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Gebet.
Von Else Lasker-Schüler.
Ich suche allerlanden eins Stadt, -Die einen Engel vor der Pforte hat. Ich trage seinen großen Flügel Gebrochen schwer am Schulterblatt And in der Stirne deinen Stern als Siegel. And wandle immer in die Nacht...
. Ich habe Liebe in die Welt gebracht, — Daß blau zu blühen jedes Herz vermag, And hab' ein Leben müde mich gewacht, 3n Gott gehüllt den dunklen Atemschlag. O Gott, schließ um mich deinen Mantel fest; Ich weiß, ich bin im Kugelglas der Nest, And weim der letzte Mensch die Welt vergießt. Du mich nicht wieder aus der Allmacht läßt And sich.ein neuer Erdball um mich schließt.
Das Kind am Wege.
Von Anton L ü b k e.
Schwer lastete der Kreuzbaum auf den Schultern des Herrn. Er trug ein härenes Gewand und Traurigkeit war in seinem Herzen, als er durch die Welt ging, wo die Freude gestorben! schien und Leichensteine der Lieblosigkeit in immer größerer Zahl wuchsen.
Drückender denn je lagen dis Dornenstacheln auf seinem Haupte; die liebreichen Hände, die Werkzeugs eines gütigen Herzens, schmerzten in blutenden Nagelwunden und die Spuren feines Ganges netzte rötendes Mut.
Ruhelos wanderte der Mann der Schmerzen durch die Welt. Sein duldendes Antlitz schaute in die rauchgeschwärzten Fabriken, wo die Titanenkräfte der Natur Menschenkräfte zermürben. Seine milde Hand legte sich auf die Schultern härmeirder Frauen, fein Mick sah tief in das von Anruhe zerwühlte Herz grübelnder Geister, in dunklen Nächten schaute er in die leuchtenden Fenster des Vergnügens, sah Mensche!', verschwenden Stunden der Lust, die ihnen Frieden bringen sollten, über Trümmerhaufen des Hasses, des Neides, der Schande ging sein blutender Schritt.
Seine Seele brannte in Sehnsucht nach deir Menschen, sein Herz blutete vor Weh, als er sah, wie die Seelen und das Gemüt der Menschen starb, im Nennen nach der Vergeudung tändelnder Stunden. Kein Klagelaut kam über ine Lippen des Herrn und kern Anlustgefühl über die Last seines Kreuzes, dessen Schatten ihm Kühlung gab und dessen rauhe Rinde seinem Haupte Ruhe bot für kurze Rast.
Sein Weg ging weiter durch den Taumel der Meinungen. Er sah, wie die Schwerter wilden Hasses sich bekämpften, wie tue Aut menschlicher Irrungen zum Ozean wurde. Sem Mick suchte in diesem Chaos Menschen, di« seiner wert waren.
schwarzen Notenköpfe durchfuhr eine brausende Gewalt voll göttlicher Erhebung und wurden manchem stillen Beter Befreiung.
Wanderjahre sanden den jungen Starrkopf in Weimar, Arnstadt und Mühlhausen. And dann fiedelte er mit seinem jungen Weibe nach dem lieben, anhaltischen Städtchen Köthen über, wo er als Kapellmeister in die Dienste des grob-warmherzigen „Alten Dessauers" trat, der zur Zeit Fürst von Anhalt war.
Allzuweit hat das Schicksal den Musikus Bach nicht in die Welt getragen. — Sein Wesen war bodenständig. Aber dennoch war er in jungen Schwärmerjahren zu Fuß von Arnstadt nach Lübeck gereift, um von der Berühmten Kunst des Orgelmeister Dietrich Buxtehude zu hören. Bei dessen schluchzenden Kantilenen sang Bachs innerste Seele mit.
Eines Tages aber legte Bach den Titel und den Taktstock als fürstlicher Kapellmeister in Köthen dem „Alten Dessauer' wieder zu Füßen. Ihn hielts nicht mehr im anhaltischen Lande, da ihm fein lieb' und traut' Ehegemahl gestorben war, und wanderte südlich gen Leipzig, woselbst er Kantor an der Thomas» kirche wurde.
So steht er als „Thomas-Kantor" in der deutschen Geschichte, der eines herrischen, resoluten Wesens war.
Zufrieden und behaglich lebte er mit seinem zweiten Ghe- gemahl und zwanzig Kindern schlicht in Leipzigs Mauern. Freude atmete sein Familienkreis. _ .
Dachs musikalisches Werk trägt Kraft, aus der Heimat geschöpft, in sich und ragt empor in feiner Verinnerlichung wie ein gotischer Dom. ..
Mächtig ließ er auf großen Orgeln seine Fugen und Präludien über die andächtigen Gemeinden der hohen Kirchen brausen; süß schwelgte er in Aeberfülle der Töne Bei all' feinen Dürftigkeit. .
Seine Art war streng; dennoch sah ihm dre Gutmütigkeit aus dem Breiten Gesicht mit der gerollten, weißen Puderperücke.
Stil! schläft er unter den kalten Fliesen der Leipziger Johanniskirche dem jüngsten Tag der Auferstehung entgegen.
-Äer alte weißhaarige Dergiwr sah ihn kommen, lief ihm entgegen, drückte ihm Beide Hände und sprach das erste Wort.
