Ausgabe 
7.7.1925
 
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On- Nur wenn er bei Bern. blinden Jungen war, wenn er ihm die Haare streicheln, seine Stirne küssen durfte, ihm Geschichten erzählt«, ihn auf den Feldern hinter dem Hause und zwischen den Rebengeländen spazieren führte, milderte sich seine Pein. Gr hatte gleich anfangs die Lehrstunden in der Schmiede ver­nachlässigt, weil er sich von dem Bruder gar nicht trennen mochte, und konnte sich nachher nicht mehr entschließen, sein Handwerk wieder aufzunehmen, trotzdem der Vater mahnte und in Sorge War. Eines Tages fiel es Carlo auf, daß Geronimo vollkommen aufgehört hatte, von seinem Anglück zu reden. Bald wußte er, warum: der Blinde war zur Einsicht gekommen, daß er nie den Himmel, die Hügel, die Straßen, die Menschen, das Licht wieder sehen würde. Bun litt Carlo noch mehr als früher, so sehr er sich auch selbst damit zu beruhigen suchte, daß er ohne jede Absicht das Anglück herbeigeführt hatte. And manchmal, wenn er am frühen Morgen den Bruder betrachtete, der neben ihm ruhte, ward er von einer solchen Angst erfaßt, ihn erwachen zu sehen, daß er in den Garten hinauslief, nur um nicht dabei sein zu müssen, wie die toten Augen jeden Tag von neuem das Licht mi suchen schienen, das ihnen für immer erloschen war. Zu jener Zeit war es, daß Carlo auf den Einfall kam, Geronimo, der eine angenehme Stimme hatte, in der Musik weiter ausbilden zu lassen. Der Schullehrer von Tola. der manchmal Sonntags her- Überkam, lehrte ihn di« Gitarre spielen. Damals ahnte der Blinde freilich noch nicht, daß die neuerlernte Kunst einmal zu seinem Lebensunterhalt dienen würde.

Mit jenem traurigen Sommertag schien das Anglück für immer in das Haus des alten Lagardi eingezogen zu sein. Die Grnte mißriet ein Jahr nach dem anderen, um eine kleine Geld- Kimme, die der Alte erspart hatte, wurde er von einem Ver­wandten betrogen; und als er an einem schwülen Augusttag auf freiem Felde vom Schlag getroffen hinsank und starb, hinterlieh «r nichts als Schulden. Das kleine Anwesen wurde verkauft, die beiden Brüder waren obdachlos und arm und verliehen das Dorf.

Carlo war zwanzig, Geronimo fünfzehn Jahre alt. Damals begann das Bettel« und Wanderleben, das sie bis heute führten. Anfangs hatte Carlo daran gedacht, irgendeinen Verdienst zu finden, der zugleich ihn und den Bruder ernähren könnte; aber es wollte nicht gelingen. Auch hatte Geronimo nirgends Ruhe; er wollte immer auf dem Wege sein.

Zwanzig Jahre war es nun, dah sie auf Sttahen und Pässen herumzogen, im nördlichen Italien und im südlichen Tirol, immer dort, wo eben der dichtere Zug der Reisenden dorüberströmte.

And wenn auch Carlo nach so vielen Jahren nicht mehr die brennende Qual verspürte, mit der ihn früher jedes Leuchten der Sonne, der Anblick jeder freundlichen Landschaft erfüllt hatte, es war doch ein stetes nagendes Mitleid in ihm, beständig und ihm unbewußt, wie der Schlag seines Herzens und sein Atem. And er war froh, wenn Geronimo sich betrank.

Der Wagen mit der deutschen Familie war davongefahren. Carlo setzte sich, wie er gern tat, auf die untersten Stufen der Treppe, Geronimo aber blieb stehen, ließ die Arme schlaff herabhängen und hielt den Kopf nach oben gewandt.

Maria, die Magd, kam aus der Wirtsstube.

