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86 Öen Kopf. „Gewiß, äußerlich verlief mein Leben ruhig und ohne Reibung. Wie könntest du auch anders urteilen. Wir sehen voneinander nur das Aeußere. Aber kennen wir uns wirklich? Weißt du, wie viel Seelennot sich unter der ruhigen Oberfläche verbirgt? Wohl dem, der erlöst wird." Aergerlich sprang mein Freund auf. „Wie kannst du das sagen, du mit deinem prächtigen Humor. Die ersten schweren Tage haft du uitS wirklich damit erleichtert." „Ob ich Humor habe, weiß ich nicht", bemerkte ich trocken. „Ich habe nur über vieles lächeln gelernt, was mir groß und wichtig erschien, besonders setzt im Kriege, im großen Geschehen, wo der Mensch der Ewigkeit ins Auge blickt. Doch das Lächeln überwindet nicht alles. Aber bleiben wir lieber bei dir. Ihr seid wichtiger als wir. Wir sind -die Gegenwart, die bald verrauscht; aber auf euch ruht die Zukunft. Euch jungen Paare — ich sah ihn scharf an — braucht das Reich, euren Zukunftswillen und eure Schaffenskraft. Und nun, lieber Junge, — ich zog ihn sanft auf seinen Stuhl —, wahre deine Herzensgefchichte sorgfältiger." Ich berichtete von hem Fund und was er mir verriet. Ruhig sah er mich an: „Du solltest iss wissen, gestern abend noch'." Die kurze Geschichte seiner Liebe war bald mitgeteilt. „.Und nun verstehst du meine Fragen", schloß er. ^.Dachte mir's", und nachdenklich fuhr ich fort: „An mir ist die Glückskugel vorbeigerollt. Mag sie geradewegs auf dich zukommen. Aber das ist ein törichtes Bild. Glaube an dein Glück, und du hast es. Gute Rächt, und träume von Beinern Glück. Morgen mag's dir vielleicht mißgönnt sein." Kaum hatte ich geendet, als in der Entfernung Geschützdonner laut wurde. „Mein lieber Junge", nahm ich das Gespräch wieder auf, „unser Idyll hat ein schnelles Ende gefunden. Wir werden bald im Feuer stehen." „Dann auch dir alles Gute." Karl W. drückte mir fest die Hand; „Gin frohes Wiedersehen in der Heimat".
Am nächsten Morgen schien Karl W. versonnen und ernster als sonst; aber nach der Ursache zu fragen, blieb mir feind Zeit. Ein Auftrag rief mich zum Munitionsempfang nach einem kleinen Bahnhof in der Rahe von Kjelze. Als wir uns am Mittag trafen, hatte er seine alte Fröhlichkeit wiedergefunden und berichtete mir von seinem nächtlichen Traum. Verwundet oder krank lag er in einem Raum, im Lazarett oder zu Hause; an seinem Bett saß jemand und hielt seine Hand. Anfänglich schien es seine Braut zu sein; allmählich, aber nahm sie meins Züge an, und wir sprachen von der Glückskugel. „Verworrenes Zeug", meinte er, „aber es hat mich doch, nachdenklich gestimmt, v'tb du bist schuld daran." Ehe ich erwidern konnte, horte ich meinen Ramen rufen. Ans« Major war herzugetreten und forderte mich auf, mit ihm zur Kaserne zu gehen; das Bataillon breche befehlsgemäß sofort auf, meine Kompagnie an der Spitze. Kurz vor dem Aufbruch fand ich Gelegenheit, rnich noch,, einmal nis Quartier zu begeben, wo Karl W. zum Abmarsch rüstete. Ein Händedruck, ein fester Blick in die Augen, und der Abschied "war genommen. Sine halbe Stunde später schob sich unsere Kompagnie auf der Straße nach Warschau vor.
