Ausgabe 
7.11.1925
 
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weiblichen Geschlecht und vergaß nach und nach seine Urheber­schaft.

Die UntertänigTeit dem Wechsel der Mode gegenüber, in die das Weib verfiel, wurde ihm aber aufgenötigt durch das zwingende Streben nach Darier, so widerspruchsvoll dies klingen mag. Denn die Mode versprach dein Weib_ Dauer der Jugend, Dauer der Liebesherrschast, durch ihr beständig Anbeständiges, durch den Reiz, die Lockung der Neuheit, der absonderlichen Verwandlungen, die das Weib durch die Mode erleidet, und deren Aeberraschungen ein und dieselbe Frau als eine andere, neu begchrenswerte erscheinen lassen.

Melleicht find jedoch auch diese Tage vorbei und die Fvau wird sich nicht lange mehr dem Wechsel der Mode unterwerfen. Kommt aber diese revolutionäre Veränderung im Sinn einer GeichgüNtigkeit, eines Entsagens ,md Absagens dem Wunsch gegenüber, dauernd zu fesseln und zu halten, so bedeutet es nichts anderes als ein Verleugne?? des ewig Weiblichen und den ersten folgenschweren Schritt seelischer Vermännlichung, einer Gleichmacherei zwischen den Geschlechtern, die mit der allge- meinen Gleichmacherei zusammenläuft.

Die Neuzeit scheint zu solcher Entwicklung zu drängen, zu einer Evolution innerhalb der Menschheit, dergleichen noch keine wichtiger seit den Dämmerstrrnden ihres Bewußtseins in Er­scheinung trat.

Die Folgen dieser Wandlung sind unabsehbar und unbe­rechenbar. Je unsicherer und unbeständiger die Bedingungen des Lebens werden, je feindlicher jeder Tradition, jeder Reli­gion, jeder Heiligkit und insbesondere jeder Heiligkeit von Haus und Besitz sie auftreten, desto mehr ist die Frau aus ihrem Ge­leise hinausgefloßen und zu einer inneren wie äußeren Verwand­lung gezwungen oder vielmehr zu einer überraschenden Neu­entwicklung, die eine Art Zwitter zeitigt.

Notwendigerweise muh dieses Zwitterwesen allen leiden- fchaftlich festgehaltenen Idealen und Seesengewohnheitsn des einstigen Weibes mit Verachtung abhold sein, um sich in das flüchtige, fließende, proletarisch Gleichartige neuzeutlichen, mensch- sichen Gewimmels einzufügen.

Im Ephemerentanz der Zeit wird das Zwitterwesen keine Hüterin der Flamme nach altem mystisch«? Sinn mehr sein, es wird nicht die Geduld äufbieten, Generationen fromm zu wie­gen und fromnt W bestatten. Die Toten werden verstorbener sein, als sie es je zuvor gewesen. Dem?, auf Dauer bedacht, hat das Weib bisher ihre Erinnerung gepflegt mit ausgesuchter Sorg­samkeit. Unzählig bewegten sich Züge von Kocphoven mit Urnen, unermüdsich mit Gebet und Blumen überschütteten die Frauen ihre Gräber, sie erfanden und verankerten fest alle Bräuche, die dem Andenken gewidmet sind. Von einem weiblichen Herzen zum andern fand der Tote Ashlrecht. Dauernd bewahrte die Gesiebte das Bild des Geliebten in Jugendschöne tief im Ge­müt, dir Mutter hielt das Kind, aufbewahrt als Kind, im Er- innrrungsschrein, mochte es längst erwachsen, gestorben oder ver­dorben fein.

Fortwährend stemmte sich das Weio gegen cklles Vergessen, Verwehre??, Vergehen und Äbsterben, in steter Fehde mit den Mächten, welche die Zeit aufbietet gegen uns Sterbliche.

Und es war der Frauen Ruhm, mystischer, geheimnisvoller Ausgabe dierrstbar, zu wachen mit ihrem Licht an der Schwelle des Dunkels, heldische Wache zu halten als priesterliche Hüterin.

Frauen als Forfchrmgsrersende.

Von Clara Prieß.

