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Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang <925
Samstag, Sen 5. Dezember
Kummer 9Z
Knecht Ruprecht.
Bon Theodor Storm. ,
Bon drauß' vom Walde komm ich her: Ich mutz euch sagen, es weihnachtet f?' Allüberall auf den Tmmeasprtzen Sah ich goldene Lichtlein sitzen: And droben aus dem Himmelstar Sah mit großen Augen das Christkind hervo . And wie ich so strolcht' durch'den finsteren Samt, Da rief's mich mit Heller Stimme an: „Knecht Ruprecht", rief es, „alter Gesell, Hebe die Beine und spute dich schnellt Die Kerzen fmtgen zu brennen am, Das Himmelstor ist aufgetan, Alt' und Junge sollen mm Don der Jagd des Lebens einmal ruh«: And morgen flieg ich hinab zur Erden, Denn es soll wieder Weihnachten werben'" Ich sprach: „O lieber Herre Christ, Meine Reise fast zu Ende ist: Ich soll nur noch in diese Stadt.
Wo's eitel gute Kinder hat."
■— „Hast denn das Säcklein auch bei dir?" Ich sprach: „Das Säcklein, bas ist hier: Denn Aepfel, Rutz und Mandelkern Fressen fromme Kinder gern."
-- „Hast denn die Rute auch bei dir?" Ich sprach: „Die Rute, die ist hier: Doch für die Kinder nur, die schlechten. Die trifft sie auf den Teil, den rechte!: Ehriftkindlein sprach: „So ist es recht; So geh mit Gott, mein treuer Knecht!" Bon drauß' vom Walde komm ich her: Ich muh euch sagen, eS weihnachtet sehr! Tiun sprecht, wie ich hierinnen find'k Sind's flute sind's böse Kind?
Scmltf NrAsIaus in Slot
Bon Felip Timmermans.
Die folgende Erzählung ist dem foebett im Jnsel- Berlag erschienenen neuen Buche von Felip Timmer» mcmZ „Das Licht in der Laterne" entnommen. Der flämische Dichter ist bekanntlich der Verfasser der erfolgreichen Erzählungen „Das Jesuskind in Flandern" und „Pallieter".
Es fielen noch ein paar mollige Flocken aus der wegziehM- den Schnee Wolke, und da stand auf einmal auch schon der runde Mond leuchtend über dem Weißen Turm.
Die beschneite Stadt wurde eine silberne Stadt.
Es war ein Abend von flaumweicher Stille und lilienreiner Friedsamkeit. And wären die flimmernden Sterne hernieder» gesunken, um als Heilige in goldenen MetzgewSndern durch di« Straßen zu wandeln — niemand hätte sich gewundert.
Es war ein Abend, wie geschaffen für Wunder und Mirakel. Aber keiner sah die begnadete Schönheit des alten Städtchens unter dem mondbeschienenen Schnee.
Die Menschen lMiefen.
Rur der Dichter Remoldus KeersmaeckerS, der in allem das Schöne sah und darum lauge Haare trug, saß noch bei Kcrzenfchein und Pfeifenrauch und reimte ein Gedicht auf die Götter des Olymps und die Herrlichkeit des griechischen Himmels, di« er so innig auf HolAchnitten bewundert hatte.
Der Aachbar DrieS Andijvel, der auf dem Turin die Wach: hielt, huschte alle Viertelstunde hinaus, blies eilig drei Töne in die vier Windrichtungen, kroch dann zurück in die warme, holzgetäfelte Kammer zum bullernden Kanonenöfchen und laS weiter in seinem Siederbüchlein: »Der flämische Barde, hundert Lieder für fünf Groschen." War eins dabei, von dem er die Weise kannte, dann kratzte er die auf einer alten Geige und sang daS Lied durch seinen weißen Bart, daß es bis hoch ins rabenschwarze Gerüst des Turmes schallte. Sin kühles Gläschen Bier schmierte ihm jedesmal zur Belohnung di« Kehle.
Trinchen Mukser aus dem »Berzuckerten Rasenflügel" faß in der .SfrW und sah traurig durch daS Kreuzfenfterchen in ihren Laden. <v-■ — ..... -- --
Ihr Herz tvar in einen Dornbusch gefallen. Trinchen Mut» fers Herz war ganz durchstochen und durchbohrt nicht weil all ihr Zuckerzeug heut am Sankt Rikolausabend ausverkauft war — ach nein! weil das große Schokoladenschiff stehengeblieben war. Einen halben Meter war es hoch und so lang irrte von hier bis dort! Wie wunderschön stand es da hinter den flaschengrünen Scheiben ihres Lädchens, lustig mit Silberpapier bellrbt, verziert mit rosa Zuckerrosetten, mit Leiterchen aus weißem Zucker und mit Rauch in den Schornsteinen. Der Rauch war rr-eiße Watte.
