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»Da, dann ist eS gut. Dem Schmied kannst du auch noch ausrichten, daß er morgen den Bon-der-Hand-Gaul beschlägt. Gestern abend ist ihm am linken Hinterfuß ein Eisen abgegangen."
„Ich gehe noch ein bißchen zum Mkela an die Rahe," sagte Michel und verließ daS Wohnzimmer.
Als er gegangen war und man gehört hatte, daß hinter ihm das Hoftor zugemacht worden war, ging auch Christine, der die Unterhaltung mit dem redseligen, aufdringlichen Manne eine Qual war, weg. Sie ging über den Hof durch di« Scheuer in den Garten, der rings von Mauern umgeben war, und setzte sich auf eine Bank, die unter einem großen Birnbaum stand. Das Herz war dem Mädchen schwer, und die Tränen liefen ihr über das Angesicht.
3m Wohnzimmer machte Metz eine ernste Miene und sagten »Jetzt weiß ich, warum eure Tochter den Hannes Wild nicht will, chr steckt der Knecht im Kopfe. ®in schöner, junger Bursche ist er, das muh ich zugeben, er ist auch tüchtig, wie ich gehört habe, aber, Wenzel, Ihr könnt doch Eure Tochter keinem Knechte geben. Da würden ja die Leute mit Fingern auf Euch weisen."
Peter Wenzel war sonst ein gelassener Mann, bei diesen Worten aber brauste er auf.
„Echlechtschwätzer, der Blitz soll dich treffen," sagte er, »willst du meiner Tochter einen schlechten Ramen machen?"
Die Frau fügte hinzu: „Unsere Christine wolle einen Knecht heiraten, unser einziges Kind solle sich so weit wegwerfen und «nS so einen Schimpf antun?“
»Sagt, was ihr wollt," sagte der Makler. „Ich komme seit vierzig Jahren rundum in die Häuser, ich kenne Reich und Arm und verstehe mich, in den Gesichtern der Menschen zu lesen. Ra, ich sehe schon, mit Euch ist nichts zu machen. Zum letztenmal sage ich: Ueberlegt es noch einmal, der HanneS will wissen, woran er ist"
Mit einem „Adjes beisammen ging Metz weg.
Dem Peter Wenzel war die Pfeife über diesen Erörterungen ausgegangen, die Frau stand auf und eilte der Tochter nach. Sie fand diese, wie sie den Kopf aufstützte und weinte.
„Sag, Christine," fragte die Mutter, „hast du etwas mit dem Michel?"
Es kam keine Antwort, das Mädchen schluchzte heftiger.
„Ich will wissen, ob du mit dem Knechte etwas hast!"
„Mutter, ich habe nichts mit ihm, aber er hat mich gern und ich habe ihn gern, und wir möchten zusammenhalten unser Lebenlang."
Die Frau eilte hinein zu ihrem Manne, der vor lauter Aufregung noch nicht dazu gekommen war, seine Pfeife wieder anzuzünden. Lange redeten die beiden miteinander, bis sie sich geeinigt hatten, dem HanneS Wild unverzüglich das Jawort zu geben. Peter Wenzel wollte gleich am nächsten Morgen einen Boten zu dem Freiersmann schicken, damit Hannes am nächsten Sonntag mit seinen Eltern kommen und man die Sache in Ordnung bringen könne.
Wit blassen Wangen ging Christine in den nächsten Tagen einher. Sie tat ihre Arbeit wie immer, sie stand auf dem Acker und schnitt mit der Sichel Weizen und Hafer, sie half der Mutter in der Küche und beim Mehfüttern, und vermied es, mit Michel allein zu sein.
Es war in dieser Woche ein hastiges Arbeiten: denn das Wetter drohte, unbeständig zu werden. Leichte Gewitter gingen nieder, es regnete ab und zu, man eilte sich, den Rest der Ernte Heimzubringen. Rasch wurde gebunden und geladen, oft liefen die Pferde im Trab mit dem beladenen Erntewagen nach dem Dorfe und im Trab wieder zurück. Die Hühner hatten gute Zett, denn allenthalben auf den Dorfstraßen lagen die Körner. Daß der Hannes Wild um die Christine freite, war im Dorfe bekannt. Als man am Samstagabend die Straßen kehrte, und alles für den Sonntag instand setzte, hieß es: „Morgen wird «S fertig".
