Schuhe tankten mit den kleinen Fühen über das Feld dahin in> den tiefen Wald hinein, lind -er schnitzte ihr Holzfütze mit Krücken, lehrte sie einen Psalm, den die Sünder immer singen, und sie küßte die Hand, die das Beil geführt hatte, und ging Über die Heide fort.
„Run habe ich genug für die roten Sch-uhe gelitten!" sagte sie. Ann will ich in die Kirche gehen, damit sie mich sehen können!" lind sie ging rasch auf die Kirchtüre zu; als sie aber dahin kam, tanzten die roten Schuhe vor ihr her, und sie erschrak und kehrte um. . , . r
Die ganze Woche hindurch war sie betrübt und weinte viele bittere Tränen; aber als es Sonntag wurde, sagte sie: „Arm habe ich genug gelitten und gestritten! Ich glaube wohl, daß ich eben sv gut bin als manchs von denen, die da in der Kirche sitzen und sich brüsten!" lind dann ging sie mutig hin: aber sie kam nicht weiter als bis zur Kirchhofstüre; da sah sie di« roten Schuhe vor sich her tanzen; und sie entsetzte sich und kehrte um und bereute recht von Herzen ihre Sünde.
lind sie ging zur Pfarrwohnung und, bat, daß man sie dort in Dienst nehmen möge; fleißig wolle sie sein und alles tun, was sie könne, auf den Lohn sähe sie nicht, nur daß sie unter Dach komme und bei guten Menschen sei. Des Predigers Frau hatte Mitleid mit ihr und nahm sie in ihren Dienst, lind sie war fleißig und nachdenkend. ©title sah sie und horchte zu, wenn der Prediger des Abends aus der Bibel laut vorlas. Alle die Kleinen gelten viel von ihr; wenn sie aber von Putz und Pracht und von Schönheit sprachen, dann schüttelte sie mit dem Kopfe.
Am nächsten Sonntage gingen alle zur Kirche; und man fragte sie, ob sie mit wolle; aber sie blickte betrübt, mit Tränen in den Augen, auf ihre Krücken, lind dann gingen die äußerte hin, Gottes Wort zu hören, sie aber ging allein in ihre kleine Kammer; die war nur so groß, daß bloß das Bett und ein! Stuhl darin stehen konnten. Hier setzte sie sich mit ihrem Gesangbuche hin, und als sie mit frommem Sinn darin las, trug der Wind die Orgeltöne von der Kirche zu ihr herüber; und sie erhob ihr Angesicht mit Tränen und sagte: „O Gott hilf mir!"
Da schien die Sonne so klar, und gerade vor ihr stand Gottes Engel in den weißen Kleidern: derselbe, den sie in jener Nacht an der Kirchtüre erblickt hatte. Aber er hielt nicht mehr das scharfe Schwert, sondern einen herrlichen, grünen Zweig, der voll Dosen war; er berührte damit die Decke, und sie erhob sich sehr hoch; und wo er sie berührt hatte, glänzte ein goldener Stent. Er berührte die Wände, di« erweiterten sich, und sie erblrckte Ne Orgel, die rauschte; sie sah die alten Bilder mit Predigern und Predigerfrauen; di« Gemeindemitglieder faßen in den geputzten Stühlen und fangen aus ihren Gesangbüchern. — Die Kirche war selbst zu dem armen Mädchen in di« Kammer hinem- gekommen, oder auch sie war dahingekommen. Sie sah im Stuhle bei den übrigen Leuten des Pfarrers; und als sie den Psalm beendet hatten und aufblickten, nickten sie und sagten: „Das war recht, daß du kamst, Karen!"
„Das war Gnade!" sagt« sie. .
Die Orgel klang, und Ne Kinderstimmen tm Shore tonten weich und lieblich! Der klare Sonnenschein strömte warm dunh das Fenster in den Kirchenstuhl, wo Karen saß, Hinern; ihr Herz wurde so voll Sonnenschein, Frieden und Freude, daß es brach; ihre Seele flog auf Sonnenstrahlen zu Gott; und dort war niemand, der nach den roten Schuhen fragte.
Die Türkin in alter und neuer gelt.
Von unserem E. S.-Derichterstatter.
(Dachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten.) Konstantinopel, Juli 1925.
Das Weib steht der Datur näher als der Mann. Der Belgier Maeterlink drückt dies etwas anderes aus, wenn er meurt, |>a8 Weib sei der Gottheit näher als der Mann. Auf den Ausdruck kömmt es hier nicht an, denn die Tatsache, daß das Werb kosmischer organisiert und eingestellt ist als der Mann, darf wohl als feststehend angesehen werden. Aus diesem Grunde,unterscheidet sich die Frauenwelt verschiedener Länder und Hmrmel- striche wett weniger voneinander als Ne individueller geartete Männerwelt. Die Unterschiede beziehen sich hauptsächlich auf den höheren oder geringeren Grad der Kultur, tndem in den' zivilisierten Ländern das Elementare, Kosmische, Primitive und Triebhafte der Frauenseele mehr oder weniger verschlerert erscheint, in den unzivilisierten Ländern dagegen deutlicher her-
Die Türkei ist ein zwar von der arabisckMN Kultur stark beeinflußtes, aber doch nur halbzivilisiertes Land, in dem di« Elementaren Seiten der Frauenseele sich deshalb gut beobachten lassen. Die Türkin der alten Zeit ist ein Frauentypus, der sich ganz allgemein noch bis zum 20. Jahrhundert erhalten hat und auch heute noch auf dem Lande, in den entlegenen Gebrrgen Anatoliens, in fast fünfhundert Jahre dauernder Erstarrung unverändert geblieben ist. Am ihn zu verstehen, muß man sich in großen Zügen Ne Entwicklung des türkischen Staates vom 14. Jahrhundert bis in die neuere Zeit vor Augen Salten. Aus Den Steppen Jnnerasiens kanten Ne Türken, ein M-madenvolk, Das weder di« Polygamie noch die Verhüllung und Einkerkerung Der Frauen im Harem kannte. Auch heute noch sind bet allen mohammedanischen Nomaden der Schleier und der Harem un
bekannt. Die Türken waren aber ein sehr kriegerisches Erobere» Volk, das auf Grund reicher Kriegsbeute dann in den Steppen! ein sehr üppiges Leben führte Gleichzeittg sand auch Ne Bei allen Semiten, den Assyriern, Juden und Arabern von altersher Übliche Polygamie mit ihren Begleiterscheinungen Eingang. Alle Großen und Deichen des Landes hatten in ihren Harems neben drei oder vier Gattinnen oft noch ein Dutzeird schöner junger Sklavinnen.
Es fragt sich nun, in welcher Weise unter solchen Amständen! Ne Seele des türkischen Weibes sich entwickeln müßte. Keuschheit und eheliche Treue wurden nicht als sittliche Forderungen aufgestellt, sondern von einem mehr oder weniger großen Apparat von Eunuchen erzwungen. Bon sonstigen positiven Eigenschaften konnten sich auf Grund einer Sklavenmoral nur dienstbeflissene Liebenswürdigkeit, Anterwürfigkeit und sklavischer Gehorsam geltend machen. Entsprechend den niedrigen Anschauungen der Männer, di« im Weibe nur ein Werkzeug ihrer Gelüste erblickten, mutzten sich andererseits Ne allgemeinen weiblichen Fehler, die Eitelkeit, Prunk- und Putzsucht und grobe Koketterie, die durch Sinnenreiz auf Beherrschung des Mannes ausgeht, ganz besonders stark entwickeln. Das letztere gelang besonders vollkommen den Damen im Harem des Sultans. Tatsächlich lehrt Ne türkische Geschichte, daß die hinter den Kulissen wirkende Weiberherrschaft des Harems unter Sultan Selim II. in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts ihren Anfang nahm. Sie hat dann dreieinhalb Jahrhunderte ohne Anterbvechung gedauert, und in den letzten 15 Jahren bis 1924, als der Sultansharem endgülttg aufgelöst wurde, exzessive Formen angenommen, Ne cm das Frankreich Ludwigs XV. erinnern.
