Ausgabe 
5.12.1925
 
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6dkrt euch raus? Hilfe? Hilfe?" schrie sie auf einmal. .Schert euch raus! Heiliger Antonius und Sankt Nikolaus, steht mir bei!"

.Aber ich bin doch selbst Sankt Nikolaus", sagte der Heilige.

So siehst du aus! Du hast nicht mal einen roten Heller «ufgutoeif«!

.Ach, das Geld, das alle Bruderliebe vergiftet!" seufzte Sankt Nikolaus.

Das Geld, das die edle Poesie verpfuscht!" seufzte der Dichter Keersmaeckers.

lind die armen Leute arm macht", schoß es der kleinen Cäcilie durch den Kopf.

And ein Schornsteinfegerherz doch nicht weih klopfen machen kann", lachte Knecht Ruprecht. Und sie gingen hinaus.

Sn der Mondnacht, die still war von Frostesklarheit und Schnee, tönte das .Schlafet ruhig" hart und hell vom Turm

.Noch einer, der nicht schläft", rief Sankt Nikolaus erfreut, und sogleich steckte Knecht Ruprecht auch schon den Fuh zwischen die Tür, die Trinchen wütend zuschlagen wollte.

Haltet ihr mir die Frau wach", sagte der schwarze Knecht, .ich komme sofort zurück!" And damit stieß er die Tür wieder auf, und zwar so heftig, daß Trinchen sich plötzlich in einem Korb voll Zwiebeln wieder sand.

And während die anderen aufs neue hineingingen, sprang Knecht Ruprecht auf das Eselchen, sauste wie ein Sensenstrich durch die Straßen, hielt vor dem Turm kletterte an Zinnen, Dorsprüngen und Zieraten, Schiefern unb Heiligenbildern den Turm hinauf bis zu Dries Andiivel, der geradeEs wollt ein Säger früh aufstehn" auf seiner Geige kratzte.

Der Mann ließ Geige und Lied fallen, aber Knecht Ruprecht «zählte ihm alles.

Erst sehen und dann glauben!" sagte Dries. Knecht Ruprecht kriegte ihn am Ende doch noch mit hinunter, und zu zweit rasten sie auf dem Eselchen durch die Straßen nach dem .ver­zuckerten Nasenflügel".

Sankt Nikolaus fiel vor dem Nachtwächter auf die Knie und flehte ihn an, doch die fünfundzwanzig Franken zu bezahlen, dann solle ihm auch alles Glück der Welt weichen.

Der Mann war gerührt und sagte zu dem ungläubigen, hartherzigen Trinchen:Ich weiß nicht, ob er lügt, aber sie sieht Sankt Nikolaus doch aus in den Bilderbüchern von unfern Kindern und im Kirchenfenster über dem Taufstein. And wenn ers nun wirklich ist! Gib ihm doch das Schiff! Morgen werde sth dirs bezahlen!..."

Trinchen hatte großes Vertrauen zu dem Nachtwächter, bet aus ihrer Nachbarschaft war. And Dankt Nikolaus bekam das Schiff-

Setzt geh nur schnell nach Hause und leg dich schlafen", sagte Dankt Nikolaus zu Cäcilie.Wir bringen gleich daS Dchisf."

Das Kind ging nach Hause, aber es schlief nicht, es sah am Kamin mit dem Kiffen auf den Aermchen und wartete auf das Niedersinken des Schiffes.

Der Mond sah gerade in das armselig-traurige Kämmerchen.

Ach, was sah Cäcilie da auf einmal!

Dort auf einem glitzernden Mondstrahl kletterte das Esel­chen in die Höhe mit Sankt Nikolaus auf seinem Rücken, und Knecht Ruprecht hielt sich am Schwanz fest und ließ sich mit» schleifen. Der Mond öffnete sich; ein sanftes, großes Acht fiel in funkelnden Regenbogenfarben über die beschneite Welt. Sankt Nikolaus grüßte die Erde, trat hinein, und wieder roar da das gewöhnliche grüne Mondenlicht.

