GietzenerZamilieMätter
Unterhaltungsbeilage zum Gietzener Anzeiger
Jahrgang 1925 Samstag, -en 5. September Nummer
Der Tag der Toten.
Dom Gustav Falk«.
Heut ist der Tag der Toten. Niemals flössen Am Tote so viel Tränen. Grab an Grab Wölbt sich, und jedes hält umschlossen Gin Herz, das freudig sich zum Opfer gab, ZornHeiß und doller Sturm... Nun ruht Die ausgelöfchte Glut.
Die Not der Zeit, die unsere Loten mehrte, Daß ihre Leichen hügslhaft getürmt, Sie war eS auch, die sie das Sterben lehrte, Daß sie wie Helden in die Schlacht gestürmt. Sie sanken blutend in den Sand And jauchzten: Vaterland!
Auf Belgiens Boden und auf Frankreichs Fluren. In Preußen, Polen, Rußland sanken sie. Die vor dem siebenfachen Feinde schwuren: Wir können sterben, aber Deutschland — nie! Sie starben... aber uns erhebt DaS Wort: Wer so stirbt, lebt!
Am Tag der Toten laßt uns männlich trauern. Streut Rosen auf ihr Grab und Lorbeer auch. And laßt daS eine euch zu tiefst durchschauern: Deutschland zu schirmen bis zum letzten Hauch — Und gilt es Opfer unerhört — Bei unseren Toten: schwört!
Die GlüMsKugsl.
Gin Kriegserlebnis, Bon Friedrich Wentzel.
Es.war an einem sonnigen Tag in der zweiten Hälfte des Oktober 1914, als unser Bataillon in Kjelze einrückte. Schon in einiger Entfernung war die Stadt sichtbar geworden, deren prächtige Kirche im hochgelegenen Stadtteil weithin ins Land schaute. Dann waren wir durch die unordentliche Gartenvorstadt gezogen und schließlich über das holprige Pflaster zum Oltartt- platz gelangt. An den Feind waren wir noch wenig hevango- krmunen, aber die Eilmärsche der letzten Tage hatten die Truppe sehr mitgenommen. Doch di« Sonne schien, und die Anterkunst sollte nicht schlecht sein, so wurde uns versichert. Und das glich vieles aus. Bald waren di« Mannschaften in der russischen Kaserne untergebracht, sodann machte ich mich 'mit meinem Zettel auf die Suche nach meinem Quartier. Ich fragte eben einen älteren Mann nach der Straße, da hörte ich hinter mir eine hell« Stimm« rufen: „Professor, das ist schön, daß du da bist!" Der Ruf konnte nur mir gelten Rasch drehte ich mich um und sah die hohe schlanke Gestalt meines Freundes Karl W. auf mich zueilen. Seine Augen strählten vor Freude, mich wiedev- zusehen. Mich selbst überkam es wie Rührung, nach Wochen schwerer Pflichterfüllung den frischen jungen Mann in meiner Nähe zu wissen, zumal uns vier Tage Ruhe winkten. Ich erfuhr, seine Kompagnie sei bereits in den ersten Dorinittags stunden eingerückt. „And nun gehst du einfach mit mir. Nein, feinen Widerspruch In meinem Quartier ist Raum für dich und deinen Burschen. Die Tage hier in der Stadt gehören unS. Komm! Wir sind bald am Ziel, und nach der Kaserne ist's nicht weit." Gerne folgte ich meinem jungen Freunde.
Als unser Bataillon in den ersten Septembertagen aus Mainz aus zog, kamen wir in dem Zug, der uns nach dein Osten befördern sollte, zufällig in dasselbe Abteil und lernten uns kennen. Die gemeinsame Heimat und der gleiche Beruf brachten «ns bald einander näher. Er war noch jung; seine Dorbe- reitungszeit war gerade zu Ende, und noch am Tage unserer Abfahrt hatte er seine Ernennung zum Assessor erhalten. Seine unbefangene Fröhlichkeit, aber auch der Ernst, mit dem er von siünem Beruf sprach, ließ mich ihn lieb gewinnen. Dankbar nahm er des Aelteven und Erfahreneren Ratschläge hin. Mein« eigens Jugend stand da vor mir. So bildete sich zwischen uns beiden ein wahrhaft brüderliches Verhältnis heraus, obwohl ich fast doppelt so viel Jahre zählt« alS er. In den ersten Tagen unseres Vormarsches in Rußland sahen wir uns fast täglich Dann kamen tote plötzlich auseinander, da unsere Kompagnie getrennt vom übrigen Bataillon eine Sonderausgabe durchzuführen hatte. Begreiflich, tote groß die Freude des Wiedersehens war.
