser Kraftwagen verließ gegen Mittag den schönen Heide­ort, um uns in schnellster Fahrt südwärts über Hudemühlen und Schwarnstedt dem ursprünglichen Brandherd entgegenzu­tragen. Je näher wir der Brandstätte kamen, desto belebter wurden die Straßen, man sieht die ersten Löschmannschaften, Dorfbewohner, mit Hacken und Spaten bewaffnet, eilig nach Süden marschieren, die ersten Rauchschwaden erscheinen am Hori­zont, künden das Unheil an und vor den Häusern im Dorf sitzen still die Alten, die nur noch nut den Augen den Brandherd erreichen können. Run sind wir in Disendo-rf am Nordrand des Moores, in dem der Brandherd liegt. Im Moor arbeiten die Männer am Löschwerk, um ihr Hab und Gut zu retten, denn es ist nur eine Frage der Windrichtung, ob das Feuer nicht auch auf die Dächer der Häuser schlägt und bann alles ergreift. Lastautos mit Polizeimannschasten sind eingetroffen und der sonst so ruhige Ort hallt wider von den Kommandos. Man merkt, eS wird planmäßig dem Feuer zuleibe gegangen und das be­ruhigt die Anwohner, die trotz begreiflicher Aufregung doch musterhafte Ordnung halten. Gin Schupoleutnant kommandiert und auch die Zivilisten ordnen sich ihm gern unter. Der Schweiß steht ihm auf dem Gesicht, denn zur glühenden Sonne kommt noch die Hitze des Feuers. Doch noch ist keine Ablösung da und e8 heißt auszuhalten. Frauen und Kinder schleppen in Eimern Wasser herbei und hastig stürzt man einen kühlen Trunk hinunter.

Dem Waldbrand mit den in der Stadt üblichen Löschmitteln zuleibe zu gehen, hat wenig Wert, denn es fehlen die nötigen Wassermengen. So werden Gräben gegraben, über die die Flam­men nicht herüber greifen können. Auf den Gedanken, das Feuer durch Anlegen von gutbeobachtetem Gegenfeuer wie es in Nordamerika bet Präriebränden üblich ist und mit Erfolg an- gewendet wird ist man, wenigstens an dieser Stelle, scheinbar nicht gekommen.

Wir fahren weiter auf der Chaussee. Ueberall bietet sich dasselbe Bild. Das Feuer ergreift alles. Die Flammen schlagen auf die Gipfel der Bäume und vernichten in wenigen Augen- blicken ein ganzes Waldgebiet und sie fressen sich unheimlich schnell und unwahrscheinlich unbemerkt unter der Narbe von Gras und Kraut durch um plötzlich von einem Windstoß er­säht, in heller Glut aufzulvdern. Wir sehen jetzt auch Militär,

Kavallerie aus Hannover, die im Verein mit Polizei und Or­ganisationen, sowie der einheimischen Bevölkerung schier Un­menschliches leistet, denn hier kann nichts retten, als der sehn­süchtig erwartete Regen. Das Militär wurde gerade durch den Chef der Heeresleitung, der sich während einer Inspektionsreise hier befindet, besichtigt, als am Frühnachmittag die Meldung kam, daß die Heide brannte und sofort wurde es in Marsch gesetzt.

Das Feuer breitete sich schon im Laufe des ersten Nach­mittags nördlich in der Richtung nach WichendorfResse aus und griff dann östlich in nordsüdlicher Linie weiter um sich, wo der besonders gefährdete Staatsforst liegt. Aber der Himmel Hatte Erbarmen und schickte den Regen, der wenigstens die größte Gefahr schon beseitigt hat, wenn er auch nicht anhaltend genug war, das ganze Feuer zu dämpfen.

