Ausgabe 
7.11.1925
 
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Gießener Krmilienblatter

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang (925 Samstag, -en 7. November ' Ummer 89

Die Frau im Garten.

Bon Rudolf Alexander Schröd«r. lMr Frau Gltta born Hehmck.)

Wenn sie im Garten abends ging. Die holde Frau, mir unbetonnt. Sich jeder Grashalm gern verfing In 'hrem seidenen Gewand.

Sie sah aus ihren Augen so. Wie Kinder sehen, ohne Schuld;

-Und wer das sah. ward seelensfrvh And träumte nur von ihrer Huw.

Hob sie die Hand, das war so ßatb. Als wem, ein Zweig am Baunr sich hebt, Als wenn ein Vogel mit dem Wind Durch Laub und helle Luft entschwebt.

Sie lächelte: das war zu schaun Wie Knospen, welche offen gehn. Als wollten Giskristalle taun Bei erster Frühlingswrnde Wchn.

Sie sprach kein Wort und wußte tooRI, Gs stürbe selbst die Rachtig all, Wenn sie vernähme neidesvoll Der schönsten Stimm« Widerhall.

Zum Ufer bückte sie sich hin. Dort standen Rosen viel im Grund; And jebe dacht in ihrem Man: Wär ich so süß nur wie ihr Mund. Sie pflückt« sie mit leichter Hand And legte st« ins Körbchen ein. Wobei sich nicht ein Stachel fand, Der ihr zuwider mochte fein.

Dann wandte sie ihr Angesicht And ging zurück ins stille Haus Hell aus dem Fenster kam ein Licht: And draußen ging das Acht tnm aus.

Die Hüterin.

Bon Alexander von Gleichen-Rußwurm.

Vom Beginn menschlichen Daseins an hat sich das Weib etuer heroischen, mystischen Aufgabe gewidmet... Es hat der» Kamps mit den Zerstörungsmächten der Zeit aufgenommen, es hat sich mit ausgebreiteten Armen der Vergänglichkeit entgegengestAlt.

Das Weib unternahm, die Dauer zu wollen, &te Schaltung zu pflegen Dauer von den Dingen und Dauer von den Ge­fühlen zu fordern, eingedenk, daß dem Schoß des Weibes 6te Dauer des menschlichen Geschlechtes anvertraut ist, weiblicher Geduld im Tragen der Feucht, weiblichem Heldensinn im Gebären.

Alles, was der Mann ursprünglich errang und erobert«, hatte ein Flüchtiges und Vergängliches an sich, wie denn die Liebe des Mannes flüchtiges Begehren und Erfasse« ist Starr­sinn der Liebestreu« gehört zu dem, was Mangel an Logik dsS Weibes genannt wurde. Dieser Starrsinn drückt am deutlichst«, die stete weibliche Kampfstellung aus gegenüber der Zeit.

Indes sich der Mann ursprünglich nur solcher Erfolge und Siege rühmte, di« nach ihrem Wesen keinen Bestand haben, Erfolge in Krieg und Jagd, die mit ihrer Wirkung der Vergesieri» heit anheimfallsn, mag auch der Dichter sich bemühe«, dieselben Dem Vergessen zu entreißen, schuf das Weib eifrig und still an Ewigkeitswerten.

Ms Hüterin der Herdflamme erscheint die Frau, ecWrt diese Flamme mit allem, was sie versinnbildlich, fite heilig und verkündet, dieses Heiligtmn des Herdes fei laut göttlichen Willens von immerwährendem Bestand.

Das Verlangen der mystischen Hüterin wach Dauern und Aüberdauern beseelt ihr Walten in dm TeinstM wie ta des» erhabensten Dingen, deren sich ihr Herz imS ihrs Hand bs> fleißigen. Sie erfindet und verwendet in der Kunst beS Hellens alle linderndm Salben und lebenspendenden Tränk«, um di« Frist der Sterbllchen zu verlängern, und um die Frist der Güter zu verlängern, die den Sterblichen gehören, erfindet st« und übt die Kunst häuslichen Wahrens und Bewahrens.

Dies bedeutet einen vieltausendjährigen heldischen Kampf, ein unablässiges Ringen mit allem, was stört und schäkügt, zer­

mürbt, verrottet, bedroht, aufbraucht und verbraucht, ein Ringen mit allem, was End« und Tod vorbereitet und herbeiführt.

Die Hüterin erfindet di« Radel und spinnt den Faden. Mit diesem Zauber versucht sie rastlos zusammenzufügen; was zer­reißt, wieder heil zu machen, wie sie sich bemüht, die Lippen klaffender Wunden zu schließen.

Von tiefer Symbolik ist di« nimmerendende Arbeit des Aus» besserns und Flickens, eine Arbeit, die sich der Mann sicherlich nie als beständige Pflicht auserlegt hätte, ebensowenig wie es ihm in den Sum gekommen wäre, zerrissene Liebesfäden neu zu knüpfen mit jener zähen Geduld, die durchaus Dauer schaffen will.