Der Herbst des Jahr^ 1914 war milde und von -aager Dauer. Als unser Bataillon von dem berühmten großen AKckzug von Warschau am 9. Rovember in Kattvwitz ankam, lag über der herben Landschaft ein weicher Sonnenglanz, eine awhligs Wärme breitete sich aus, der Duft frisch, umgebrochen,en Landes stieg empor. Die Heimat umfing ihre Söhne in trauter Weise, und so traten uns auch die Menschen entgegen, froh, wie erlöst aufatmend. Denn lange bange Wochen lagen hinter ihnen, voll Furcht, die Russen möchten mit ihrer gewaltigen älebermacht die schwachen österreichischen Linien durchbrechen und Oberschlesien das Schicksal Ostpreußens bereiten. Die jungen Leute waren ins Innere des Reiches übergeführt worden, um im schlimmsten Falle vom Feinde nicht verschleppt zu werben; die übrige Bevölkerung war fluchtbereit. Um so größer war die Freude beim Herannahen deutscher Landwehr. Run war alles gut. Die Heimat ließ schnell vergessen, was an Mühen, Leiden und Sterben hinter uns lagt Unsere Kompagnie lag in Zalence, einer Dorstadt von Kattvwitz, das übrige Bataillon war in der Umgebung untergebracht. Am Nachmittag schon stürmte Karl W. in jugendlicher Hast die Treppe zu mir herauf. Mit offenen Armen ging ich ihm entgegen in der Freude, den lieben Menschen wiederzusehen, und lieh mich gerne bereden, ihn in ein vornehmes Safe zu begleiten, obwohl sich bei mir eine Influenza meldete, die mir nachher zum Derhängnis werden sollte. Bald sahen wir in einer hübschen Ecke beisammen, und mein Freund erzählte von seinem Quartier. Bielleicht hatte er mich zu diesem Zwecke hierhergeführt. In D. war er bei einem Fabrikdirektor untergekommen. Entzückt sprach er von seinen Quarfierwirten, geradezu schwärmerisch von deren Tochter. „Dorsicht!" mahnte ich und drohte mit dem Finger. Lachend wehrte er ab: „Ich kenne deine Gedanken, aber sei unbesorgt." Doch formte ich mich des Gefühls nicht erwehren, als habe das Mädchen in der kurzen Zeit einen tiefen Eindruck auf ihn gemacht. Beim Abschied bat er, ihn tags darauf in D. zu besuchen. Am folgenden Rachmittag war ich bei ihm und lernte die Familie kennen. Er hatte nicht zu viel gesagt: Die Eltern echtige Leute, die Tochter eine vornehme, schöne Erscheinung.
gesicht und Unterhaltung verrieten Begabung und Temperament, aber auch ein stolzes Selbst bewußtsein. Echter deutscher Grenzlandschlag. Die jungen Leute schien es stark zueinander zu ziehen, »eine tiefe Zuneigung keimte zweifellos empor. Mein Freund weilte wie in einer anderen Welt; eine besondere Saite
schwang in ihm. Ich erinnerte mich einer Aeußerung in Kzjelze, als er von seiner jungen Liebe sprach: Das Mädchen wecke kein Begehren in ihm. Das war jetzt erwacht, und mit Besorgnis gedachte ich des stillen Mädch,ens in der Heimat. Am Abend ging ich. „Morgen muß ich dich sprechen", bat mich Karl W. „Leider unmöglich. Morgen rücke ich ab. Geheimer Auftrag. Geht alles gut, bin ich übermorgen zur Stelle. Frage nachmittags bei der Kompagnie mach" Am späten Abend rückte ich mit hundert Mann zu einer Erkundung über die Grenze. Auf dem Marsch gedachte ich meines Freundes. Arm-er Junge, in welche Herzenskrisis bist du geraten. Wie wird deine Entscheidung fallen? Ich mußte gestehen: Die beiden waren ein schönes Paar, äußerlich wie für ebtanber geschaffen. Ob sie geistig übereinflimmten oder sich ergänzten, formte der Fernstehende nicht beurteilen. Eines aber war mir klar: Ihr stolzes Selbstbewußtsein bedurfte stark« Beschränkung durch die Liebe, um erträglich zu sein für das weiche und empfindliche Gemüt meines Freundes. Ab« die Liebe vermag alles. Ist fie doch stetes Opfern des eigenen Selbst. War es indes die wahre tiefe Liebe, die in fo kurz« Zeit in Heid«! Herzen Einzug hielt? Liebe auf den ersten Blick? Ich glaubte nicht daran. Zu d« anbern dort in der Heimat hatte ihn doch auch eine tiefe Neigung gezogen. War sie ' ~ Irrtum? Wachte « sich frei davon? Fand er sich zu ihr wi * : zurück, nachdem « in die geistsprühenden Augen hier geb: .. ,, den Schlag des Herzens, das Schwingen ber Seele gefühlt? Armes stilles Mädchen dort in der Heimat! Das nahe Ziel unterbrach: meine Gedanken. Die Aufgabe erforderte die volle Aufmerksamkeit.
