Ausgabe 
7.4.1925
 
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Gietzener Milienblatter

Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger

Jahrgang (925 Dienstag, den r. April Nummer 2^

Der Leidensweg.

Alte deutsche Liede«.

Bei stiller Nacht zur ersten Wacht ein' Stimm' begann zu klagen, ich nahm ft nacht, was sie doch fragt tat hier mit Augen schlagen.

Ein junges Mut, von Sitten gut, alleinig, ahn' Gefährten, in großer Not, fast halber tot, im Garten lag auf Erden.

Der schone Mon will untergohn, für Leid nit mehr mag scheinen: die Sternen lau ihr Glihen stahn, mit mir sie wollen weinen.

Kein Vogelsang, noch Freudenklairg man höret in den Lüften, die wilden Tier' traurn auch mit mir, in Steinen und in Klüften.

Christus, der uns selig macht, kein Dös hat begangen, der ward für uns in der Rachk als ein Dieb gefangen, geführt vor gottlose Leut und fälschlich verklaget.

Verlacht, verhöhnt und verspeit. wie dem die Schrift saget.

*

O hilf, Christe, Gottes Sohn, durch dein bitter Leiden, bah wir dir stets untertan, all' Untugend meiden, deinen Tod und sein Tlrsach fruchtbarlich bedenken, dafür wie wohl arm und schwach, dir Dankopfer schenken.

Jerusalem.

Don Wilhelm Scharrelmann*),

Diesmal aber wandte sich Jesus nicht in die Berge -Galiläas, Vie es sonst seine Gewohicheit gewesen war, sondern wanderte nach Süden und von dort in das Tal des Jordans und weiter durch Peräa nach Judäa hinab, und kam in die Gegend von Jerusalem und stand zum ersten Male auf dem Oelberge und hörte die Bäume über sich rauschen und sah jenseits des Tales die Stadt vor sich liegen, schimmernd und hoch erhoben auf ihren Bergen wie eine Schale mit prangenden Früchten, Zion und Morijah und die Halle Salomonis, und den Tempel dahinter unter den goldenen Platten seines Daches wie eine Burg des streitbaren Gottes. Und da er die Stadt sah, vergaß er die Mühe des Weges, der hinter ihm lag, und die Tage der Wanderung und die Müdigkeit seiner Füße, und war ganz Kind seines Volkes und fiel nieder auf seine Knie und betete: Siehe, es ist dein Harts und du selber Hast idir die Stadt erwählt! Und er sah die Säulen des Tempels, schimmernd in Marmor, und die Zimten unter dem Dache des Heiligtums wie Wolken um den schim­mernden Mond, wenn er golden ist in seiner Mille.

Als er nun vom Berge herabstieg, kam er in einen Garten, der war mit einer Mauer umgürtet und mit Oelbäumen be­pflanzt, und war ein« Kelter darinnen gebaut. Und wie er an das Tor trat, fühlte er eine Trauer über sich kommen, wie eine sanfte, dunkle Woge, und war ein Dangen in ihm, als trete der Tod ihm nahe, und ein Zagen kam über ihn, tote es den Hain

*) Aus »Jesus der Jüngling", einem feinsinnigen Der- fuch, die Jugend Jes« darzuftellen (Verlag von Quelle u. Meder in Leipzig).

erfüllt, der eben noch im Scheine der Sonne gestanden und nm kommt die Nacht und die Wipfel rauschen im Abendwind.

Es waren aber Arbeiter im Garten, die faßen und aßen und als sie Jesus am Tore stehen sahen, das Haupt gesenkt meinten sie, es wäre ein Bettler und stünde da, sie um ein Stütf Brot zu bitten, und schickten ein Kind hin, das bei ihnen war ihn zu rufen, und gaben dem Kinde einen Decher in seine Han». Da lief das Kind hin, schöpfte einen Trunk aus der Quelte die durch den Garten hinabfloß zum Kidron, und brachte da» Wasser Jesus hin und sagte: Nimm und trink.