Am Sonntagnachmittag war Michel Klee wieder zu feinem Freund gegangen. Beide saßen vor dem Fährmannshaufe, da rollte auf der Straße von Oberhausen ein Fuhrwerk heran. Es war ein Dordwagen, auf dem man Sitze, die mit Lehnen versehen waren, befestigt hatte. Die Sitze waren mit rotgeblümten Kissen belegt. Born sah Hannes und lenkte den Wagen, hinter ihm faßen seine Eltern. Der Dater war wie der Sohn, ein hagerer Mann. In seinem Antlitz standen viele Falten, er trug den blauen Kirchenrock, die Spitzen seines Kragens ragten hoch hinauf in das Gesicht. Auch die Mutter war hager von Gestalt. Sie hatte ihr schwarzes Kleid angezogen und trug über der weihen Haube ein schwarzes Tuch. Aeugierig sahen sich die beiden Allen um, denn selten nur kamen sie aus ihrem Wohnorte heraus.
„Siehst du," sagte der Mhrmann zu seinem jungen Freunde, „heute wird es fertig“.
»Ich glaube es nie und nimmermehr,“ war die Antwort. „Die Christine nimmt den steifen, ungeschickten Menschen nicht, und wenn nicht nur sein Dater und feine Mutter hierher kommen auf die Schau, sondern auch fein Großvater und seine Großmutter.“
Mit einem lauten „Ohü" hielt HanneS Wild an der Hofrelle des Peter Wenzel die Pferde an. Dieser machte bas Hoftor weit
6<6riftleituna: Dr. Friede. Wil!). Lange. — Druck und Derlag der
auf, und der Wagen fuhr hinein. Die Magd mutzt« einen Stuhl herbeitragen, damit die Alten aussteigen konnten. Das geschah nur mit großer Mühe, denn die beiden waren steif, was nicht weiter Wunder nimmt, wenn man bedenk, daß die Obermoschel« Gemarkung sehr hügelig ist Endlich waren sie glücllich unten und wurden in das Wohnzimmer geführt, wo Kaffe« und Kuchen bereit standen.
Die Ettern be8 Hannes sprachen zunächst nicht viel, aber thre Augen gingen lebhaft rundum. 2llleS wurde beobachtet dre Wanduhr, die in der Ecke stand und tickte, der große Wim> Weiler Ofen, die Kommode mit den blinkenden Beschlägen und das Tuch, das über den Tisch gebreitet war. Hannes ver- suchte ein Gespräch zustandezubringen, er berichtete, daß er bei Oberhausen, da die Rahe einen sehr niedrigen Wasserstand hatte, durch den Fluß gefahren fei und daß die Pferde, alS sie wieder aus dem trockenen Boden angelangt waren, vor einer entgegenkommenden Kutsche beinahe gescheut hätten. Christine saß still neben ihrer Mutter am Tische und redet« kaum ein Wort.
Als Hannes und feine Eltern zum Zeichen, daß sie genug Kaffee getrunken hatten, die Tassen umgelegt hatten, ftanb « un® fra* 8um Zwecke der Besichtigung einen Rundgang aurch Haus und Hof an. Zuerst besah man das Vieh in den Stallen. Die beiden Alten beobachteten so scharf, als ob sie Polizeibeamte seien, die nach versteckten Gegenständen suchen, namentlich nahmen sie die Dunggrube in Augenschein und fanden, daß sie hoch angefüllt war. In die Scheuer trat man unb stellte fest, daß sie bis unter die Ziegeln mit Getreide gefällt war. Schuppen und Kellerhaus wurden besichtigt, dann ging man in den Keller. Hier lag Stückfaß neben Stückfaß, über diesen tagen wieder kleinere Fässer. Der alte Wild sonderte sich unbemerkt von den anderen ab und klopfte mit bem Knöchel seines Zeigefingers an einige der Stücffässer, nirgendswo klang es hohl. Der Speicher war teer; denn Wenzel hatte unterdessen bi« Frucht vom vorigen Jahre verkauft, und man hatte noch nicht gedroschen, aber man versäumte nicht, in die Zimmer und Kammern im oberen Stocke hineinzusehen wo daS Leinenzeug, die Kleider und Gerätschaften mancherlei Art aufbewahrt wurden. Indem sie die Stiege hinuntergingen, mckte der alte Wild seiner Ehefrau zuftieden zu. Längere Zeit brachte man im Garten zu und besichtigte di« Beete, deren Pflege der Tochter des Hauses anoertraut war.
