Ausgabe 
5.9.1925
 
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Carlo Witz tn der Mitte, Stetten rechts, warteten sie auf den Auf­bruch der Feuerwalze. Es war eine von schweren Nebeln trunkene Nacht. Ja der ersten Frühe ritz die deutsche Artillerie breite, rot» gestrtemte Feuergassen in die Dunstschicht. Die Artillerie lag zwei Stunden auf den feindlichen Stellungen und wühlte sich tief tn die Hügel von Dailleul. Die Portugiesen wurden mitten in der Ablösung überrascht. Di« versumpft« Lysniederung ver­schluckte zwar manche Granat«, aber die Zerstörung der auf» gesetzteil Brustwehren gelang rasch, und auch di« Detonklötze litten Schaden. Der Gegner antwortete schwach, aber als die Deutschen um 9 Ähr vormittags im Morgennebel hinter der Feuerwalze zum Angriff schritten, schlug ihnen aus Weidendickichten und ver­waisten Fermen ungebrochenes Feuer entgegen, das große Verluste forderte. Sie gewannen trotzdem Raum und stießen den Keil tief in den Feind. Das linke Zentrum drang unter der Führung Bernhardts mit dem Bajonett in die Stellung der völlig verstörten Portugiesen und schlug sie in wilde Flucht. Rechts stürmte Carlowitz Laventie und wandte sich nordwestwärts schwen­kend gegen die Lhs. Der Feind stürzte von Bois-Grenier auf die LyS zurück.

Quasts Divisionen drangen durch das Trichterfeld von Fleur» beix gegen die Linie Bac-St. MaurEstaires vor, zersprengten englische Bataillone, di« von Dailleul Herbeisilten, erreichten bei der Fähre St. Maur die Lhs und gewannen unter der Führung des alten Stochodkämpfers Höfer in hartem Kampf das Äord- ufer des Flusses. Armentiöres war in der rechten Flanke um­gangen. Quasts linker Flügel war weniger glücklich Er traf bei Givenchy auf unzerstört« Hindernisse und den hartnäckigen Wider­stand der 55. englischen Division, gewann schrittweise Boden, stürmte in zähem Kampfe Richebourg l'Avoue, kam aber nicht über die Linie GivenchyFestubert hinaus. Als es Abend wurde, hatte Quast zwischen den Drehpfosten Bethune und Armentiöres einen tiefen Keil tn die feindliche Front gestoßen. Aber nur* begann der Kampf mit dem Gelände, das der Artillerie das Vorrücken verwehrte und den Rachschub in Frage stellte. Der Weiche Boden, in dem unzählige Granattümpel glitzerten, die in Fermen und Gehölzen lauernden Maschinengewehre, Fernfeuer englischer Langrohre und die Erschöpfung der unterernährten, von den Proviantlagern des Feindes in Versuchung geführten Truppen hemmten die Fortsetzung der Schlacht. Die Infanterie blieb ohne genügende .Unterstützung am Rande der durchschrittenen Niederung liegen und wartete fiebernd auf den Nachschub. Quast hatte Tanks zum Angriff geführt, aber die schwer gebauten, mit allzu kurzen Radbändern versehenen Wagen kamen int sumpfigen Lhsgelände nicht vom Fleck und blieben hilflos im Morast stecken. Die Geschütze wurden einzeln mit Vorspann vorgerissen, eroberte Haubitzen gegen den Feind gewendet, querlaufende Bäche und zerschlagens Straßen mühsam überbrückt und von Pionieren und Schippern Äebermenschliches geleistet, um der Fortsetzung des Angriffs am 10. April den Weg zu bereiten, aber di« Reibungen wurden trotz aller dieser Anstrengungen nicht völlig überwunden. Quast harrte in der Nacht in den eroberten Stellungen aus, Moohl ihm Flankenfeuer aus der Linie GivenchyFestubert Vieille Chapelle und dem Defestigungsklotz von ArmentiöveS die Flügel hart an den Leib preßte. Er hatte den Schrecken tief in den Feind getragen. Zersprengte Portugiesen flüchteten weit über Dailleul hinaus, und im Lager von Hazebrouck drohte Panik auszubrechen. Die britische Führung handelte hastig und unsicher und zersplitterte ihre Reserven.