Wir finden uirter den berühmten geographischen Forschern und Entdeckern nur wenige Frauen. Einmal ist das durch den Unterschied in der körperlichen Leistungsfähigkeit bedingt, die bei dem Mann größer ist, dann wäre?? aber auch die Frauen bis in die treueste Zeit hinein gebundener durch Traditionen und innere und äußere Abhängigkeit von der Familie und hatten im allgemeinen eine weniger gute Schulung als das andere ^Ge­schlecht. Trotzdem finden wir Frauen, die auch hier die nötige Freiheit irnd Selbstbehcruptung besaßen, und abenteuerliche Reisen und Schicksale suchte?? und fanden. Die beka?rnteste dieser For­schungsreisenden ist Alexandrine Tirrne. Sie wurde am 17. Ok­tober 1835 im Haag geboren. Ihr Vater war ein vornehmer, in Holland neutralisierter Engländer, der eine sehr reiche Hol­länderin geheiratet hatte. Als einziges Kind dieser Ehe erhielt Lllexandrine eine ausgezeichnete Erziehung und machte früh weite Reisen mit ihren Eltern, die auch in den Orient führten. Hier gewann sie eine Liebe für orientalisches Leben und starke Interessen für die unerforschten Länder Llfrikas, eine Sehnsucht, der sie ihr Leben lang treu gebsieben ist.

Nach den? Tode des Vaters nahm das Willensstärke Mäd­chen die Führung ihres Lebens in die Hand ?rnd wußte ihre Mutter und ihre Tante zu bestinnnen, 1862 mit ihr nach Kairo überzusiedeln. Zwei Jahre darauf unter rahm Mexcmdrine Tinne ihre eiche große Reife nach dem Weißen Nil. In Chartum hatte die Reisegesellschaft schwer imter Fieberansällen zu leiden, rmd hier starben 1864 Frau Tinne, die Tante utrb zwei holländische Diener.

Fräulei?? Tinne kehrte ??ach Kairo zurück und lebte ganz zurück­gezogen. Rach vier Jahren aber erwachte der Trieb zum Reisen wieder tn ihr. 1869 rüstete sie zu einer großen Reise. Sie wollte

über Born» *um oberen Ril Vordringen, «in Plan, den Nachtigall später ausgesührt hat.

Fräulein Tinne reifte mit großer eigener Karawane und bester Ausrüstung. Ja Mursuk traf sie mit Nachtigal zusammen. Es heißt, daß die Beziehungen der beiden sehr herzlich waren wtb für die Zukunft bindend werden sollten. Zunächst hatten sie viel an Fieber zu leiden. Dann wollte Alexandrine Tinne gegen Ghat Vordringen, während Nachtigall zunächst nach Debesti reiste. Wenige Tage nach dem Aufbruch, am 1. August 1869, wurde Alexcnrdriue von Öexrten ihrer eigenen Karawane ermordet. Die Araber täuschten morgens beim Ausbruch einen Aufruhr vor. Als Fräulein Tinne aus ihrem Zelt kam, um zu schlichten, wurde sie ermordet. Nachtigal, der sofort u?nkehrte und die Anter- suchung einleitete, meinte, daß die Habgier der Araber Schuld an de??? Unglück gewesen sei. Der Ruf königlichen Reichtums, der dieser allein reisenden Frau vorausging, hatte die bösen Instinkte ihrer Umgebung erregt. Ihr großer Hund, der auch erschlagen wurde, sei ihr einziger treuer Freund gewesen. Heber Alexandrine Tinnes Persönlichkeit fjöte?? wir, daß sie durcha??s weiblich und vornehmer, zurückhaltender Natur war. Um so merkwürdiger fchei?tt ihre Schlaucht, sich derartigen, für ihre Zeit ganz ungewöhnlichen Abenteuern auszufetzen.