Die kleine Cäcilie wollte weinen. Knecht Ruprecht oder der gute Heilige hatten das Schiff rächt gebracht, es lag nicht auf dem Kissen.

Aber siehe! was für ein Glück, das Schiff, dieKongo", stand ja da, in der kalten Asche, ohne Dalle, ohne Bruch, strahlend von Silber, und rauchte für mindestens zwei Groschen weiße Watte aus beiden Schornsteinen! Wie war das möglich? Wie konnte das so in aller Stille geschehen?...

Ja, das weiß nun niemand, das ist die Findigkeit und die große Geschicklichkeit vom Knecht Ruprecht, und die gibt er niemand preis.

Pansch.

Eine Geschichte aus ber Biedermeierzeit.

Don Carl Worms.

< Fortsetzung, s

Peter!"

»Sa, Cousinchen?"Peter sehen Sie mich an, Peter."

Am Gott, so hören Sie doch auf zu petern. Wenn ich mein« Mutter etwas übelnehme, so ist eS dies, daß sie mir den Peter auf den Leib geschrieben."

Mit ein« Dolte ihr« Schleppe drehte sie ehm verächtlich den Rücken und wirft das Büchlein in den Brunnen:Die Probe ist zu Ende."

Ende," echot Sean Paul mit sehr hörbarem Seufz«. Ab« bittend drängen sich die andern um die erzürnte Prinzessin.

Sa, was wollen Die, meine Herren? Wo nehmen wir Einen Helden h«? Anser Held schläft."

Wenns weit« nichts ist, Prinzefsin Bescheiden tritt Dtnz« mit leicht« Derbengung vor: »Sch habe den Blitz einmal

in Altenburg studiert und die kleine TiudenkemoUe Körners laßt sich ja wohl lernen. Ich springe ein."

Sie?" Mißtrauisch aber nicht unangenehm überrascht, fixiert sie ihn. Ein Zucken d« Augenwimp« kann sie verraten, sie muß lächeln, wenn sie auch vor Aerg« bebt. Sie fühlt ihre Niederlage, ab« sie beherrscht sich wunderbar.Willst du's mit dem Doktor versuchen, Rita?" Aus dem Mädchen wird sie nicht klug. Bisher hat sich Rita von dergleichen ferngehalten, die Rollen nur übernommen, um die Mama nicht böse zu machen, und jetzt antwortet sie unbedenklich:Wenn es Ihnen recht ist, Mama..." Natürlich muß es der Mama recht fein, sie feit sich sogar bedanken, und schweigend fischt Sean Paul daS Soufsl'ierbuch aus dem Brunnen, überreicht es mit stoisch« Ruhe und meint:Nun könnten wir ja wohl anfangen.

Wenn sie ihm nur mit dem Buch eins v«setzen könnte! stlber sie muß mit ihm in den Zuschauerraum, sie muß vom Lehnstuhl aus ansehen, wie die da oben ihre Männchen und Mätzchen machen. Wie gut dies« Doktor fpielt, das ist kein Spiel mehr, das ist Wirklichkeit, besonders im Blitz, den er noch sehr gut behalten hat.

Nicht zu lebhaft, etwas mehr Moderation", ruft sie besorgt hinauf.Feurig«, feuriger! mehr Temperament!" ermuntert gleich darauf Sean Paul und flüstert Wilhelmine zu:Ewig schade, daß Sie die Rolle abgetreten. D« Doktor spickt superb." And mitleidig streichelt « ihre weiße Hand. Nun aber schlägt sie doch zu und zischelt mit vibrierend« Stimme:Sie sind un­ausstehlich, mein Herr."

Endlich ist die Tortur vorüb«, die Glocke ruft zur Desp«. Wilhelmine springt auf. Da behauptet ab« Rita, die eine Stelle müsse entschieden wiederholt roerben.Gehen Sie nur, liebste Mama, ich komme nach. Wir sind gleich fertig."

Anb ich bleibe als Anstandsdame", flüst«t Sean Paul.

O, da kann ich ja ruhig sein", erwiderte Wilhelmine mit einem spötntischen Knix.Kommen Sie, Herr Präsident. Mir spukt ein juristisch« Fall im Kopf umfjer. Sie sollen entscheiden, ob culpa oder dolus vorliegt."