Die Aufgabe war glücklich gelöst; wohlbehalten waren wir zurückgekommen. Nun sahen d« Aeltere und der Junge einanber gegenüber. „Wie hat sie dir gefallen. So sprich doch endlich! Wie bist btt 'nur heute!" drängte Karl W., als ich nicht sofort antwortete. „Gedulde dich; gleich stehe ich Rede unb Antwort." Mein offenes Urteil befriedigte ihn. „Die Eltern haben nichts dagegen. Rur soll die D«koblmg nicht sofort stattfinden; einige Zeit sollen wir noch warten." „Sehr verständig", warf ich ein. „Dielleicht geht der Krieg bald zu Ende, bis Weihnachten schon.": „So weit seid ihr schon?" „Roch ist mchks entschieden." Ich war verbküfst: „Ab« versteW du denn nicht, wie du an beiden Mädchen, unrecht tust? Fern liegt es mir, eine Moralpredigt zu halten, Die echte tiefe Liebe ist Schicksal. Ruft es, gilt kein Bögern und Schwanken. Die Stimme im Innern tönt, ihr muh jeder folgen. Zwiespalt aber ist Täuschung, hier wie dort." Träumend sah mein Freund vor sich hin. „Sie ist die Erfüllung all meiner Wünsche, Die Glückskugel kommt gerollt. Sieh, ich habe deine Worte nicht vergessen. Aber laß das jetzt! — et machte eins Handbewegung, als verscheuche er etwas —. Komm mit in die Stadt zu ein« gemütlichen Plauderstunde." „Du hast recht", ftbnmte ich zu: „der Soldat darf nur dem Augenblick leben.“ „Ich beneide deine selbstsichere Ruhe. W« sie hätte, numches sähe sich besser an." „Stünde d« Jugend übel an. Ab« auch die Zeit kommt. Mögest du nur nie den hohen Preis dafür zahlen wie ich Sieh das ganze rauschende, lockende Leben liegt noch vor dir, es hat dir viel zu geben. Ich verlange nichts mehr von ihm. Bald stehen wir wieder in Feindesland. Gin Schutz, und ihr deckt mich mit bem grünen Rase». Das mag die wahre Glückskugel für mich sein. Dann hat dies Herz hi« die wahre Ruh!" „Schott einmal hast du mich damit aufgebracht", unterbrach mich mein Freund fast zornig: „du bist mir viel geworben, und g«abe jetzt darfst du mich nicht »«lassen!" Wortlos drückte ich ihm die Hand; es war wie ein stilles Gelöbnis.
Sechs Tage, nachdem wir Oberschlesien betreten hatten, verließen wir den deutschen Boden; auf Lodz ging‘8 zu Die Oesterreicher übernahmen die Wacht an der schlesischen Grenze. Die Bundesgenossen sah die Bevölkerung nicht gern an uns«« Stelle einröcfen. Man erwartete nicht viel von ihr« Dapf«kelt und Widerstandskraft. Die Erfahrungen des Krieges rechtf«tigten die Furcht. Doch haben sich die Oesterreich« in der Schlacht bet Ezenstochcm gut gehalten. Ilm so herzlich« war der Abschied bei unserem Aufbruch Es war ein mild« sonnig« Tag, als wollte die Heimat selbst uns einen Gruß mit auf den Weg geben. Don Blumen überschüttet, mit allerlei Liebesgaben reich beschenkt, zogen die Truppen durch eine dicht gedrängte Menge zum Bahnhof. Karl W. traf ich auf bem Bahnsteig im Gespräch mit dem Fabrikdirektor und fein« Familie. Ich begrüßte alle und suchte schnell meinen Platz auf, um nicht zu stören. Rach einiger Zeit rief man mich die Herrschaften wollten sich verabschieden. Mit warmen, herzlichen Worten wünschten sie uns alles Glück. Roch einmal drückten sich die jungen Leute die Hand, nur schwer trennten sie sich Ab« Wille itnb Schicksal des einzelnen verschwanden vor der Rot des Volkes. Wenige Minuten spät« verließ der Zug die Halle, deutsche Landwehr trat an gegen den Feind.
Es dämmerte schon stark- Dunkle Wolken waren herausgezogen, hart schlugen die Regentropfen an die Fenster. Wein Freund sah durch die Scheiben iirs Weit«; « wgr fein« Erregung noch nicht Herr geworden. Ich mochte ihn nicht stören und hing meinen Gedanken nach Wieder zog uns« ‘Bataillon, kampferprobte, pflichttreue Landwehr — sie war ein Teil der berühmt gewordenen Division Menges — hinaus durch die finstere Nacht, dem russischen Rachen entgegen. Bald würde sie sich vorwärts schieden durch den zähen Schlamm der Straßen hinein in die unendliche Ebene, die schon die winterlichen Boten


