Ausgabe 
7.4.1925
 
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Jesus ries sie und sprach: Bist du nicht die Magd, die mich in ihrer Kammer hat schlafen lassen?

Sie aber wollte keine Bezahlung und sprach: Latz mir die Freude, dah du meine Kammer nicht verschmäht hast. Sehe ich doch, dah du arm bist.

Das sagte sie aber, weil sie selber nicht wußte, warum ne ihm nach gegangen war.

Jesus antwortete ihr: Wahrlich, es werden nicht viele fein, die mir eine Stätte bieten unb halten eine Kammer für mich bereit.

Die Magd meinte, er sage das, weil er gar so arm und gering sei, wollte ihn trösten und sprach: Hat nicht schon Gott einen Armen reich gemacht über Macht? Unb ist nicht Gerechtig­keit mehr denn Armut?

Sieht Jesus sie an und antwortet: Wer sagt dir, datz ich gerecht bin?

Spricht die Magd: Dein Auge, Herr!

Da ergriff es Jesus, datz er sagte: Siehe, ich bin auf meinem Wege durch mehr als fünfzig Märkte und Flecken ge­gangen und hat mich niemand erkannt, denn diese. Unb sie ist eine Magd.

Als er nun durch die Gassen ging und trat auf den Markt und sah das Volk, das sich dort drängte, kam wieder die tiefe Trauer über ihn, wie er sie am Tage vorher empfunden hatte, als er aus dem Dache am Oelberg gettunken rmd ging auch hier ein Zagen durch seine Seele, als fiele der Schatten des Todes auf ihn, wutzte aber auch diesmal keinen Grund dafür und sprach bei sich: Was für eine Stadt ist dies? Und es ergriff ihn eine Müdigkeit, als läge ein Berg auf ihm und drücke ihn ganz darnieder.

Erschöpft setzte er sich auf die Stufen am Hause eines Reichen und sentte sein Haupt. Lind wie er so sah, ward sein Geist entrückt, und er hörte dieselbe Stimme, die am Morgen im Traume zu ihm gesprochen hatte: Kehre um und verweile nicht länger. Was willst du hier an der Stätte des Todes?

Unb da er aufblickte, war alles um ihn wie vorher, Häuser und Menschen und Kamele und das Treiben des Volkes, und war niemand, der zu ihm gesprochen hatte.

Darnach lieh es ihm keine Ruhe mehr, und er stand auf, dah er hinaufginge zum Tempel. Es war aber um die Zeit der Ovfer. p _ ,.

Als er nun emporstieg die Stufen zum Vorhof der Heiden, hörte er schon von ferne das Brüllen her Rinder und das Blöken der Schafe, und da er den Vorhof der Männer betrat und sah den Brandopferaltar und die Priester, die sich zum Opfer bereiteten und sah die Häupter der Rinder niedergezogen und gefesselt an den bronzenen Ringen am Boden rings um die Hörner des Altars, schauderte es ihn vor dem Geruch des Blutes. _ ,

Und er hörte zum dritten Male die Stimme: Kehre um und verweile nicht länger. Was willst du hier an der Stätte des Todes?

Da hielt es ihn nicht mehr und er entwich durch das Osttor aus dem Tempel und stieg hinab und kam wieder in das Tal des Kidronbachs und ruhte nicht eher, bis er die Tiefe erreicht hatte, und brach dort am Alfer nieder und weinte.

Gethsemane.

Von Kurt Hehnicke.

Alle Menschen sind der Heiland.

In dem dunklen Garten trinken wir dm Kelch.

Vater, laß ihn nicht vorübergehen.

Wir sind alle eine Liebe.

Wir sind alle tiefes Leid.

Alle wollm sich erlösen.

Vater, deine Welt ist unser Kreuz.

Latz sie nicht vorübergehen.

Der Karsreitagsgang des Richard Pelzer.

Don Johannes Heinrich Braach

Die Pelzers vom Delderhof schritten ohne Grutz an dm Beuten vom Untergut vorbei. Hundert Jahre lag Zwist zwischen den beiden Familien, und wenn auch heute niemand mehr wußte, welche Ursache dm Streit veranlahte, der alte Zorn und der alte Groll waren die gleichen gebltebm. Die Bauern bestellten die Aecker nebeneinander, ohne ein Wort zu findm, sie saßen in der Kirche gegenüber, ohne sich anzublickm, wenn der Pelzer im Gemeinderat etwas sagte, stimmte der Dergner vom Unter- gute schroff und scharf dagegm. Hundert Jahre warm eine lange Zeit, und was hundert Jahre galt, das hatte feinen Wert.

Rur die junge Bergnerin und der Erbe vom Delderhof zürntm dem Zank. Sie liebten sich seit der kindlichen Freund­schaft der Schulzeit und ersehnten die Myrthe. Einmal rannte Klaus Pelzer gegen dm Trotz an und frug. Aber der Vater fluchte ein barsches Rein, pfiff wütmd dem Hund und ging ins

Feld. Damit war die Angelegenheit erledigt, mochten auch die Monde lausen, Wie sie wollten, und sich zwei Herzen slwgen.

