Ausgabe 
4.8.1925
 
Einzelbild herunterladen

_2 »tq

anstalten und Hörsäle stürzen, denn sie wollen jetzt alles lernen, sehen, hören und wissen.

Das ist die eine Seite der Sache, die gewiß sehr wünschens­werte Beteiligung der Frauen am wirtschaftlichen und geistigen Leben der Nation. Aber die Medaille hat auch ihre recht be­denkliche Kehrseite. Die schon seit längerer Zeit in allen vor­nehmen Harems tätigen europäischen, meist französischen Er­zieherinnen haben dem bildsamen Geist der jungen Türkin zwar reiche Nahrung gegeben, aber zugleich ihre gefangenen Seelen mit Bildern erfüllt, die sie in schwere Konflikte mit allen bis­herigen Dorstellungen erfüllte, eine hysterische Unzufriedenheit erzeugen mußten und viele dieser jungen Damen gewiß recht unglücklich gemacht haben. Die äußerliche Nachahmung einer heute schon morschen europäischen Zivilisation, deren Fehler, Schwächen und Auswüchse nicht richtig gesehen werden, kann recht üble Folgen haben. Die heutige junge Türkin von diesem Schlage, die hypermodern gekleidet ist und auch den Bubikopf schon akzeptiert hat, ist keine sehr erfreuliche Erscheinung. Bei der äußerlichen und inneren radikalen Aeaktion gegen die frühere Unterdrückung ist noch besonders hervorzuheben, daß die Türkin von Natur intelligent ist, während die Männer gerade infolge der sozialen Unterdrückung des Weibes immer stumpfer ge­worden sind. ..

So kann man nur hoffen, das; die moderne, gebildete Turnn, unter Vermeidung politischer Betätigung, bas einzig erstrebens­werte Ziel, die Beteiligung am geistigen Leben, nicht aus dem Auge verliert. Und erst, wenn es in der Türkei eine gesellschaft­lich maßgebende Frauenwelt geben wird, kann wahre Kultur auch in der Männerwelt Wurzel fassen.

Der Schutz von der Kanzel..

Von Eonrad Ferdinand Meyer.

(Fortsetzung.)

Jetzt ermannte sich Pfannenstiel. Die ihm so nahe gelegte ungeheure Freveltat und sein Schauder davor gaben ihm die Besinnung wieder und ernüchterten sein Gehirn. Auch siel ihm die Warnung Rosenstocks ein. Er narrt und quält dich boshaft, sagte er sich, du bist ja ein geistlicher Mann und hast es mit einem schlimmen Feinde der Kirche zu tun.

Ein Hohnlächeln zuckte in den Mundwinkeln des ihn beobach­tenden, scharf beleuchteten Gesichtes, das in diesem Augenblicke einer grotesken Maske glich. Der Kandidat erhob sich von seinem Sitze und sprach nicht ohne Würde:

Wenn das Euer Ernst ist, so verweile ich keine Minute länger unter einem Dache, wo eine mehr als heidnische Verrucht­heit gelehrt wird: ist es aber Euer Scherz, Herr Wertmüller, wie ich cs glaube, so verlasse ich Euch ebenfalls, denn einen ein­fachen Menschen, der Euch nichts zuleide getan hat, zu hänseln und zu verhöhnen, das ist nicht christlich, nicht einmal menschlich das ist teuflisch."

Ein schöner, ehrlicher Zorn flammte in seinen blauen Augen "und er schritt der Türe zu.

La, la," sagte der General.Was frühstückt Ihr morgen? Eier, Rebhuhn, Forelle?"

Pfannenstiel öffnete und enteilte.

Der Mohr wirb Euch aufs Zimmer leuchten! Auf Wieder­sehen morgen beim Frühstück!" rief ihm Wertmüller nach.

Der Alleingebliebene lud sorgfältig das leichtspielende Pistol mit Pulver und stieß einen derben Pfropfen nach. Das schwer- spielende ließ er ungeladen. Beide übergab er dem Mohren mit dem Befehle, dieselben in seinen schwarzen Sammetrock zu stecken. Dann ergriff der General einen Leuchter und suchte sein Lager auf.