Ga??z anders verlief das Lebe?? einer anderen bekannten Reisenden. Ida Pfeifer, geborene Reher, hatte einen Lemberger Advokaten geheiratet. Im Alter von 45. Jahren, als Mutter erwachsener Söhme, erwachte in ihr ??ach eurer Reise nach Triest etne unzähmbare Reiselust. 1842 reiste sie nach Konstantinopel, Syrien, Palästina und Aegypten. Zurückgekehrt, veröffeirtsichte sie ihr Reisetagebuch und verdiente so viel Geld, daß sie w?eder reifen konnte. So ging sie 1815 nach Island, bestieg den Heckla und kehrte über Skandinavien zurück. 1846 reifte sie nach Bra­silien, Chile, Japan, China und Bombay und kehrte über Ruß- land nach einer Abwesenheit von 2?/2 Jahren heim. Nach dieser Reise veröffentlichte sie ein dreibändiges Werk »Eine Frausnfahrt um die Welt. Wien 1850 und hatte bald wieder die Wittel und den Mut zu nearen Reisen. So fuhr sie 1851 nach Borneo, Sumatra und Java, wo sie mit einer wahrhaften Tollkuhnhett allein zwischen Kannibalen lebte, ohne Schaden zu leiden. I??? Jahre 1852 reiste sie nach Per?? und 1856 nach Madagaskar, wo sie lange unter sehr romantischen Amständsn bei einer eilige« bvvenen Königin als Gast lebte. Kvankhett und Fieber hatten sie dort aber gevackt. Auch im europäischen Klima konnte sie sich nicht erholen. Sie starb am 27. Oktober 1858 in Wien an einen? Leberleiden. Ida Pfeiler war bescheiden, ungelehrt und anlpruchslos. Doch ehrten Mexander von Humboldt und der Geograph Ritter sie und ihre Entdeckungen zu ihrer Freude. Nach ihrem Tode hat ihr Sohn ihre Biographie veröffentlicht.

Mit Anerkennung zu gedenken, ist hier auch der deutschen, aus ärmlichen Kreisen stammenden Frau Amalie Dretrich S?e hatte von ihrem Gatten das Kräutersammeln und Anlegen von Herbarien gelernt. Als sich die Ehe löste, arbeitete sie Wetter und machte weite Reisen, um ihre Ware an Apotheker und Lieb­haber abzusetzen.

Im Jahre 1863 wurde sie von dem großen Hamburger Handelshaus Gvdeffroy 'nach Australien gesandt, un? hier für die Firma Naturwissenschaftliches zu sammeln. In zehnjährig«.' Arbeit dort leistete sie Hervorragendes. Ihren Lebensabend verbrachte sie in Arbeit am Hamburger Museum. Sie war die einfache Frau geblieben trotz der Ehren, die ihr von wissen- fchaftsicher Seite zuteil wurden. Ihre Lebensbeschreibung, ver­faßt von ihrer Tochter CharitaS Bischoff, ist ein vielgelessnes Buch geworden. ,

In der Geschichte der Entdeckungsfahrten in bie Rordpol- regionen hat sich Lady Franklin einen Namen gemacht. Um ihren Gatten, den englischen Seefahrer Sir John Franllin z?r suchen, der in? Jahre 1844 mit einer Expedition von 138 Personen auf den beide?? Schiffen Drebus und Terror verschollen war, rüstete sie selbst einen Schraubendampfer F>x" aus, unter Befehl des Schotte?? Mac Cluxton, um nach dem Derbleib ihres Gatten zu forschen. And was eine Anzahl vorher ausgesandter Expe­ditionen nicht erreicht hatten, gelang ihr diesmal. Sie fanden? im Mai 1859 auf King Williams Land ein Schriftstück, ba§ von zwei ehemaligen Offizieren ihres Mannes, dem Kapitänleutnant ©regier rmd einem gewissen Fitzjames herrührte, und aus dem hervor ging, daß es im April 1848 geschrieben war. Frau Frank­lin erfuhr daraus, daß die beiden Expeditionsschiffe ihres Gatten 1846 an der NorSwestküste von King Williams Land vom Eise eingeschlossen liegen geblieben toaren, und ihr Mann dort an den Folgen schwerer körperlilher Erschöpfung und des Hun­gers am 11. Juni 1847 gestorben war. 105 Aeberlebende seiner Expedition, nut jenen beiden Offizieren, hatten nun versucht, zu Fuß nach dem großen Fischfluß vorzudringen, waren aber nicht weit gelangt, und dies sind wohl jene weißen Männer gewesen, von deren traurigem Tode Eskimos dem Führer der Expedition Rae erzählt hatte??.

In neuester Zeit höre?? wir öfter von weibliche?? Forschungs­reisen den. Mrs. Roslla Fobbes ist kürzlich nach einer abenteuer- sichen Reise von 1200 Meilen durch das afrikanische Abessinien nach London zrrrückgekehrt. Sie durchstreifte Gebiete, die noch trie von einer weißer? Frau betreten wurden. Einer ihrer Hauptzwecke war, Filmaufnahmen von der Trogloddytenstadt Lalibohla zu erhalten. Das Karrbeln der Filme hielt«? die Eingeborenen für