Ein Lichtpunkt im Leben der Türkin alten Schlages ver- dieirt aber doch besonders hervorgehoben zu werden: das ist ihre Eigenschaft als liebevolle, zärtliche und meist kinderreiche Mutter. In dieser wichttgsten Beziehung stand die Türkin der alten Zett doch Wohl immer sehr hoch- über der modernen Französin der höheren Schichten mit ihrem Zwei- oder Ginkindev- shstem.
Betrachten wir nun die Türkin der neuen Zeit, der politisch stark bewegen Gegenwart, so müssen wir hier hauptsächlich Brei verschiedene Typen ins Auge fassen. Der erste Nefer Typen ist der der einfachen Landbewohnerin, vor allem Anatoliens, Ne, wie schon oben bemerkt wurde, noch heute unverändert an dem alten, primitiven Lebensformen festhält. Leider ist unter dieser seelisch noch ganz gesunden Frauenwelt infolge des unsteteir und zügellosen Lebens der als Soldaten verwendeten Männer die Verbreitung der Geschlechtskrankheiten bedenklich stark.
Der zweite Typus ist der bürgerliche Mittelstand der großen und kleinen Städte. Auch hier haben sich im allgemeinen Sitten und Anschauungen der alten Zeit noch ziemlich unverändert erhalten. Aber während bei einem Teil der anatolischen Dauern Ne Polygamie aus wirtschaftlichen Gründen noch fortbesteht, hat sie, gleichfalls aus wirtschaftlichen und finanziellen Gründen, im bürgerlichen Mittelstände und der stäNisch-en Arbeiterschaft schon längst völlig aufgehört. Außerdem ist im Sommer 1924 der Beschluß gefaßt worden, die Einehe gesetzlich einzuführen, wobei freilich, im Hinblick auf die besonderen Verhältnisse in der ländlichen Bevölkerung Anatoliens, durch einen einfachen Federstrich das gewünschte Resultat kaum rasch erzielt werden kann.
Im übrigen hat sich auch in Konstantinopel tm Mittelstände Der alte Typus der Türkin tm allgemeinen noch erhalten, insbesondere in der ganzen älteren Generation. Das starre Festhalten der Frauen an den sie fesselnden und etnengenden Sittmr und Gebräuchen, soweit es sich heute noch zeigt, bedarf wohl kaum einer näheren psychologischen Begründung. Denn der allgemein weibliche, konservative Jnsttnkt hat ßie Frauen der ganzen Welt von jeher zur Hüterin der Sitte gemacht. Während aber diese Fuirktton Ne Europäerin der höheren Stände im geseli- schaftlichen Leben zur Herrscherin werden ließ, ßie in ihr«n Reiche keine Roheiten und Ausschreitungen duldete, machte sie die Orientalin durch das starre Festhalten an Sitten, die nur einem brutalen männlichen Egoismus ihre Entstehung verdanken, zur Sklavin und Gefangenen. Erft nach mehr als tausenNahrrgem Schlummer ist jetzt auch die Seele der orientalischen Frau ^vielfach schon erwacht und wagt sich jetzt schon an Ne Krim des Ursprungs und der wahren Bedeutung der sie unterdrückenden: Bestimmungen und Gebräuche.
Damit kommen wir zur dritten Typus der zeitgenössischen Türken, der Frau der vornehmen und überhaupt höher gebildeten Stände in Konstanttnopel und anderen größeren StäNen. In diesen Schichten der Frauenwelt hat eine auf Befreiung von allen dem Orient eigentümlichen Fesseln gerichtete Bewegung schon seit einigen Jahrzehnten begonnen, und durch Ne ^evo- lutton von 1908 und Ne zehnjährige Periode schwerer Kriege von 1911 bis 1921 noch eine wesentliche Verstärkung «fahren. Als Krankenpflegerinnen und Lehrerinnen sind heute schon sehr viele junge Türkinnen tätig, leisten mit ihrer recht hohen natur- lichen Begabung wertvolle, gemeinnützige Arbeit und erringen sich dadurch eine gesellschaftliche Position, bei der fast all« B^ fchränkungen der alten Zeit automattsch fallen müssen. Es ist daher verständlich, daß Ne jungen Türkinnen in Konstanttnopel sich etwa seit 15 Ns 20 Jahren mit einem wahren Fanatismus, Der an gewiss« russische Vorbilder erinnert, auf alle Lehr-