Die Zeit schuf Richard Pelzer Rot. Der Zwiespalt des Volkes verbitterte ihn, Pest nannte er die Untreue an der Heimat durch Vergötterung fremd-völkischer Ideen. Wenn Aufruhr durch Groh- städte zuckte, fuhr er mit der Sichel durch's Korn, als, könnte ec die Mäuler zerschlagen, die mit irren Reden Massen aufpeitschten, daß sie entmmscht gegen Brüder wüteten. War dies der auf» steigende Morgen über Meeren von Tränen, dies der Weg, um aus der Enge zu kommm, dies der Wille, mit dem das Unheil! gepackt und bezwungen werdm sollte?Ein Leid" keuchte die, Brust Richard Pelzers,ein Freud und ein Vorwärtsgehm".

Der Sohn stimmte zu, hieb aber der Erkenntnis eine Scharte.

Vater," sagte er,das mutz fo fein und es mutz dahin kom- men. Aber, heißt es nicht, bei uns anfangen?"

Was?", begehrte der Delder auf,warm wir nicht immer wie ein Daum, an dem ein Ast blüht, wmn die anderen blühn? Und dem der Winter nur eine Kälte und nur einen Schnee bringt?"

Ja, Vater," entgegnete Klaus Pelzer,fo ist es. Aber, wie steht es zwischm dem Rachbarn und uns? Wo ist da die Ge­meinschaft, die fein müht?"

Du willst heiraten, Jung, urtd das bläst dir in den Ver­stand."

Es ist so, wie ich mein."

Rein, Jung und es bleibt dabei." Er ließ die Egge, die er aufgerichtet hatte, um die Zähne nachzusehen, niederfausm, daß sich die Eism bis an dm Rahmen in die Erde gruben.

Von dieser Stunde an lag eine Schärfe zwischm Vater und Sohn.

Peter Reunert, ein buckliger Krämer, war einer der wenigen im Ort, der Aufruhr und Wirren als Vermittler der Welt- revolution begrüßten. In einer Versammlung prallte er mit seinem Ruf nach Untergrabung der Sitten, feinem Auflehnen gegen Zwang und Ordnung und mit feinem Schrei nach Dürger- krieg gegen dm alten Delder.

Der hieb scharf ein und pries die Treue am Lande, die sitt­liche Kraft des Glaubms an der Heimat und die starke Liebe zum Volk.Rur dm etrügen Feind in uns selber erwürgen", en bete er feine einfache Rede,nur an einer Deichsel ziehen, nur die verdammte Mißgunst ausrottm, wieder Verttaum sueinanber haben, und immer und überall: Ein Leib, ein Freud und ein Vorwärtsgehn."

Faules Geplärr," zischte Peter Reunert in dm brausenden Beifall,nichts als albernes Gewäsch Don Trme will er prahlen und von Zusammenstehn. Aber guckt ihn an und beseht auch den vom Unterhof. Zum erstenmal sind sie einer Meinung, sonst wünschen sie sich die Dlattern an ben Kops und dm Kornfrah in's Feld. Da ernennt ihr dm Unterschied von Wortsalberei und wirklicher Tat."

Pack dich ein," schrie Richard Pelzer, und die Ader auf seiner Stirne quoll glutrot hervor.Das ist eine andere Sache."

Damit ging er hinaus, aber fein Aerger verzog nicht, er blieb bei ihm in dieser Rächt und in dm folgenden Wochen, die dm Delder verändertm. Sonst entdeckte er im aufkommenden Frikhling, was nur ein Auge an Schönheit und ein Herz an Freude findm konnte. Jetzt sah er ohne Anteilnahme die Züge der Wandervögel auf dem Süden kommm und ins Land fallen, mürrisch und verdrietzlich schritt er hinter dem Pfluge, und die Hand, die säte, hatte nur matten Schwung. Wenn Frau und Sohn forschtm, ob er krank fei, gab er ausweichende Antworten, denn er wußte, dah feine Seele Wunden trug. Und das drückte ihn schmerzlicher als quälmde Gicht.

Richard Pelzer hatte erkannt, datz Wahrheit hinter dem Worte des Sohnes und der Anklage Peter Rmnerts steckte. Er verlangte Einheit in allem und Einstehm für dm Bruder, und verriet doch dm Rächstm und war ihm feind. Das Gewissen drängte ihn, der alten Fehde ein Ende zu machen, die Gewohn­heit stemmte sich dagegm, bet Trotz verlangte noch schärfere Einstellung. In dem Wirbel feiner Gedanken frug er die Gräber der Väter, aber keine Antwort kam. Weder eine Wolke schattete vorüber, noch Sonnenschein brach durch das öde gleiche Grau. Am Karfreitag siegte die Seele. Als der Delder früh morgens vor die Türe trat und in die Auen schaute in das frische Grün der Wintersaat, in die Wiesen, die wieder mit Vieh be- gangen warm, in die gepflügten und im Bruch glänzmdM Aecker fand fein ©innen zu der ewigen W-eife vom Sterben und Aus- erstehen und zu der Verkündung vom Erlösm durch Aufopferung und Selbstüberwindung. Das Herz beugte sich vor dem Kreuz des allgöttlich Einm dann ging er dm Weg zu feinem Golgatha.

Er nahm dm fast vergessenen Pfad zum Unterhof, und folgte ihm über die Grenze seines Eigentums hinaus, ©eit hundert Jahren betrat er als erfter Delder. dm Boden, der ihnm von Geschlecht zu Geschlecht verhatzt war. Rur einmal blickte der Wanderer zurück. Ob nicht die eigene Erde aufwogte und der Fluch der Väter ihm Steine nachwarf? Aber die Weite war in lenzlicher Erwartung wie ein einziger Altar. Da begannen die Glocken in Richard Pelzers Seele lauter zu läuten und schneller eilte er zu feinem Karfreitagsdienst.