Siebentes Kapitel.

Der Kandidat eilte in raschem Laufe dem Damme zu, durch welchen die Südseite der Insel mit dem festen Lande zusammen- hing. Oft hatte er, da er sich im verflossenen Frühjahre in Mythi- kon auf hielt, den Sitz des damals in Deutschland bataillier enden Generals mit neugierigen Augen gemustert, ohne ihn je zu be­treten. Er wußte, daß der Damm gegen seine Mitte hin durch ein altertümliches kleines Tor und eine Drücke unterbrochen war, aber er war gewiß, kein Hindernis zu finden, da dieses Tor, wie er sich erinnerte, niemals geschlossen wurde, sich auch nicht schließen ließ, da es keine Torflügel hatte.

Jetzt erreichte er das Ufer und erblickte zu seiner Linken die Linie eines Dammes. Aber, o Mißgeschick! der von dem dämmernden Hintergründe scharf abgehobene Dalken der Brücke schwebte in der Luft und- bildete statt eines rechten einen spitzen Winkel mit dem Profil der Pforte, an deren Steinbogen er durch zwei Ketten befestigt war. Das Tor, die aufgezogene Drücke, die kleine Verbindungslinie der Ketten alles ließ sich mit über­zeugender Deutlichkeit unterscheiden; denn der Mond gab ge­nügendes Licht und in dem leeren, nicht zu überspringenden Zwischenräume flimmerte sein Widerschein in dem silbernen Ge­wässer. Pfannenstiel war ein Gefangener. .Unmöglichkeit, durch das Moor zu waten! Er wäre, da er die Furten des tückischen Röhrichts nicht kannte, bei den ersten Schritten versunken und hätte ein klägliches Ende genommen. Ratlos stand er am Jnsel-

geftade, während aus dem Sumpfe dicht vor seinen Füßen ein volltöniges Brekekex Koax Koax erscholl.

Gerade an jenem Abende war unter den Fröschen der Au ein junger Lyriker von bedeutender Begabung aufgetaucht, der das fest eund gegebene Motiv der Fvoschlhrik so keck in Angriff nahm und so gefühlvoll behandelte, daß der begeisterte Chor nicht nrüde wurde, die vorgesungene Strophe mit u.nersättlrchem Enthusiasmus zu wiederholen. Auf den Kandidaten freilich machte das leidenschaftliche Gequäke einen tief melancholischen Eindruck, als steige es aus den Sümpfen des Acheron empor.

In halber Verzweiflung, wollte er nun über den Damm nach der Pforte eilen, ob sich die Zugbrücke mit Anstrengung aller Kräfte nicht senken liehe. Da gewahrte er, noch einmal vorwurfsvoll nach dem unheimlichen Landhause sich umwendend, eine ihm entgegenwandernde Helle und nach wenigen Augen­blicken stand Hassan mit einem Windlicht in der Faust an seiner Seite. Mit untertäniger Zutunlichkeit redete ihm der gutmütige Mohr zu, in die von ihm geflohene Wohnung zurückzukehren

Langweilig Frosch, geistlicher Herr!" radbrechte Hassan, Schloß an Zugbrücke Zimmer bereit!"

Was war zu tun? Nichts anderes, als Hassan zu folgen In der großen, auf den gepflasterten Hausflur mündenden Küche entzündete der Mohr zwei Kerzen und leuchtete dem Kandidaten die Treppe hinauf. Aus der zweitobersten Stufe ergriff er ihn rasch am Arme:Nicht erschrecken, geistlicher Herr!" flüsterte er. Schildwache vor Zimmer von General."

And in der Tat, da stand eine Schildwache. Hassan be­leuchtete sie mit der Kerze und Pfannenstiel erblickte ein Skelett, das die Knochenhände auf. eine Muskete gestützt hielt und an dem über die Rippen gekreuzten und blank gehaltenen Leder­zeuge Patronentasche und Seitengewehr der zürcherischen Land­miliz trug. Ein kleines dreieckiges Hütchen war auf den hohlen Schädel gestülpt.

