Ausgabe 
7.7.1925
 
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Der Wagen hielt. Während sie ausstiegen:

»Pah auf, Frauchen, too ist der Koffer mit dem falschen Veld? - Ah da..."

Der Hausknecht lieh den Mund weit vsfen stehen, sperrte di« Augen auf... 1

Freundlich geleitete sie der alte Wirt in ein Zimmer des ersten Stockwerks. Es war kahl, einfach, blumig tapeziert. Holz­betten standen darin, ein großer Waschtischs eine Vase mit einem künstlichen Blumenstrauß an der Wand hingen zwei Pendants: »Eroberung Englands durch die Normannen", und in gleich­artigem Rahmen und symmetrisch aufgehängtGroßpapachens 70. Geburtstag". Die Tür schloß sich, sie waren allein.

»Claire?"

»Wolfgang?"

»Letzt weiß ich nicht, sollte ich den Kofferschlüssel zu Hause vergessen haben...?"

My honey-suckle", und sie drückte ihm einen heftigen Kuß auf den Mund, während ihr Gesicht rachsüchtig und boshaft er­glänzte. und stieh ihn von sich:

»Och, der kleine Jungchen muh ja alles vergess' psch, Sch, psch... Änd man wußte nicht, ob diese Töne eine legende Mutter nachahmten oder ganz etwas anderes.

»Pack' aus, mein Hulle-Pulle!"

Schwer seufzend packten sie aus, räumten ein.

»Ja, ich Lin nu so weit. Jetzt frisiere ich mich, un'denn gehe ich spaziers. Lln du?" 1

Das überlasse du nur mir; es wird dir dann seinerzeit das Rötige mitgeteilt werden."

Der Stil war im großen -und ganzen einheitlich verzerrt. Sie sagten sich häufig Dinge, die nicht recht zueinander paßten, nur um diese oder jene Redewendung anbringen zu können, den andern zu irritieren, sein Gleichgewicht zu erschüttern... Sie gingen herunter...

Da war der Marktplatz, der mit alten, sehr niedrigen! Bäumen bepflanzt war, schattig und still lag er da. Sie schritten durch ein schmiedeeisernes Tor in den Park. Hier war es ruhig. In dem einfachen weißen Dau des Schlosses klopfte ein Hand­werker. Sie gingen durch den Hof toieber in den Park, wieder in die Stille...

Roch brausten und dröhnten in ihnen die Geräusche der großen Stadt, die Straßenbahnen, Gespräche waren nodji nicht verhallt, der Lärm der Herfahrt... der Lärm ihres täglichen Lebens, den sie nicht mehr hörten, den die Nerven aber doch, zu überwinden hatten, der eine bestimmte Menge Lebensenergie wegnahm, ohne daß man es merkte... Aber hier war es nun still, die Ruhe wirkte lähmend, wie wenn ein regelmäßiges, langgewohntes Geräusch plötzlich abgestellt wird. Lange sprachen sie nicht, ließen sich, beruhigen von den schattigen Wegen der stillen Fläche des Sees, den Bäumen... Wie alle Großstädter bewunderten sie maßlos einen einfachen Strauch, überschätzten seine Schönheit und ohne das Praktische aller sie umgebend«! ländlichen Verhältnisse zu ahnen, sahen sie die Äuge vielleicht ebenso einseitig an, wie der Bauer nur von der andern Seite. Run, hier in Rheinsberg erforderten die Gegenstände nicht alb­zuviel praktische Kenntnis, man war ja nicht auf einem Gut, das bewirtschaftet werden sollte. Sie kamen an den Rand eines zweiten Sees, an eine Bank. Stille...

»Wolfgang?"

Claire?"

GlaubSsu, daß es hier Bären gibs? Eine alte Dante von mir is beinah mal von einem..."

«... von einem Bären zerrissen worden?"

Nein." Sie war ganz empört. »Habe ich das gesagt? Ich meinte nur... Aber, du beschutzs mich doch, ja?"

Ich schwöre dir...

Hm."

