Ausgabe 
7.7.1925
 
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Gietzener zamilienblatter

Unterhaltungsbeilage zum Eichener Anzeiger

Jahrgang <925 Dienstag, den z. Juli Nummer 54

Er fiht sich am andern Morgen im Spihgel.

OdeJambv-Lrvchaica.

Pärle aller Sauff-Studenten, da, bekükk dir deinen Flautz! Seine göldnen Posamenten herbergt lengst das Jüden-Hauß. Ab-gedreten die Kalöschen, die Darukke fizzt für qwer; gestern noch an sechzehn Trüschen, heute keinen Heller mehr. Und darzu dan noch dihtz Bromsen, alß ob nichts wie Mukken somsen! Weck, verfluchter Bachus-Safft, von itzab bün ich dugendhafft!

Allzu willige Bluminde, bitte, schleuß dich nicht mehr auff, weil ich mich dir itzt entwinde, denn numnehro huhst ich drauff. Ach, man muß euch Kindgens, können, Amor ist umbsonst nicht blind: die wie rohtes Feuer bräunen, noch die allerzährtsten sind. Nachts, wie die Doeten fabeln, reutten sie auff Ofen-Gabeln! Weck, verfluchte Benus-schafst, von itztab bün ich dugendhafft!

Pallas, dein belohbter Aame hellt wie dröstend mir den Sinn; du bist noch die eintzge Dame, der ich gantz ergeben bin. Nur mit dir noch zu scharmieren, halt ich rächt for meinen Zwökk! Kögel-spihlen, Dilljardiren kömbt mir für wie Teuffels-Drökk. Noch die spähtsten Folge-Zeiten werden mir drümb Ruhm bereiten! Wah man auch dargägen klafft, von itztab bün ich dugendhafft!

AusDes berühmbten Schäffers Dafnis selbst verfärtigte sämbtliche Freß«, Sauff- und Venus-Lieber" von Arno Holz.

Rheinsberg.

Von Kurt Tucholsky.

Seinen eigentlichen Anfang nahm das Abenteuer erst, als sie in Löwenberg ausstiegen. Der v-Zug ruhte lang und dunkel in der Halle unter dem Holzdach sie durchschritten einen Tunnel, oben, in hellem Sonnenlicht, stand die Kleinbahn, wie aus Holz gefügt, steif und verspielt.

Sie stiegen ein.

Claire?"

Wolfgang?"

Diese Dahn scheint noch lange hier zu stehen... machen wir einen kleinen Spaziergang?"

Setz dich hin und falte die Hände! Sie geht gleich ab.

Der Zug ruckte und ruckelte sich gemächlich durch Salat­gärten, Hofmauern. Der Horizont flimmerte blendend weih... War es eine Schönheit, diese Landschaft? Mein: da standen Daumgruppen, durch nichts ausgezeichnet, das Land wurde Das Maschinchen schnob und klingelte vornig, durch den staubigen wellig in der Ferne, versteckte ein Wäldchen und zeigte ein anderes man freute sich im Grunde, daß alles da war... Hauch hindurch klingelte es melodisch, wie eine läutende Kirch­turmsglocke bei Sturm.,

Wolf, den Reiseführer!"

Sie hatten ihn im O-Zug liegen lassen er hatte ihn im O-Zug liegen lassen.

Sie hielten, mitten im Walde, auf der Strecke. Die Köpfe heraus; die Beamten waren zurückgelaufen, hatten Schaufeln mitgenommen: die Lokomotive mußte Funken ausgeworfen haben, ein kleiner Brand war entstanden ...

Ich will mitlöschen!"

Er kugelte den sandigen Abhang herunter; die Reisenden lachten. Oben stand Claire und verdrehte die Augen.

Du mußt ja...!"

Er kam zurück, ganz bestaubt, lächelnd, glücklich. Er hatte sich wieder einmal betätigt. Die Beamten kamen, stiegen auf, de« Zug ruckte an...

Eigentlich..."

Na?"

Ich finde es heiter. Denk mal, mein Papa und mein' Mama sitzen jetzt im Kontor, fahren in der Stadt herum inti> glauben ihr Töchterchen wohlgeborgen im Schoße der treusorgenden Freundin. Hingegen...

Hingegen...?"

Na, ja, treusorgen sorgst du ja für mich..."