Unterdessen war im Wohnzimmer ein Imbiß aufgetragen toorben. und Peter Wenzel hatte mit dem Stechheber einem Fasse einige Flaschen Elfer entnommen. Der Wein — bekanitt- ttch war der Elfer der beste des Jahrhunderts — löste die Zungen. Der alte Wild fing an, von der Zeit zu erzählen, da er noch etn lebiger Bursche war. Er berichtete, was er damals auf den Kirchweihen für Streiche gemacht habe, wie er frühmorgens. nachdem der Tanz zu Ende gewesen sei, mit den Musikanten umgezogen sei. Dann erzählte er von den Schlägereien, die er als lediger Bursche gehabt habe, wie er beim Streit hinein in den dicksten Knäuel gesprungen sei und den Gegner am Wickel gefaßt habe. Unb atlemate hieß es bann: „Da habe ich ihn genommen und habe ihn auf den Boden geworfen und habe ihn aus dem Fundament heraus verdroschen" Peter Wenzel konnte nicht recht glauben, daß der steife, be- dächtige Mann einst ein solcher Sausewind gewesen sei. Die Alte, die auch von bem Weine genippt hatte, kicherte und lobte bann ihren Hannes als den brävsten und tüchtigsten Burschen im Pfälzer Lande. Als er drei Jahre alt gewesen sei, habe eine Taglöhnersfrau aus dem Dorfe gesagt: „Wilden, das ist ein Kind so schön wie ein Engelchen." Immer sei der HanneS feiner Mutter gehorsam gewesen und niemals ein Geldvertuer. And jetzt, da er auf die Jagd gehe, sei er bei allen feinen Herren angesehen. Der Notar aus Obermoschel habe erst vor kurzem gesagt, der HanneS fei ein Jäger, wie lange nicht mehr einer zwischen dem Lemberg und dem Donnersberg auf oas Wild geschossen habe. And der Pfarrer habe gesagt, so gescheit wie der HanneS sei ihm schon lange fein junger Mensch mehr begegnet, aus bem könne man sieben Bürgermeister machen.
Aeber diesem Lobe feiner Mutter wurde Hannes recht vergnügt, er nickte mit dem Kopfe und sagte: »Ich und meine Mutter, wir hatten zusammen."
Dann rüsteten sich die Gäste zum Aufbruch. Als sie noch im Wohnzimmer standen, sagte der alte Wild: »So wäre jetzt alles fertig, und unser Hannes ist ein Hochzeiter. Ich denke, nach der Ernte können die zwei heiraten."
»Es soll ein Wort fein,“ erwiderte Wenzel,
Der Aufstieg auf den Wagen war noch wett schwieriger als der Abstieg. Wieder mußte die Magd einen Stuhl herbei« bringen. Unter Ach und Weh kam der Baier hinauf, aber der Mutter wollte daS nicht gelingen. Da packten Wenzel und Hannes sie, als ob sie ein Kind toäre, und hoben sie hinaus. Sie kreischte vor Angst, freute sich aber dann doch, als sie neben ihrem Mann saß. HanneS stieg auf, und das Hoftor wurde geöffnet. „AdjeS, adjes,“ sagten die Gäste und daS Fuhrwerk rollte davon. (Fortsetzung folgt)
Brübl'schen Aniv -B»L- «nb Steindruckerei. R. Lange, Gießen.