Der Kandidat fürchtete das Bild des Todes nicht, er war mit demselben von Amts wegen vertraut, ja er hatte eine gewisse Vorliebe für die warnende und erbauliche Erscheinung des Knochenmannes. Aber wer war der Mensch, der da drinnen unter der Hut dieser gespenstischen Wache schlief? And welche seltsame Lust fand er daran, mit den ernstesten Dingen sein frevles Gespötte zu treiben?

Jetzt öffnete der Mohr das zweitäußerste Zimmer der See­seite und stellte die beiden Leuchter auf den Kamin. Psannenstiel, dessen Wangen glühten und fieberten, trat ans Fenster, um es aufzureihen; Hassan aber hielt ihn zurück.Seeluft ungesund," warnte er und machte die Flügeltüre eines Nebenzimmers auf, um dem Erhitzten in unschädlicher Art mehr Luft zu verschaffen. Dann entfernte er sich mit einem demütigen Gruße.

Der Kandidat schritt eine gute Weile in der Kammer auf und nieder, um seine erregte Phantasie zur Ruhe zu bringen und den wunderlichsten Tag seines Lebens einzuschläfern. Aber das gefährlichste Abenteuer desselben war noch unbestanden.

Äus dem von Hassan geöffneten Nebenzimmer klang ein leiser Ton, wie ein tiefer Atemzug. Hatte die streichende Nacht­luft die Falten eines Vorhanges bewegt oder war ein Käuzlein an den nur halb geschlossenen Jalousien vorbeigeflattert?

Der Kandidat hemmte seinen Schritt und horchte. Plötzlich fiel ihm ein, dah dieses nächste Zimmer, das letzte der Fassade, kein anderes sein könne, als die Räumlichkeit, welche der Schiffer Bläuling der Türkin des Generals angewiesen hatte.

Die Möglichkeit einer solchen Nähe brachte den unbescholtenen jungen Geistlichen begreiflicherweise in die größte Angst und Anruhe, doch nach kurzer Aeberlegung beschloß er, in die be­rüchtigte Kammer mutig hineinzuleuchten.

Er betrat einen reichen türkischen Teppich und stand, sich zur Rechten wendend, vor einem lebensgroßen Bilde, welches von vergoldetem, üppigem Blätterwerk eingerahmt war und die ganze, dem Fenster gegenüberstehende Wand des kleinen Kabi- nettes füllte. Das Bild war von einem Niederländer oder Spanier der damals kaum geschlossenen glänzenden Epoche in jener naturwarmen, bestrickenden Weise gemalt, die den Neuern verloren gegangen ist. Aeber eine Balustrade von maurischer Arbeit lehnte eine junge Orientalin mit den berauschenden dunkeln Augen und glühenden Lippen, bei deren Anblicke die Prinzen in Tausend und einer Nacht unfehlbar in Ohnmacht fallen.

Sie legte den Finger an den Mund, als bedeute sie den vor ihr Stehenden: Komm, aber schweige!

Pfannenstiel, der nie etwas auch nur annähernd Aehnliches erblickt hatte, wurde tief und unheimlich erschüttert von der Verlockung dieser Gebärde, der Sprache dieser Augen. Es tauchte etwas ihm bis heute völlig unbekannt Gebliebenes in seiner Seele auf, etwas, dem er keinen Namen geben durfte, eine brennende Sehnsucht, die glückselige Möglichkeit ihrer Erfüllung! Vor diesem Bilde begann er an so übergewaltige Empfindungen zu glauben und vor ihrer Macht zu erbeben...

Plötzlich wandte sich der Kandidat, lief in sein Schlaf gemach zurück und begnügte sich nicht, die Türe zu verschließen, er schob noch den Riegel und drehte zuletzt den Schlüssel um. Nun glaubte er sein Lager gesichert und begrub sich in die Kissen desselben.

(Fortsetzung folgt.)

Schriftleitung: l>r. Friedr. Wilh. Lange. Druck und Verlag der Brühl'schen Univ.-Buch- und Steindruckerei, A. Lange, Gießen.