Als Haig von der drohenden Gefahr Kunde erhielt, rief er Horn« herbei, um das Loch zu stopfen, und befahl, Böthune und Armentiöres um jeden Preis zu halten.

Am 10. April fraß sich die Schlacht noch tiefer in di« Lys- front und wuchs strahlenförmig in die Breite. Bernhardt brach zwischen Lestran und Vieille Chapelle durch und erzwang am Abend den U ebergang über di« Lato«. General Höfer schlug Hornes Gegenstöße auf dem Rordufer der Lys ab und nahm das Dorf Steenwerk. Carlowitz stürmte Estaires. Rur der linke Flügel blieb hängen. Kraevel biß sich an Bethune die Zähne auS. dagegen reifte Armentitzves jähem Fall, denn nun trat Sixt v. Arnims Ängriffsflügel zu beiden Seiten von Warmeton zum Angriff auf die Linie HollebekeMessinesPloegsteert an.

Arnim rächte die Sprengung von Whtschaete, nahm MessineS und warf die 2. englische Armee in überraschendem Anlauf aus dem Douvegrund in den Plvegsteerter Wald zurück. Am 5. April wuchs die Doppelschlacht in eins. Whtschaete ging von Hand Ml Hand. Armentiöres wurde von zwei Seiten umfaßt und aus der englischen Front herausgerifsen. Die Engländer, die um und tn Armentiöres verzweifelt standhielten, fielen zu Hunderten unter dem Kreuzfeuer der deutschen Geschütz«. Erst als di« Um» kaisung zur Umzingelung reiste, räumt« der Verteidiger unter Aufopferung einer Nachhut die brennende Stadt. 2lm Abend streckte die Besatzung die Waffen, di« Korps Arnims und Quasts vereinigten sich, und in der Nacht stürmte Dernhardi flußaufwärts den Brückenkopf Merville. Die Deutschen waren Herren der Lys» brücken von Armentiöres bis Merville und rückten siegreich gen Kemmel und Poperingh«. Am 12. April gipfelte die Schlacht in der Bedrohung der Linie Dailleul Nieuwekerke. Der Angriff war auf 12 Kilometer an Hazebrouck hercmgekommen und die englische Front Mischen Böthune und Bpern so weit aufgebrochen.

baß Str Douglas Haig M« Franzosen abermals um Beistand angehen mußte. Die Briten waren in äußerster Gefahr, und Foch sah sich vor die Leistung neuer schwerer Nothilfe gestellt. ES galt das Schlimmste zu wenden, denn schon drohte der Einsturz des in der Flanke unterhöhlten Salienten von Bpern und die Preisgabe des letzten Zipfeü belgischen Bodens.

Diesmal gerät London in größere Erregung als am Tage von St. Quentin. Lloyd George greift zu allen Mitteln, um den drohenden Zusammenbruch des Heeres zu beschwören. Die Gru­benarbeiter Werden in di« Armee eingereiht, das unruhig« Irland von Truppen entblößt, die eiligst nach Frankreich abgehen, um die Lücken zu füllen, alle verfügbaren ©djiffe werden nach Nord­amerika gesandt, um Wilsons Rekruten an Bord zu nehmen und ohn« Gepäck und Gerät nach Europa überzuführen. Der letzte Schein britischer Befehlsgewalt wird geopfert und der Oberbefehl mit geschlossenen Augen in die Hände Fochs gelegt, der fortan selbstherrlich über Franzosen, Briten und Amerikaner gebietet und ihre Verbände nach Gutdünken untereinander würfelt.