Wieder war es sehr still. Die Claire sah da und sah sehr bestimmt in das schmutzig-grüne Wasser.

Also paß mal auf. Warum ist hier nicht überall der zweit« Friedrich? So wie er in Sanssouci überall ist. Auf jedem ge­harkten Weg, an jedem Boskett, hinter jeder Statue? Hier hat er gelebt. Gut. Wüßtest du es nicht, würdest du es merken?"

»Nein. Vielleicht muß man älter, machtvoller fein, um di« Welt um sich zu formen nach seinem Gbenbilde... Wer ist herrte so wie der Alte war? Sehen unsere Wohnungen aus, wie wenn sie nur und ausschließlich dem Besitzer gehören könnten?... Em Specht, siehst du ein Specht!" -

Wölfchen, es ist kein Specht. Es ist eine Schleiereule?'

Er stand auf. Mit Betonung:

Ich habe ein außerordentlich feines Empfinden dafür, ich d^mute, du bist gewillt, dich über mich lustig zu machen. Wird Vies« Vermutung zur Gewißheit, so schlage ich dich nieder."

Ihr Gelächter Nang weit durch, die Fichten.

Der blinde Geronimo und sein Bruder.

Von ArthurSchnitzler.

Der blinde Geronimo stand von der Bank auf und nahm die Titarre zur Hand, die auf dem Tisch neben dem Weinglase bereit- gelegen war. Er hatte das fern« Rollen der ersten Wagen ver­nommen. Nun tastete er sich den wohlbekannten Weg bis zur offenen Tur hin, und dann ging er die schmalen Hvlzstufen

hinab, die frei in den gedeckten Hofraum hinunterliefen. Dein Bruder folgte ihm, und beide stellten sich gleich neben der Trepp« auf, den Rücken zur Wand gekehrt, um gegen den naßkalt«, Wind geschützt zu sein, der über den feuchtschmutzigen Boden durch die offenen Tore strich

Unter dem düsteren Dogen des alten Wirtshauses mußt«, alle Wagen passieren, die den Weg über das Stilfserjoch nahmen. Für die Reisenden, welche von Italien her nach, Tirol wollten, war es die letzte Rast vor der Höhe. Zu langem Aufenthalt« lud es nicht ein, denn gerade hier lief die Straße ziemlich eben, ohne Ausblicke, zwischen kahlen Erhebungen hin. Der blind« Italiener und sein Bruder Carlo waren in den Sommermonaten hier so gut wie zu Haufe.

Die Post fuhr ein, bald darauf kamen andere Wagen. Dis meisten Reisenden blieben sitzen, in Plaids und Mäntel wohl eingehüllt, andere stiegen aus und spazierten zwischen den Toren ungeduldig hin und her. Das Wetter wurde immer schlechter, ein kalter Regen klatschte herab. Nach einer Reihe schöner Sage schien der Herbst plötzlich und allzu früh hereinzubrechen.

Der Blinde sang und begleitete sich dazu auf der Gitarre; er sang mit einer ungleichmäßigen, manchmal plötzlich auf­kreischenden Stimme, wie immer, wenn er getrunken hatte. Zu­weilen wandte er den Kopf wie mit einem Ausdruck vergebliches Flehens nach oben. Aber die Züge seines Gesichtes mit den schwarzen Bartstoppeln und den bläulichen Lippen blieben voll­kommen unbeweglich Der ältere Bruder stand neben, ihm, beinahe regungslos. Wenn ihm jemand eine Minze in den Hut fallen ließ, nickte er Dank und sah dem Spender mit einem raschen, wie irren Blick ins Gesicht. Aber gleich, beinahe ängstlich, wandt« er den Blick wieder fort und starrte gleich dem Bruder ins Leere. Es war, als schämten sich seine Augen des Lichts, das ihnen gewährt war, und von dem sie dem blinden Bruder keinen Strahl schenken konnten.