Schon waren wir im Quartier angekommen; ein einstöckiges Haus, etwas verwahrlost, wie so oft dort; der Garten ringsum nachlässig gehalten. Aber das Ganze machte in der bunten Herbstfärbung einen anheimelnden, fast romantischen Eindruck. Der Besitzer, ein älterer Mann, und feine Haushälterin ließen sich nur wenig sehen. Das Zimmer meines Freundes war geräumig genug für uns beide. Lange konnte ich bei meinemt Freunde nicht verweilen, dankte ihm herzlich versprach, am Abend so zeitig als möglich dazufein zu einer Plauderstunde und ging eilig zur Kaserne, nach meiner Mannschaft zu sehen, und zu erfahren, welche Aufgabe mir der nächste Tag brachte. Am neun Ahr faßen wir schon am Tisch einander gegenüber, zwei Kerzen spendeten Acht, der Rauch unserer Zigarren kräuselt« sich in der Luft. Ein Bild stillen Friedens inmitten des rauhen Krieges. Ansere Erlebnisse während der Trennung hatten wir schnell ausgetauscht, und bald waren wir bei der Heimat an- gelangt, unserem schönen gemütlichen D... Lange hatten wir uns so unterhalten, da trat unwillkürlich eine Stille ein. Träumerisch sah mein Freund vor sich hin und sagte halblaut wie im Selbstgespräch: „Weihnachten werden wir zu Hause sein". Ich horchte auf. Schon bei der Ausfahrt hatten meine Leute wiederholt dieser Aeberzeugung Ausdruck verliehen. Ganz teilte ich sie nicht. „Wollte Gott, du hättest recht damit", erwiderte ich „Aber glaube mir, Ostern feiern wir noch in der russischen Oede, und dann werden die Geschütze noch stärker dröhnen und di« Maschinengewehrgeschosse uns dichter umschwärmen wie die Bienen." „Wer doch Weihnachten daheim fein könnte", wiederholte er leise. Ich stand auf, stellte zwei neue Kerzen hin, schnallte um und setzte den Helm aus. „Du gehst noch einmal. Gern hätte ich noch ein wenig bei dir gesessen." „Ich will zu meinen Leuten und Weisung geben; morgen in der Frühe revidiere ich di« Posten. Am 6 Ahr reite ich. Warte nicht auf mich. Gute Nacht!" „Komm bald zurück," rief er mir nach; es schien, als hätte er mir etwas zu sagen. „In einer halben Stunde bin ich zurück, aber warte doch nicht. Morgen ist auch ein Dag." Als ich wieder kam, war Karl W. fest eingeschlafen. Neben seinem Bett lag ein Lichtbild, das ihm offenbar beim Einschlafen aus der Hand geglitten war. Ich hob es auf und betrachtete den hübschen Mädchenkopf. Volles, welsiges Haar umrahmt« eine vornehme Stirn, unter der ein Paar große Märchenaugen fast kindlich in die Welt sahen. „Darum Weihnachten zu Hause", dachte ich bei mir. „ÄrmeS Kind! Junge Mebe und Krieg; blühende Rosen im Winter. Möge der Himmel euch gnädig sein!" Eine Weile sah ich den Schläfer an, dem ein Lächeln um die Appen spielt«.
Am frühen Morgen — mein Freund schlief noch — ritt ich davon. Weit dehnte sich die russische Ebene. Gin leichter Rebel verhüllte sie, mir im Osten verkündete ein heller Streif das kommende Tagesgestirn. Feierliche Still« rundum, nur in weiter Ferne ab und zu ein dumpfer Schuh. Ins Anendliche schien im Nebel di« Fläche zu wachsen; ohne Leben, ohne Hoffnung lag sie da. Der Boden schien zu schwinden, eine andere Welt nahm mich auf. Ich, gedachte der Worte meines Freundes: „Weihnachten zu Haus!" Wer mochte bis dahin noch! am Leben sein? And die Ebene vor mir verwandelte sich in den ungeheuren Rachen eines gespenstischen Tieres, das uns allesamt zu verschlingen drohte. Jäh riß mich der Ruf eines Postens aus meiner Träumerei in die Wirklichkeit zurück. Ich antwortete mit der Parole, er machte seine Meldung und wies mich zur nächsten Postenstellung. Zwei Stunden später erstattete ich Bericht und ging ins Quartier. Mein Freund war zum Ausgehen fertig imb schloß sich mir an. als ich ihn aufforderte, dem Gottesdienst in der evangelischen Kirche bäzuwohnen. Am Abend saßen wir wieder beisammen. Das kriegerische Bild des Tages verschwand im stillen Frieden des Abends. Leicht flackerte das Kerzenlicht und ließ den größten Teil des Raumes im Dunkel. Es war die richtige Dämmerstunde in einem deutschen HauS mit ihrer Märchenstimmung. Seife erklangen dir Heimatglocken. Wohin auch der Deutsche kommt, das Bild und die Stimmung der Heimat trägt er unverlöschlich im Herzen mit. Es ist ein Stück Romantik, die ihm das Leben im fremden Lande vergoldet. So waren wir wieder beim Gespräch des vergangenen Abends, mein Freund besonders bei den Berufsaussichten nach dem Kriege. „Jetzt währt der Krieg, wohl länger als die meisten ahnen, und wir haben unsere Aufgabe. Laß !dir daran genügen", mahnte ich ihn; „wissen wir doch heute nicht, was morgen geschieht. Heut« leben und des Morgen warten, mehr können wir nicht." „Du hast es gut. Du kehrst in deine Stellung und dein Heim am schönen Rhein zurück. Du bist beneidenswert. Aber was wird aus uns Jungen? Wir wollen doch auch voran." „Beneidenswert?" Lächelnd wiegt«