Habt's viel verdient heut?" rief sie herunter.

Carlo wandle sich gar nicht um. Der Blinde bückte sich nach seinem Glas, hob es vom Boden auf und trank es Maria zu. Sie saß manchmal abends in der Wirtsstube neben ihm; er wußte auch, dah sie schön war.

Carlo beugte sich vor und blickte gegen die Straße hinaus. Der Wind blies, und der Regen prasselte, so daß das Rollen des nahenden Wagens in den heftigen Geräuschen unterging. Carlo stand auf und nahm wieder seinen Platz an des Bruders Seite ein.

Geronimo begann zu singen, schon während der Wagen einfuhr, in dem nur ein Passagier saß. Der Kutscher spannte die Pferde eilig aus, dann eilte er hinauf in die Wirtsstube. Der Reisende blieb eine Weile in seiner Ecke sitzen, ganz ein» gewickelt in einen grauen Regenmantel; er schien auf den Gesang gar nicht zu hören. Rach einer Weile aber sprang er aus dem Wagen und lief mit großer Hast hin und her, ohne sich weit vom Wagen zu entfernen. Er rieb immerfort die Hände an­einander, um sich zu erwärmen. Jetzt erst schien er die Bettler zu bemerken. Er stellte sich ihnen gegenüber und sah sie lange wie prüfend an. Carlo neigte leicht den Kopf, wie zum Gruße. Der Reisende, war ein sehr junger Mensch mit einem hübschen, bartlosen Gesicht und unruhigen Augen. Rachdem er eine ganze Weile vor den Bettlern gestanden, eilte er wieder zu dem Tore, durch das er weiterfahren sollte, und schüttelte bei dem trost­losen Ausblick in Regen und Rebel verdrießlich den Kopf.

Run?" fragte Geronimo.

Roch nichts," erwiderte Carlo.Gr wird wohl geben, wenn er fortfährt."

Der Reisende kam wieder zurück und lehnte sich an die Deichsel des Wagens. Der Blinde begann zu singen. Run schien der junge Mann plötzlich mit großem Interesse zuzuhören. Der Knecht erschien und spannte die Pferde wieder ein. And jetzt mst, als besänne er sich eben, griff der junge Mann in die Tasche und gab Carlo einen Frank.

O, danke, danke," sagte dieser.

. Der Reisende setzte sich in den Wagen und wickelte sich wieder ui seinen Mantel. Carlo nahm das Glas vom Boden auf und ging die Holzstufen hinauf. Geronimo sang weiter Der Reisende beugte sich zum Wagen heraus und schüttelte den Kopf mit einem Ausdruck von Aeberlegenheit und Traurigkeit zugleich. Plötzlich schien ihm ein Einfall zu kommen, und er lächelte. Dann sagte er zu dem Blinden, der kaum zwei Schritte weit von ihm stand:Wie heißt du?"

Geronimo."

Run, Geronimo, laß dich nur nicht betrügen." In diesem Augenblick erschien der Kutscher auf der obersten Stufe der Treppe.

Wieso, gnädiger Herr, betrügen?"

Ich habe deinem Begleiter ein Zwanzigfrankstück gegeben." O Herr, Dank. Dank!"

Ja;, also pah auf."

Er ist mein Bruder, Herr; er betrügt mich nicht."

Der junge Mann stutzte eine Weile, aber während er noch überlegte, war der Kutscher auf den Bock gestiegen und hatte die Pferde angetrieben. Der junge Mann lehnte sich zurück mit einer Bewegung des Kopfes,, als wollte er sagen: Schicksal, nimm deinen Lauf! und der Wagen fuhr davon.

Der Blinde winkte mit beiden Händen lebhafte Gebärden des Dankes nach. Jetzt hörte er Carlo, der eben aus der Wirts­stube kam. Der rief herunter:Komm, Geronimo, es ist warm heroben, Maria hat Feuer gemacht!"

