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schickt«. Bald würde es mrs glutrot entgegenlohen, uns um» schwirren mit Hellem Geklirr und gespenstigem Vorüberhitschen. Die eherne, unerbittliche Pflicht ruft. Der Einzelne bedeutet nichts, das Ganze alles. Das Opfer für den Heimatboden, und sei's das Leben, ist w.e umsonst gebracht. Sei's drum! Es war nicht das Schlimmste, in der vollen Kraft des Schaffens schnell dahingerafft zu werben in Höchster Pflichterfüllung. Wer mag das Los teilen? Sn sechs Wochen läuteten daheim die Weihnachtsglocken. „Weihnachten zu Hause", so war der sehnlich« Wunsch meines lieben Jungen da mir gegenüber. Unwillkürlich sah ich ihn an und erhaschte seinen Dlick, der schon längere Zeit auf mir geruht haben muhte. Fragend sah ich ihn an. „Noch ist Nichts entschieden." Ich verstand ihn sofort und nickte ihm zu: .Du hast ja Zeit." Nach einer Pause kam es wie ein unterdrückter Schrei von seinen tappen: „Was soll werden?" In Höchster Erregung ergriff er wie hilfesuchend mein« Hände: „Ich weih nicht, ob du verstehen kannst. Weine Seele gehört ihr ganz, mem Leben sann ich nicht denken ohne sie. Aber dann taucht das Bild der anderen in der Heimat vor mir auf, ein leises Weinen aus weiter Ferne höre ich, das mir das Herz zerreißt. Die eiire kann ich nicht lassen, und die Erinnerung an die andere werde ich nicht los. Welch eine Qual! Was soll werden? Ein Trost ist's für mich daß ich deine Hand halten kann. Ach, dah ich bei dir bleiben vmrte! Du bist der einzige Mensch dem ich mich vertrauen kann. Dach einer Pause fügte er schmerzlich lächelnd hinzu: „Was ist aus dem Traum von der Glückskugel geworden! .Urttovi.iig wehrte ich mit der Hand ab; wie hatte ich die törichte Redensart schon bereut. Dann neigte ich mich zu ihm: „Wem bleibt seelische Not erspart! Je tiefer der Mensch empftndet, um so großer ist st«. Aber sie wird auch überwunden. Was jetzt dein Inneres aufwühlt, läßt sich nicht klar sehen, weder hinaus in die Wirtlich- kett, noch hinein in dein Herz. Erst wenn die Wogen verebbt sind, kommt mit der Ruhe auch die Klarheit. Linser Voll steht noch im Anfang des gewaltigen Ringens. Wir eiiyelnen sind nur die Zellen in dem großen Organismus unseres Volkes, der sich anschickt zu der ungeheuren Kraftentfaltung, um sein Leben «, währen. Das gchi nicht spurlos an uns vorüber, an unserem Körper nicht, noch! viel weniger an unserer Seele. Lins umweht hier draußen der Ewigkeitsgedanke, vor dem so vieles von stolzer Höhe herabsinkt, was wir sonst so hoch hielten. 'Aber was wir Aelteren vielfach erst jetzt lernen, das erfahrt ihr Jungen schon an der Schwelle des Menschenalters. Ihr reift früher als wir, darum seid ihr auch ganz anders als wir, die Träger der Zukunft unseres Dolles. Euer Dlick wird schärfer, euer Lirtell sicherer, auch über euch selbst. Werm in den nächsten Tagen im Brüllen und Loben der Schlacht der Tod über uns hinweg- gebraust ist, dann wird auch über dich Li« große Ruhe kommen, und du wirst in deinem Innern die Stimme hören, die dir den rechten Weg zeigt in dein künftiges Leben und zu deinem Glück. Hast du formt meinen Beistand nötig, er ist dir sicher. Mögen wir in den schweren Tagen einander nahe sein. Doch jetzt wollen tote «in wenig ruhen." Karl W. beruhigten meine Worte sichtlich. Seine Züge verloren den gequälten Ausdruck, und bald schlief et «in. Die Jugend will ihr Recht. Lind weiter wühlt« sich der Zug in die dwtkle Nacht.
Von Grabow aus rückte das Bataillon über foe russische Grenze. Rauh fegte der Wind über das Land mtd peitschte einen feinen, eiskalten'Regen uns entgegen, der unaufhörlich niedertroff aus schwarzen Wolken, di« tief auf die graue Fläche nieder- hingen. Wieder nahm uns die unendliche Weite auf, düster, geheimnisvoll, ohne Hoffnung für den, der sie betritt. Es war ein mühevoller Marsch auf der schlammbedeckten Straße, bis gegen fünf Llhr Podgrabowa, ein armseliges, polnisches Nest, und aufnahm. Von da ab hatten mein Freund und ich uns für die nächste Zeit aus Leit Augen verloren. Erst als wir in Sc» biesinki vorgezogen wurden, begegneten wir uns kurz beim Aufbroch in der Frühe. Frisch und klar klang seine Stimme beim Gruß in den Morgen hinein, Heller blickten di« Augen. Er wird's überwinden, dachte ich bei mir. Aber auf seiner Stirn lag tiefer Ernst, und ein weher Zug um seinen Mund machten mich wieder irre. Doch der Krieg läßt kein« Zeit zum Grübeln. Ein kurzes, scharfes Kommando, meine Kompagnie setzte sich in Bewegung. Gin letzter Dlick, ein letzter Wink.