„Du bist der Jüngere, Richard Pelzer, und ich habe auf dich gewartet, und ich wußte, daß du kommen würdest."
„Nun ist alles gut, Karl Dergner. Alles, was war von Vater auf Vater, die ganze lange Zeit."
„Nun ist alles wieder gut."
Dann gingen sie Arm in Arm auf den Hof und zu Annemarie.
Drei deutsche Passionsmeister.
Von Karl Demmel.
Wolfram von Sfchenbach.
Von der idhllischen Stadt Eschenbach im Frankenland, nicht gar weit von Ansbach, war er ausgezogen. Erst diente er getreulich manchem „fürnehmen Herrn", und daim wanderte er als Sänger süßer Minne von Burg zu Fürstenhof durchs deutsche Land. „
Blasse Edelfrauen, in schweren, schleppenden Gewändern zur Festlichkeit in hohen, wasfengeschmückten Ritterfälen auf breit- klobigen Sesseln sitzend, lauschten, in sich selbst versunken, seinen Liedern, von dünnem Lautenllang begleitet. Monde, zarte Pagen in engen Kleidern trugen gegen die Minnesänger Groll der Eifersucht im Herzen.. , ,
Arm war der Wolfram von Sfchenbach, aber reich an Melodien und Versen, gerade so, wie Walter von der Vogelweide, mit dem er manchesmal auf der Wartburg im Thüringer Lande vor dem Landgrafen Hermann und seiner liebeskranken Richte Elisabeth heiß im Sängerkrieg stritt.
Eines Tages aber kehrte Wolfram von Eschenbach dem Hofleben Ben Rücken und ritt heim zu Weib und Kind, die lange schon seiner Wiederkehr warteten. Mit seinem Kinde wollte er auf heimatlicher Flur jagen und spielen. Er kam heim mit reicher Deute, mit Tausenden von Versen und seinem Reiterlied „Par- zival".
Der trägt die eigene Sehnsucht nach Erlösung der langen Irrfahrt in sich, kündet von Leid und Freude, Narrheit und Mannentum des Jünglings, der ausrückte und seine Mutter „Herzelehde" im Trennungsschmerz zurückließ. Dem nach langem Irren Erlösung wurde im heiligen Gral.
Auch Wolfram von Eschenbach der Dichter und Sänger, singt von Karfreitag und Auferstehung — von dem Wunder Der Menschwerdung auf tiefer Not, von dem Sterben und der Erlösung.
Matthias Grünewald.
Jahrhunderte kannten nicht den begnadeten Priester der Kunst, der das geheimnisvollste, größte Werk deutscher Nachgotik vollbrachte.
And das unsterbliche Bild der Jahrtausende hatte der An- toniter-PräzePtor Guido Gersi in Jsenheim für den Hochaltar Der Klosterkapelle nach reiflicher Aeberlegung seiner Palette anvertraut. „ e „
Mit Grünewald schafften fast zu derselben Zeit, da er das Flügelaltarbild schuf. Michelangelo mit seinem Deckengemälde für Die Sixtina, Rafael komponierte in den glühendsten Farben in den heiligen Sälen des Vatikan, Tizian malte sein Bild von der himmlischen und irdischen Liebe, und im deutschen Nürnberg schuf Dürer den.Heller-Altar. Die Abendwelt erbrauste im Taumel Der süßestes Farbensymphonien.
Er soll, wie ein Chronist zu melden weiß, von einem „vortrefflichen, hochgestiegenen Geist" gewesen fein und doch so verwunderlich wie der heilige Sebastian, dessen Abbild auf seinem Jsenheimer Altar fein leibhaftiges Antlitz gewesen ist.
Fürsten trachteten nach dem Gewimr des herrlichen Altarbildes im Kloster zu Jsenheim.
Der „Große Kurfürst", der von Brandenburg aus gegen Marschall Turenne nach dem Elsaß ins Feld gezogen war, wollte gern eine „namhafte Summe Geldes" dafür bezahlen — aber Die Herren des Klosters behielten fein Werk.
Maria, von Lichtwolken gestreichelt, lächelt das Jesuskind an; Engel musizieren zum Preis des Gottessohnes. Steh ergriffen vor Marias Schmerzabbild an des Herrn Grab I Knie nieder, Bete und jubiliere mit den Engeln, mit dem Meister Matthias.
Karfreitag und Auferstehung im Wunderwerk der heiligen Kunst!
Johann Sebastian Dach.
Aus ehrsamem, altem Geschlecht, das in Der heiligen Musik auf ging, stieg Johann Sebastian Vach in der Wartburgstadt ans Licht. Frühlingstag — erster Frühlingstag Anno 1685 war es — es raunte in Den Wipfeln der thüringischen Wälder von Schönheit, die nun aus verschlafenen Knospen aufbrechen würde. Es war just um die Zeit, da Oesterreicher und Türken um Wien und Belgrad wild die Lanzen brechen ließen!.
Ruhig, in emsiger Arbeit, reifte Der Jüngling heran — in seiner Seele schlummerten Töne, Die aus ihrer wartenden Starrheit erlöst sein wollten zu erhabenem Werk.
And Johann Sebasttans Feder schrieb in mancher einsamen Stunde bei Kerzenlicht auf zartlinigem Arten Papier; und die