Geronimo nickte, nahm die Gitarre unter den Arm und tastete sich am Geländer die Stufen hinauf. Auf der Treppe schon rief er:Laß es mich- anfühlen! Wie lang hab' ich schon kein Goldstück angefühlt!"

Was gibt's?" fragte Carlo.Was redest du da?"

Geronimo war oben und, griff mit beiden Händen nach dem Kopf seines Bruders, ein Zeichen, mit dem er stets Freude oder Zärtlichkeit auszudrücken pflegte.Carlo, mein lieber Bruder, es gibt doch gute Menschen!"

(Fortsetzung folgt.)

Dom Heidelberger Fasse und der Zerstörung des Heidelberger Schlosses.

Rach einer alten Chronik.

Von Franz Gros.

(Rachdruck verboten.)

Alt-Heidelberg du Feine, Du Stadt an Ehren reich Am Reckar und am Rheine, Kein' andre kommt dir gleich.

So singt Joseph Vittor Scheffel, der am 9, April 1886 in seiner Vaterstadt Karlsruhe nach sechzigjährigem feuchtfröhlichen Erdenwallen die Heimattreuen Augen schloß. Einst selbst fröhlicher Student zu Heidelberg, hat er die freundliche Musenstadt am Neckar besungen, wie keiner es vor ihm tat und nach ihm tun wird, die Stadt, die ihmins Herz geschrieben war gleich einer Braut". Dieser Wanderpoet und Sänger, der unvergeßliche Sidjp ter desGaudeamus", desTrompeters" und desEkkehard", hat das wahre Wort gesprochen: Der genius loci Heidelberg ist feucht. Keiner wußte es besser als er. Weinte er sich selbst, als er fang:Weh ihm als Weinvertilger durchtobt er Nachts die Stadt!"? Möglich ist es schon: Wer sich nicht selbst zum besten halten kann, gehört ja wahrlich selbst nicht zu den besten.

Auf der Heidelberger Schloßterrasse, einem der bekanntesten und schönsten Plätze der Welt, steht sein ehernes Wandererbild, zu dem alljährlich Tausende wallen. Dann führt sie ihr Schritt zur einzig schönen Schloßruine, und gar mancher, ja wohl jeder, der zum ersten Male an diese ehrwürdige Stätte kommt, steigt auch hinab zum Heidelberger Fasse.

Alt-Heidelberg, wo man auch Hinblicken mag, hat es uns an­getan.Doch sa sagt der Heidelberger wer dem Großen Faß keinen Besuch gemacht, hat auch das Schloß nicht gesehen!"

Dor mir liegt, in Schweinsleder gebunden, ein liebes Duch^ in dem ich schon in meiner Kindheit blätterte. Es wurde von einem ehemaligen studiosus iuris utriusque (der Argroßvater brachte es einst als Studio mit nach Hause) stets dem der folgenden Generation verttauensvoll in die Hand gedrückt. Das Buch, erschienen inFranckfurt am Mahn",Bei Stocks seel. Erben und Schilling 1733", trägt den Titel:Historischer Schau- Platz der Alten berühmten Stadt Heydelberg, Dorstellend der­selben Situation, Arsprung, Wachsthum und Derstörungen; wie auch die Erbauung des Schlosses, Kirchen u. s. w. u. s. w. Eine Erzählung, was sich von Anfang biß aufs Jahr 1694 in der Siadt, und im dreißigjährigen Kriege in der gantzen Pfaltz be­geben, Don Johann Peter Kahser, p. t. Pfarrer zu Handschuchs- heim". Dort ist nun auf Seite 26 folgendes zu lesen:

Anter dem vom Chursürst Friedrich IV. aufgeführten neuen Dau. liegt das in gantz Europa berühmte grosse Faß, welches der Pfaltzgraff und Administrator von der Pfaltz, Johann Casimir ums Jahr 1591 zum erstenmahl machen, und dem Werckmeister für