Und Jesus sah das Kind an und nahm den Becher aus seiner Hand und trank, und wie er geleimten hatte, war ihm, als hätte er mit dem Wasser altes Leid dec Erde getrunken.

Das Kind aber faßte ihn bei der Hand, und sagte: Komm nun und mit uns! und führte ihn zu den Männern.

Die fragten ihn: Wer bist du? Und warum bist du so traurig? Bist du doch noch jung, kaum zwanzig Jahre. So freu« dich denn. Siehe, die Tage der Jugend sind bald vorbei. Und ft< reichten ihm von ihrem Brot und sprachen: Nimm und.

Jesus sprach: Soll ich euch das eurige nehmen? Seht, iht habt selber nicht genug.

Sie aber drängten ihn, zu essen, und sprachen: Nimm nur. Wir sind schon gesättigt. Und einer unter ihnen fragte Jesus: Bist du nicht aus Galiläa? Wir haben gehört, daß ein neuert Prophet aufgestanden ist, Judas aus Gaulonitis, und sammell die Seinen heimlich zum Kampf gegen die Nömer.

Jesus sprach: Ich weih nicht, was ihr redet.

Da sahen sie einander an, lächelten und sprachen: Verstell» dich nicht vor uns und habe keine Sorge. Wir sind getreu uni verraten dich nicht. Darum, so dich Judas zu uns gesandt hap daß du ihm Freunde gewinnest, so sage es uns und scheue di« nicht. Waren doch schon vor Monden Boten hier und ließest uns sagen: Haltet euch bereit, die Stunde ist nahe.

Jesus aber begegnete ihren Augen und sprach: Bin ich ge> kommen, dem Schwerte zu dienen?

Da schüttelten sie die Köpfe über ihn und einer wollte ih» verspotten und sprach: So du Judas nicht kennst, sage vM, wer dich hierher gesandt hat?

Jesus antwortete: Was wisset ihr, wer mich gesandt hat.

Das Wort aber bestärkte sie in ihrem Glauben, daß er eint geheime Sendung habe und sie sprachen: Nun denn, hüte dich in Jerusalem und sehe wohl zu, wem du dich offenbarst. Dte Römer find klug.

Und Jesus verließ sie und stieg hinab in das Tal des Kidrou und ging weiter gen Süden bis zum Teich Siloah und trat durch das Tor der Brunnen in die Stadt.

Es war aber bereits nahe am Abend, und er ging in ein? Herberge, daß er dort bliebe über Nacht.

Da waren sechs Eseltreiber, die hatten schon ihre Decker gebreitet und nahmen die ganze Halle ein und sprachen: Was kommst du noch und nimmst uns den Platz? Sind unserer sechs noch nicht genug?

Jesus antwortete: Seid nicht böse darum. Ich finde wohl noch einen Platz zu euren Füßen.

Sie aber lärmten und zankten nur noch lauter, daß Jesus das Hans wieder verließ.

Nun war bei dem Wirte eine Magd, die hatte JesuS hinein­gehen sehen und lief ihm nach und sagte: Komm' und schlaf« in meiner Kammer.

Als nun Jesus sich umwandte und sie sah in fein Angesicht, schämte sie sich und kam eine Verwirrung über sie, daß sie hinzu» setzte: Komm' nur, ich schlafe die Nacht bei meiner Schwester! Und ihr war, als dürfe sie Jesus nicht ohne Obdach lassen, mit wußte selber nicht warum und bat ihn von neuem.

Da ging Jesus mit ihr und schlief in ihrer Kammer.

Als es nun Morgen wurde, kam die Magd und lauschte al der Tür, ob Jesus noch in der Kammer fei, und tote sie Ähr Ohr an die Tür legte, hörte sie eine Stimme in der Kammer, die rief: Kehre um und weite nicht länger. Was willst du ast der Stätte des Todes?

Da erschrak sie und ging die Treppe wieder hinab, in große» Furcht, denn sie meinte, der Fremdling habe die Worte g» sprachen, ihr zur Warnung.

Als nun JesuS erwachte und htmmterkam, s<ch « die Mag» am Torr stehen. Wie sie aber Jesus sah, verbarg sie sich öot HU