Am Abend halten wir auf der Chaussee, dicht am Rande einen brennenden Gehölzes. Die Dämmerung war schon etnge» treten, als plötzlich von der ungefährdeten Seite her ein Hirsch herüberwechselt, uns erblickt und in seiner Angst auf das bren­nende Gehölz zustürzt. Schon am Rande verschlingt der Rauch ihn und das Schicksal, das ihm die Flammen bereiten. Auch gefiedertes Wild jagt ängstlich umher und der weidgerechte Jäger erlebt hier seine dunkelsten Tage, denn ein großer Teil des Wildbestandes ist ein Opfer der Flammen geworden.

Wir fahren nun in entgegengesetzter Richtung, zu den Stellen, an denen das Feuer bereits am 23. Juli aus brach Es bedrohte sogar die menschlichen Siedlungen. Alle Kräfte wurden auf ge­boten, und es gelang! 6000 Morgen Heide, Moor und Wald wurden dort von den Flammen ergriffen. Jetzt ist das ärgste schon vorbei. Wir sahen in der Dunkelheit die Schutzpolizei ab­rücken, die hier stille Heldentaten vollbracht hatte. Nur Nothilfs­mannschaften bleiben zurück, um den Brand zu beobachten und gegebenenfalls im Keim zu ersticken.

In der Nacht ging es über Nienburg, Minden in die Gegend von Osnabrück, wo der gewaltigste Brand wütete. Hier brannte das große Moor im Umfang der Linien HuntebergVörden, im Westen VördenKalkriese. In einer Breite von fast zwölf Kilometer und in einer Tiefe von 20 Kilometer wälzte er sich in südwestlicher Richtung fort. Man nimmt an, daß das Feuer in der Gegend von Schwege an der nordwestlichen Ecke des Moores entstanden ist. Doch die näheren Umstände sind noch ungeklärt. Polizeiliche Ermittelungen sind zwar angestellt, aber es wird unmöglich sein, den Urheber wenn ein solcher über­haupt in Frage kommt festzustellen. Wahrscheinlich liegt eine Selbstzündung vor, die ein scharfer Wind begünstigte, so daß in wenigen Stunden die weite Ebene in Flammen stand. Qualm und Rauch behinderten sehr stark die sofort eingesetzte HilsSexpeditton, und so war es einfach nicht M verhindern, daß auch hier der ge­samte Wildbestand vernichtet wurde.

Wir müssen an die Rückfahrt denken, die uns über Osnabrück und Herford durch das im Erntesegen daliegende deutsche Land führt. Die Gespenster der Nacht sind gewichen und haben fried­licheren Bildern Platz gemacht. Städte und Dörfer fliegen vor­bei, der Bauer beginnt fein Getreide einzufahren. Er weiß ver­hältnismäßig wenig von dem, was sich in seiner nächsten Um­gebung an schreckhaftem Spuk ereignet hat. Denn er hat fein« Zeit, sich damit zu beschäftigen, da seine Arbeit ihn drängt. Kommt der Regen, den der Heidebauer so sehnsüchtig erwartet, so ist er über ihn mißgestimmt, denn er muß wieder warten, bis sein Getreide für die Einfahrt in die Scheune trocken ge­worden ist. Ihm könnte die Frucht von Mühe und Arbeit eine» JahreS verderben... So sind die Menschen:O heiliger Sankt Florian, schütz unser Haus, zünd andre an...

Sizilianische Briefe.

in.

Von Fritz Diettrich.

Mondello.

Seit vierzehn Tagen nährt uns die beglückende Bucht tum Mondello, umspült uns der weiße Sand heiß und kräftigend, nehmen uns kristallhelle Wogen auf ihre breiten Schultern, rechen sich Dootfahrten aneinander, die in behutsames Morgen­licht, blitzenden Mittag oder besternte Nächte gehen.

Mondello ist ein einfaches Fischerdorf mit Drehorgelkonzert, kreischenden, verlausten Weibern, kartespielenden Männern, mit viel Dreck und schönen Gärten dicht beieinander in südlicher Sechstverständlichkeit. Aber es hat eineZukunft"! Denn trotzdem nur zwei Dutzend Deutsche und übriges Europa augenbsicklich die