Mehrere Wochen rang ich im Lazarett mit dem Lode, nur allmählich stellte sich die Genesung ein. Längst war Weihnachten vorüber, als ich in di« Heimat zurückkehrte. Dald danach als ich mich in M. meldete, erhielt ich Nachricht über meinen Freund und Kriegskameraden. • Am Heiligen Abend war er mit einem schweren Kopfschutz ins Lazarett — der Name des Ortes ist mir entschwunden — eingeliefert worden. In seinen Fieberphantasien hatte er zwei Mädchennamen gerufen, von einer Glückskugel gesprochen und nach mir verlangt. Am Morgen versielen feine Kräfte schnell, und als die Glocken in der Heimat das Geburtsfest des Hernr einläuteten, ging er sanft hinüber. Seine letzten Worte waren: Weihnachten nach Hause! Ties erschüttert vernahm ich die Kund«, grübelte lange über sein Schicksal. Ein anderes hatte ich ihm erhofft. Llnd doch: Die Macht, die alles lenkt, hatte wohl das Deste bestimmt. Seines Herzens Zwiespalt war gelöst, sein Wunsch erfüllt: Weihnachten war er heimgekommen Tagelang sah ich das Bild meines Freundes leibhaft vor mir, und heute noch ist der Schmerz um den lieben, frischen Menschen nicht verklungen. Llnd die er zurücklieH in bangem
Warten? Die fein jauchzendes, himmelstürmeirdes Erlebnis geworden, wird nur noch! im Traume ein flüchtiges Erinnern streifen, wie eine längst verklungene Weise manchmal in uns anklingt. In der Heimat aber wird eine' einsam« MensGenfeele die Erinnerung an Jugendglück durchs Leben begleiten, in dem Schatten der Dämmerstunde, wenn die Seele feiert, wird das Gedenken an den toten Helden aufleuchtsn wie ein zauberhafter Lichtstreif aus fernem Märchenland.
Soldatengrab.
Von Walter Flex.
Zwei Vöglein sah ich schwingen, die schwangen auf und ab, zwei Vöglein hört' ich fingen auf meines Bruders Grab. GinS schwang aus grauen Flügeln, eins glänzte rossnfarb, sie sangen auf den Hügeln, wo mir der Bruder starb. Ein Liedlein grau und öde, rann trüb wie Sand in Sand; „Dein Bruder, der liegt schnöde in Feindes Land und Hand." Das Vöglein rosafarben fang glockenrein ins Land: „Süß schlafen, die da starben, in Gottes Land und Hand." Ein Steinlein tat ich nehmen, Grauvöglein strich weitab.
Sein Lied soll dich nicht grämen, Kam'rad im stillen Grab!
Doch vom Soldatenbrote verstreu' ich Dröselein wohl für das rosenrote, das Himmelsvögelein.
Es soll sich fromm gewöhnen cm das Soldatengvab und soll von Liebe tönen ins liebe Herz hinab.
Kein frem&cr Laut soll klingen tief unter Schnee und Feld, die Himmelsvöglein fingen deutsch durch die ganze Welt. Der Schnee ging engelleise, ging engelflügelsacht, des Rosenvögleins Weise rinnt fütz durch Tag und Nacht.
Die Schlacht an der Lys.
S. bis 30. April 1918.
Don Herrn ann S tegem an«.
Die Schlacht an der Lys wurde von strategisch-n Gedankro getragen. Sie erschien hn Lichte ein«« Flügelangriffs, d« foe Avrdflanke des bereits die Südflanke umringenden brittschen Heeres bedrohte. a
Die 6. Armee tsiat zuerst an und machte sich zwischen La Dassve und Warneton zum Angriff fertig. General w Quast verfügte nur über 100 000 Mann. Er hatte den weichen, durch frifche Regengüsse überschwemmten Doden der Lysmederung, Den karten LM^bschnitt und die Tiefenlinie der Lysvor sich und traf, wenn er links an Armentitzres vorbei gen Westen Raum gewann, auf den großen 'Wald von Nieppe und dre verschanzten Höhen von Dailleul und Cassel. In seiner rechten Flanke aber ragte drohend der als unbezwingbar geltende Kemmelberg mit seinen Degleithöhen, von denen der Engländer mit Auge mid Geschütz die ganze Lysniederung und den Douvegrond beherrschte. An QuastS rechter Schulter, zu Füßen des Kemmelberges, stand der linke Flügel der 4. Armee bereit, den Angriff zu unterstützen und durch den Douvegrond vorzudringen, um Armentitzres von Worden zu umfassen.
Die Deutschen kannten die Llngunfft der Derhältmsse. trugen sich aber mit der Hoffnung, den Feind zu überoaschen, foe briti- schen Divisionen und die im Zentrum der Augriffssront fechtenden Portugiesen zu überrennen. Armentisves abzuklemmen, zwischen Bethune und Dailleul durchzubrechen und die Bahn nach H^e- brouck, in den nördlichen Flankenraum des englischen Jyeeree freizuschlagen. Bon den Siegesbotschaften Niarwi^ tmd Hutters entflammt, vom Bewußtsein erfüllt, daß das LMe von ihnen gefordert werde, warfen sich Quasts und Arrrims Divisionen unter bet Führung der Generale Dernhardi, Stetten, Eforhardsi Wfov schall, Sieger, Kraevel und Earlowitz in foe Schlacht. Quast griff am 9. April an, Arnim rückte am 10. April vor. .
OMeju ungestört ballten sich Quasts Angnffssiiul«, W der Nacht auf Den 9. April zum Sturm. Kraevel links, Dernhardi und
*) Aas Dd. IV der „Geschichte des Krieges" (Deutsche Ber- lagsanstalt, Stuttgart). < ~