Paris, das sich kaum von der Panik erholt hatte, in die der Boulevard durch das Erscheinen der deutschen Sturmhelme an der Avre gestürzt worden war, sieht mit geheimem Dangen roh» amerikanische Rekruten-Divisionen nordwärts ziehen, um sich bei Moreuil und Montdidier zu schlagen. Die Amerikaner müssen französische Elite ersetzen, denn Foch hat keine Zeit mehr, Trupp« aus den Vogesen Herbeizuholen, sondern muh Debenehs Arm« plündern, um so rasch wie möglich vor Hazebrouck aufzurücken und Dünkirchen, St. Omer und die Schistsbasis der Engländer vor dem drohenden Fall zlu retten. Der alte Clemenceau bewahrt Kraft und Haltung. Er erinnert an die Worte, die er am 1. März seiner sozialistischen Gegnerschaft in der Kammer zugerufen hat: .Rußland verrät uns, aber ich führe Krieg, Rumänien muß kapi» tülieren, ckber ich führe Krieg, und ich werd« Krieg führen bi» zur letzten Viertelstunde, denn diese letzte Viertelstunde gehört uns!" Er peitscht Frankreichs erlahmenden Kriegswillen zu neuer Tat, und es gelingt ihm, die Nation über di« Krisis hin­wegzuheben. Der stanzöfische Nationalstolz wird durch die Tat­sache, daß England abermals Frankreichs Hilfe anruft, zur Äeberwindung der Krisis befähigt und feiert in diesen Tag« seinen schönsten Triumph.

In den Bereinigten Staaten von Amerika aber erwacht schrankenlose Degeisterung für die gefährdet« gemeinsame Sache. Man huldigt dem Gedanken, dieFreiheit der Welt" vom Unter­gang zu retten und vergißt darüber beinahe, daß Amerika den Krieg seit dem Eintritt in den Bund der Westmächte finanziert und daß die Deutschen ihn schon deswegen nicht gewinnen dürfen. Gemeinsames demokratisches Empfinden, zur Einheitlichkeit ver­schmolzen, ungeschichtliche, aber politisch wirksame Anschauung über die Ursachen des Krieges und das sichere Gefühl von der Notwendigkeit, diesen Krieg bis zum letzten Hauch fortzufuhven, helfen den Völkern des Westens die furchtbare Krisis zu bestehen, die Deutschlands kriegerische Kraft im April des Jahres 1918 über sie gebracht hat. Sie wissen sich im Besitz der industriellen Äeberlegenhest, obwohl die deutsche Industrie trotz ihrer Ge­bundenheit und der Abschnürung vom Weltverkehr Wunder ver­richtet, vertrauen auf ihre unerschöpfliche Menschen fülle und ver­zweifeln trotz der schweren Bedrängnis durch die deutschen Tauch­boote nicht daran, die Seeherrschaft zu behaupten. Sie halt« daran fest, daß Deutschland Stärke sich verbraucht. Mag der Deutsche auch fürchterlich unter den Handelsflott« der Well aufräumen. Gleitzüge vernichten und seine Minen durch kühn» Dlockadebrecher bis in den Indischen Ozean trag« lassen, so wächst ihm selbst dadurch doch kein Quentchen Kraft zu. Diese Gedankenzüge sind nur allzu richtig. Der Aufenthalt, d« di« wohlgefüllten englisch« Magazine den Hohläugig«, von schlechter Drotfrucht und Kartoffeln g«ährtm Stürmern Hindenburgs auf ben Schlachtfeldern bereiten, zeugt ja von dem erbarmungswür­dig« Zustand, in dem sich das deutsche Volk nach vierjährige« Blockade befindet, aber die Sieg«, di« das d«tsche Heer in dev Pikardie und tn Flandern erfocht« hat, zeug« auch von de« kriegerisch« Kraftfülle, di« diesem darbend« Volk immer noch innewohnt.

(Schluß folgt.)

Und auch dies wird einst vorübergehen....

Von Clara Prieß.

Und auch dies wird einst vorübergehn, , Blum« werd« auf den Gräbern stehn

Kinder werden um die Gräber spielen, Vieles wird vergessen sein von vielen. Nur daß Wunden sind, die nie verbluten Tränen, die des Nachts von n«em fluten, Träume, di« aus tiefem Schlummer schreck«, Worte, die uns alte Sehnsucht wecken Doch der Glockenschlag der neuen Zeit Uebertönt das müdgeword'ne Leid.

Kraftvoll gibt ein. kriegsg-zeugt Geschlecht Seinem jung« Tag fein junges Recht, Erbt den Segen, d« wir schwer erftritt«, Und vergißt, wie viel darum getitt«.

Schriftleitung: Dr. Frisör. Wilh. Lange. Druck und Verlag der Brühl'schen Univ.-Buch» und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.