Der Mger nebenan hatte schon lange in sich hineingelacht. Er sah da, grün, bepackt, schwer und braungebrannt. Man hatte, wenn man ihn sah, die Empfindung von ganiz frühen, feuchten Morgen, ein Mann tappt durch den halbdunklen Wald, es riecht kräftig und gut... Das kleine, runde Loch der Büchse guckte unheilverkündend, schwarz und dunkel in die Luft: lleine Kugeln werden herausfliegen, das Reh, auf das es morgen ge­richtet wird, lief vielleicht jetzt gerade mit seinen Gefährten zur Quelle, trank und war zierlich im Walde verschwunden... Der Jäger stand auf, stopfte sich eine Pfeife und sagte beim Herausgehen:Schonzeit, junger Mann. Schonzeit!" und trumpfte lachend davon.

Das Coups war erfüllt von ihrem Schreien, das die rum­pelnden und klirrenden Geräusche übertönen sollte.

Man verständigte sich nur schwer:

.....Sonne weit über das Land..."

..... wie? Sonne reit' über das Land?..

... nein ... Sonne weeiit... Land ... Seh mal: 'ne Akazie! 'ne blühende Akazie, lauter blühende Akazien!"

Js gar keine, is 'ne Magnolie!"

Hach! Also wer weiß denn von uns beiden in der Botanik Bescheid? Ich oder ich?"

'ne Magnolie is es."

Meine Liebe, ich mühte bedauern, es mit einem kräftig geführten Schlag gegen Sie nicht bewenden lassen zu können. Alle Wesensmerkmale der Akazie deuten auch bei diesen Bäumen auf eine solche hin." >

Is aber 'ne Magnolie."

Herr Gott, Claire! Siehst du denn nicht diese typisch ovalen Blätter, die weihen, kleinen, traubenförmigen Blütenstiele! Mädchen!"

Aber... Wölfchen... wo es doch 'ne Magnolie is..." Sie erstickte in Küssen.

Dann galt es noch eine Bauersfrau nachzuahmen, die auf der letzten Station hochgeschürzt und breitbeinig stehengeblieben war, um sich vermittels ihren zweiten Anterrocks zu schneuzen. Claire erwies sich hierbei als geschickt und brauchbar.

Endlich kamen sie aber doch an.

Es zeigte sich, daß das Hotel, das sich schon durch einen Anschlag im Zuge als altbekannt und, mit einer gepflegten Küche versehen angepriesen hatte, durch einen Wagen, zwei Pferde und einen Bediensteten vertreten war. Dieser Mann muhte die Gepäckstücke holen, die man in Berlin sorgfältig aufgegeben hatte: zwei winzig kleine Köfferchen. Sie wurden verladen; die Reisen­den stiegen ein. Sie rutschten auf den schwarzen, hier und da ein wenig aufgeplatzten Wachstuchkissen der Sitze herum; die Fenster Kirrten, die beiden machten sich durch weitaus lad ende Handbewegungen verständlich. Der Wagen war leer, die Chaussee staubig und öde. Einige hundert Meter sahen sie manierlich, aber schon an der Ecke, die das Anwesen des Gütlers Johannes Lauterbach und das der Post bilden, lagen sie in lautem Hader, wessen Koffer durch feine Kleinheit am meisten Verdacht erregen werde. Sie nannten diese ReisegegenständeSegel­schweine", und die Claire rang die Hände, Wolf sei ein Schand­fleck. Sie, ihrerseits, wahre das Dekorum. Sie schwatzten fort­während, die Claire am heftigsten. Ihr Deutsch war ein wenig aus der Art geschlagen. Sie hatte sich da eine Sprache zurecht- gemacht, die im Prinzip an das Idiom erinnerte, m dem kleine Kinder ihre ersten lautlichen Verbindungen mit der Außenwelt herzustellen suchen; sie wirbelte die Worte so lange herum, bis sie halb unkenntlich geworden waren, ließ hier ein ,,-i aus. fügte da einS«-ein, vertauschte alle Artikel, und man wußte nie, ob es ihr beliebte, sich über die Anzulänglichkyt einer Phrase oder über die andern lustig zu machen. Daß sie Medizinerm war, wie sie zu sein vorgab, war kaum glaubhaft, jedoch mit der Wahrheit übereinstimmend. Sie spielte immer, gab stets irgendeiner lebenden oder erdachten Gestalt für einige Augen­blicke Wirklichkeit...