Bring mir Wein," sagte Geronimo, und Carlo ging, ge­horsam wie immer. Während er die Stufen aufwärts schritt, begann Geronimo wieder zu singen. Er hörte längst nicht mehr auf seine eigene Stimme, und so konnte er auf das merken, was in seiner Nähe vorging. Jetzt vernahm er ganz nahe zwei flüsternde Stimmen, die eines jungen Mannes und einer jungen Frau. Er dachte, wie oft dies« beiden schon den gleichen Weg hin und her gegangen sein mochten; denn in seiner Blindheit und in seinem Rausch war ihm manchmal, als kämen Tag für Tag dieselben Menschen über das Joch gewandert, bald von Norden gegen Süden, bald von Süden gegen Norden. Und so kannte er auch dieses junge Paar seit langer Zeit.

Carlo kam herab und reichte Geronimo ein Glas Wein. Der Blinde schwenkte es dem jungen Paare zu und sagte:Ihr Wohl, meine Herrschaften!"

Danke," sagte der junge Mann; aber die junge Frau zog ihn fort, denn ihr war dieser Blinde unheimlich

Jetzt fuhr ein Wagen mit einer ziemlich lärmenden Gesell­schaft ein: Vater, Mutter, drei Kinder, eine Bonne.

Deutsche Familie," sagte Geronimo leise zu Carlo.

Der Vater gab jedem der Kinder ein Geldstück, und jedeS durfte das seine in den Hut des Bettlers werfen. Geronimo neigte jedesmal den Kopf zum Dank. Der älteste Knabe sah dem Blinden mit ängstlicher Neugier ins Gesicht. Carlo betrachtete den Knaben. Gr mußte, wie immer beim Anblick solcher Kinder, daran denken, daß Geronimo gerade so alt gewesen war, als das Unglück geschah, durch das er das Augenlicht verloren hatte. Denn er erinnerte sich jenes Tages auch heute noch, nach beinahe zwanzig Jahren, mit vollkommener Deutlichkeit. Noch heute klang ihm 6er grelle Kinderschrei ins Ohr, mit dem der kleine Geronimo auf den Rasen hingesunken war, noch heute sah er die Sonne auf der weißen Gartenmauer spielen und kringeln und hörte die Sonntagsglocken wieder, die gerade in jenem Augen­blick getönt hatten. Er hatte wie oftmals mit dem Bolzen nach der Esche an der Mauer geschossen, und als er den Schrei hörte, dachte er gleich, daß er den kleinen Bruder verletzt haben muhte, der eben vorbeigelaufen war. Gr ließ das Blasrohr aus bart Händen gleiten, sprang durchs Fenster in den Garten w$> stürzte zu dem kleinen Bruder hin, der auf dem Grase lag, die Hände vors Gesicht geschlagen, und jammerte. Ueber die rechte Wange und den Hals floß ihm Blut herunter. In derselben Minute kam der Vater vom Felde heim, durch die kleine Garten­tür, und nun knieten beide ratlos neben dem jammernden Kinde. Nachbarn eilten herbei; die alle Vanetti war die erste, der es gelang, dem Kleinen die Hände vom Gesicht zu entfernen. Dann kam auch der Schmied, bei dem Carlo damals in der Lehre war und der sich ein bißchen aufs Kurieren verstauch; und der sah gleich, daß das rechte Auge verloren war. Der Aitzt, der abends aus Poschiavo kam, konnte auch nicht mehr helfen. Ja, er deutet« schon die Gefahr an, in der das andere Auge schwebte, älnd «er behielt recht. Ein Jahr später war die Wett für Geronimo in Nacht versunken. Anfangs versuchte man, ihm einzureden, daß er später gehellt werden könnte, und er schien es zu glauben. Carlo, der kn« Wahrheit wußte, irrt« damals tage- und nächte­lang auf der Landstraße, zwischen den Weinbergen und in d«r Wäldern umher, und war nah« daran, sich umzubringen. Aber der geisüiche Herr, dem er sich anvertraute, klärte ihn auf, daß es seine Pflicht war, zu leben und sein Leben dem Bruder M widmen. Carlo sah es ein. Ein ungeheures Mitleid ergri'f

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