In diesem Anterfcmgen hat sich das Weib von je am eigen­sinnigsten erwiesen. Aus dem tiefsten Geheimnis ihres Seins hat die Hüterin unermüdlich die unbequeme Frage gestellt: »Liebst fm mich für immer?" und dem Vergänglichen durch Befestigen, Schlmgen und Winden der Fäden Dauer zu sichern gesucht!

Wer mißt di« Mühe, wer gibt sich Rechenschaft von der Zähigkeit, mit der das Weib daran arbeitete, den natürlichen Anbestand der Liebe beständig zu sichern.

Kein Rüttel ttnb auch fein Mittelchen wurde verschmäht, di« flüchtige Aebe ö«S Mannes Ium Dleibeir zu zwingen. ®unfer werden vollbracht im Kitten des Zerbrechlichen. im Heilen der Wunden ES geht vom Kleinsten vom Nächsten, vom Augen­fälligsten zum Größten und Erhabensten.

Sn ihrer Majestät bringt die Hüterin dem Manne bei, wie hoch und stolz die Vaterfreud« zu werten ist, st« flößt ihm di« Aeberzeugrrng «in. ewiger Schutz des Herdes fei unzertrennlich vom Begriff der Ehe.

Das Verlangen nach göttlicher Weibe der Dauer läßt daS Weib Bündnis suchen mit allen Religionen, läßt es an der Seite aller Priester erscheinen und sich an göttlich^ Gebot anzulehren zur Rechtfertigung der Treu«, urn Hilfe zum Erhalten und Be­wahren zu gewinnen. Sn den Religionen sucht das Weib Schutz gegen die Zerstörungsmacht der Zeit, der Friichin. di« mit jeder schwindenden Minute bedroht, was di« Daseinsberechtigung des WeibeS ausmacht, die Aebe.

Verzweifelnd im Kampf gegen dies« Aebermacht, hat das Weib, wem, Me Heiligtümer versagten, auf unheiligen Weg«, schreckliche Vündnisse gesucht. @8 hat, um die Liebs der Geliebten zu erhalten. Hexerei geübt, und sich dem Satan verkauft. Richt» wurde unversucht gelassen im lÄdenschaftlichen Streben, die Zeit, di« mächtig beflügelte, grausam vorbeisausende aufzuhasten, ihr in die Schwingen zu fallen, wie man dem durchgehenden Roß heldisch und tollkühn in die Zügel fällt.

Ohne Ausnahme hat das Weib bis heute di« Dauer gewollt, wie wohl es schenren Dante, als stehe es mit diesem Gesetz s« Widerspruch, daß «S sich sklavisch der narvenhaft veränderlichen Mode ergeben hat.

Mode und Frau scheint so eng zusainmenzugehörea, daß eS noch kaum erkannt und festgestellt wurde, die Wcde sei ursprüng» sich gar nicht von der Frau ausgegangen, noch erfunden wordem. Die Mode ging, wie alles flüchtig Dettinderliche zu Beginn vom Manne aus und war veranlaßt vom männlichen Wunsch nach Anbestand tmb Veränderung, vom männlichen Durst nach Reuhett und 'Wechsel.

Ahrs großen Triumphe feierte di« Mode erst, seit groß« Schneider und Haarkünstler ihre Despotie verkündeten.

Sn alten Tage» hat das Weib nicht etwa di« Mod« erdacht und der«, Gebote vertreten, sondern vieln«hr daS Kostüm. Die Tracht ging von der Fran aus zugleich mit bei sittliche, Begriffen, Vorschriften und Satzungen, die fftr immer gültig geprägt sein sollten.

Die vorgeschriebene Pracht bemühte sich um Beständigkeit, indem sie di« Vtände rühmlich und stcMg unterschied, di« Alters­grenzen berücksiOigte, dem Mädchen leichte Anmut, der Matrone Würde versieh. Sie legte Wort auf dauerhafte Stoffe, auf ehr­würdig« Spitzen, di« von Mutter aus Tochter vererbt trnrrSen, aus Familiengeschmeide, auf affe» möglichst Anverwüstlich«, Tra­ditionell«, das sich mit Pietät verband, mit Ordnung mA bleibender Sitte zusammmching.

Allein die Mode, ile&ertolnberhn der Tracht drückt die märn* siche Angeduld mit dem Bestehenden ans, Atrrreu« und flatter­hafte Wünsche, Laune, die nach neuem Spielzeug kindlich hascht. Zuerst schuf st« wechselnd« Tollheit in der männlichen Kleidung, die während langer Zeiten in auffallendem Gegensatz stand zum bleibend«, Charakter weibllcher Gewandung.

Vom Manns eignete sich das Weib die Mode und alte Narrheiten der Mc>de an, doch schließlich überlleß er sie dem