Das ganze Stück kostete so viel, wie all die kleinen Leckereien, trte Psefferkuchenhähne mit einem Fcherchen am Hintern, die Knusperchen, die Schaumflocken, die Zuckerbohnen und die Vchokoladenplätzchen zusammen, lind wenn das Stück, das Schiff aus Schokolade, das sich in rosa Zuckerbuchstaben als die „Kongo" auswies, nicht verlaust wurde, dann lag ihr ganzer Verdienst im Wasser, und sie verlor noch Geld obendrein.
Warum hat sie bas auch kaufen mässen? Wo hat sie mir ihre Gedanken gehabt! So ein kostbares Stück für ihren bescheidenen fleinen Laden!
Wohl waren alle gekammert, um es sich anzusehen, Mütter und Kircher, fie hatte dadurch verkauft wie noch nie. Aber kein Mensch fragte nach dem Preis, und so blieb eä stehen rrud rau bte immer noch seine weiße Watte, sturmn wie ein toter Fisch
Als Frau Doktor Baes gekommen war. um Varenbergsche Hustenbonbons zu holen, da hatte Trinchen gesagt: „SehM Sie nur mal, Frau Doktor Baes, was für ein schönes Schiff! Wenn ich Sie wäre, dann würde ich Ihren Kindern nichts anderes zum Sankt RikolauS schenken, als dieses wchift. Sie werden selig sein, wie im Himmel." ,
„Ach," sagte Frau Baes abwehrend, „Sankt Rikolaus ist ein armer Mann. Die Kinder werden schon viel zu sehr verwöhnt, und außerdem gehen die Geschäfte von dem Herrn Doktor viel zu schlecht. Wissen Sie wohl, Trinchei,, daß es in diesem Winter fast keine Kranken gibt? Wenn das nicht besser wird, weiß ich gar nicht, tvaS wir anfangen sollen, And fie kaufte zwei PfefferkuchenMhne auf einem Stäbchen und lieh sich tagelang nicht mehr sehen.
And heute war Rikolausabend; aller Kleinkram war verkauft; nur die „Kongo" stand noch da in ihrer braunen Kongo» sarbe und rauchte einsam und verlassen ihre weiße Watt«. Zwanzig Franken Verlust! Der ganze Horizont war schwarz tote die „Kongo "selber. Vielleicht könnte man fie stückweise veriaMen oder verlosen? Ach nein, das brachte noch nicht fünf Fran«« ein, und sie konnte das Ding doch nicht auf die Kommode stellen neben die anderen Rippsachen. .. . .
Ihr Herz war in einen Dornbusch gefallen. Sm zündete eine Kerze an für den heiligen Antonius und eine für Sankt Rikolaus und betete einen Rosenkranz, auf daß der Fimmel sich des Schiffes annehmen möge und Gnade tauen. Sie wartete und wartete. Die Stille wanderte auf und ab.
Am zehn Ahr machte sie die Fensterläden zu und konnte tn ihrem Bett vor Kummer nicht schlafen.
And «S gab noch ein viertes Wesen in dem verschneiten Städtchen, das nicht schlief. Das war ein kleines Kind, Eacilie. es hotte ein seidig blondes Lockenköpsthen und war so arm, das; es sich nie mit Seife waschen konnte, und ein Hemdchen trug «8, das nur noch einen Aenne! hatte und am -Saum aus- gefranst war tote Eiszapfen an der Dachrinne.
Die Heine Eäcilie saß, während ihr« Eltern oben schliefe-^ unter dem Kamin und wartete, bis Sankt Aikolcn^ baS Schokoladenschiff von Trinchen Mutser durch den Schornstein her» untrrtoerfen würde. Sie wußte, es wurde ihr gebracht werden: sie hatte eS jede Rächt geträumt, und nun saß sie da und wartete voller Zuversicht und Geduld daraus; und weil sie fürchtete. MtS Schiff könne beim Fallen kaputt gehen, hatte sie sich ihr Kopfkissen aus den Arm gelegt, damit eS weich wie -eine Feder darauf nteberfmten könnte. „ ,, . ......
And während nun die vier wachenden Menschen im y’ia. t» che-a: der Dichter, der Turmwächter. Trinchen Mutser und ES- cilie, ein jedes mit seiner Freude, seinem Kummer oder -eine« Sehnsucht beschäftigt, nichts sahen von der Rächt, die war iw ein Palast, öffnete sich er Mond tote ein runder Ofen mit silberner runder Tür, und eS stürzte aus der Mondhöhle euw solche strahlende Klarheit hernieder, daß sie ftch auch mit goldener Feder nicht beschreiben lleße.
Einen Augenblick lang fiel das echte Ltch-i cnts dein wir?» Nchen Himmel auf die Erde. Das geschah, um Sankt Rtko-au«