Graf Peter ab« schleicht tief zufrieden hint«h« und drückt im Dorbeigehen des Dichters Hcmd: ,,D« Pansch ist fertig", raunt « ihm inS Ohr.

VI.

Der Pansch scheint wirklich gut g«aten. Rita ist wie ver­wandelt. Sie sitzt nicht mehr stundenlang in b« Bibliothek, sie zupft kein Maßliebchen mehr, sogar ans ihrem Titan ist das Seidenfleckchen, an der rührendsten Stelle hineingelegt, ver­schwunden. Setzt begreift sie Doras munteres Lachen, die Dögel im Garten scheinen lustig« zu singen, besond«s der Buchfink am Teich hat's ihr angetan. Sie kann eigentlich nicht sagen, daß Binz« ihr mehr als die anderen gefällt. Sie findet alle Herren nett« als sonst. Graf Pet« mit seinen Witzen war zu drollig und Feuerbachs Nase ist so possi«lich. Dieses Kommen und Gehen der Gäste wie tn einem Taubenschlage unterhält auch Rita, die kleine Kolonie d« Kurländ« tvächst von Tag zu Tag,Tie alle wollen ihre Semmes-Mathe in der Fremde sehen. Rita findet zum Träumen keine Zeit. Dielleicht ist's auch mir, weil Daron Steinberg nicht mehr da ist. Den hat die erzürnte Mama zur Leipzig« Messe gesandt, und den Neffen hat die Herzogin, als « auch diesen dummen Streich gebeichtet, ins einsame alte Schloß verbannt, fern von bet Brüder wilden Reih'n, bis « gelernt, was « dem Löbichauer Zeremoniell schuldig sei.

Die Proben gehen aber lustig vorwärts und Rita findet Sean Pauls AuSspruch auch ganz richtig, daß man auch solche Leine bunte Träume in den großen Traum des Lebens hineinweben solle. Ab« waS ist mit dem Doktor? Wenn Sean Paul ihn mor­gens fragt, ob « einen Traum verspürt, so haben ihn eh« Zahn­schmerzen geplagt. Meint Sean Daul schalkhaft, daß eS sich in Löbichau leben lasse, so heißt es:ja, soso". Als von ein« Liebelet des Stallmeisters die Rede ist, nennt Dinzer sie einen vorüber­gehenden Schnupfen und gesteht dem Dicht« zuletzt auf eine direkte Anfrage hin, « wisse selbst noch nicht, wie weit er fei. D« junge Mann scheint sehr schüchtern zu fein, muß also «couragiert toerben. Das ist Sean Paul feinen Grundsätzen schuldig, von Fixstern zu Fixstern macht man sich nicht ben Hof. Dem Panich fehlte noch d« französische Senf.

Der Theat«ab«b war glänzend verlaufen, d« Blitz hatte gezündet. Nachdem Rita und Binz« am Klavier noch ein Stabat mater gesungen, waren sie von Huldigung« umringt. Die Chasse- pot wandte kaum die Lorgnette von ihnen ab, während die Ser» zog in auch ohne Lorgnette schon ihre stillen Beobachtungen machte und auf eine Frage der Freundin antwortete, daß man Binz« wohl protegi«en könne. Gräfin und Baronin tauschten einen Blick. Sie war« schon so weit, wie weit eben Freundinnen sein müssen, wenn Blicke an Stelle der Worte tret«. Wie Spinnen im Netz kugelt« sie sich in ein« Sofaecke zusammen:Das Gegengewicht!" tuschelte die Chassepot und die Baronin meinte maliziös:Ein Demokrat gegen die and«n ausgespielt? Das gibt noch kein« Stich, wenn Coeur nicht Trumps ist."

So verbessert man eben die Karten. Sehen Sie unser« Herr« dort. Marheineke macht ein Gesicht tote Ajax, als « die Waffen des Achill nicht bekam, und Feuerbach ist ein empfind­liches Barometer, das imm« auf Sturm fällt. Geschwind, korri­gier« wir daS Wett«."